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Rodorf.de Spiegelsplitterwahrheiten
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Spiegelsplitterwahrheiten Selbstgemachte Fortschrittsfallen Mittwoch, den 28. Januar 2026 Wachstum und Fortschritt halten wir für etwas Gutes und ein Mehr für erstrebenswerter, als ein Weniger. Wohin uns dieses Weltbild gebracht hat, das stellen wir heute auf eine Art und Weise fest, die Ängste und Verhaltensweisen auslöst, die bereits von renommierten Wissenschaftlern vor gut 70 Jahren erörtert wurden. Das, was damals beschrieben wurde, das ist heute Wirklichkeit geworden und macht es erforderlich, sich mit folgender Frage auseinanderzusetzen, die folgenden Wortlaut hat: Was sollen wir tun? Noch weiß es niemand. Es sei denn, wir denken darüber nach, welche Möglichkeiten in Betracht kommen, um ein Zuschnappen der Fortschrittsfalle doch noch zu verhindern, in der wir uns befinden, denn ein grenzenloses Wachstum, verbunden mit der Vorstellung, dass technischer Fortschritt die sich anbahnenden Katastrophen schon zu verhindern vermag, wird immer noch als zielführend angesehen, obwohl wir bereits heute wissen, dass jede technische Innovation Gegenreaktionen auslösen wird, die möglicherweise noch weitaus größere Krisen hervobringen als die, die es bereits heute zu beheben gilt. Hinsichtlich der Ursachen, die zu den Krisen von heute geführt haben, heißt es bei Lynn White in seinem Buch „The Historical Roots of Our Ecological Crisis“ aus dem Jahr 1974, sinngemäß wie folgt: Lynn White: Unsere ökologische Krise ist das Produkt einer aufkommenden, völlig neuartigen, demokratischen Kultur. Die Frage die sich heute stellt lautet: Kann die demokratisierte Welt ihre eigenen Auswirkungen überleben? Vermutlich werden wir nicht dazu in der Lage sein und zwar auch dann nicht, wenn wir die Grundprinzipien, anders ausgedrückt die Ursachen und die damit verbundene Eigendynamik des Wachstums und des Fortschritts, verstanden haben, die uns in die Lage von heute transformierten und die sich mit fünf Wörtern beschreiben lassen: Die ökologische Krise von heute. Wir wissen, dass die Wissenschaft von heute eine Wissenschaft ist, die als eine Menschheitsleistung bezeichnet werden muss, denn ohne die Erkenntnisse der Chinesen und der Araber wäre der Fortschritt von heute gar nicht möglich gewesen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Wissenschaft von heute seit gut 300 Jahren dem westlichen Kulturverständnis zu verdanken ist. Viele der ökologischen Effekte, die erst durch Wissenschaft und Fortschritt erzielt werden konnten, sind heute – mann muss das bedauern – außer Kontrolle geraten. Daran trägt das Christentum eine große Schuldenlast. Wie dem auch immer sei: Lynn White glaubte nicht daran, dass die Wissenschaft dazu in der Lage sein wird, die drohenden katastrophalen ökologischen Gegenreaktionen vermeiden zu können, die zu erwarten sind, denn auch mehr Wissenschaft und noch mehr Technologie werden nicht dazu in der Lage sein, die drohenden Katastrophen abwenden zu können. Zu tief sitzt im Übrigen, so Lynn White, die aus dem Christentum kommende Einstellung in den Köpfen der Menschen im Westen fest, dass der Mensch dazu berufen ist, sich die Natur sozusagen untertan zu machen. Trotz Kopernikus meinen wir immer noch, so Lynn White, dass sich der ganze Kosmos um unsere kleine Erde dreht und trotz Darwin verstehen wir uns in unseren Herzen nicht als einen Teil des natürlichen Prozesses, sondernals als dessen Beherrscher, so kann es bei Lynn White nachgelesen werden. Wir sind davon überzeugt, der Natur überlegen zu sein und jederzeit dazu bereit, sie auszubeuten, wann immer das unserer Laune entspricht. Bezugnehmend auf einen Kirchenmann, der über die Entwicklung auf der Erde weniger berunruhigt war als das bei Lynn White der Fall war, behauptete dieser Kirchenmann gegenüber Lynn White Folgendes: „Wenn Sie einen Redwood-Baum gesehen haben, dann haben sie alle Redwood-Bäume gesehen.“
Das leuchtet ein, denn für einen Christen kann ein Baum nicht
mehr als eine physische Tatsache sein, denn das ganze Konzept eines heiligen
Hains ist dem Christentum und dem Ethos des Westens wesensfremd, so etwa
antwortete Lynn White dem Kirchenmann. Wie dem auch immer sei: Was wir gegen die Ökologie tun, hängt von unseren Vorstellungen von der Menschheitsnatur ab. Eines dürfte unbestreitbar sein: Mehr Wissenschaft und mehr Technologie werden uns nicht aus der ökologischen Krise herausholen können, in die uns Wissenschaft und Fortschritt gebracht hat. Das Christentum hat an dieser Entwicklung einen großen Anteil und es ist wirklich fraglich, ob die gemachten Erfahrungen der zurückliegenden gut 1300 Jahre uns dazu bewegen können, uns daran zu erinnern, was es bedeutet, diesen Schaden wieder auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Vielleicht sollten wir im Hinblick auf diese existenziell wichtige Überlebensfrage wieder über den größten Radikalen in der christlichen Geschichte seit Jesus Christus nachdenken. Gemeint ist der heilige Franziskus von Assisi (1182 bis 1226). Das Hauptwunder des heiligen Franziskus ist die Tatsache, dass er nicht auf dem Scheiterhaufen endete, wie viele seiner Anhänger. Warum? Der heilige Franziskus war so ketzerisch, dass der Generalminister des Franziskanerordens und Kardinalbischof von Albano, der heilige Bonaventura (1221 bis 1274), ein großer und scharfsinniger Christ, sogar versuchte, die frühen Berichte über den Franziskanismus zu unterdrücken. Weshalb? Der Schlüssel zum Verständnis der Einsichten des Franz von Assisi war dessen Glaube an die Tugend der Demut – nicht nur bezogen auf das einzelne Individuum, sondern auch bezogen auf den Menschen als Spezies insgesamt. Franziskus versuchte, den Menschen von ihrer Herrschasft über die Schöpfung zu befreien, indem er die Schöpfung Gottes als eine „Demokratie aller Geschöpfe“ verstand.
