Rodorf.de

Spiegelsplitterwahrheiten

Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten

Die Theorie des demokratischen Realismus

Mittwoch, den 17. Juni 2026

Der US-amerikanische Professor für Politikwissenschaften John Mearsheimer war es, der einflussreiche Ansätze formulierte, die er als Theorie des Realismus bezeichnete.

Eine seiner Kernaussagen lässt sich wie folgt zusammenfassen: Es gibt keine Weltregierung, die allen anderen Staaten übergeordnet ist. Daran zu glauben, dass es einen die gesamte Welt regierenden Hegemon gibt, ist ein Irrglaube.

Daraus folgt, dass Staaten letztendlich selbst für ihre Sicherheit sorgen müssen, denn das ist ja bekanntermaßen ihr Hauptzweck. Maersheimer räumt zwar ein, dass Großmächte über offensive Fähigkeiten verfügen, um anderen Staaten schaden oder sie bedrohen zu können, woraus sich wiederum die Notwendigkeit ableiten ließe, dass Staaten alles zu tun bereit sein werden, um überleben und in Sicherheit leben zu können, was wiederum zur Folge hat, dass Staaten grundsätzlich rational versuchen werden, ihre Interessen strategisch zu verfolgen.

Für Großmächte sieht deren Überlebensstrategie wie folgt daraus:

  • Großmächte konkurrieren ständig miteinander.

  • Sie versuchen, Rivalen zu schwächen.

  • Sie streben regionale Vorherrschaft an.

  • Globale Hegemonie ist aufgrund geografischer Entfernungen kaum erreichbar, regionale Hegemonie dagegen schon.

Für Staaten, die nicht zum erlesenen Kreis der Großmächte gehören, bedeutet das, sich zu Allianzen zusammenschließen zu müssen, um so möglichst viel Macht zu erlangen, oder aber – wie das zurzeit beim Iran zu beobachten ist – sich sogar als eine hochtechnisiert Mittelmacht gegen eine Großmacht beweisen zu können, zumal es da eine Lebensader der Weltwirtschaft im Persischen Golf gibt, die es dem Iran erlaubt, sogar eine Großmacht in ihre Grenzen verweisen zu können.

Das einzusehen, das ist der einzufordernde Realismus von heute, denn den Realismus, der von John Mearsheimer 2001 in seinem Buch „The Tragedy of Great Power Politics“ konzipiert und publiziert hat, der bedarf heute dringend einer Korrektur.

Vor gut 25 Jahren ging John Mearsheimer noch davon aus, dass der Realismus die Großmächte dazu zwingen würde, Macht anzuhäufen und miteinander zu konkurrieren. Sicherheit würde dann aber, in solch einer Welt der Konkurrenz, dann nicht durch Vertrauen oder durch internationale Institutionen geschaffen werden können, sondern vor allem durch Macht gegenüber potenziellen Rivalen.

Diese Vorstellung ist nunmehr ins Wanken geraten.

  • Hegemonie ist gescheitert.

  • Eine multilaterale Ordnung scheint an deren Stelle zu treten.

Wie dem auch immer sei: In seinem 2024 publizierten Buch „How States Think - The Rationality of Foreign Policy“ setzt John Mearsheimer für ein möglich gehaltenes friedliches Zusammenleben der Staaten voraus, zu begreifen, wie Staaten denken, denn Staaten, so Mearsheimer, handeln rational, obwohl viele Wissenschaftler weiterhin der Ansicht sind, dass politische Führungskräfte nur selten rational handeln, was im Hinblick auf die Rationalität der politischen Elite im Westen – einschließlich der in Deutschland – durchaus nachvollziehbar zu sein scheint, denn Vernunft wird dort durch Annahmen ersetzt, die besorgniserregend sind. Hier nur ein Beispiel:

Am 15. Juni 2026 hieß es in der englischen Zeitung „The Telegraph“ wie folgt:

The Telegraph: Wir sind bereit, heute Abend gegen Russland zu kämpfen ... das schwört der Chef der deutschen Luftwaffe Generalleutnant Holger Neumann.

Link zur Quelle

Ganz anders die Sichtweise des US-Generals Alexus Grynkewich, dem tatsächlichen Oberbefehlshaber der NATO in Europa, der sich wenige Tage zuvor anders polsitionierte:

Frankfurter Rundschau vom 12.6.2026: NATO-General sieht keine aktuellen Angriffsabsichten Russlands. General Alexus Grynkewich – neuer Oberbefehlshaber der NATO in Europa und zugleich Chef der US-Streitkräfte in Europa – erklärte am Donnerstag (11. Juni) auf der Luftfahrtmesse ILA in Berlin, Russland sei derzeit „nicht auf der Suche nach einem Konflikt“. Wie die Financial Times berichtet, sagte Grynkewich, er beobachte die Geheimdienstinformationen sehr genau. Moskau verstehe, dass die NATO ein Verteidigungsbündnis sei und über erhebliche militärische Vorteile verfüge.

Link zur Quelle

Wie dem auch immer sei: Die von John Maersheimer entwickelte Theorie des Rationalismus setzt voraus, sich nicht auf Annahmen, Vermutungen und Ängsten zu stützen, sondern die Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie ist. Und das wiederum setzt voraus, zu wissen wie der politische Gegner denkt, um auf der Grundlage des Verstehens der anderen Seite eine Wirklichkeit entstehen zu lassen, die den Sicherheitsinteressen aller Beteiligten entspricht.

Zu meinen, dass die Anderen die Bösen und nur Wir die Guten sind, das entspricht einer Zeit, die durchaus an den Dreißigjährige Krieg (1618–1648) zu erinnern vermag, der zwar kein reiner Religionskrieg, wohl aber ein komplexer Konflikt gewesen ist, in dem sich konfessionelle Gegensätze mit handfesten machtpolitischen und geostrategischen Interessen vermischten.

Was also ist unter der Theorie der Rationalität von heute zu verstehen?

  • Gegenseitiger Respekt

  • Die Bereitschaft, sich in den anderen hineinversetzen zu können

  • Die Bereitschaft, Konflikte diplomatisch zu lösen

  • Akzeptant gegenseitiger Sicherheitsinteressen

  • Gemeinsame Suche nach Lösungen

  • Verzicht auf Vorherrschaft

  • Akzeptanz einer multilateralen Ordnung

  • Verzicht auf Missionierung

  • Gegenseitige Versicherung, das Völkerrecht zu achten.

Die Theorie der Rationalität gilt aber nicht nur für internationale Konflikte. Sie lässt sich gleichermaßen auch auf die Innenpolitik eines jeden Landes anwenden, denn auch die dort sich ausweitenden Konflikte machen es erforderlich, auch die Welt im Innern so zu sehen wie sie ist. Zu glauben, dass die Wirklichkeit mit Wunschdenken, oder durch Ideologie gestaltet werden kann, wird nicht gelingen. Und die Versuche, den politischen Gegner zu dämonisieren, werden scheitern.

TOP 

Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten