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Geschichtsverachtende Kanzlerworte

Mittwoch, 10. Juni 2026

Am 6. Juni 2026 hielt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) anlässlich des Landesparteitages der CDU des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Linstow, einem Ortsteil der Gemeinde Dobbin-Linstow im Landkreis Rostock, eine Rede, die geschichtsverachtender nicht sein kann, zumindest wenn man diese Rede auf den Satz reduziert, der für einen Tabubruch sorgte. An den Rest der Rede erinnert sich sowieso wohl kaum noch jemand.

Wörtlich sagte Bundeskanzler Friedrich Merz nach circa 8 Minuten seiner Rede – mit Blick auf die AfD – dass sie „in der Tradition des schlimmsten Unrechts unseres Landes steht, das es in der Geschichte jemals gegeben hat“.

Bundeskanzler Friedrich Merz: Und da ist, sozusagen auf der anderen Straßenseite, eine Partei, die in der Tradition des schlimmsten Unrechts unseres Landes steht, die es in der Geschichte jemals gegeben hat.

Link zu dieser Stelle in der Rede

Das damit nur der Holocaust gemeint sein kann, das dürfte von niemandem bezweifelt werden können, der sich auch nur oberflächlich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat.

Wie dem auch immer sei: Das hat es bisher noch nicht gegeben: Einen Bundeskanzler, der eine Oppositionspartei mit der NSDAP vergleicht, denn diese Partei steht ebenfalls für die schlimmste Zeit in der deutschen Geschichte. Bei so viel Geschichtsvergessenheit vermag auch die Wiederholung eines Memes von Angela Merkel aus dem Jahr 2025 ebenfalls nur noch Mitleid erzeugen.

Wir schaffen das.

Kurzum: Dieser Vergleich der AfD mit der NSDAP verniedlicht den Holocaust auf die Größenordnung seiner Nichtexistenz, was diesen Vergleich nicht nur unredlich macht, sondern durchaus auch dem Tatbestand der üblen Nachrede entsprechen könnte, denn Opfer übler Nachrede können auch juristische Personen sein, wozu auch Parteien zu zählen sind.

In normalen Zeiten würde solch ein Tabubruch für einen Bundeskanzler ausreichen, seinen Rücktritt zu erklären.

Nur zur Erinnerung: Vor gut 38 Jahren, am 11. November 1988, einen Tag nach seiner Rede zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht (1938), erklärte Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) seinen Rücktritt, der sogar von der CDU vehement eingefordert worden war, weil seine Rede vom Vortag angeblich den Holocaust relativiert hatte. Die folgenden Zitate aus dieser Rede wurden der Protokollniederschrift entnommen:

Philipp Jenninger: Hören wir dazu einen Augenzeugen, der deutschen Wirklichkeit des Jahres 1942:

Die von den Lastwagen abgestiegenen Menschen, Männer, Frauen und Kinder jeden Alters, mussten sich auf Aufforderung eines SS-Mannes, der in der Hand eine Reif- oder Hundepeitsche hielt, ausziehen und ihre Kleider nach Schuhen, Ober- und Unterkleidern getrennt an bestimmten Stellen ablegen ... Ohne Geschrei oder Weinen zogen sich diese Menschen aus, standen in Familiengruppen beisammen, küssten und verabschiedeten sich und warteten auf den Wink eines anderen SS-Mannes, der an der Grube stand und ebenfalls eine Peitsche in der Hand hielt. ... Ich beobachtete eine Familie von etwa acht Personen. Einen Mann und eine Frau, beide von ungefähr 50 Jahren, mit deren Kindern, so ungefähr 1-, 8- und 10-jährig, sowie zwei erwachsene Töchter von 20 bis 24 Jahren. Eine alte Frau mit schneeweißem Haar hielt das einjährige Kind auf dem Arm und sang ihm etwas vor und kitzelte es. Das Kind quietschte vor Vergnügen. Das Ehepaar schaute mit Tränen in den Augen zu. Der Vater hielt an der Hand einen Jungen von etwa 10 Jahren, sprach leise auf ihn ein. Der Junge kämpfte mit den Tränen. Der Vater zeigte mit dem Finger zum Himmel, streichelte ihn über den Kopf und schien ihm etwas zu erklären. Da rief schon der SS-Mann an der Grube seinem Kameraden etwas zu. Dieser teilte ungefähr 20 Personen ab und wies sie an, hinter den Erdhügel zu gehen ... Ich ging um den Erdhügel herum und stand vor einem riesigen Grab. Dicht aneinandergepresst lagen die Menschen so aufeinander, dass nur die Köpfe zu sehen waren. Von fast allen Köpfen rann Blut über die Schultern. Ein Teil der Erschossenen bewegte sich noch. Einige hoben ihre Arme und drehten den Kopf, um zu zeigen, dass sie noch lebten. Die Grube war bereits dreiviertel voll. Nach meiner Schätzung lagen darin bereits ungefähr 1 000 Menschen. Ich schaute mich nach dem Schützen um. Dieser, ein SS-Mann, saß am Rand der Schmalseite der Grube auf dem Erdboden, ließ die Beine in die Grube herabhängen, hatte auf seinen Knien eine Maschinenpistole liegen und rauchte eine Zigarette. Die vollständig nackten Menschen gingen an einer Treppe, die in die Lehmwand der Grube gegraben war, hinab, rutschten über die Köpfe der Liegenden hinweg bis zu der Stelle, die der SS-Mann anwies. Sie legten sich vor die toten oder angeschossenen Menschen, einige streichelten die noch Lebenden und sprachen leise auf sie ein. Dann hörte ich eine Reihe Schüsse. Ich schaute in die Grube und sah, wie die Körper zuckten oder Köpfe schon still auf den vor ihnen liegenden Körpern lagen ... Schon kam die nächste Gruppe heran, stieg in die Grube hinab, reihte sich an die vorherigen Opfer an und wurde erschossen.

Rede im Volltext

Nur zur Erinnerung: Philipp Jenninger trat am 11. November 1988 als Bundestagspräsident zurück. Ihm wurde vorgeworfen, die sprachliche Distanzierung zum Holocaust in der gesprochenen Rede nicht ausreichend deutlich gemacht zu haben. Deshalb werteten viele Zuhörer seine Worte als Verharmlosung des Nationalsozialismus. Einige Abgeordnete verließen noch während der Rede aus Protest den Plenarsaal.

Die Folge seiner Rede: Nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland sah sich Jenninger gezwungen, am darauffolgenden Tag sein Amt niederzulegen. Aus heutiger Sicht vermag ich in der Rede von Philipp Jenninger keine Verharmlosung des Nationalsozialismus und auch keine Verharmlosung des Holocaust erkennen zu können.

Das zu erkennen fällt mir hingegen nicht schwer, wenn ich mir den oben zitierten Satz des Bundeskanzlers in Erinnerung rufe, der mit seinem Satz, den ich gleich noch einmal abschließend zitieren werde, der stärksten Partei im Deutschen Bundestag vorwirft, nicht besser zu sein als die Verbrecher von damals.

Bundeskanzler Friedrich Merz: Und da ist, sozusagen auf der anderen Straßenseite, eine Partei, die in der Tradition des schlimmsten Unrechts unseres Landes steht, die es in der Geschichte jemals gegeben hat.

Link zu dieser Stelle in der Rede

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