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Der neue Mensch I

Montag, den 11. Mai 2026

Soweit wir überhaupt Kunde vom Menschen haben, wissen wir, dass er immer und überall unter dem Einfluss dominierender Vorstellungen stand und auch heute noch steht. Wer dies nicht tut, ist ein Außenseiter, denn er steht im Verdacht, an etwas anderes zu glauben, als das von ihm erwartet wird. Anstatt an Gott zu glauben, huldigt der angeblich neue Mensch dem Atheismus oder verliert sich in einer Ideologie und statt im Himmel sucht er das Paradies auf Erden.

Anders ausgedrückt: Ein Mensch ohne seine dominierenden Überzeugungen, die umso stärker werden, wenn sie von ganz vielen geteilt werden, wäre eine durchaus abnorme Erscheinung. Es mag deshalb nicht zu verwundern, dass das Denken von Andersdenkenden in der Vorstellungswelt der Vielen auf starken Widerstand stößt, je besitzergreifender die Überzeugungen werden, an die geglaubt wird.

Wohin uns das in der Vergangenheit geführt hat und auch in der Demokratie von heute immer noch führt und auch weiterführen wird, das beginnt zuerst mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit, erfasst dann auch die Pressefreiheit, die Medien immer einseitiger berichten lässt und so die Voraussetzungen dafür schafft, dass Menschen ausgegrenzt werden können, falls das nicht schon bereits früher für Normal erklärt wurde.

Wie dem auch immer sei: Um dieser Normalität ein Ende zu bereiten, bedarf es wirklich eines neuen Menschen.

Der neue Mensch:

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) war meines Wissens nach der erste Philosoph, der über einen „neuen Menschen“ nachdachte und diesen eng mit seiner Idee vom „Übermenschen“ in Verbindung brachte. Damit meinte Nietzsche zwar keinen neuen Menschen im biologischen Sinne, sondern eine radikale Weiterentwicklung des Menschen auf geistig-kultureller Ebene.

Den alten Menschen verwarf der Philosoph mit der Begründung, dass der durch traditionelle Moral (vor allem durch christliche Werte wie Demut, Gehorsam und Selbstverleugnung) geprägt war und somit weder den Anforderungen der Gegenwart und erst recht nicht denen der Zukunft entsprechen konnte, denn diese Moral, so Friedrich Nietzsche, hinderte ihn daran, sein volles Potenzial als Mensch entfalten zu können.

Nietzsches neuer Mensch sollte dazu in der Lage sein:

  • Eigene Werte zu schaffen, statt fremde zu übernehmen

  • Selbstbestimmt zu leben, ohne sich an gesellschaftliche Zwänge zu klammern bzw. halten zu müssen

  • Das Leben bejahen, auch mit all seinen Schwierigkeiten

  • Sein Schicksal mit all seinen Geschehnissen, sowohl zum Guten als auch hin zum Schlechten, nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv zu bejahen und anzunehmen

  • Kreativ und stark zu sein und seinen Lebenszweck nicht darin zu sehen, Macht über andere ausüben zu können bzw. zu wollen.

In seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ beschreibt Nietzsche den Übermenschen als eine Art Menschheitsziel, das dazu führt, den alten Menschen nicht nur überwinden, sondern ersetzen zu können. Für ihn war der Mensch somit ein Übergang – kein Endpunkt.

Dieser neue Mensch sollte weder rassistisch sein, noch meinen, anderen Menschen biologisch überlegen zu sein, sich nicht als einen brutalen Herrscher über andere verstehen, sondern als jemand begreifen, der sich selbst überwindet und dadurch einfach besser wird. Und was diesen Menschen im besonderen Maße kennzeichnet, das drückte Friedrich Nietzsche wie folgt aus:

Der neue Mensch ist in der Lage, unabhängig zu denken.

Nietzsches neuer Mensch ist somit ein selbstbewusster Schöpfer, der die Freiheit besitzt, die Welt und sich selbst neu zu interpretieren.

Was an diesem Vorstellungsbild des neuen Menschen auffällt, das ist die Tatsache, dass sich dieser neue Mensch durchaus auch im Menschenbild des christlichen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) finden lässt, nach dessen Interpretation der neue Mensch durch Gott erneuert wird, befreit von Lügen und auch befreit vom Zwang zur Heuchelei und zur bedingungslosen Anpassung.

Dietrich Bonhoeffer: Der wirkliche Mensch darf in Freiheit das Geschöpf seines Schöpfers sein. Gleichgestaltet mit dem Menschgewordenen sein bedeutet, der Mensch sein dürfen, der man in Wirklichkeit ist. Schein, Heuchelei, Krampf, Zwang etwas anderes, Besseres, Idealeres zu sein als man ist, ist hier abgetan. Gott liebt den wirklichen Menschen.

Link zur Quelle

Wie dem auch immer sei: Es gibt Worte, die Gläubige ermutigen und in ihrem Glauben bestärken und Worte, die zur Verhaltensänderung auffordern. Es wäre schon ein großer Schritt in Richtung hin zum „neuen Menschen“ gemacht, wenn es gelingen würde, Menschen wieder dazu zu bringen, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen, denn nur der erlaubt es den Menschen, richtige Entscheidungen zu treffen.

In einer Demokratie bedeutet das, betreutes Denken möglichst sofort durch kritisches Denken zu ersetzen. Andersdenkende nicht auszugrenzen, sondern insbesondere in Krisenzeiten gemeinsam mit ihnen nach zeitgemäßen Lösungen zu suchen und vor allen Dingen nicht davon überzeugt zu sein, im Besitz der Wahrheit zu sein.

Die Demokratie benötigt solche neuen Menschen.

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