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Deutscher Ikarusflug im UN-Sicherheitsrat

Freitag, den 5. Juni 2026

Auch wenn im Vorfeld der Wahl für den UN-Sicherheitsrat klar zu sein schien, dass Deutschland mit Zusagen von deutlich mehr Staaten rechnen durfte, als für eine Zweidrittelmehrheit nötig gewesen wären, konnte das begehrte Ziel nicht erreicht werden.

Realpolitikern bleibt angesichts dieser Niederlage nur die Erkenntnis, dass die deutsche Politik von nun an wohl damit wird leben müssen, dass es sich bei den Zusagen mehrerer Dutzend Regierungen um nichts anderes als um hohle Versprechen gehandelt hat, man könnte auch sagen: diplomatisch gewollte Versprecher (Lügen statt Wahrheit).

Dass diese Praxis des „politischen Wahrsprechens“ zur politischen Wahrheit gehört, das dürfte spätestens seit Niccolò di Bernardo dei Machiavelli (1469 - 1527) unbestreitbar sein.

Diese Erkenntnis wiederum gibt Anlass, sich daran zu erinnern, dass auch in der griechischen Sage Ikarus deshalb scheiterte, weil er die Warnung seines Vaters Daidalos missachtete. Der Sage nach bauten Daidalos und Ikarus Flügel aus Federn und Wachs, um von der Insel Kreta zu fliehen. Daidalos warnte jedoch seinen Sohn, weder zu tief noch zu hoch zu fliegen, denn wenn er zu tief fliegen würde, dann würde das Meerwasser die Federn durchnässen, und ihn flugunfähig machen, wenn er aber zu hoch fliegen würde, dann würde das Wachs schmelzen und ihn ins Meer stürzen lassen.

Ikarus wurde jedoch übermütig und flog immer höher. Die Sonne erwärmte das Wachs, die Federn lösten sich, und er stürzte ins Meer, wo er ertrank.

Die Geschichte wird oft als Warnung vor Hochmut, Selbstüberschätzung und als eine unvermeidbare Folge der Missachten guter Ratschläge verstanden. Der Ausdruck „Ikarusflug“ wird deshalb manchmal verwendet, wenn jemand durch übermäßigen Ehrgeiz scheitert.

Die Niederlage im US-Sicherheitsrat:

Irgendwie passt die Geschichte des Ikarus zu der deutschen Politik von heute, die auch zur Selbstüberschätzung neigt und sich einfach nicht mehr daran erinnern will, dass das „Nie Wieder!“ nach dem Krieg, mehr als ein guter Ratschlag gewesen ist.

Nie wieder!“ bedeutete nämlich mehr, als das Versprechen, nie wieder einen Angriffskrieg zu führen. Es bedeutete auch, dass Deutschland niemals mehr nach Vorherrschaft streben und erst recht nie wieder kriegsfähig werden wollte. Der Daidalos der Deutschen - gemeint ist das Grundgesetz – verpflichtete nämlich alle staatliche Gewalt dazu, nicht nur friedfertig sein zu wollen, sondern auch friedfertig sein zu müssen, denn eines war den Besiegten schon damals klar: Am deutschen Wesen sollte kein anderer Staat mehr genesen.

Präambel

Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.

Irgendwie hat sich die in diesem Satz enthaltene Bescheidenheit zwischenzeitlich in ihr Gegenteil verwandt.

Mehr Demut wäre angemessener.

Warum?

Demut gilt in vielen philosophischen und religiösen Traditionen als Tugend. Sie bedeutet nicht Selbsterniedrigung oder mangelndes Selbstwertgefühl, sondern die Fähigkeit, die eigenen Grenzen realistisch zu erkennen und sich nicht über andere zu erheben.

Typische Merkmale von Demut sind:

  • Anerkennung der eigenen Fehler und Schwächen

  • Bereitschaft, von anderen zu lernen

  • Verzicht auf Überheblichkeit und Arroganz

  • Respekt gegenüber anderen Menschen

  • Dankbarkeit für das, was man hat und erreicht.

In der christlichen Tradition wird Demut als wichtige Tugend betrachtet. Auch in der antiken Philosophie und in vielen östlichen Traditionen wird sie geschätzt.

Als Gegenstück zur Demut gilt oft Hochmut. Und die hat einen deutlichen Dämpfer erhalten.

Ein Sitz im UN-Sicherheitsrat wurde Deutschland verwehrt.

Diese Niederlage ist mehr als ein Misserfolg und auch mehr als die nicht eingehaltenen Zusagen von Staaten, Deutschland eine Stimme im UN-Sicherheitsrat zu gewähren. Da die Wahl geheim gewesen ist, war es gefahrlos möglich, Hoffnung im Vorfeld der Wahl zu schüren, an deren Stelle aber dann letztendlich doch die Realität zu setzen, die auszusprechen im Vorfeld politisch unklug gewesen wäre.

Kurzum: Die Abstimmungsniederlage ist ein diplomatischer Offenbarungseid für ein Land, das sich moralisch überschätzt hat.

Die Bundesregierung hat bekanntlich das Ziel ausgegeben, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee in Europa zu machen. Das sorgt - auch wenn das niemand offen sagt - für Ängste im kollektiven Gedächtnis der Welt, denn auch gut 80 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation, durch die ein Krieg beendet werden konnte, der von Deutschland ausging und der unvollstellbares Leid verursacht hat, müssten deutsche Politiker eigentlich noch über so viel Weisheit und Einsicht verfügen, dass Machtpolitik auch in Zukunft kein deutsches Markenzeichen sein darf, wenn Deutschland wertgeschätzt werden soll.

Wie dem auch immer sei: Auf der Website des Deutschlandfunks vom 4. Juni 2026 heißt es, einen Blick in die Zukunft wagend, wie folgt:

Deutschlandfunk.de: Die Bundesregierung erwägt nach dem Scheitern der deutschen Kandidatur für einen nicht-ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat eine erneute Bewerbung in acht Jahren.

Dann wird es aber die Bundesregierung von heute, die davon überzeugt war, einen Platz im UN-Sicherheitsrat zu erhalten, nicht mehr geben.

Den deutschen Interessen kann aber bis dahin keinen Schaden zugefügt werden, wenn mit mehr Demut deutsche Interessen wahrgenommen werden. Dann wäre es zu diesem Debakel wohl auch nicht gekommen.

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