Rodorf.de

Spiegelsplitterwahrheiten

Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten

Wie terroristische Überzeugungen entstehen

Mittwoch, den 21. Januar 2026

In seinem Buch „Weltanschauung ist unheilbar“ heißt es bei Jürgen K. Hultenreich wie folgt:

  • Nicht ich bin verrückt, das Land ist es, in dem ich lebe.

  • In Deutschland werden die Probleme nicht beseitigt, sondern subventioniert.
    Und:

  • Keine Zukunft haben, ist auch eine.

Nun ist Jürgen K. Hultenreich (* 1948) wirklich kein Terrorist, sondern selbst Opfer eines terroristischen Regimes geworden, dem 1985, nachdem er für drei Wochen zwangsweise in die psychiatrische Klinik Mühlhausen-Pfafferod eingewiesen worden war, die Ausreise aus der DDR gestattet wurde.

Dennoch lassen es die oben zitierten Sätze zu, darin eine Frustration zu erkennen, die aus Menschen nicht nur Enttäuschte, sondern auch Aktivisten, Revolutionäre und sogar Terroristen werden lässt, wenn eine erlebte Wirklichkeit sich als unerträglich herausstellt, aus der dann sogar die Bereitschaft zur Gewaltanwendung erwachsen kann.

Mit anderen Worten: Frustrationen und die sich daraus ergebenden Steigerungsformen sind individuelle Fehlentwicklungen, die durch Hoffnung ersetzt werden müssen, wenn sie nicht in Gewaltanwendungen entarten sollen.

Wie aber soll das in einer Welt gelingen, wenn die überwältigende Mehrheit der Klimaforscher behauptet, dass Kipppunkte entweder bereits eingetreten sind, zumindest aber unmittelbar bevorstehen? Welcher Gläubige fühlt sich dann nicht dazu aufgerufen, die Überlebenschancen der so genannten „Letzten Generation“, die sich heute „Neue Generation“ nennt, erforderlichenfalls auch unter Anwendung von Gewalt einzufordern, wie das die so genannte Vulkangruppe (sie als Terrororganisation zu beschreiben fällt den Regierungsverantwortlichen heute immer noch schwer) Anfang Januar 2026 in Berlin getan hat, indem dort die Stromversorgung von etwa 100.000 Menschen für mehrere Tage durch einen Sabotageakt unterbrochen wurde.

Wie lässt sich so etwas rechtfertigen?

Der Unabomber: Am 19. September 1995 wurden in der Washington Post und in der New York Times das 35.000 Wörter umfassende Manuskript von Theodor John (Ted) Kaczynski veröffentlicht, dem damals meistgesuchten Terroristen in den USA. Die Entscheidungen, sein Manifest mit dem Titel „Industrial Society and Its Future“ (Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft) zu veröffentlichen, war umstritten und löste heftige öffentliche Debatten aus. Das Manifest beginnt mit folgenden Sätzen:

Ted Kaczynski: Die Folgen der Industriellen Revolution haben sich für die Menschheit als eine Katastrophe erwiesen. Unsere Lebenserwartung ist dadurch in den „fortgeschrittenen“ Ländern bedeutend gestiegen, gleichzeitig aber trat infolgedessen eine Destabilisierung der Gesellschaft ein, das Leben wurde unerfüllt, die Menschen gerieten in eine unwürdige Abhängigkeit, diese Entwicklung hat zu weit verbreiteten psychischen Problemen geführt (in der Dritten Welt auch zu organischen Krankheiten) und der Natur wurde unermesslicher Schaden zugefügt. Die kontinuierliche Entwicklung der Technologie wird die Lage weiter verschlimmern. Mit Sicherheit wird die Menschheit in noch größerem Maße abhängig werden und es werden noch gewaltigere Naturschäden auftreten. Wahrscheinlich werden sich die soziale Entwurzelung und die psychologischen Probleme noch verstärken und schließlich auch in den „fortgeschrittenen“ Ländern zu einem Anstieg von Krankheiten führen.