Lynn White schlägt, diesem Gedanken folgend, nicht vor, dass viele
zeitgenössische Menschen, die sich Sorge um unsere ökologische Krise
machen, sich mit Wölfen, Bären, Löven, Vögeln oder anderem Getier
beraten, wie das die Legende über den heiligen Franz von Assisi zu
berichten weiß, denn Lynn White geht es darum, zuerst einmal das globale
Umfeld verstehen zu lernen, das heute als das Produkt
einer dynamischen Technologie und Wissenschaft anzusehen ist, gegen das
erneut, vergleichbar mit den Methoden des heiligen Franz von
Assisi, wieder auf originelle Weise rebelliert werden muss. Die Tatsache, dass die meisten Menschen die Lehren des heiligen Franziskus nicht einmal mehr kennen, weil das Christentum die selbst immer noch weitgehend für irrelevant hält und nicht dazu bereit ist, sie als zu lebende Grundwerte anzuerkennen, dürfte die Ursache dalfür sein, dass sich der vom Christentum beherrschte freie Westen so entwickelte, dass daraus eine ökologische Krise entstehen konnte, die immer noch auf der Überzeugung beruht, dass die Natur ausschließlich der Existenz der Menschen zu dienen hat. Diese Fortschrittsfalle könnte schon bald zuschnappen. Der größte spirituelle Revolutionär der westlichen Geschichte, gemeint ist der heilige Franz von Assisi, lehrte bereits vor gut 900 Jahren, was er für eine lebensbejahende alternative christliche Sichtweise hielt. Er lehrte, dass die Ordnung des Lebens es einfordern würde, die Beziehung des Menschen zur Natur mit der Idee der Gleichheit zu verbinden. Die Menschheit aber hat versagt. Sowohl unsere heutige Wissenschaft als auch unsere heutige Technologie sind so tief von orthodoxer christlicher Arroganz geprägt, dass es diesem Weltbild nicht möglich sein wird, unsere ökologische Krise auf der Grundlage westlicher Werte zu stoppen, geschweige denn umzukehren. Die Wurzeln unserer Schwierigkeiten sind, so heißt es bei Lynn White, weitgehend religiös, so dass als taugliches Heilmittel zur Umkehr auch nur solche Hilfsmittel in Betracht kommen können, die im Wesentlichen religiösen Vorstellungen entsprechen. Tatsache ist, dass wir umdenken müssen, indem wir uns als einen Teil der Natur verstehen und wenn wir dazu nicht in der Lage sind, die Fortschrittsfalle unser Schicksal bestimmen wird. Lynn Whirt schlug den heiligen Franziskus - aus den oben nur kurz skizzierten Gründen - bereits vor mehr als 50 Jahren als den Schutzheiligen für Ökologen vor, denn Mut zur Demut, eine Tugend, die Franz von Assissi einforderte, ist eine der wichtigsten christlichen Tugenden überhaupt. Was aber heißt es überhaupt, demütig zu sein? Eine Antwort auf diese Frage fällt schwer, denn Demut ist eine schon lange aus der Mode gekommene Tugend. Sie wiederzubeleben dürfte neben viel Mut, auch viel Überzeugungskraft und auch viel Tapferkeit einfordern.
Allein aus dieser
Formulierung lässt sich ableiten, dass Demut wirklich kein Zeichen von
Schwäche sein kann, sondern für etwas steht, das die Seele „groß und
stark“ macht, und wenn das gelingen sollte, sich daraus vielleicht sogar ein Fortschrittswechsel
entwickeln könnte, der darin besteht, den Menschen wieder mit der Natur zu versöhnen,
was dann vieleicht doch noch dazu führen könnte, dass die Fortschrittsfalle daran gehindert werden
kann, zuzuschnappen. Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten
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