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Home Inhaltsverzeichnis : Umgang mit der Demokratie

Demokratie versus Weltherrschaft

Inhaltsverzeichnis

01 Von der Volkssouveränität zur Weltherrschaft?
02 Anfänge der Demokratie
03 Das Wiedererwachen der Demokratie
04 Die erste Demokratie der Neuzeit
05 Die liberale Demokratie nach 1945
06 Das Ende der Geschichte
07 Die Krise der liberalen Demokratie
08 Demokratie im Niedergang
09 Fiktive Rede eines Weltherrschers
10 Die Botschaft von Wladimir
Solowjow

01 Von der Volkssouveränität zur Weltherrschaft

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Geschichte ist ein Prozess, ein Geschehen durch die Zeit. Sie geht halt ihren Gang. Will man dieses Dahingehen verstehen, dann ist das nicht vorstellbar, ohne die Frage nach dem Woher mit der Frage nach dem Wohin zu verbinden. Da es über den Anfang und das Ende der Geschichte keine menschliche Erfahrung gibt, lassen sich die Anfänge und das Ende eines konkreten Geschichtsverlaufs nicht im absoluten Sinne erfassen. Jedes Verstehen der Vergangenheit ist somit ein Konstruieren bzw. ein Hineindenken in eine Lebenswirklichkeit, die nicht mehr erfahren werden kann.

Während die Anfänge einer geschichtlichen Epoche erforscht und im Rahmen des menschlich Möglichen beschrieben werden können, ist dies für das Ende der Geschichte nicht möglich, denn das „Ende der Zeit“ kann nicht in einem absoluten Sinn verstanden werden. Diese Überlegungen voraussetzend versteht sich dieser Aufsatz als ein Versuch, aufzuzeigen, dass sich Geschichte so lange als ein Entstehen und einem sich daraus ergebenden Wachsen zeigt, bis eine geschichtliche Epoche, sobald sie ihren Höhepunkt überschritten hat, dem Verfall ausgeliefert ist.

02 Anfänge der Demokratie

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Die Demokratie hat sich, aus geschichtlicher Perspektive betrachtet, sozusagen in Wellen entwickelt, deren Anfänge aus philosophischer Sicht nur Chaos erwarten ließen, denn sowohl Platon als auch Aristoteles gingen davon aus, dass die Herrschaft des Pöbels, so ihre Definition von Demokratie, in Tyrannei enden müsse.

Ihre Sicht der Dinge scheint wohl zutreffend gewesen zu sein, denn die attische Demokratie dauerte ja auch nur gut 150 Jahre. Ihren Höhepunkt „erlebte“ sie im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Danach geriet die Idee der Demokratie in Vergessenheit.

03 Das Wiedererwachen der Demokratie

Die Zeit der Aufklärung, die das 17. und das 18. Jahrhundert prägte, legte durch ihre Ideen von Vernunft, Freiheit und Gleichheit den Grundstein für das moderne Demokratieverständnis. Philosophen forderten nicht nur Gewaltenteilung, sondern auch Volkssouveränität und Menschenrechte ein. Ihr Ziel war es, dem Absolutismus sozusagen den Garaus zu machen.

Im Gegensatz zum Fürstenstaat sollte in Zukunft staatliche Macht auf einem Vertrag zwischen freien Bürgern und nicht auf göttlichem Recht beruhen, und staatliche Macht im Übrigen auch nur zeitlich beschränkt auf gewählte Personen übertragen werden, deren Aufgabe es zu sein hatte, dem Allgemeinwohl zu dienen.

04 Die erste Demokratie der Neuzeit

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Die wurde bekanntermaßen in den USA ins Leben gerufen, obwohl die Verfassungsväter dabei vorrangig an eine Republik dachten, denn einer Volksdemokratie standen sie eher ablehnend gegenüber, zumal in dieser ersten Demokratie der Neuzeit nur die Besitzenden ein Wahlrecht hatten.

Nur zur Erinnerung: Demokratie wurde damals als Herrschaft der Vielen über die Vielen abgelehnt. In den Federalist Papers kann zumindest nachgelesen werden, dass die Verwirklichung einer Demokratie einem Anschlag auf die Gesetze der Vernunft gleichkommen würde.