An anderer Stelle:

Randnummer 165: Angenommen jedoch, dass in den kommenden Jahrzehnten der Druck auf das System zu stark wird und es zusammenbrechen lässt, gäbe es zunächst eine Periode des Chaos, eine „Zeit der Unruhe“, wie man sie aus anderen Geschichtsperioden der Vergangenheit kennt. Es ist zwar unmöglich, die Folgen dieser Unruhen vorauszusagen, aber in jedem Fall würde die Menschheit dadurch eine neue Chance bekommen. Die größte Gefahr ist dann, dass sich die industrielle Gesellschaft in den ersten Jahren danach wieder konsolidiert. Mit Sicherheit wird es viele Menschen geben (besonders die machtgierigen Charaktere), die erneut versuchen würden, Fabriken instand zu setzen.

Randnummer 166: Daher stellen sich zwei Aufgaben für die Gegner der Sklaverei, die das System der Menschheit aufzwingt. Zuerst müssen wir daran arbeiten, den gesellschaftlichen Druck innerhalb des Systems noch zu verstärken, um die Wahrscheinlichkeit seines Zusammenbruchs zu erhöhen, oder es genügend zu schwächen, um dadurch eine Revolution möglich zu machen. Zweitens muss man eine Ideologie entwickeln und verbreiten, die sich gegen die Technologie und die industrielle Gesellschaft richtet, wenn diese allmählich schwächer wird. Eine solche Ideologie wird dabei behilflich sein, im Falle eines Zusammenbruchs der Industriellen Gesellschaft, ihre Überreste zu zerstören, so dass eine Wiedererrichtung des Systems unmöglich ist. Die Fabriken müssen zerstört und die technischen Lehrbücher verbrannt werden.

Über den folgenden Link lässt sich das Unabomber-Manifest im Internet aufrufen:

Die Industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft

Allein aus diesen Sätzen lässt sich ableiten, dass Theodor John Kaczynski bereits 1995 zu der Einsicht gekommen ist, die Jürgen K. Hultenreich (* 1948) wie folgt beschreibt:

Nicht ich bin verrückt, sondern das Land ist es, in dem ich lebe.

Wie dem auch immer sei: Aufbauend auf diesem Satz lassen sich Gründe finden, die sich zu psychischen Störungen verdichten können, die als Zwangsstörung oder Zwangserkrankung dann eine Haltung auslösen können, die Gewaltanwendung als Mittel der Problemlösung zwecktauglich werden lässt.

Die Zunahme solcher psychischen Störungen gehören heute bedauerlicherweise zur Wirklichkeit auch in der bundesdeutschen Demokratie, denn eine zunehmende Gewaltbereitschaft ist - die zu leugnen würde an Schönfärberei grenzen - ein sichtbares Zeichen für eine Gesellschaft, die sich im Verfall befindet. Übrigens: Es gibt mehr linke als rechte Gewalt.

Über die Lebensdauer von Systemen: Länder, insbesondere Demokratien, haben, wie alle anderen Systeme auch, die in den Geschichtsbüchern erwähnt werden, in der Regel eine unterschiedlich lange Lebensdauer. Für das Entstehen westlicher Demokratien lässt sich die Kurve des Wachsens und Werdens bis hin zu ihrem Verfall wie folgt beschreiben:

  • Von der Knechtschaft zur Aufklärung

  • Von der moralischen Gewissheit zum Parlamentarismus

  • Durch Mut, Kühnheit und Beherztheit zur Freiheit

  • Von der Freiheit zur Fülle

  • Von der Fülle zum Egoismus

  • Vom Egoismus zur Selbstzufriedenheit

  • Von der Selbstzufriedenheit zu Apathie

  • Von der Apathie zur Abhängigkeit

  • Von Abhängigkeit zur Knechtschaft

  • Von der Knechtschaft zur Revolution.

Die Revolution wäre dann der erste Schritt in den Neuanfang und wohl auch unvermeidbar, um sich von einem unerträglich gewordenen System wieder befreien zu können.

