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Die Theorie des kapitalistischen Menschen

Dienstag, den 9. Juni 2026

Theorien, so sagt man, werden von Wissenschaftlern entwickelt. Darüber nachzudenken, wie die Welt hingegen tatsächlich funktioniert, das ist den Politikern vorbehalten.

Weit gefehlt, denn Theorien und Politik, das sind keine verschiedenen Welten, denn nicht einmal die Politik könnte ohne eine sie tragende Theorie funktionieren, denn ohne Theorie lässt sich Politik gar nicht gestalten.

Warum? Zumindest ich kenne keinen Politiker, dessen Entscheidungen nicht von einer weltanschaulichen Theorie durchdrungen wären, von denen hier nur drei aufgelistet werden sollen.

  • Theorie der wirtschaftlichen Interdependenz

  • Theorie des demokratischen Friedens

  • Theorie des liberalen Institutionalismus.

Warum benötigt der moderne Menschen Theorien?

Grund dafür ist, dass wir alle theoretische Wesen sind, obwohl wir uns weigern, das anzuerkennen, denn wir alle halten uns ja für Realisten, die die Welt so sehen, wie sie tatsächlich ist.

Dennoch: Theorien sind - seit dem Beginn der Neuzeit – von enormer Bedeutung für politische Entscheidungsträger.

Was aber macht eine Theorie aus?

Der entscheidende Punkt ist, dass wir heute in einer unglaublich komplizierten Welt leben, und der Versuch, diese Welt zu verstehen, somit außerordentlich schwierig geworden ist. Der einzige Weg, die Welt zu verstehen, führt somit über Theorien, denn bei ihnen handelt es sich um Vereinfachungen der Realität.

In diesem Sinne möchte ich im Folgenden eine weitgehend anerkannte Theorie kurz erörtern, die auf der Annahme begründen ist, dass es sich bei modernen Menschen um kapitalistische Menschen handelt. Dieses Weltbild liegt nämlich der „Theorie der wirtschaftlichen Interdependenz“ zugrunde, die von der Annahme ausgeht, dass das Geld – das Kapital – die Welt beherrscht und wir alle vom Kapital abhängig sind.

In der Doktorarbeit von Heinrich Hardensett zum Thema „Der kapitalistische und der technische Mensch“, die 1932 publiziert wurde, heißt es den kapitalistischen Menschen beschreibend, wie folgt:

Heinrich Hardensett: Die Wirtschaftstheorie des kapitalistischen Menschen setzt als Grundprinzip der Wirtschaft den erwerbssüchtigen Eigennutz, als Grundhaltung der Wirtschaft den gewinnbringenden Tausch, als den entscheidenden Ort des Wirtschaftsgeschehens den Markt und als den wirtschaftlichen Wert den Tauschwert voraus. Der eigennützige tauscherwerbende Mensch, der kapitalistische Mensch, ist wesensnotwendig ein individualistischer Mensch. Also muss auch die Wirtschaftstheorie dieses Menschen notwendig eine individualistische Theorie sein. Sie muss die Gesamtwirtschaft individualistisch begreifen, d. h., sie denkt sie atomistisch aus einzelnen autarken erwerbsmäßig wirtschaftenden Subjekten zusammengesetzt. Wirtschaft ist dann das freie Spiel der Kräfte.

An anderer Stelle:

Er [der kapitalistische Mensch] behauptet mit Erfolg die falsche Behauptung, dass seit jeher der Mensch eigennützig und erwerbssüchtig gewesen und dass somit er, der kapitalistische Mensch, durchaus der natürliche und wahre Mensch sei. Kurz, der kapitalistische Mensch objektiviert, um Mensch zu sein. Kurz, der kapitalistische Mensch objektiviert, um sich zu verhüllen. Er ist nicht bekennerisch, er wirkt nicht durch sein Dasein und Sosein, sondern nur durch Taten.

An anderer Stelle:

Der kapitalistische Mensch entfacht in seinem unendlichen Erwerbsdrang eine ungeheuere, nie gekannte Arbeitsdämonie. Beschleunigung des Geschäftes, Beschleunigung der Arbeit und Beschleunigung der allgemeinen Lebensführung.

Heinrich Hardensett: Der kapitalistische Mensch und der technische Mensch. Verlag von R. Oldenbourg, München und Berlin 1932

Kurzum: Der kapitalistische Mensch will erwerben, er will nicht etwa nur den Bedarf decken. Er will mehr. Er will reich werden. Möglichst schnell und dann noch mehr.

Die Theorie des kapitalistischen Menschen prägt das menschliche Verhalten heute nicht nur in der modernen Welt, auch in den ehemaligen kommunistischen Staaten wie  Russland und China, dominiert heute der Kapitalismus.

Anders ausgedrückt: Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die Kraft des Kapitalismus sozusagen die ganze Welt erobert und dazu geführt, dass die Vorherrschaft des freien Westens – insbesondere der unipolare Anspruch auf Hegemonie der Vereinigten Staaten von Amerika – nunmehr Grenzen erreicht hat, die es heute erforderlich machen, die Welt neu zu ordnen, damit sich die rivalisierenden Kräfte die Welt nicht zerstören, denn dazu sind sie bereits seit Jahrzehnten in der Lage.

Warum?

Wenn du die Ursache von Kriegen suchst, dann folge der Spur des Geldes.

Anders ausgedrückt: Kapitalismus ohne Krieg ist auf Dauer gesehen undenkbar.

Fortsetzung morgen:

Die Theorie des technischen Menschen

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