Nr. 55 Federalist Papers: In allen Versammlungen mit sehr vielen Teilnehmern, aus welcher Art von Menschen sie sich auch zusammensetzen, gelingt es der Leidenschaft doch immer, der Vernunft das Zepter zu entreißen. Wäre auch jeder athenische Bürger ein Sokrates gewesen, so wäre doch immer noch jede Versammlung der Athener eine des Pöbels gewesen.

James Madison: Federalist Papers. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1993, Nr. 55, Seite 339

05 Die liberale Demokratie nach 1945

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstand sowohl in den USA als auch in den weitgehend zerstörten Staaten Europas zumindest im Westen liberale Demokratien, die sich wie folgt skizzieren lässt. Bei der liberalen Demokratie handelt es sich um eine Staatsform, die freie Wahlen und demokratische Mitbestimmung mit dem Schutz individueller Freiheitsrechte und mit Rechtsstaatlichkeit verbindet. Sie begrenzt staatliche Macht durch eine Verfassung, durch Gewaltenteilung und durch einen Minderheitenschutz. Dadurch soll die „Tyrannei der Mehrheit“ verhindert werden. Zu den Grundpfeilern der liberalen Demokratie gehören: Menschenrechte, Meinungsfreiheit und freie Wahlen und auch der Minderheitenschutz.

Diese Demokratie lebte davon, dass sich die Vertreter dieser Staatsform konsequent gegen den Kommunismus wehrten, denn um das Gute sowohl erhalten als auch fördern zu können, womit in Kürze der Kern der „liberalen Demokratie“ durchaus zutreffend definiert werden kann, gehörte natürlich auch der Feind des Bösen, also der Kommunismus, der benötigt wurde, um der liberalen Demokratie die Kraft zu geben, sich nicht nur behaupten, sondern sogar durchsetzen zu können. Diese Zeit wird als die Epoche des Kalten Krieges bezeichnet, in der die liberale Demokratie nicht nur ihren Höhepunkt erreichte, sondern diesen auch, beginnend mit den 1970er Jahren überwand, was aber weiterhin als Fortschritt definiert wurde.

06 Das Ende der Geschichte

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Als sich am 26. Dezember 1991 die UdSSR selbst auflöste, feierte die liberale Demokratie dies als einen epochalen Sieg.

Wie dem auch immer sei: Bereits 1989 – vor dem Fall der Berliner Mauer – hatte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Yoshihiro Francis Fukuyama mit seinem Essay „The End of History?“, sozusagen einen Sturm der Empörung ausgelöst, als er das Ende der Geschichte verkündete.

Hauke Ritz: Damit meinte Fukujama eine historische Wirklichkeit, in der die bürgerliche und liberale Gesellschaft das alleinige noch existierende Gesellschaftsmodell sei, das in der nunmehr vor uns liegenden Zukunft Bestand haben könnte, wodurch sich Geschichte in von ihm gemeinten Sinne erübrigen würde, denn Geschichte würde Bipolarität, also miteinander konkurrierende Gesellschaftsmodelle voraussetzen.

Dass sich die Vorstellungen von Unipolarität oder Geschichtslosigkeit als Irrtümer erwiesen haben, das dürfte heute wohl niemand mehr bezweifeln wollen, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Warum?

Hauke Ritz: [1991] wurde schnell klar, dass man das durch den Zerfall des Warschauer Vertrages und der Sowjetunion entstandene Machtvakuum füllen würde, dass man sich an die Absprachen mit Gorbatschow ausdrücklich nicht halten würde und darauf vorbereitet war, die geschlossenen Verträge zu unterhöhlen. 1999 kam es zur ersten Erweiterungsrunde der NATO, die zur Mitgliedschaft Polens, Tschechiens und Ungarns führte. [...]. Es hätte [sogar] die Möglichkeit bestanden, die gesamte NATO umzuwidmen, indem z. B. Russland selbst [der NATO] beigetreten wäre.

Hauke Ritz. Vom Niedergang des Westens zur Neuorientierung Europas. Promedia-Verlag. 3. Auflage 2025, Seite 36

Das aber wollte im Westen niemand, denn dort ging man davon aus, die Schwäche Russlands ausnutzen zu müssen, um einen tot geglaubten Staat den eigenen Interessen einverleiben zu können, nein einzuverleiben zu müssen. Die Zeichen standen auf Hegemonie der liberalen Demokratie.

07 Die Krise der liberalen Demokratie

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Eine Krise der liberalen Demokratie ist vielleicht wirklich eine Krise der liberalen Demokratie, nicht aber unbedingt auch eine Krise der Demokratie.

Warum?

Es waren die Triumphe der Demokratie in den 1980er und 1990er Jahren, deren politische Erscheinungsformen den Keim ihrer gegenwärtigen Krisen bereits in sich trugen. So wie es war, war ja alles gut. Alle fühlten sich mit dem bestehenden Status quo verbunden, der als ein zeitloser dauerhafter Status verinnerlicht wurde.

Anders ausgedrückt: Dieses Denken führte dazu, zu vergessen, dass auch der Status quo einer Demokratie, wie alles im Leben, der Veränderung unterliegt, und ein Festhalten, an welchem Status quo auch immer, auf Dauer gesehen nichts als Probleme entstehen lassen kann.

Wie dem auch immer sei: Veränderungen, die sozusagen demokratieverändernd wirken, lassen sich nur schwer benennen, denn uns fehlt schlichtweg die Sprache dafür, ein Abdriften der Demokratie hin zu einer anderen Form der Demokratie, gemeint ist die autoritäre Autoritäre zu verstehen, geschweige den überzeugend „nachzuerzählen“.

Anders ausgedrückt: Die liberale Demokratie – die Demokratie, die heute sich sozusagen auf dem Rückzug befindet – wurde in den 1990er Jahren institutionell verwirklicht, indem zwei Entwicklungspfade sozusagen aufeinanderprallten, denn in den Ländern, gemeint sind Polen, Ungarn und die Slowakei und natürlich auch im wiedervereinigten Deutschland, hatten ja in den zurückliegenden Jahrzehnten – zumindest in den Beitrittsländern – ganz andere politische Vorstellungen von dem bestanden, was in den westlichen Staaten unter Demokratie verstanden wurde.

Ich will mich kurzfassen: Das, was in den östlichen Ländern gedacht wurde, das fassten der zwischenzeitlich verstorbene deutsche Philosoph Jürgen Habermas (1929–2026), und der britische Historiker Garton Ash (* 1955) und andere „Geistesgrößen“ dieser Zeit wie folgt zusammen:

Im Osten nichts Neues.

Anders ausgedrückt: Die neu Hinzugekommenen hatten sich anzupassen. Wer Demokrat sein wollte, der hatte das westliche Demokratieverständnis möglichst schnell und widerspruchslos zu verinnerlichen und den Rest möglichst umgehend zu vergessen.

Die sich daraus ergebende Abwehrhaltung derjenigen, denen sozusagen die Unfähigkeit unterstellt wurde, überhaupt demokratisch denken zu können, führten dazu, das dort vorhandene Demokratieverständnis als demokratiefeindlich, antidemokratisch und nationalistisch zu diskreditieren.

08 Demokratie im Niedergang

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Eine Demokratie, die für sich in Anspruch nimmt, eine Hegemonialmacht sein zu wollen, nach deren Regeln sich alles zu richten hat, kann auf Dauer gesehen keine Demokratie bleiben, denn Hegemonie bedeutet ja, über andere bestimmen zu können. Der damit verbundene missionarische Eifer sollte auch denen „aufgezwungen werden“, die noch in vordemokratischen Systemen lebten, denn zur Staatsform der Demokratie gehörte sozusagen per definitionem der Anspruch auf Weltherrschaft.

Solch eine Anmaßung gehört nach der hier vertretenen Überzeugung in das Reich der Phantasie, denn sollte es einmal tatsächlich zu einer Weltherrschaft kommen, dann würde es sich bei dieser Herrschaft um eine Pseudo-Ordnung handeln, die sich wirklich niemand wünschen sollte.

