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Spiegelsplitterwahrheiten Die Tugend der Klugheit Dienstag, den 10. Februar 2026
Gegen
eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit an. Das muss geändert werden, denn schon Demokrit schrieb:
Aus
der Klugheit erwachsen drei Früchte: wohl denken, wohl reden, wohl
handeln. Klugheit, dahingehend stimme ich mit Josef Pieper (1904 bis 1977) überein, bedeutet, dem Guten Geltung zu verschaffen, was aber nur auf der Basis bestmöglichen Wissens über die gesellschaftliche Wirklichkeit realisierbar ist. Dafür reichen weder »gute Absichten« noch »gute Meinungen« aus. Klugheit fordert deshalb die »rechte Verfassung der praktischen Vernunft« ein, weil sie sowohl erkennend als auch beschließend ist. Klugheit ist somit nichts anderes, als das Erkennen dessen, was wahr und gut ist. [En01] Wie dem auch immer sei: Politische Klugheit, so wie diese Tugend in einer Demokratie zu verstehen ist, setzt immer voraus, im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln, was bedeutet, dass erforderlichenfalls Eigeninteressen, auch die von Staaten, zurückzustellen sind. Diesbezüglich heißt es bei Josef Pieper: »Der erste Akt des Willens rührt nicht her aus dem Befehl der Vernunft, sondern aus dem Anstoß der Natur oder einer höheren Kraft«, womit im hier zu erörternden Sachzusammenhang die Interessen der »Vielen« gemeint sind, denn die Interessen des Einzelnen, wenn sie überbewertet werden, haben nichts anderes als Narzissmus zur Folge, was dem Allgemeinwohl auf Dauer nur Schaden zufügen kann. Klugheit setzt insoweit die Bereitschaft voraus, sich der Wahrheit zu stellen, um aus ihr im Rahmen des menschlich Möglichen das best Mögliche machen zu wollen. Insoweit kann festgestellt werden, dass es nicht der Zweck der Klugheit ist, über die letzten Ziele des eigenen Lebens oder gar über die Zukunft der gesamten Menschheit Bescheid wissen zu wollen. Diese Ziele sind nach christlich-abendländischem Denken vorgegeben, zumal sie sich sowieso auch der menschlichen Vorstellungskraft entziehen. Wahr im Sinne der hier zu erörternden Klugheit kann deshalb nur das zurzeit verfügbare menschliche Wissen sein, auf dessen Grundlage kluge Entscheidungen zu treffen und in die Tat umzusetzen sind. [En02] Mit anderen Worten: Ohne den Willen zum Guten und zum Richtigen im »Hier« und im »Jetzt« bleiben alle Bemühung bei der Suche nach »überzeugenden Problemlösungen« nichts als leere Geschäftigkeit und Selbstbetrug. Mit Klugheit hat das nichts zu tun. Übertragen auf die Aufgabe von Abgeordneten, die vom Volk gewählt werden und deren Aufgabe es ja zu sein hat, dem Allgemeinwohl zu dienen, kann das für Abgeordnete nur eines bedeuten: im Sinne des Allgemeinwohls sowohl notwendige als auch richtige Entscheidungen zu treffen, und zwar richtige Entscheidungen über »das konkret zu Tuende« und zwar so, wie es aus der Sicht des jeweilig zu entscheidenden Abgeordneten »jetzt getan werden muss«. Bezug nehmend auf Paul Claudel heißt es dazu bei Josef Pieper: »Es sei die Klugheit, die »geduldige Leuchte, die uns nicht das Künftige bezeichnet, sondern das Unmittelbare«, das, was jetzt richtigerweise getan werden muss. Und in diesem Sinne beschreibt Josef Pieper die »Tugend der Klugheit als das vollendete Können, wirklichkeitsgerechte Entscheidungen zu treffen«. [En03] Wer diese Grundhaltung in sich kultiviert, der kann als klug bezeichnet werden, und für den gilt dann auch der Satz: »Tue was du willst!«, denn das, was ein kluger Mensch wollen will, das ist immer nur das Gute/Richtige. Gutes, beziehungsweise Richtiges zu tun bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das, was zu tun ist, ausschließlich dem menschlichen Wohlbefinden dienen muss. Richtig handelt auch derjenige, der eine erkannte Gefahr oder den Eintritt eines drohenden Schadens von der Allgemeinheit nur dadurch abwenden kann, indem zum Beispiel Besitzstände, Rechte, Vorteile oder Nießbrauchsrechte einschränkt, möglicherweise sogar ganz aufgehoben werden müssen. Dass solchermaßen »richtiges« Handeln auch in einer Demokratie auf Widerstände stößt, liegt in der narzisstischen menschlichen Natur begründet, hier zu verstehen als der zum Menschen gehörende selbstbezogene, egoistische und ichbezogene Charakter, der den Eigennutz meist über den des Allgemeinwohls stellt. Das war aber nicht immer so, sondern diese Überbewertung des eigenen »ICH« entstand erst in einer Zeit, die von Christopher Lasch so treffend als »Das Zeitalter des Narzissmus« bezeichnet worden ist. Diese Zeit begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, um sich dann in den 1970er Jahren bis heute zu einer Volkskrankheit zu entwickeln, die zwischenzeitlich sogar erkennbare gesellschaftsbedrohende Ausmaße angenommen hat. [En04] Wer heute von den wirklich Reichen einen Steuersatz von 90 % einfordern würde, dem würde landauf und landab empfohlen, sich sofort in ärztliche Behandlung zu begeben. Vor 70 Jahren waren aber nicht nur im zerstörten Nachkriegsdeutschland, sondern auch in den USA die Vermögenden dazu bereit, Steuersätze von 90 % zu zahlen. Heute würde das als staatlich legitimierter Raub angesehen. Wie dem auch immer sei: Um kluge Entscheidungen im Sinne des Allgemeinwohls treffen zu können, bedarf es der Einsicht, dass nur das eigene Gewissen und nur die eigene Vernunft für Abgeordnete der alleinige Maßstab für kluge, gerechte, mutige und maßvolle Entscheidungen sein kann. So steht es im Übrigen auch im Grundgesetz. Art 38 Abs. 1 GG (1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. Solche Abgeordnete braucht dieses Land, denn Abgeordnete, die nur das akzeptieren und umsetzen, was ihre Partei von ihnen einfordert, denken nur an ihre politische Zukunft, die nur ein Ziel haben kann: einen sicheren Listenplatz auch bei der nächsten Wahl. Das in Frage zu stellen, setzt Mut und Tapferkeit voraus. Ohne diese Tugenden würde Klugheit im Sinne abendländisch-christlichen Denkens auch kaum zur Anwendung kommen können, denn das Ganze - das Richtige nicht nur zu tun, sondern dazu auch verpflichtet zu sein – ist mehr als die Summe einzelner Teile. Klugheit kann somit nicht als eine isolierte Tugend betrachtet werden. Zu ihr gehören auch die anderen weltlichen Tugenden, als da sind: Gerechtigkeit, Mut und die Bereitschaft zum Maßhalten. Quellen
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