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Die Tugend der Tapferkeit

Donnerstag, den 12. Februar 2026

Tapferkeit, diese Tugend wurde im Mittelalter als eine besondere Form des Mutes bezeichnet. Sie setzt die Bereitschaft voraus, auch »Verwundungen« ertragen zu können, denn »das Wesen der Tapferkeit besteht darin, sich gegen die Übermacht des Bösen behaupten zu wollen«, so Josef Pieper in seinem Essay »Vom Sinn der Tapferkeit«.

Das bedeutet: Wer tapfer ist, nimmt - zur Verteidigung der Wahrheit - erforderlichenfalls Verletzungen, im Extremfall sogar den eigenen Tod in Kauf.

Übertragen auf die Wirklichkeit von heute bedeutet das, dass der Mutige den Mut aufbringt, sich unbeliebt zu machen, was so weit gehen kann, auf gewissen Positionen nicht mehr tragbar zu sein.

Josef Pieper: Die Tapferkeit ist, obwohl sie vom Menschen das Schwerste einfordert, doch nicht die erste und größte unter den Tugenden. Denn nicht das Schwere und nicht die Anstrengung machen die Tugend aus, sondern einzig das Gute.

Josef Pieper. Schriften zur philosophischen Anthropologie und Ethik. Das Menschenbild der Tugendlehre. Vom Sinn der Tapferkeit. Meißner Verlag 2006.

Wie dem auch immer sei: Als Tapferkeit bezeichnet Josef Pieper »nicht irgendein Sich-Einsetzen für irgendwas«, sondern nur eine Selbsthingabe, die der Vernunft, und das heißt, dem wahren Wesen und dem wahren Wert der wirklichen Dinge gerecht zu werden vermag. Echter Mut und somit auch echte Tapferkeit setzen deshalb immer eine richtige Einschätzung der Dinge voraus, sowohl derer, die man »zu opfern bereit ist« als auch derer, die man durch den Einsatz zu bewahren oder zu gewinnen hofft.

Mit anderen Worten: Ohne die gerechte Sache gibt es keinen Mut und auch keine Tapferkeit.

Während Mut eher innere Geisteshaltung ist, erfordert Tapferkeit eher ein Standhalten, also die Bereitschaft, sich nicht unterkriegen lassen zu wollen.
Übertragen auf die politischen Gegebenheiten im Hier und Heute fordert Mut und Tapferkeit somit nicht nur Politiker, sondern im Prinzip einen jedermann dazu auf, mutig und tapfer sich für das Gute und für das Richtige einzusetzen.

In Einer Demokratie dürfte das jedoch nur selten Begeisterungsstürme auslösen, denn, um Michel Foucault zu folgen, ist die Demokratie nicht dazu in der Lage, der Wahrheit einen Platz einzuräumen, die den französischen Philosophen dazu bewogen hat, folgende Frage zu formulieren:

Michel Foucault: Warum ist die Demokratie ein so schwieriger, so unwahrscheinlicher, so gefährlicher Ort für das Auftreten der Wahrheit?“

Michel Foucault. Der Mut zur Wahrheit. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2012, Seite 87

Die Antwort auf diese Frage lautet: Es gibt so wenige Menschen wie Sokrates, die dazu bereit sind, nicht nur für die Wahrheit zu kämpfen und für sie einzustehen, sondern auch für die Wahrheit zu sterben.

Wie dem auch immer sei: Auch in den modernen Demokratien von heute setzt das Wahrsprechen immer noch nicht nur Mut und Tapferkeit, sondern auch die Bereitschaft voraus, dafür erforderlichenfalls einen hohen Preis zu zahlen.

Das gilt es zu ändern: Gelingen kann das aber nur dann, wenn sich die gewählten Abgeordneten wieder als dem Volk und dem eigenen Gewissen verpflichtet fühlen und, darüber hinausgehend, dazu bereit sind, der eigenen Partei zu widersprechen, wenn die Parteilinie für falsch ghalten wird oder bei einer Abstimmung im Parlament der Partei zuzustimmen, die das Richtige will.

Undenkbar in der Parteiendemokratie im Deutschland von heute.

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