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Die Tugend des Mutes

Mittwoch, den 11. Februar 2026

Mut ist die Tugend, die für Gerechtigkeit eintritt.
Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.)

Mut und Tapferkeit sind Tugenden, die Gegenstand tiefgehender Überlegungen im abendländisch-christlichen Denken gewesen sind und deren »Denkergebnisse« heute möglicherweise aktueller sind, als sie das jemals waren.

Die heute wohl bekannteste Textstelle über den Mut stammt aber von Immanuel Kant, der in einem Aufsatz aus dem Jahre 1784 Antworten auf die Frage formulierte, die da lautete: »Was ist Aufklärung?«. Bereits in den Einleitungssätzen seines Essays machte Immanuel Kant deutlich, was einzufordern ist.

Immanuel Kant: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes, ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Im christlich-abendländischen Denken bedeutet Mut aber nicht, frei von Angst zu sein. Mut ist vielmehr die Fähigkeit, die Angst mit einem Willen zu überwinden, der stärker und selbstloser ist als die Angst.

Mut ist somit eher eine innere Haltung.

Mut ist deshalb auch die herausragende Tugend aller Heldinnen und Helden der Geschichte, denn Mut dient nicht nur dazu, die Angst zu überwinden, sondern auch die Wahrheit zu sagen und sie auch zu ertragen. Von den Heldinnen und Helden wird aber nicht nur Mut, sondern auch Tapferkeit erwartet, worin vorrangig die Fähigkeit zu sehen ist, standhaft zu sein, sich nicht zurückdrängen zu lassen bzw. den Mut aufzubringen, etwas zu erdulden, zu erleiden, zu ertragen.

Nach christlich-abendländischer Tradition ist Mut, um den es hier vorrangig geht, eine Seelenstärke, sozusagen die Vorbedingung für jegliche Tugend, und somit ein Dreh und Angelpunkt christlicher Lebensführung. Übertragen auf die Welt von heute lässt sich Mut wie folgt definieren.

Mut zu haben bedeutet, seine eigenen Überzeugungen auszusprechen, auch wenn sie nicht im »Mainstream« liegen.

Michel Foucault spricht in diesem Sachzusammenhang gesehen vom Mut des »Wahrsprechens«, für das er aber lieber das griechische Wort »parrhesia« verwendet, womit er eine Tugend meint, die darin besteht, frei zu reden, also den Mut aufzubringen, der erforderlich ist, um etwas beim Namen zu benennen (rückhaltlose Offenheit bei der Benennung von Missständen).

Diese Tugend, so Michel Foucault, erfordert viel Mut, weil dadurch die Zuneigung von Freunden verspielt und möglicherweise sogar der Zorn der Macht sich gegen den Mutigen richtet.

Diese Art des Wahrsprechens setzt nämlich voraus, dass der Redner weiß, dass das, was er sagt, wahr ist. Und weil er den dazu erforderlichen Mut aufbringt, die Wahrheit auszusprechen, ist er sogar dazu bereit, die damit verbundenen Konsequenzen zu ertragen.

Mit anderen Worten: Die Wahrheit zu sagen erfordert auch heute nicht nur Mut, sondern auch die Bereitschaft, an erkannten Wahrheiten beharrlich festzuhalten, beziehungsweise diese abzulehnen, soweit sie sich im Widerspruch zu anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen befinden.

Wie dem auch immer sei: Mut ist jedenfalls etwas anderes als das, was heute unter Mut verstanden wird, gemeint ist der Mut zum Risiko und der damit verbundenen Hoffnung, dass es schon gut gehen wird, und wenn nicht? Dann müssen -so die Rechtfertigung von Regierungsmitgliedern für ihre Fehlentscheidungen – halt andere dafür aufkommen, nämlich die, in deren Namen die politische Elite gehandelt zu haben vorgibt.

Während der Mutige im abendländisch-christlichen Denken das Gute und Richtige will, und sich dafür mit seiner gesamten Person einsetzt, handelt es sich bei dem Mutigen von heute eher um einen Spieler, der hofft, dass sein Mut ihn zum Erfolg bringen wird, was das auch immer sei.

Mut im christlich-abendländischen Denken setzt hingegen Eigenschaften voraus, die heute eher selten anzutreffen sind. Vor allen Dingen Klugheit und die damit verbundene Bereitschaft, Gerechtigkeit walten lassen zu wollen.

Die Frage, die sich in diesem Sachzusammenhang in einer Demokratie stellt, lautet: Warum ist die Demokratie ein so schwieriger, so unwahrscheinlicher, so gefährlicher Ort für das Wahrsprechen?

Michel Foucault: Den wesentlichen und gewissermaßen strukturellen Grund [für die Abwesenheit von parrhesia in einer Demokratie] haben wir gesehen: Er bestand in der Unmöglichkeit des politischen Umfeldes der Demokratie, der ethischen Differenzirung einen Platz und Ort einzuräumen (S. 87).

Im Fall der Demokratie war der Grund dafür, dass die parrhesia nicht angenommen wurde, dass man nicht auf sie hörte und dass, selbst wenn sich jemand fand, der den Mut hatte, von der parrhesia Gebrauch zu machen, er eher beseitigt als geehrt wurde, eben die Tatsache, dass die Struktur der Demokratie nicht gestattete, die ethische Differenzierung anzuerkennen und ihr einen Platz einzuräumen. Die Abwesenheit eines Ortes für das ethos in der Demokratie ist dafür verantwortlich, dass die Wahrheit dort keinen Platz findet und nicht gehört werden kann (S. 92).

Michel Foucault. Der Mut zur Wahrheit. Suhrkamp. Erste Auflage 20121

In Abgrenzung zu Solon, dem ersten Staatsmann der Weltgeschichte im antiken Griechenland (640 bis 560 v. Chr.), der das Wort nur dann ergriff, wenn die Dringlichkeit es von Zeit zu Zeit von ihm erwartete, aber ansonsten „sich in das Schweigen seiner eigenen Weisheit zurückzog“, so heißt es bei Michel Foucault, handelt es sich bei Sokrates um einen Mann, der seine Stellung hält, vergleichbar mit einem Soldaten, der sich einen Brustpanzer überstreift, um so gerüstet auf einer Volksversammlung aufzutreten, um dort die Wahrheit erstrahlen zu lassen.

Der Demokratie von heute wäre schon geholfen, wenn es im Parlament Wahrsprecher gebe, die sich zumindest mit den Grundzügen der parrhesia auseinandergesetzt hätten, deren erste Regel lautet: lüge und täusche nicht.

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