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Gegen das Bestehende zu sein – ist das schon Widerstand?

Freitag, 3. April 2026

Es ist ziemlich selbstverständlich, dass eine politische Bewegung, deren Zulauf darauf zurückzuführen ist, dass sich ihre Kritik gegen die bestehenden Machtverhältnisse richtet und die einen Politikwechsel einfordert, nicht einfach willkommen geheißen werden kann, das liegt in der Natur der Macht.

Und auch das ist zutreffend: Wenn der Widerstand gegen das Bestehende kräftiger wird, weil sich die Gegenbewegung Gehör zu verschaffen weiß, dann wird der Widerstand gegen diese Kraft des Bestehenden umso stärker.

Anders ausgedrückt: Das Bestehende unternimmt alles, um Kräfte zu neutralisieren, am besten sogar zu verbieten, die dem Bestehenden wirklich gefährlich werden können.

Für eine Demokratie ist das eine gefährliche Entwicklung, denn wenn eine Gesellschaft sich zu spalten beginnt und es keinen Begriff mehr von Gut und Böse gibt, bzw. zwischen richtig und falsch, dann lässt sich nur schwer entscheiden, was wirklich gut oder was wirklich böse ist oder was richtig und was falsch ist.

Menschen, denen die Unterscheidungsfähigkeit zwischen gut und böse abhandengekommen ist, die also kein Empfinden mehr für das Gute und das Böse haben, werden als Psychopathen bezeichnet. Aber auch Ideologien, Propaganda und der Wille zur Konformität können die menschliche Fähigkeit, Gutes vom Bösen zu unterscheiden, zum Schweigen bringen.

Propaganda und der Wille zur Konformität sind nämlich nachweislich dazu in der Lage, eine Reihe grundlegender psychischer Fähigkeiten zu unterdrücken, etwa die Unterscheidung von wahr und falsch sowie das fehlende Bewusstsein zwischen Handlungen und Unterlassungen und den damit jeweils verbundenen Folgen.

Schon der Prophet Jesaja warnte zu seiner Zeit vor moralischen Verdrehungen und vor dem Hochmut der Selbstüberschätzung.

Jesaja 5:20, 21

20 Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, / die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, / die das Bittere süß und das Süße bitter machen.

21 Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind / und sich selbst für klug halten.

Wie dem auch immer sei: Wer sich selbst für klug und im Besitz der Wahrheit wähnt, hält andere für dumm und verlogen. Solch ein Zustand führt aber zu nichts anderem, als zur Spaltung einer Gesellschaft. Diese Spaltung hat in Deutschland bereits Gestalt angenommen, denn auch in der deutschen Demokratie gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens mehr darüber, was eine Aussage wahr oder falsch macht, geschweige denn, was gut oder böse ist.

Im Gegenteil: Die Anzahl derjenigen, die ihre eigenen Meinungen für absolute Wahrheiten halten, nimmt in einem besorgniserregenden Maße zu, was in einer Gesellschaft, der es sowieso an einem alle miteinander verbindenden Gemeinschaftssinn mangelt, nicht gut sein kann.

Das, was wir zurzeit erleben, ist durchaus vergleichbar mit dem Turmbau zu Babel. Auch dort sorgte die Sprachverwirrung der Menschen dazu, dass ihre Macht als Gemeinschaft zerbrach. Was übrig blieb, das waren lediglich die Begriffe, die aber heute wiederum mit so vielen unterschiedlichen Bedeutungsinhalten verwendet werden, dass trotz gleicher Wortwahl niemand mehr weiß, was eine Demokratie eigentlich ist, denn jeder versteht darunter etwas anderes.

1. Mose 11:1-9
Der Turmbau zu Babel

1 Die ganze Erde hatte eine Sprache und ein und dieselben Worte. 2 Als sie ostwärts aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. 3 Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. 4 Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. 5 Da stieg der HERR herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen. 7 Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. 8 Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. 9 Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.

Die Soziologie von heute spricht nicht vom Turmbau zu Babel, sondern von Devianz.

