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Demokratie versus
Weltherrschaft
Inhaltsverzeichnis
01 Von der Volkssouveränität zur
Weltherrschaft? 02 Anfänge der Demokratie
03 Das Wiedererwachen der Demokratie 04
Die erste Demokratie der Neuzeit 05
Die liberale Demokratie nach 1945 06
Das Ende der Geschichte 07
Die Krise der liberalen Demokratie 08
Demokratie im Niedergang 09 Fiktive Rede
eines Weltherrschers
10 Die Botschaft von Wladimir
Solowjow
01
Von der Volkssouveränität zur Weltherrschaft
TOP
Geschichte ist ein Prozess,
ein Geschehen durch die Zeit. Sie geht halt ihren Gang. Will man
dieses Dahingehen verstehen, dann ist das nicht vorstellbar,
ohne die Frage nach dem
Woher
mit der Frage nach dem
Wohin
zu verbinden. Da es über den Anfang und das Ende der Geschichte
keine menschliche Erfahrung gibt, lassen sich die Anfänge und
das Ende eines konkreten Geschichtsverlaufs nicht im absoluten
Sinne erfassen. Jedes Verstehen der Vergangenheit ist somit ein
Konstruieren bzw. ein Hineindenken in eine Lebenswirklichkeit,
die nicht mehr
erfahren werden
kann.
Während die Anfänge
einer geschichtlichen Epoche erforscht und im Rahmen des
menschlich Möglichen beschrieben werden können, ist dies für das
Ende der Geschichte nicht möglich, denn das „Ende der Zeit“ kann
nicht in einem absoluten Sinn verstanden werden. Diese
Überlegungen voraussetzend versteht sich dieser Aufsatz als ein
Versuch, aufzuzeigen, dass sich Geschichte so lange als ein
Entstehen und einem sich daraus ergebenden Wachsen zeigt, bis
eine geschichtliche Epoche, sobald sie ihren Höhepunkt
überschritten hat, dem Verfall ausgeliefert ist.
02
Anfänge der Demokratie
TOP
Die Demokratie hat sich,
aus geschichtlicher Perspektive betrachtet, sozusagen in Wellen
entwickelt, deren Anfänge aus philosophischer Sicht nur Chaos
erwarten ließen, denn sowohl Platon als auch Aristoteles gingen
davon aus, dass die Herrschaft des Pöbels, so ihre Definition
von Demokratie, in Tyrannei enden müsse.
Ihre Sicht der Dinge
scheint wohl zutreffend gewesen zu sein, denn die attische
Demokratie dauerte ja auch nur gut 150 Jahre. Ihren Höhepunkt
„erlebte“ sie im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Danach
geriet die Idee der Demokratie in Vergessenheit.
03
Das Wiedererwachen der Demokratie
Die Zeit der Aufklärung,
die das 17. und das 18. Jahrhundert prägte, legte durch ihre
Ideen von Vernunft, Freiheit und Gleichheit den Grundstein für
das moderne Demokratieverständnis. Philosophen forderten nicht
nur Gewaltenteilung, sondern auch Volkssouveränität und
Menschenrechte ein. Ihr Ziel war es, dem Absolutismus sozusagen
den Garaus zu machen.
Im Gegensatz zum
Fürstenstaat sollte in Zukunft staatliche Macht auf einem
Vertrag zwischen freien Bürgern und nicht auf göttlichem Recht
beruhen, und staatliche Macht im Übrigen auch nur zeitlich
beschränkt auf gewählte Personen übertragen werden, deren
Aufgabe es zu sein hatte, dem Allgemeinwohl zu dienen.
04
Die erste Demokratie der Neuzeit
TOP
Die wurde bekanntermaßen
in den USA ins Leben gerufen, obwohl die Verfassungsväter dabei
vorrangig an eine Republik dachten, denn einer Volksdemokratie
standen sie eher ablehnend gegenüber, zumal in dieser ersten
Demokratie der Neuzeit nur die Besitzenden ein Wahlrecht hatten.
Nur zur Erinnerung:
Demokratie wurde damals als
Herrschaft der Vielen über die Vielen abgelehnt. In den
Federalist
Papers kann zumindest nachgelesen werden, dass die
Verwirklichung einer Demokratie einem Anschlag auf die Gesetze
der Vernunft gleichkommen würde.
Nr. 55
Federalist
Papers:
In allen Versammlungen mit sehr vielen Teilnehmern, aus welcher
Art von Menschen sie sich auch zusammensetzen, gelingt es der
Leidenschaft doch immer, der Vernunft das Zepter zu entreißen.
Wäre auch jeder athenische Bürger ein Sokrates gewesen, so wäre
doch immer noch jede Versammlung der Athener eine des Pöbels
gewesen.
James
Madison:
Federalist
Papers. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1993, Nr.
55, Seite 339
05
Die liberale Demokratie nach 1945
TOP
Nach dem
Ende des Zweiten Weltkrieges entstand sowohl in den USA als auch
in den weitgehend zerstörten Staaten Europas zumindest im Westen
liberale Demokratien, die sich wie folgt skizzieren lässt. Bei
der liberalen Demokratie handelt es sich um eine Staatsform, die
freie Wahlen und demokratische Mitbestimmung mit dem Schutz
individueller Freiheitsrechte und mit Rechtsstaatlichkeit
verbindet. Sie begrenzt staatliche Macht durch eine Verfassung,
durch Gewaltenteilung und durch einen Minderheitenschutz.
Dadurch soll die „Tyrannei der Mehrheit“ verhindert werden. Zu
den Grundpfeilern der liberalen Demokratie gehören:
Menschenrechte, Meinungsfreiheit und freie Wahlen und auch der
Minderheitenschutz.
Diese
Demokratie lebte davon, dass sich die Vertreter dieser
Staatsform konsequent gegen den Kommunismus wehrten, denn um das
Gute sowohl erhalten als auch fördern zu können, womit in Kürze
der Kern der „liberalen Demokratie“ durchaus zutreffend
definiert werden kann, gehörte natürlich auch der Feind des
Bösen, also der Kommunismus, der benötigt wurde, um der
liberalen Demokratie die Kraft zu geben, sich nicht nur
behaupten, sondern sogar durchsetzen zu können. Diese Zeit wird
als die Epoche des Kalten Krieges bezeichnet, in der die
liberale Demokratie nicht nur ihren Höhepunkt erreichte, sondern
diesen auch, beginnend mit den 1970er Jahren überwand, was aber
weiterhin als Fortschritt definiert wurde.
06
Das Ende der Geschichte
TOP
Als sich
am 26. Dezember 1991 die UdSSR selbst auflöste, feierte die
liberale Demokratie dies als einen epochalen Sieg.
Wie dem auch immer sei:
Bereits 1989 – vor dem Fall der Berliner Mauer – hatte der
US-amerikanische Politikwissenschaftler
Yoshihiro
Francis Fukuyama mit seinem Essay „The End of History?“,
sozusagen einen Sturm der Empörung ausgelöst, als er das Ende
der Geschichte verkündete.
Hauke Ritz:
Damit meinte
Fukujama
eine historische Wirklichkeit, in der die bürgerliche und
liberale Gesellschaft das alleinige noch existierende
Gesellschaftsmodell sei, das in der nunmehr vor uns liegenden
Zukunft Bestand haben könnte, wodurch sich Geschichte in von ihm
gemeinten Sinne erübrigen würde, denn Geschichte würde
Bipolarität, also miteinander konkurrierende
Gesellschaftsmodelle voraussetzen.
Dass
sich die Vorstellungen von Unipolarität oder Geschichtslosigkeit
als Irrtümer erwiesen haben, das dürfte heute wohl niemand mehr
bezweifeln wollen, der mit offenen Augen durchs Leben geht.
Warum?
Hauke Ritz:
[1991]
wurde schnell klar, dass man das durch den Zerfall des
Warschauer Vertrages und der Sowjetunion entstandene Machtvakuum
füllen würde, dass man sich an die Absprachen mit Gorbatschow
ausdrücklich nicht halten würde und darauf vorbereitet war, die
geschlossenen Verträge zu unterhöhlen. 1999 kam es zur ersten
Erweiterungsrunde der NATO, die zur Mitgliedschaft Polens,
Tschechiens und Ungarns führte. [...]. Es hätte [sogar] die
Möglichkeit bestanden, die gesamte NATO umzuwidmen, indem z. B.
Russland selbst [der NATO] beigetreten wäre.
Hauke Ritz.
Vom Niedergang des Westens zur Neuorientierung Europas.
Promedia-Verlag.
3. Auflage 2025, Seite 36
Das aber
wollte im Westen niemand, denn dort ging man davon aus, die
Schwäche Russlands ausnutzen zu müssen, um einen tot geglaubten
Staat den eigenen Interessen einverleiben zu können, nein
einzuverleiben zu müssen. Die Zeichen standen auf Hegemonie der
liberalen Demokratie.
07
Die Krise der liberalen Demokratie
TOP
Eine
Krise der liberalen Demokratie ist vielleicht wirklich eine
Krise der liberalen Demokratie, nicht aber unbedingt auch eine
Krise der Demokratie.
Warum?
Es waren
die Triumphe der Demokratie in den 1980er und 1990er Jahren,
deren politische Erscheinungsformen den Keim ihrer gegenwärtigen
Krisen bereits in sich trugen. So wie es war, war ja alles gut.
Alle fühlten sich mit dem bestehenden Status quo verbunden, der
als ein zeitloser dauerhafter Status verinnerlicht wurde.
Anders ausgedrückt:
Dieses Denken führte dazu, zu vergessen, dass auch der Status
quo einer Demokratie, wie alles im Leben, der Veränderung
unterliegt, und ein Festhalten, an welchem Status quo auch
immer, auf Dauer gesehen nichts als Probleme entstehen lassen
kann.
Wie dem auch immer sei:
Veränderungen, die sozusagen demokratieverändernd wirken, lassen
sich nur schwer benennen, denn uns fehlt schlichtweg die Sprache
dafür, ein Abdriften der Demokratie hin zu einer anderen Form
der Demokratie, gemeint ist die autoritäre Autoritäre zu
verstehen, geschweige den überzeugend „nachzuerzählen“.
Anders ausgedrückt:
Die
liberale Demokratie – die Demokratie, die heute sich sozusagen
auf dem Rückzug befindet – wurde in den 1990er Jahren
institutionell verwirklicht, indem zwei Entwicklungspfade
sozusagen aufeinanderprallten, denn in den Ländern, gemeint sind
Polen, Ungarn und die Slowakei und natürlich auch im
wiedervereinigten Deutschland, hatten ja in den zurückliegenden
Jahrzehnten – zumindest in den Beitrittsländern – ganz andere
politische Vorstellungen von dem bestanden, was in den
westlichen Staaten unter Demokratie verstanden wurde.
Ich will mich kurzfassen:
Das, was in den östlichen Ländern gedacht wurde, das fassten der
zwischenzeitlich verstorbene deutsche Philosoph Jürgen Habermas
(1929–2026), und der britische Historiker Garton Ash (* 1955)
und andere „Geistesgrößen“ dieser Zeit wie folgt zusammen:
Im Osten
nichts Neues.
Anders ausgedrückt:
Die neu Hinzugekommenen hatten sich anzupassen. Wer Demokrat
sein wollte, der hatte das westliche Demokratieverständnis
möglichst schnell und widerspruchslos zu verinnerlichen und den
Rest möglichst umgehend zu vergessen.
Die sich
daraus ergebende Abwehrhaltung derjenigen, denen sozusagen die
Unfähigkeit unterstellt wurde, überhaupt demokratisch denken zu
können, führten dazu, das dort vorhandene Demokratieverständnis
als demokratiefeindlich, antidemokratisch und nationalistisch zu
diskreditieren.
08
Demokratie im Niedergang
TOP
Eine
Demokratie, die für sich in Anspruch nimmt, eine Hegemonialmacht
sein zu wollen, nach deren Regeln sich alles zu richten hat,
kann auf Dauer gesehen keine Demokratie bleiben, denn Hegemonie
bedeutet ja, über andere bestimmen zu können. Der damit
verbundene missionarische Eifer sollte auch denen „aufgezwungen
werden“, die noch in
vordemokratischen
Systemen lebten, denn zur Staatsform der Demokratie gehörte
sozusagen
per definitionem
der Anspruch auf Weltherrschaft.
Solch
eine Anmaßung gehört nach der hier vertretenen Überzeugung in
das Reich der Phantasie, denn sollte es einmal tatsächlich zu
einer Weltherrschaft kommen, dann würde es sich bei dieser
Herrschaft um eine Pseudo-Ordnung handeln, die sich wirklich
niemand wünschen sollte.
Dennoch
ist die Zahl derjenigen, die sich eine Weltherrschaft, durch wen
auch immer, vorstellen können, zumindest in den USA und in
Israel, das eine Hegemonie über ein zu realisierendes Großisrael
anstrebt, durchaus bedeutsam. Um eine Demokratie wird es sich
dann aber wohl nicht mehr handeln können, wenn sich diese
Wünsche verwirklichen sollten. Dazu mehr an anderer Stelle.