Dennoch ist die Zahl derjenigen, die sich eine Weltherrschaft, durch wen auch immer, vorstellen können, zumindest in den USA und in Israel, das eine Hegemonie über ein zu realisierendes Großisrael anstrebt, durchaus bedeutsam. Um eine Demokratie wird es sich dann aber wohl nicht mehr handeln können, wenn sich diese Wünsche verwirklichen sollten. Dazu mehr an anderer Stelle.

Zuerst einmal sollen diejenigen zu Wort kommen, die von einer Weltherrschaft träumen. Dazu heißt es im Evangelium des Matthäus wie folgt:

Mt 24, 11 – 13: 11Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. 12Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. 13Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt [und den falschen Propheten nicht folgt], der wird gerettet werden. 

Die Vorstellung von „Demokratie als Weltherrschaft“, die von falschen Propheten verkündet werden wird, ist ein komplexes Thema, das oft im Kontext von Globalisierung, internationalem Recht und der Verbreitung demokratischer Werte diskutiert wird. Es handelt sich hierbei nicht um eine direkte Demokratie auf globaler Ebene, sondern um verschiedene Konzepte und Debatten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Demokratie als Weltherrschaft“ eher ein normatives Ideal oder eine strategische Perspektive ist, als ein wirklich realisierbares Projekt.

Anders ausgedrückt: Bei der Ideologie der Weltregierung handelt es sich um ein utopisches Projekt ohne Aussicht auf Erfolg.

Josef Pieper: Gesagt ist allerdings auch, dass die Menschheit unter der Macht einer Weltherrschaft in einen neuen Aggregatzustand eintreten wird, in den Zustand nämlich, in welchem die Herrschaft des Antichristen in einem nicht vergleichbar akuten Sinn möglich geworden ist: „Eine Weltorganisation könnte die tödlichste und unüberwindlichste aller Tyranneien, die endgültige Errichtung der Herrschaft des Antichristen bringen.“

Josef Pieper. Über das Ende der Zeit. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung. Topos-Verlag 2014. Seite 94 und 95

KI zum Antichristen: Der Antichrist ist eine biblisch-theologische Figur, die als Gegenspieler zu Jesu Christi auftritt, besonders in der Endzeit. Er verkörpert laut den Johannesbriefen eine gottfeindliche Macht, die falsche Lehren verbreitet, Christus leugnet und sich selbst als Gott ausgibt. Der Begriff bezeichnet sowohl eine spezifische Endzeitgestalt als auch prinzipielle Gegner des christlichen Glaubens.

An anderer Stelle verweist Josef Piper (1904 - 1997) auf den britischen Historiker Edward Gibbon (1737 bis 1794), der zu den namhaften Aufklärern seiner Zeit gehörte und sich zum „Imperium Romanum“ wie folgt positioniert hat:

Edward Gibbon: Das Römische Reich war fest begründet durch den einzigartigen und vollkommenen Zusammenhalt seiner Teile. Die unterworfenen Völker gaben die Hoffnung und selbst den Wunsch nach Unabhängigkeit auf und empfingen bereitwillig die Würde von römischen Bürgern […]. Doch dieses Bündnis war mit dem Verlust nationaler Freiheit und Wehrhaftigkeit erkauft. […]. Das Glück von hundert Millionen war abhängig von den persönlichen Entscheidungen von ein oder zwei Männern, vielleicht gar Kindern, deren Charakter durch Erziehung, Luxus und despotische Herrschaft verdorben war.

An anderer Stelle:

Das Reich der Römer aber füllte die Welt, und als dieses Reich einem einzigen Mann in die Hände fiel, da wurde die Welt ein sicheres und trostloses Gefängnis für seine Feinde.

Link zur Quelle

Es entspricht heute sowohl dem woken Zeitgeist als auch dem Denken verwirrter Egozentriker, sich eine Weltherrschaft zu wünschen und alles zu tun, um dieses Ziel zu erreichen, denn anders lassen sich die dem Iran-Krieg zugrunde liegenden Motive wohl kaum verstehen.

Wie dem auch immer sei: Dass es sich bei jeder Art von Weltregierung nicht mehr um eine Demokratie handeln kann, das dürfte zwischenzeitlich deutlich geworden sein. Die Fragen, die es deshalb zu stellen und auf die es eine Antwort zu finden gilt, lauten:

  • Wie kann verhindert werden, dass sich in einer Demokratie zu viel Macht an einer Stelle konzentriert?

