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Demokratie - Herrschaft des Mittelmaßes?

Freitag, den 15. Mai 2026

Demokratie, so sagt man, das ist die Freiheit der politischen Selbstbestimmung, die in den Händen des Volkes liegt. Diese Freiheit bezieht sich, so kann es bei Hans Kelsen nachgelesen werden, auf das „Kollektivum des Volksganzen“, womit sozusagen der Ursprung der Volkssouveränität gedacht ist. Nicht gemeint ist mit Freiheit im oben angedeuteten Sinne die individuelle Freiheit, die auf der Annahme beruht, dass es sich bei dieser Freiheit um ein unveräußerliches Menschenrecht handelt.

Richtig ist, dass die individuellen Freiheiten zum wesentlichen Bestandteil demokratischer Verfassungen gehören. Deren Zweck besteht darin, den Einzelnen vor Übergriffen der staatlichen Macht zu schützen. Die Menschenrechte dienen somit vor allem als Schutz gegen den Herrschaftsmissbrauch, der auch in einer Demokratie möglich ist, denn jede Macht unterliegt der Versuchung, ihr übertragene Macht auch zu missbrauchen.

Wie dem auch immer sei: Die Grundrechte der Demokratie schützen sowohl den Einzelnen, als auch die Rechte von Minderheiten, vor allen Dingen auch die Rechte derjenigen Minderheiten, die nicht die politische, religiöse oder nationale Überzeugung der amtierenden Staatsmacht teilen.

Wenn Demokratie aber nicht nur im Reiche von Ideen existiert, sondern sich als erlebbare soziale Technik durch staatliche Organe und Institutionen auf eine Art und Weise darstellt, die nicht oder nicht mehr dem Willen der Mehrheit des Volkes entspricht, dann zeigen sich schnell die engen Grenzen, die hier dem politischen Willen des Souveräns auch in einer Demokratie gegeben sind.

Spätestens in Krisenzeiten lässt sich dann auch auf die Staatsgewalt in einer Demokratie das Wort von Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) vom „neuen Götzen“ übertragen, das folgenden Wortlaut hat:

Friedrich Nietzsche: Staat heißt das kälteste aller Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, ich bin das Volk.

Die Vorstellung, dass in einer Demokratie das Volk sich selbst beherrscht entspricht in keiner Weise der Wirklichkeit in einer Demokratie.

Das wäre ja alles noch hinzunehmen, wenn es dem Volkssouverän gelingen würde, bei der „Führerauslese“ sich für Volksvertreter entscheiden zu können, die tatsächlich dazu in der Lage sind, das Staatsvolk in eine sichere und friedliche Zukunft zu führen.

Das aber würde auch nicht dem Ideal der Demokratie entsprechen, denn das Ideal einer Demokratie besteht ja geradezu darin, gar keinen Führer zu benötigen.

Anders ausgedrückt: Das Ideal einer Demokratie heißt: Führerlosigkeit.

Aber schon bei Platon kann diesbezüglich nachgelesen werden, womit in einer Demokratie zu rechnen ist, sollte es dort tatsächlich jemals einen Staatsmann von hervorragender Qualität geben, der dann, so heißt es bei Platon, wie ein Genie behandelt werden müsste, womit aber nicht zu rechnen sei, weil es solch einen Mann in keinem Staate gebe und auch gar nicht geben dürfe, denn dort würde dann sein Haupt mit Öl gesalbt und ihm ein Kranz umgehangen, bevor er dann über die Grenze in einen anderen Staat abgeschoben würde.

Was lässt sich daraus ableiten?

In Anlehnung an Jean Jacques Rousseaus (1712 – 1778) Gesellschaftsvertrag vermögen die im Kapitel 3 zu findenden Sätze durchaus als Antwort auf die oben genannte Frage zu überzeugen:

Jean-Jacques Rousseau: Wenn man das Wort Demokratie in der ganzen Strenge seiner Bedeutung nimmt, so hat es noch nie eine wahre Demokratie gegeben und wird es auch nie geben (S. 93).

Warum?

Die Antwort von Rousseau ist schlicht, einfach und leicht zu verstehen.

Jean-Jacques Rousseau: Es verstößt gegen die natürliche Ordnung, dass die größere Zahl regiere und die kleinere regiert werde (S. 93).

Das Kapitel 4 im Buch 3 des Gesellschaftsvertrages, das den Titel „Die Demokratie“ trägt, schließt Rousseau mit dem nachfolgend zitierten Satz ab:

Jean-Jacques Rousseau: Gäbe es ein Volk von Göttern, so würde es sich demokratisch regieren. Eine so vollkommene Regierung passt für Menschen nicht (S 95).

Jean-Jacques Rousseau. Der Gesellschaftsvertrag, Anaconda-Verlag 2012

Deshalb begnügt sich die Demokratie mit dem Mittelmaß.

Und warum in Demokratien das Mittelmaß herrscht, das so wunderbar zur politischen Mitte passt, die dem Mehrheitswillen Geltung verschaffen soll, dazu heißt es - den Staatsmann betreffend - in Platons Staat wie folgt:

Platon – Der Staat: Einen Mann also, scheint es, der infolge [398 St.2 A] seines Könnens alles mögliche werden und alle Dinge nachahmen könnte, werden wir, wenn er in unseren Staat kommt, samt seinen Kunstwerken in der Absicht sich zu zeigen, ihn als heilig und bewundernswert verehren, obwohl wir damit eigentlich zum Ausdruck bringen wollen, dass es einen solchen Mann in unserem Staat nicht gibt und auch nicht geben darf, und wir werden ihn deshalb in einen anderen Staat schicken, nachdem wir Salbe über sein Haupt gegossen und es mit Wolle bekränzt haben, und wir werden selbst uns des Vorteils wegen an den herberen und unangenehmeren Dichter und Märchenerzähler halten, der uns die Redeweise des Schicklichen nachahmt und das, was er spricht, nach jenen Regeln spricht, die wir gleich anfangs als Gesetz aufgestellt haben.

Link zur Quelle

Suchwort: 398 St.2 A

Daraus lässt sich ableiten, dass in einer Demokratie die Staatsführung kaum mehr als mittelmäßig sein kann, denn wenn sie genial wäre, dann würden wir sie abschieben.

Übrigens:

Google-KI: Platon hat sein Hauptwerk „Der Staat“ (griechisch: Politeia) vermutlich um 375 v. Chr. verfasst. Es entstand in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. als Teil seiner mittleren Schaffensperiode, in der er aus den Erfahrungen der athenischen Demokratie sein Modell eines idealen, gerechten Staates entwickelte.

Mit dem von mehreren Philosophen attestierten Hang zum Mittelmaß müssen auch die Demokratien von heute fertig werden. Ob das auf Dauer gelingen wird, das ist eine Frage, die nur in der Zukunft sich zeigen wird.

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