Zuerst
einmal sollen diejenigen zu Wort kommen, die von einer
Weltherrschaft träumen. Dazu heißt es im Evangelium des Matthäus
wie folgt:
Mt
24, 11 – 13:
11Viele
falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele
irreführen. 12Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird
die Liebe bei vielen erkalten.
13Wer
aber bis zum Ende standhaft bleibt [und den falschen Propheten
nicht folgt], der wird gerettet werden.
Die
Vorstellung von „Demokratie als Weltherrschaft“, die von
falschen Propheten verkündet werden wird, ist ein komplexes
Thema, das oft im Kontext von Globalisierung, internationalem
Recht und der Verbreitung demokratischer Werte diskutiert wird.
Es handelt sich hierbei nicht um eine direkte Demokratie auf
globaler Ebene, sondern um verschiedene Konzepte und Debatten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Demokratie als
Weltherrschaft“ eher ein normatives Ideal oder eine strategische
Perspektive ist, als ein wirklich realisierbares Projekt.
Anders ausgedrückt:
Bei der Ideologie der Weltregierung handelt es sich um ein
utopisches Projekt ohne Aussicht auf Erfolg.
Josef Pieper:
Gesagt ist allerdings auch, dass die Menschheit unter der Macht
einer Weltherrschaft in einen neuen Aggregatzustand eintreten
wird, in den Zustand nämlich, in welchem die Herrschaft des
Antichristen
in einem nicht vergleichbar akuten Sinn möglich geworden ist:
„Eine Weltorganisation könnte die tödlichste und
unüberwindlichste aller Tyranneien, die endgültige Errichtung
der Herrschaft des Antichristen bringen.“
Josef
Pieper. Über das Ende der Zeit. Eine geschichtsphilosophische
Betrachtung. Topos-Verlag 2014. Seite 94 und 95
KI zum Antichristen:
Der Antichrist ist eine biblisch-theologische Figur, die als
Gegenspieler zu Jesu Christi auftritt, besonders in der Endzeit.
Er verkörpert laut den Johannesbriefen eine
gottfeindliche
Macht, die falsche Lehren verbreitet, Christus leugnet und sich
selbst als Gott ausgibt. Der Begriff bezeichnet sowohl eine
spezifische Endzeitgestalt als auch prinzipielle Gegner des
christlichen Glaubens.
An anderer
Stelle verweist Josef Piper (1904 - 1997) auf den britischen
Historiker Edward Gibbon (1737 bis 1794), der zu den namhaften
Aufklärern seiner Zeit gehörte und sich zum „Imperium
Romanum“
wie folgt positioniert hat:
Edward Gibbon:
Das Römische Reich war fest begründet durch den einzigartigen
und vollkommenen Zusammenhalt seiner Teile. Die unterworfenen
Völker gaben die Hoffnung und selbst den Wunsch nach
Unabhängigkeit auf und empfingen bereitwillig die Würde von
römischen Bürgern […]. Doch dieses Bündnis war mit dem Verlust
nationaler Freiheit und Wehrhaftigkeit erkauft. […]. Das Glück
von hundert Millionen war abhängig von den persönlichen
Entscheidungen von ein oder zwei Männern, vielleicht gar
Kindern, deren Charakter durch Erziehung, Luxus und despotische
Herrschaft verdorben war.
An
anderer Stelle:
Das
Reich der Römer aber füllte die Welt, und als dieses Reich einem
einzigen Mann in die Hände fiel, da wurde die Welt ein sicheres
und trostloses Gefängnis für seine Feinde.
Link zur Quelle
Es
entspricht heute sowohl dem
woken
Zeitgeist als auch dem Denken verwirrter Egozentriker, sich eine
Weltherrschaft zu wünschen und alles zu tun, um dieses Ziel zu
erreichen, denn anders lassen sich die dem Iran-Krieg zugrunde
liegenden Motive wohl kaum verstehen.
Wie dem auch immer sei:
Dass es sich bei jeder Art von Weltregierung nicht mehr um eine
Demokratie handeln kann, das dürfte zwischenzeitlich deutlich
geworden sein. Die Fragen, die es deshalb zu stellen und auf die
es eine Antwort zu finden gilt, lauten:
-
Wie kann verhindert werden, dass
sich in einer Demokratie zu viel Macht an einer Stelle
konzentriert?