Es fällt nicht schwer, diese verschiedenen Entwicklungsstufen auch auf den Beginn der ersten Demokratie der Neuzeit zu übertragen, gemeint ist die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, die viel Mut, Kühnheit und Beherztheit erforderte, Eigenschaften, die auch auf dem europäischen Kontinent benötigt wurden, um dort weitere demokratische Systeme etablieren zu können.

Wie dem auch immer sei: Wichtiger als die oben aufgeführten Punkte ist die Erkenntnis, dass wir uns heute in der Phase der Apathie und der Abhängigkeit befindet. Nur wer das erkennen und als gegeben anzuerkennen vermag, wird dazu in der Lage sein, den Mut und die Kraft und natürlich auch die Beherztheit erneut aufwenden zu können, um die sich am Horizont bereits sichtbar gewordene Knechtschaft doch noch abwenden zu können.

Sozialwissenschaftler bezeichnen das, was kommen wird, als Post-Demokratie, womit eine autoritäre Demokratie gemeint ist, die wohl keinen Widerspruch mehr duldet, und mehr Wert auf Überwachung legen wird, als auf Meinungsvielfalt. Einige dieser Kritiker erwarten sogar eine Demokratur.

Ob das gelingen wird, das liegt – zumindest in Demokratien sollte das so sein – immer noch in den Händen der Wählerinnen und Wähler, denn nur die können die Macht in einem Staate gewaltfrei neu ordnen und verteilen.

Ob das aber in den Parteienstaaten von heute, geschweige denn in der EU und der Mehrheit ihrer Staaten, Deutschland inbegriffen, überhaupt noch möglich sein wird, gemeint ist ein wirklicher Politikwechsel, das ist eine Frage, auf die es heute noch keine abschließende Antwort gibt. So lange wie Oppositionsparteien noch nicht verboten sind, kann ein Politikwechsel zumindest nicht ausgeschlossen werden.

Mit anderen Worten: Macht neigt nicht nur zum Machterhalt, sondern auch zum Machtmissbrauch. Insoweit lässt sich jede Regierung durchaus als ein riesiger Raubvogel mit einem rechten und einem linken Flügel beschreiben, deren Funktionen darin bestehen, zwischen dem Chaos und der Ordnung für einen angemessenen Ausgleich zu sorgen.

Das geht aber nicht, wenn der linke Flügel mehr zu sagen haben will, als der rechte bzw. der rechte Flügel die Funktion des linken Flügels nicht zu akzeptieren bereit ist. 

Zurzeit befinden sich noch beide Flügel dieses „Raubvogels“ im Kampf miteinander. Das kann aber auf Dauer gesehen nicht gut gehen. Ob dieser Störung im Getriebe einer Demokratie durch Wahlen beeinflusst werden kann, wird folglich für den Fortbestand der Demokratie ausschlaggebend sein. Gelingt das nicht, dann wird die Demokratie das Schicksal ereilen, was die Geschichte für sie vorgesehen hat.

Schon Platon und Aristoteles waren davon überzeugt, dass die Tyrannei die Herrschaft des Volkes beenden wird, einer Herrschaft, gemeint ist die Demokratie, die Platon und Aristoteles als völlig ungeeignet ansahen, einen Staat dauerhaft erhalten zu können, denn beide Philosophen waren davon überzeugt, dass es sich bei einer Demokratie um die „Herrschaft des Pöbels“ handelt, die nur Chaos und Hass hervorbringen kann.

Wie dem auch immer sei: In der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland formieren sich auch heute wieder Kräfte, die Gewalt gegen das politische System nicht mehr ausschließen.

Und hier schließt sich der Kreis zum „Unabomber Manifests des Ted Kaczynski, das am 19. September 1995 in der Washington Post und in der New York Times veröffentlicht wurde, zu den Bekennerschreiben der so genannten „Vulkangruppe“,  das im Intgernet zu finden ist und aus dem im Folgenden zitiert wird.