  • Wie kann verhindert werden, dass der Mensch – wie so oft – zum Sklaven seiner eigenen Hervorbringungen wird?

  • Wie müsste eine Ordnung aussehen, in der Autorität und Legitimation sich wieder zusammenfinden?

Unbestreitbar dürfte sein, dass Autoritätsverfall nicht dazu in der Lage sein wird, ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben der Völker zu ermöglichen, denn der Autoritätsverfall ruft in erster Linie Unsicherheit und Orientierungslosigkeit hervor.

Byung-Chul Han: Die Symptome der gegenwärtigen Krise der Autorität sind sehr vielfältig. Die staatliche Autorität verblasst zur Bürokratie und Verwaltung. Politikern fehlt jede persönliche Autorität, jede Aura, jede Vision. Sie werden mit Shitstorms überzogen. Die demokratischen Wahlen werden zunehmend zu einem leeren Ritual ausgehöhlt. Systemische Zwänge schränken politische Handlungsspielräume massiv ein. Menschen fühlen sich vom politischen Establishment entfremdet. Soziale Medien mit Fake News und Verschwörungstheorien untergraben die Autorität der traditionellen Medien und die der Wissenschaft. Das moralische Fehlverhalten der kirchlichen und pädagogischen Autoritäten verschärft die Krise der Autorität zusätzlich. Und die zunehmende Selbstausdehnung des Ego, das außerhalb seiner selbst nichts gelten lässt, stelle jede Autorität infrage. Eine Gesellschaft, in der Autoritäten nicht mehr anerkannt und respektiert werden, verroht und zerfällt.

Byung-Chul Han. Ohne Respekt. Eine soziale Krise. Matthes & Seitz Berlin 2026. Seite 85 und 86

09 Fiktive Rede eines Weltherrschers

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In Wladimir Solowjews (1853 bis 1900) kurzer Erzählung vom Antichrist ist eine Rede enthalten, die der russische Philosoph und Dichter den großen Weltführer sagen lässt, nachdem dieser ein Manifest erlassen hat:

Wladimir Solowjew: „Völker der Erde! Meinen Frieden gebe ich euch!“, und dessen Schlusswort lautete: „Völker der Erde! Die Gelübde sind erfüllt – der ewige Friede der Welt ist gekommen. Jeder Versuch, ihn irgendwie zu stören, erfährt sofort unüberwindlichen Widerstand. Denn von nun an gebietet über diese Erde nur eine Gewalt, welche stärker ist als alle übrigen Gewalten. Und diese durch nichts zu bezwingende, alles überwältigende Macht ist in meinen Händen, in mir, dem Erwählten aller Völker vereint. Das internationale Recht hat endlich die ihm bis heute fehlende Sanktion erhalten. Von heute an wird es kein Staat wagen, „Krieg“ zu sagen, wenn ich „Frieden“ sage. Völker der Erde – der Friede sei mit euch.

An anderer Stelle heißt es:

Nur vereinzelt, an einigen Orten in Asien und Afrika blieben noch einige unabhängige Stämme und Herrscher übrig. Doch gegen diese unternahm der Kaiser mit einer kleinen, jedoch ausgesuchten Armee einen Kriegszug.

Solowjew, Wladimir. Kurze Erzählung vom Antichrist: Edition: nihil.interit. Kindle-Version.

Die Erzählung gilt als eine der einflussreichsten religiös-philosophischen Prophezeiungen des 20. Jahrhunderts. Bleibt noch nachzutragen, was unter der Sprachfigur „Antichrist“ zu verstehen ist. Im 2. Thessalonicher-Brief des heiligen Paulus wird der Antichrist, der die Zeit der Gesetzlosigkeit vor dem Kommen des Herrn ankündigt, wie folgt beschrieben:

Thess 2, 3-4

3Lasst euch durch nichts und niemand täuschen. Denn zuerst muss es noch zur Auflehnung gegen Gott kommen. Dann erscheint auch jener Mensch, der alle Gesetzlosigkeit in sich vereint und der umkommen muss.