-
Wie kann verhindert werden, dass
der Mensch – wie so oft – zum Sklaven seiner eigenen
Hervorbringungen wird?
-
Wie müsste eine Ordnung aussehen,
in der Autorität und Legitimation sich wieder
zusammenfinden?
Unbestreitbar dürfte sein, dass Autoritätsverfall nicht dazu in
der Lage sein wird, ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben
der Völker zu ermöglichen, denn der Autoritätsverfall ruft in
erster Linie Unsicherheit und Orientierungslosigkeit hervor.
Byung-Chul
Han:
Die Symptome der gegenwärtigen Krise der Autorität sind sehr
vielfältig. Die staatliche Autorität verblasst zur Bürokratie
und Verwaltung. Politikern fehlt jede persönliche Autorität,
jede Aura, jede Vision. Sie werden mit Shitstorms überzogen. Die
demokratischen Wahlen werden zunehmend zu einem leeren Ritual
ausgehöhlt. Systemische Zwänge schränken politische
Handlungsspielräume massiv ein. Menschen fühlen sich vom
politischen Establishment entfremdet. Soziale Medien mit Fake
News und Verschwörungstheorien untergraben die Autorität der
traditionellen Medien und die der Wissenschaft. Das moralische
Fehlverhalten der kirchlichen und pädagogischen Autoritäten
verschärft die Krise der Autorität zusätzlich. Und die
zunehmende Selbstausdehnung des Ego, das außerhalb seiner selbst
nichts gelten lässt, stelle jede Autorität infrage. Eine
Gesellschaft, in der Autoritäten nicht mehr anerkannt und
respektiert werden, verroht und zerfällt.
Byung-Chul
Han. Ohne Respekt. Eine soziale Krise. Matthes & Seitz Berlin
2026. Seite 85 und 86
09
Fiktive Rede eines Weltherrschers
TOP
In Wladimir
Solowjews
(1853 bis 1900) kurzer Erzählung vom
Antichrist
ist eine Rede enthalten, die der russische Philosoph und Dichter
den großen Weltführer sagen lässt, nachdem dieser ein Manifest
erlassen hat:
Wladimir
Solowjew:
„Völker der Erde! Meinen Frieden gebe ich euch!“, und dessen
Schlusswort lautete: „Völker der Erde! Die Gelübde sind erfüllt
– der ewige Friede der Welt ist gekommen. Jeder Versuch, ihn
irgendwie zu stören, erfährt sofort unüberwindlichen Widerstand.
Denn von nun an gebietet über diese Erde nur eine Gewalt, welche
stärker ist als alle übrigen Gewalten. Und diese durch nichts zu
bezwingende, alles überwältigende Macht ist in meinen Händen, in
mir, dem Erwählten aller Völker vereint. Das internationale
Recht hat endlich die ihm bis heute fehlende Sanktion erhalten.
Von heute an wird es kein Staat wagen, „Krieg“ zu sagen, wenn
ich „Frieden“ sage. Völker der Erde – der Friede sei mit euch.
An
anderer Stelle heißt es:
Nur
vereinzelt, an einigen Orten in Asien und Afrika blieben noch
einige unabhängige Stämme und Herrscher übrig. Doch gegen diese
unternahm der Kaiser mit einer kleinen, jedoch ausgesuchten
Armee einen Kriegszug.
Solowjew,
Wladimir. Kurze Erzählung vom
Antichrist:
Edition: nihil.interit. Kindle-Version.
Die
Erzählung gilt als eine der einflussreichsten
religiös-philosophischen Prophezeiungen des 20. Jahrhunderts.
Bleibt noch nachzutragen, was unter der Sprachfigur „Antichrist“
zu verstehen ist. Im 2.
Thessalonicher-Brief
des heiligen Paulus wird der Antichrist, der die Zeit der
Gesetzlosigkeit vor dem Kommen des Herrn ankündigt, wie folgt
beschrieben:
Thess
2, 3-4
3Lasst
euch durch nichts und niemand täuschen. Denn zuerst muss es
noch
zur
Auflehnung gegen Gott kommen. Dann erscheint auch jener Mensch,
der alle Gesetzlosigkeit in sich
vereint
und
der umkommen muss.
4Er
lehnt sich gegen alles auf und erhebt sich über alles, was man
Gott oder Heiligtum nennt. Mehr noch: Er nimmt sogar Platz im
Tempel Gottes und gibt sich selbst als Gott aus.
Auch
wenn einige der Merkmale, die sowohl in der Rede des
auserwählten Weltherrschers den Wladimir Solowjew als auch in
der Beschreibung des heiligen Paulus im Hinblick auf den
Antichristen durchaus Charakterzüge des US-Präsidenten Donald
Trump zutreffen benannt werden, kann es sich bei Donald Trump
dennoch nicht um den Antichristen der Bibel handeln, denn der
nimmt ja, in Anlehnung an Paulus, im Tempel Gottes Platz, der
aber, gemeint ist der Tempel der Juden, im Jahr 70 vor unserer
Zeitrechnung von den Römern komplett zerstört und bis heute noch
nicht wieder aufgebaut worden ist, was im Übrigen voraussetzen
würde, einen der heiligsten Orte des Islam, gemeint sind der
Felsendom und die Al-Aqua Moschee, zuvor dem Erdboden
gleichmachen zu müssen, um an gleicher Stelle dann den 3. Tempel
errichten zu können.
Wie dem auch immer sei:
Solche Vorstellungen existieren heute wieder in den Köpfen, die
sowohl in Israel als auch in den USA Regierungsverantwortung
ausüben.
Wenn Sie
sich immer noch fragen, was diese Ausführungen mit den
Demokratien von heute zu tun haben, dann ist die Verbindung sehr
schnell hergestellt: Sowohl in Israel als auch in den USA
gehören solche Vorstellungen über die Endzeit und das
anzustrebende Armageddon sozusagen zu den Leitideen einer
politischen Elite, die offensichtlich den Verstand verloren hat.
10
Die Botschaft von Wladimir Solowjow
TOP
Dieser
russische Philosoph und Dichter ging der Frage nach, was das
Böse im Menschen sei.
„Ist
das Böse nur ein natürlicher Mangel, eine Unvollkommenheit, die
von selbst verschwindet, wenn das Gute wächst?, oder ist es eine
wirkliche Kraft, die durch Verführung über unsere Welt herrscht,
so dass man einen Stützpunkt in einer anderen
Seinsordnung
braucht, um erfolgreich gegen das Böse ankämpfen zu können?
Dazu
würde aber die Überzeugung gehören, dass das Böse in der
irdischen Geschichte eine allgegenwärtige Macht ist und dass der
Mensch aufgerufen ist, am Kampf gegen die bösen Kräfte
mitzuwirken, wozu er aber keineswegs imstande ist, das Böse aus
eigenem Vermögen besiegen zu können.
Vielmehr
ist sein Herz (nach Dostojewskis berühmtem Wort) der Platz, um
den gerungen wird. In seiner Novelle „Ein schwaches Herz“ (1848)
beschrieb Dostojewski das menschliche Herz als anfällig für
überwältigende Gefühle und soziale Belastungen, die zu
psychischem Verfall führen können, wenn es dem Menschen nicht
gelingt, die Zerbrechlichkeit seiner Seele dadurch zu
harmonisieren, indem er die Realität erkennt, was dazu führt,
dass Menschen sich stets dem Kampf stellen müssen, der zwischen
Gewissen und Verstand geführt wird und oftmals das Herz als den
Schauplatz der Zerrissenheit übriglässt.
Anders ausgedrückt:
Das Herz
ist bei Dostojewski weniger ein romantisches Organ, sondern
vielmehr der empfindliche Kern der menschlichen Existenz, der
unter dem Gewicht des Lebens sowohl zerbrechen als auch
gebrochen werden kann.
In den
westlichen Demokratien von heute scheint es wieder so weit
gekommen zu sein, dass die Beeinflussung „unserer schwachen
Herzen“, dieses Wortspiel passt wirklich gut zu
„UnsereDemokratie“ zumindest wieder durch verstärktes Nachdenken
sozusagen neu justiert werden muss, damit die Demokratie nicht
verlorengeht oder sich in eine Scheindemokratie transformiert.
Um richtige
Entscheidung treffen zu können, bedarf es folglich, in Anlehnung
Wladimir
Solowjow,
der Bildung von Herz und Verstand.
Sowohl am
Herzen als auch am Verstand scheint es zurzeit in den westlichen
Demokratien zu fehlen.
Das muss sich ändern.
TOP
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