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Spiegelsplitterwahrheiten Der neue Mensch III Donnerstag, den 13. Mai 2026 Der neue Mensch sollte frei sein und selbst darüber entscheiden können, was richtig und was falsch ist. Ihm zu verbieten, eine andere Meinung zu vertreten als die, die der Political Correctness oder der Mehrheitsmeinung entspricht, ist nicht nur der Beginn, sondern auch das Ende menschlicher Freiheit, wenn dieses Ziel vollumfänglich erreicht werden sollte. Wie dem auch immer sei: Aus biologischer Sicht wird wohl auch der neue Mensch von morgen weiterhin ein Mängelwesen bleiben, das Arnold Gehlen (1904 – 1976) in seinem Hauptwert: „Der Mensch – Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ so bezeichnet hat. Dieses Mängelwesen beschreibt der deutsche Philosoph, Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen wie folgt: Arnold Gehlen: Das „Unfertigsein“ gehört zu seinen physischen Bedingungen, zu seiner Natur, und in dieser Hinsicht ist er ein Wesen der Zucht: Selbstzucht, Erziehung, Züchtung als eines In-Form-Kommens und auch des In-Form-Bleibens gehört zu den Existenzbedingungen seines nicht fertiggestellten Wesens. [...]. Der Mensch ist schließlich vorsehend. Er ist – ein Prometheus – darauf angewiesen auf das Entfernte, auf das Nichtgegenwärtige in Raum und Zeit. Er lebt – im Gegensatz zum Tier – für die Zukunft und nicht in der Gegenwart (Seite 32). An anderer Stelle heißt es: Arnold Gehlen: Morphologisch ist der Mensch im Gegensatz zu allen höheren Säugern hauptsächlich durch Mängel bestimmt, die jeweils im exakt biologischen Sinne als Unangepasstheiten, Unspezialisiertheiten, als Primitivismen, d. h. als Unentwickeltes zu bezeichnen sind. Also wesentlich negativ. [...]. Innerhalb natürlicher, urwüchsiger Bedingungen würde er als bodenlebend inmitten der gewandtesten Fluchttiere und der gefährlichsten Raubtiere schon längst ausgerottet sein (Seite 33). Um diesen Mangel auszugleichen, ist der Mensch gezwungen, eine Kultursphäre zu schaffen, weshalb Gehlen den Menschen als „von Natur aus ein Kulturwesen“ bezeichnet. Arnold Gehlen: Der Inbegriff der von ihm ins Lebensdienliche umgearbeiteten Natur heißt Kultur. Die Kultur ist also die „zweite Natur“ – will sagen die menschliche, die selbsttätig bearbeitete, innerhalb deren er allein leben kann (Seite 38). Kurzum: Der Mensch ist sowohl ein Mängelwesen als auch ein Kulturwesen, und nur in seiner Eigenschaft als Kulturwesen kann er sich die Umwelt schaffen, in der er frei sein kann. So auch die Sichtweise des österreichischen Staatsrechtlers Hans Kelsen (1881 – 1973), der in seinem kurzen Essay „Vom Wesen und Wert der Demokratie“ sich zur Freiheit sinngemäß wie folgt positioniert hat: Hans Kelsen sinngemäß: Der rousseausche Gedanke, dass der Untertan seine ganze Freiheit aufgibt, um sie als Staatsbürger wieder zurückzuerhalten, ist darum so charakteristisch, weil in dieser Unterscheidung von Untertan und Staatsbürger das Wesen der Freiheit zu suchen ist, denn Rousseau schreckt nicht einmal vor der Behauptung zurück, dass der Staatsbürger nur durch den „Allgemeinen Willen“ frei sei und dass man daher denjenigen, der diesem Willen den Gehorsam verweigert, indem man ihm gegenüber den Staatswillen erzwingt,dazu zwingt — frei zu sein. Das ist mehr als bloß paradox, das scheint