4Er lehnt sich gegen alles auf und erhebt sich über alles, was man Gott oder Heiligtum nennt. Mehr noch: Er nimmt sogar Platz im Tempel Gottes und gibt sich selbst als Gott aus.

Auch wenn einige der Merkmale, die sowohl in der Rede des auserwählten Weltherrschers den Wladimir Solowjew als auch in der Beschreibung des heiligen Paulus im Hinblick auf den Antichristen durchaus Charakterzüge des US-Präsidenten Donald Trump zutreffen benannt werden, kann es sich bei Donald Trump dennoch nicht um den Antichristen der Bibel handeln, denn der nimmt ja, in Anlehnung an Paulus, im Tempel Gottes Platz, der aber, gemeint ist der Tempel der Juden, im Jahr 70 vor unserer Zeitrechnung von den Römern komplett zerstört und bis heute noch nicht wieder aufgebaut worden ist, was im Übrigen voraussetzen würde, einen der heiligsten Orte des Islam, gemeint sind der Felsendom und die Al-Aqua Moschee, zuvor dem Erdboden gleichmachen zu müssen, um an gleicher Stelle dann den 3. Tempel errichten zu können.

Wie dem auch immer sei: Solche Vorstellungen existieren heute wieder in den Köpfen, die sowohl in Israel als auch in den USA Regierungsverantwortung ausüben.

Wenn Sie sich immer noch fragen, was diese Ausführungen mit den Demokratien von heute zu tun haben, dann ist die Verbindung sehr schnell hergestellt: Sowohl in Israel als auch in den USA gehören solche Vorstellungen über die Endzeit und das anzustrebende Armageddon sozusagen zu den Leitideen einer politischen Elite, die offensichtlich den Verstand verloren hat.

10 Die Botschaft von Wladimir Solowjow

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Dieser russische Philosoph und Dichter ging der Frage nach, was das Böse im Menschen sei.

Ist das Böse nur ein natürlicher Mangel, eine Unvollkommenheit, die von selbst verschwindet, wenn das Gute wächst?, oder ist es eine wirkliche Kraft, die durch Verführung über unsere Welt herrscht, so dass man einen Stützpunkt in einer anderen Seinsordnung braucht, um erfolgreich gegen das Böse ankämpfen zu können?

Dazu würde aber die Überzeugung gehören, dass das Böse in der irdischen Geschichte eine allgegenwärtige Macht ist und dass der Mensch aufgerufen ist, am Kampf gegen die bösen Kräfte mitzuwirken, wozu er aber keineswegs imstande ist, das Böse aus eigenem Vermögen besiegen zu können.

Vielmehr ist sein Herz (nach Dostojewskis berühmtem Wort) der Platz, um den gerungen wird. In seiner Novelle „Ein schwaches Herz“ (1848) beschrieb Dostojewski das menschliche Herz als anfällig für überwältigende Gefühle und soziale Belastungen, die zu psychischem Verfall führen können, wenn es dem Menschen nicht gelingt, die Zerbrechlichkeit seiner Seele dadurch zu harmonisieren, indem er die Realität erkennt, was dazu führt, dass Menschen sich stets dem Kampf stellen müssen, der zwischen Gewissen und Verstand geführt wird und oftmals das Herz als den Schauplatz der Zerrissenheit übriglässt.

Anders ausgedrückt: Das Herz ist bei Dostojewski weniger ein romantisches Organ, sondern vielmehr der empfindliche Kern der menschlichen Existenz, der unter dem Gewicht des Lebens sowohl zerbrechen als auch gebrochen werden kann.

In den westlichen Demokratien von heute scheint es wieder so weit gekommen zu sein, dass die Beeinflussung „unserer schwachen Herzen“, dieses Wortspiel passt wirklich gut zu „UnsereDemokratie“ zumindest wieder durch verstärktes Nachdenken sozusagen neu justiert werden muss, damit die Demokratie nicht verlorengeht oder sich in eine Scheindemokratie transformiert.

Um richtige Entscheidung treffen zu können, bedarf es folglich, in Anlehnung Wladimir Solowjow, der Bildung von Herz und Verstand.

Sowohl am Herzen als auch am Verstand scheint es zurzeit in den westlichen Demokratien zu fehlen.

Das muss sich ändern.

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