Bekennerschreiben Vulkangruppe:

Lust an der Zerstörung:

Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit. Nur Mut. Militante Neujahrgrüße. Vulkangruppe vom 4. Januar 2026

NEUJAHRSGRÜßE 2026. NUR MUT!

Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten.
Wir können das Ende der imperialen Lebensweise einleiten.
Wir können den Raubbau an der Erde stoppen.

In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört. Ganze Regionen werden unter der Hitze unbewohnbar gemacht. Sie verbrennen einfach. Oder Lebensräume verschwinden unter den Fluten bei Überschwemmungen oder aufgrund des steigenden Meeresspiegels.

Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit. Nur Mut.

Wir wissen, wir müssen diese Zerstörung unterbrechen. Wir wissen, wir sind nicht alleine. Gebt die Hoffnung auf eine Welt nicht auf, in der das Leben Platz hat und nicht die Gier nach Geld, Macht und Zerstörung [En1].

Zwei Tage später wurde dieses Bekennerschreiben aktualisiert.

Den Herrschenden den Saft abdrehen – Richtigstellung
Vulkangruppe vom 6.1.2026

Unser Handeln richtete sich nicht gegen Menschen, sondern gegen eine Infrastruktur, die tagtäglich Menschen, Umwelt und Zukunft zerstört. Energieversorgung ist kein neutraler technischer Vorgang, sondern ein politisches Herrschaftsinstrument. Wer fossile Großanlagen betreibt, entscheidet sich aktiv für Klimazerstörung, für Kriege um Ressourcen und für soziale Ungleichheit.

Gleichzeitig sehen wir die Situation der Menschen vor Ort. Niemand von uns ignoriert, dass der Ausfall von Strom für viele eine reale Belastung bedeutet – insbesondere für Alte, Kranke, Kinder und all jene, die ohnehin am Rand dieser Gesellschaft stehen. Diese Härten sind nicht zufällig, sondern Ergebnis eines Systems, das kritische Versorgung zentralisiert, profitorientiert organisiert und bewusst verwundbar macht. Nicht diejenigen, die angreifen, haben diese Abhängigkeit geschaffen, sondern diejenigen, die sie seit Jahrzehnten aufrechterhalten.

  • Wir werden uns nicht von moralischer Empörung beeindrucken lassen, die nur dann laut wird, wenn Eigentum betroffen ist.

  • Die eigentliche Gewalt ist strukturell. Sie wirkt jeden Tag. Sie bleibt meist unsichtbar.

  • Unsere Intervention ist ein Bruch mit dieser Normalität.

  • Ob sie verstanden wird oder nicht, liegt nicht bei uns [En2].

Diese „Rechtfertigung eines Terroranschlags“ suggeriert, dass die Täter, vergleichbar mit den Motiven, die Ted Kaczynski zum Terroristen werden ließen, sozusagen in Notwehr gehandelt haben wollen und somit nicht für diese Gewaltanwendung verantwortlich sind, denn wer in Notwehr handelt, handelt ohne Schuld.

Diese Einstellung, übertragen auf die Erkenntnisse moderner Soziologie und auf die der Sozialpsychologie lassen es ganz im Sinne von Erich Fromm zu, als eine Manifestation des nekrophilen Charakters bezeichnet zu werden, der auf der Überzeugung beruht, dass sich Probleme und Konflikte nur mit Gewalt und Gewalttätigkeit lösen lassen, wenn sich Andersdenkende nicht überzeugen lassen wollen.

Das scheint mir im Übrigen die Überzeugung eines jeden Terroristen zu sein, der im Nahmen einer übergeordneten Wahrheit (Religion oder Ideologie) meint, Andersdenkende nicht nur bestrafen, sondern sogar töten zu dürfen.

Quellen:

Endnote_1
Knack.news vom 4. Januar 2025: Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit. Nur Mut. Militante Neujahrgrüße. https://knack.news/14715
Zurück

Endnote_2
Knack.news vom 6.1.2026: Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit. Nur Mut. Militante Neujahrgrüße. https://knack.news/14765
Zurück

TOP 

Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten