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Rodorf.de Der Hass der Demokratie II 23. Oktober 2026 Hass entsteht immer dann in einer Demokratie, wenn sich eine demokratische Gesellschaft in einer existenziellen Zivilisationskrise befindet, oder sich deren Sendungsbewusstsein gegen Gesellschaften richtet, die den missionarischen Eifer demokratischer Systeme ablehnen. Wie dem auch immer sei. In Krisenzeiten wächst auch in einer Demokratie das Bedürfnis nach Führung. Bereits 1947 hat der französische Philosoph Georges Bernanos in seinem Buch „La France contre les Robots“ (Das Frankreich der Roboter), beschrieben, dass schon vor gut 80 Jahren Frankreich der Führung bedurfte, die aber schon damals kläglich versagte. Den Grund dafür fasst Bernanos wie folgt zusammen: Georges Bernanos: Wie soll man führen, ohne Wegweiser zu sein? Die Führungsschichten weigern sich, sich zu bewegen, doch die Welt bewegt sich – ohne sie.
Das Frankreich
der Roboter Ich denke, dass diese Unfähigkeit eine Demokratie zu führen, auch auf die politischen Eliten von heute zutrifft, denn genau diese Unfähigkeit ist es, die in einer Demokratie dazu führt, dass der Missmut des Souveräns zunimmt, um dann, wenn ein Zustand erreicht wird, in dem die Unordnung im Lande unerträglich zu werden scheint, diese Unordnung plötzlich demokratiezerstörende Ausmaße annimmt, denn von den demokratisch gewählten Regierungen wird in solchen Zeiten verlangt, dass sie dazu in der Lage sind, die Übel zu beherrschen, die, vereinfacht ausgedrückt, das demokratische Leben bedrohen. Und wenn dann, wie das im Frankreich von heute wieder der Fall ist, die Polizei Geschäftsleute – die Angst davor haben, von einem außer Kontrolle geratenen Mob ausgeplündert zu werden – auf private Sicherheitsdienste verweist, spätestens dann wird deutlich, dass die Demokratie das nicht zu leisten vermag, was sie zu leisten vorgibt: inneren Frieden, Sicherheit und dauerhaften Wohlstand. Die Suche nach den Ursachen dieses Demokratiezerfalls führt, der Analyse des französischen Philosophen Jacques Rancière (*1940) folgend, zu der Feststellung, dass „die Krise der demokratischen Regierung einzig und allein von der Intensität des demokratischen Lebens hervorgerufen wird“, denn dort nehmen alle gesellschaftlichen Veränderungen in einer freien Gesellschaft – die keine Grenzen kennt und auch keine Grenzen akzeptiert – ihren Anfang. Dieses demokratische Leben begann in Deutschland, aber auch in allen anderen europäischen Ländern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der damals erlebbaren ganz Europa umfassenden Anarchie, denn anders lässt sich der Zustand des damals bestehenden unerträglichen Chaos nicht beschreiben. Trotzdem gelang in vielen europäischen Ländern, Ausnahme Griechenland (Demokratie seit 1974) und Spanien (Demokratie seit 1978), sich als Demokratien neu zu ordnen. In Deutschland handelte es sich bei dem Neuaufbau der Demokratie weniger um eine „kontrollierte Rückkehr zur Demokratie“, wie sich der französische Historiker Pierre Rosanvallon (*1948) in seiner Demokratietheorie in Bezug auf die Entwicklung Frankreichs hin auszudrücken pflegte, sonder um eine angeordnete Demokratie, die den Vorstellungen der Westalliierten zu entsprechen hatte. Kurzum: In Westdeutschland entstand eine Demokratie, die bewusst und gewollt den Souverän – also das Volk – einschränkte, was dem Grundgesetz ja auch gelang. Die Begründung dafür lautete, dass dies zum Schutz der Demokratie und der Bürger vor sich selbst erforderlich sei. Anders ausgedrückt: Die Eliten in der entstehenden Bundesrepublik Deutschland betrachteten das Volk mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Das Volk sollte nicht entscheiden, sondern nur wählen. Die Folge davon war, dass – von Ausnahmen einmal abgesehen - über viele Jahrzehnte hinweg die kontrollierte und eingehegte Demokratie in Westdeutschland vom Volk erfreulicherweise nicht als Bevormundung empfunden wurde, weil die Demokratie des Grundgesetzes als eine sozialdemokratische Vision einer Gesellschaft wahrgenommen wurde, die auf Wachstum und Wohlstand für alle basierte und in denen „Grenzen jeglicher Art“ diesen Prozess nur stören konnten. Daran änderte sich im Prinzip auch nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1991 nichts. Die Mauer war gefallen, Deutschland war wieder vereinigt, das Grundgesetz galt jetzt auch in den Beitrittsländern, weil die Chance einer Verfassung für alle nicht genutzt, besser gesagt, von den Eliten im Westen verhindert wurde. Kurzum: Das Staatsverständnis des Grundgesetzes galt nun in ganz Deutschland. Das schließt aber nicht aus, dass sich – in den nunmehr bestehenden 35 Jahren deutscher Einheit – sich erneut die Erkenntnis durchsetzte, dass auch die Demokratie des Grundgesetzes dauerhaft nicht existieren kann, ohne sie den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Die weltweit einflussreiche Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib (*1950) beschreibt in ihrem Buch „Die Rechte der Anderen“ die Notwendigkeit von Grenzen als eines der zentralen Paradoxe der modernen Demokratie: das Demokratische Paradoxon der Grenze. Kurzum: Ohne territoriale und bürgerschaftliche Grenzen verliert der demokratische Selbstbestimmungsprozess seine Basis. Ein Staat muss wissen, für wen seine Gesetze gelten und wer das Recht hat, die Gesetzgeber zu wählen. Daraus leitet die Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib auch die moralische Pflicht ab, die sich wie folgt beschreiben lässt: Da Grenzen immer Menschen ausschließen, müssen die diesen Bereich regelnden Gesetze nicht nur fair sein, sondern auch rechtsstaatlichen Anforderungen genügen. Was damit gemeint sein könnte, darauf verweigert die Regierung von heute immer noch eine konkrete Antwort, obwohl heute der bundesdeutsche Sozialstaat unter der Last der Unbezahlbarkeit ächzt, wodurch deutlich wird, dass das Versprechen, dass es gerecht zugehen soll, nicht zurückgezogen, sondern gebrochen wurde, was wiederum wohl als Grund dafür gesehen werden kann, dass Bundeskanzler Friedrich Merz am 14. Oktober 2026 in einer Regierungserklärung im Bundestag das Thema Gerechtigkeit ins Zentrum seiner Politik stellte. Da die Versprechen des Bundeskanzlers aber erfahrungsgemäß nur von kurzer Dauer sind, denn anders lässt sich seine Unbeliebtheit kaum begründen, dürfte der Wirklichkeit recht nahe kommen. Nicht umsonst nimmt er auf einer Liste von 20 Politikern den letzten Platz ein. Zurück zur Ursache der Entstehung von Hass in einer Demokratie: Der Soziologe Steffen Mau argumentiert in diesem Sachzusammenhang gesehen mit dem Begriff der „Veränderungserschöpfung“ womit Steffen Mau die permanenten Krisen und Transformationsprozesse der Gegenwart meint, die zu einer emotionalen und mentalen Überforderung der Bevölkerung führen. Statt mit Zuversicht oder produktivem Protest reagieren viele Menschen auf die Krisen von heute mit Rückzug, chronischer Müdigkeit und schlechter Laune – sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „ermattet und mürrisch“. Andere – deren Anzahl zunimmt – reagieren mit Hass auf diese Demokratie. Schlusssatz: Und wenn wir alle uns nur noch als eine Herde furchtsamer und geschäftiger Individuen sehen, denen es am Gemeinschaftsgefühl fehlt, dann wächst der zunehmend deutlicher zum Ausdruck kommende Wunsch nach einem Hirten, anders ausgedrückt nach einer Regierung, die weiß, was sie will und die es wieder schafft, dem Gemeinwohl zu dienen. Gemeint ist das Bedürfnis nach Führung. Aber: Georges Bernanos: Wie soll man führen, ohne Wegweiser zu sein? Die Führungsschichten weigern sich, sich zu bewegen, doch die Welt bewegt sich – ohne sie.
Das Frankreich
der Roboter
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