sogar zum Wesen der Demokratie von heute zuzutreffen, denn immerhin geht schon eine Mehrheit befragter Demokraten davon aus, dass es besser ist, in Deutschland seine Meinung mit Vorsicht zu vertreten. Warum kann es gefährlich sein, sich nicht an die Mehrheitsmeinung anzupassen? Hans Kelsen: Individuelle Freiheit wird dadurch zu ihrer Fessel, wenn man sich der Ordnung nicht mehr entziehen kann. An anderer Stelle heißt es: Man wird doch zumeist in eine fertige Staatsordnung hineingeboren, an deren Entstehung man nicht mitgewirkt hat, und die einem daher von Anfang an als fremder Wille entgegentreten muss. Wie dem auch immer sei: Bezugnehmend auf das Mehrheitsprinzip, das in einer Demokratie zur Anwendung kommen soll, heißt es bei Hand Kelsen sinngemäß: Hans Kelsen: Aus der Erwartungshaltung innerhalb einer Demokratie lässt sich ableiten, dass einer nicht mehr gelten soll als andere, und dass aus Mehrheitsmeinungen nicht zwangsläufig abgeleitet werden kann, dass die Mehrheit immer Recht hat und somit die Vielen immer stärker sein dürfen als die Wenigen. Rechtfertigen lässt sich diese Ungleichheit nur dadurch, dass Macht dem Recht vorausgeht, denn Macht ist dazu in der Lage, sowohl erwünschtes als auch verbotenes Verhalten in Rechtssätze zu kleiden und Regeln zu definieren, wie Demokratie funktionieren soll. Und wenn die Mehrheit im Deutschen Bundestag auch nur in einer Stimme mehr besteht, dann lässt sich aus dem Mehrheitsprinzip ableiten, dass diese Mehrheit ausreicht, Entscheidungen zu treffen, die vielen anderen missfallen. Hans Kelsen: Nur der Gedanke, dass — wenn schon nicht alle — so doch möglichst viele Menschen frei sein sollen, d. h. möglichst wenig Menschen mit ihrem Willen in Widerspruch zu dem allgemeinen Willen der sozialen Ordnung geraten sollen, führt auf einem vernünftigen Wege zum Majoritätsprinzip. Aber auch wer diesem Majoritätsprinzip zustimmt, kann sich nur dann frei fühlen, wenn Andersdenkenden die Möglichkeit geboten wird, in Zukunft selbst zur Mehrheit zu werden, auch wenn das der zurzeit herrschenden Macht missfällt. Hans Kelsen. Vom Wesen und Wert der Demokratie. Mohr/Siebeck 1920 Anders ausgedrückt: Eine Demokratie, die nicht nur Meinungen unterdrückt, sondern bereits in der Schule betreutes Denken in eine gewünschte Richtung hin für erforderlich hält, oder gar Anstalten macht, unerwünschte Meinungen zu sanktionieren, bereitet eine Freiheit vor, deren neuer Bedeutungsinhalt nach getaner Arbeit nur Unfreiheit sein kann. Was folgt daraus für den neuen Menschen der Zukunft? Erste Aufgabe, und somit erste Bürgerpflicht eines jeden „neuen Menschen“ in einer Demokratie sollte es sein, der Macht zu verbieten, die Freiheit der Meinungsäußerung zu beschränken, zu beschneiden oder gar zu sanktionieren, soweit es sich bei verbotenen Meinungsäußerungen nicht um Straftaten handelt. Aber auch hier scheint es der Macht von heute bereits gelungen zu sein, die Grenze des Strafbaren so zu erweitern, dass sogar Banalitäten, wie das bekannte „Schwachkopf-Meme“ dafür sorgt, dass morgens um 06.00 h die Polizei vor der Wohnungstür steht. Der neue Mensch kann sich das nicht gefallen lassen. Seine Aufgabe wird es sein, die Demokratie zu bewahren, nicht sie zu zerstören. Inhaltsverzeichnis Spiegelsplitterwahrheiten
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