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Gerechtigkeit und Gleichheit

Donnerstag, den 30. April 2026

Zwischen der Gerechtigkeit und der Gleichheit besteht nicht nur die enge Beziehung, die durch das Gesetz vorgegeben ist, denn das Gesetz, das für alle gilt, schafft zunächst nur eine formale Gleichheit. Diesbezüglich heißt es im Artikel 3 Abs. 1 GG wie folgt:

Art. 3 Abs. 1 GG:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Dieser Grundsatz besagt, das, was auch immer auf den Einzelnen zukommt, immer nach dem gleichen Gesetz behandelt werden soll. Damit ist aber noch nicht gesagt, was denn nun mit jedem Einzelnen zu geschehen hat, auf den das Gesetz anzuwenden ist, das für alle gilt, denn in der Idee der Gerechtigkeit liegt – losgelöst von der formalen Gleichheit vor dem Gesetz – auch eine materielle Beziehung zur Gleichheit.

Wohl heißt es „jedem das Seine“, nicht aber „jedem das Gleiche“.

Dennoch: Gerechtigkeit ist Gleichheit. Gerecht behandelt zu werden heißt: Gleicher Lohn für gleiche Leistung, gleiches Lob für gleiche Verdienste, gleiche Strafe für gleiche Verfehlungen, gleiche Rechte bei gleichen Lasten und gleicher Preis für gleiche Werte.

Wie dem auch immer sei: Aristoteles war wohl der Erste, welcher das Wesen der Gerechtigkeit erforschte und dabei zu der Erkenntnis kam, dass es sowohl eine arithmetische oder ausgleichende Gerechtigkeit und Gleichheit, aber auch eine Gerechtigkeit gibt, die sich an der vorhandenen Ungleichheit orientierte. Damit hat er für alle Zeiten Grundlegendes herausgearbeitet.

Das ungeheuere Gerechtigkeitspathos, mit dem diese Forderung nach Gleichbehandlung zur Geltung gebracht wurde und wird, deutet darauf hin, dass es dabei um Dinge geht, die nicht mehr mit rein rationalen Maßstäben zu messen sind.

Warum? Hinter der Forderung der gleichen Rechte steckt nämlich nichts anderes als eine bestimmte Weltanschauung.

Kurzum: Ein metaphysischer oder religiöser Glaube, ein Menschenbild, das nicht einfach der Wirklichkeit abgeschaut, sondern aus der Tiefe einer religiösen Gesamtschau heraufgeholt, oder - als eine von der Vernunft konzipierte Ideologie sozusagen zum Maßstab aller Dinge erklärt wird - verbunden mit allen Problemen der Unlösbarkeit, die sich daraus in der Praxis ergeben, darauf sei an dieser Stelle nur hingewiesen.

Die Realität: Menschen sind, rein empirisch betrachtet, einander sowohl gleich als auch ungleich. Die eigentliche Frage der Gerechtigkeit aber ist immer die, ob die Gleichheit oder die Ungleichheit das Wesentliche ist, ob man trotz der tatsächlichen Ungleichheit der Menschen gleich, oder ob man sie trotz der tatsächlichen Gleichheit ungleich behandeln muss.

Bei dieser Frage ist die formale Analyse der Gerechtigkeitsidee, die Gegenstand dieses kurzen Aufsatzes ist, sozusagen an ihrem Ende angekommen, denn hier beginnt ein Fragen, das, um der Gerechtigkeit willen, in metaphysische und Glaubensgründe und auch in ideologische Abgründe hineinführt.

Wie dem auch immer sei:

Es herrscht der Glaube vor, dass jeder bekommt, was er verdient.

Römer 2, 6
Er [gemeint ist Gott] wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen.

Jakobus 3, 18
Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften.

An den zuletzt genannten „Gerechten“ fehlt es heute an allen Ecken und Kanten.

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