Devianz bezeichnet in der Soziologie und in der Kriminologie Verhaltensweisen, die gegen soziale Normen, Erwartungen oder Gesetze einer Gesellschaft verstoßen. Es handelt sich um abweichendes Verhalten, das soziale Reaktionen wie Sanktionen, Isolation oder Kontrolle hervorrufen kann. Devianz umfasst auch normbrechende Handlungen im Alltag und somit auch Meinungen jenseits von gut und böse.

Anders ausgedrückt: Devianz ist bedauerlicherweise der gesellschaftliche Normalzustand von heute.

Philip Manow: Die aktuelle Populismus- und Demokratiekrisenforschung ist eine Forschung über politische Devianz. Ihre Leitfrage lautet, wenn man es etwas zuspitzen und unvermittelt formulieren will:

Was ist nur mit den Leuten los?

Philip Manow. Unter Beobachtung. Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde. Suhrkamp 2024, Seite 85

Diese Frage: "Was ist nur mit den Leuten los?", stellt sich heute fast täglich, insbesondere auch im Hinblick auf den Geisteszustand führender Politiker.

Warum?

Es ist ziemlich selbstverständlich, dass eine vom Mainstream abweichende Meinung oder Überzeugung sich an der Kritik des Bestehenden entzündet und in der Feststellung mündet: "So kann und darf es nicht weitergehen!"

Um diese Bewegung zu stoppen, und das ist die einzige legitime Form des Widerstands dagegen, ist die Bereitschaft zum Miteinanderreden.

Bereits Aristoteles (384 - 322 vor unserer Zeit) lehrte, dass, um die Wahrheit finden zu können, zuerst einmal die Meinung derer zu bedenken sei, die anders urteilen.

Der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry (1871 - 1945) beschrieb die Grundvoraussetzungen, die zur Wahrheitsfindung erforderlich sind, wie folgt:

Paul Valéry: Das Erste, das der zu tun hat, der eine Meinung widerlegen will, ist dies: Er muss sie sich ein wenig besser zu eigen machen als der, welcher sie am besten verteidigt.

Zitiert nach: Josef Pieper, Thomas von Aquin - Leben und Werk. Topos-Verlag 2014 - Seite 86


Anders ausgedrückt: Wer die Meinung von Andersdenkenden widerlegen will, muss sie zuerst einmal in Gänze verstanden haben, um ihr mit Argumenten begegnen zu können, die überzeugender sind.

Warum?

Schon im Mittelalter lehrte Thomas von Aquin an der damals führenden Universität in Paris (1252 bis 1259), wie sich eigentlich unvereinbare Ansichten, Meinungen und Überzeugungen dennoch zu Wahrheiten verbinden lassen, gemeint ist die Wahrheit des katholischen Glaubens mit der Wahrheit der aristotelischen Lehre.

Als Mittel dazu hielt Thomas von Aquin den Disput für die einzige Möglichkeit, Gegensätze miteinander verbinden zu können, womit er ein kontrovers geführtes Gespräch, also ein Streitgespräch über einen bestimmten Gegenstand meinte, das möglich sei, wenn sich die Streitenden gegenseitig respektieren würden.

Thomas von Aquin: Man muss sie beide lieben, sowohl die, deren Meinung wir teilen, als auch die, deren Meinung wir ablehnen. Beide nämlich haben sich gemüht um der Erforschung der Warheit willen, und beide haben und hierin Hilfe geleistet.

Zitiert nach: Josef Pieper, Thomas von Aquin - Leben und Werk. Topos-Verlag 2014 - Seite 87

Dass dies gefährlich sein kann, dürfte nachvollziehbar sein, denn wenn sich beim Verstehen der Meinung von Andersdenkenden sich herausstellen sollte, dass deren Argumente besser sind, als das, was bisher für wahr gehalten wurde, dann befindet sich eine solchermaßen in ihrem Weltbild erschütterte Person in einer echten Identitätskrise.

Vielleicht vermag ein Zitat von Immanuel Kant das damit verbundene Unwohlsein zu relativieren, das sich einstellt, wenn jemand erkennt, dass sein Denken der Korrektur bedarf.

Immanuel Kant: Widerlegt zu werden ist [...] keine Gefahr, wohl aber, nicht verstanden zu werden.

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