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2023: Die Dummheit muss entschleunigt werden

Zumindest im Rahmen des menschlich Möglichen, denn Dummheit scheint eine menschliche Eigenschaft zu sein, die vererbt wird und somit als ein fester Bestandteil des menschlichen Genoms (Erbguts) anzusehen ist. Dummheit existiert, daran zu zweifeln wäre unmenschlich.

André Glucksmann: Dummheit – das sind wir. Und umgekehrt. Aus diesem Kreis gibt es kein Entrinnen. Er ist teuflisch, aber er gab den Philosophen zu denken. Historische Bedeutung erhielt diese Feststellung, als Sokrates, Nummer 1 unter den Philosophen, auf den Spruch des Orakels: „Erkenne dich selbst“, die richtige Antwort fand. Mit seinem „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, fasste er eine neue Art der Selbstreflexion in Worte, undogmatisch und ohne den Ehrgeiz, mehr zu wissen all die anderen oder eine Krankheit heilen zu können, die ihm selbst gänzlich unbekannt war. „Erkenne dich selbst“ fordert behutsam dazu auf: „Wisse, dass du nichts weißt“, und ergänzt: „Erkenne die Dummheit in dir.“

André Glucksmann. Die Macht der Dummheit, DVA 1985 – Seite 30

Die Frage, die sich heute stellt, lautet aber: Wie viel Dummheit können wir uns überhaupt noch erlauben?, um diese Frage sofort durch eine Anschlussfrage zu ergänzen, die da lautet: Wer sagt mir denn, was Dummheit ist und wie ich sie entschleunigen kann?

Wir alle kennen die Antwort, nur hören wollen wir sie nicht, denn diese Wahrheit auszusprechen, das grenzt in "freien marktwirtschaftlichen Systemen" schon an Häresie, denn die Antwort besteht sozusagen aus einem einzigen Wort, einem Unwort, das Politiker meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Dieses Wort heißt:

Verzicht.

Aber was ist damit gemeint? Worauf bezieht sich dieses Wort in einer zunehmend sich entdinglichenden Welt, in der Undinge, nämlich Informationen, den Platz einnehmen, der eigentlich den Dingen vorbehalten sein sollte.

Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, lässt sich in einem Satz zusammenfassen, der da lautet: Nichts mehr in dieser Welt ist hand- und dingfest, denn die digitale Ordnung, und die gilt es 2023 nicht nur zu beschleunigen, sondern auch extensiv auszubauen (das ist der politische Wille), besteht aus nichts anderem als aus Informationen, also aus Undingen, und diese Anhäufung von Undingen wird diese Welt noch weiter entdinglichen, als das bereits heute schon der Fall ist, denn die Zukunft heißt: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, alle Macht den Maschinen.

Es ist wirklich an der Zeit, sich bewusst zu machen, dass es für uns eine Frage des Überlebens sein wird, sich möglichst schnell von der Zuschauerdemokratie zu verabschieden, in der der Konsument umhegter, gepflegter und umworbener König ist und der selbständig denkende Mensch doch wohl eher einer Spezies angehört, die sozusagen unter der Macht der Transparenz zu ersticken droht, denn mit Transparenz ist heute alles andere gemeint, nur nicht das, was bereits im antiken Griechenland unter Wahrsprechen verstanden wurde, nämlich die Probleme der Wirklichkeit von heute nicht nur beim Namen zu benennen, sondern auch zum Gegenstand einer persönlichen Haltung zu machen.

Bekanntermaßen blieb Sokrates - der sich nicht dem "Mainstream" anpassen wollte - ja auch keine andere Wahl, seine Haltung anders zu bewahren, als den Schierlingsbecher zu trinken. Der "Schierlingsbecher" von heute besteht, im Gegensatz zu dem, den Sokrates trank, aus einer Tinktur ganz besonderer Art, von denen an dieser Stelle nur die Hauptbestandteile beim Namen benannt werden können:

  • Erderwärmung

  • Umweltverschmutzung

  • Artensterben

  • Zerstörung des menschlichen Lebensraums

  • Bereitschaft, die paar noch vorhandenen Kipppunkte auch noch zu übertreten, damit die Klimakatastrophe endlich Wirklichkeit werden kann.

Was wir brauchen, das ist wirklich ein Ruck, ein Befreiungsakt, der uns von unserer Erschöpfung, unserer Ermüdung und unserer Erstickung angesichts eines Zuviel von allem befreit, wodurch nicht nur unsere Vitalität, sondern auch unser Verstand beschädigt wird, denn ein Übermaß an Positivität äußert sich ja bekanntermaßen in einem Übermaß an Reizen, das zu vermehren uns nur noch kränker machen wird.

Was wir brauchen, das ist Kultur:

Die aber setzt eine Umwelt voraus, in der eine tiefe Aufmerksamkeit möglich ist. Diese Aufmerksamkeit aber wird zunehmend von einer ganz anderen Form der Aufmerksamkeit verdrängt: der Hyperaufmerksamkeit.

Reine Hektik aber kann nichts Neues hervorbringen.

Neues Denken und neues Handeln wird 2023 dringend benötigt.

Warum?

Das, was auf dem Spiel steht, ist mehr als nur unsere innere Erfahrung, aus der wir unseren Willen und unser Wollen formen, und wozu auch unser Recht gehört, sowohl als Einzelperson als auch als Teil einer Gesellschaft zu wissen:

  • Wer etwas wirklich weiß

  • Wer entscheidet und

  • Wer tatsächlich die Macht ausübt.

Mir drängt sich die Vermutung auf, dass diesbezüglich noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten sein wird. In einem lesenswerten Buch von Shoshana Zuboff, das sich mit dem Kampf für eine menschliche Zukunft beschäftigt, heißt es:

Shoshana Zuboff: Ich möchte hier noch einmal an Thomas Paine erinnern, der die Generationen [dazu] aufrief, ihren Willen geltend zu machen, wenn illegitime Kräfte die Zukunft an sich zu reiße versuchen und wir uns einem Schicksal entgegengeschleudert sehen, das wir nicht gewählt haben.

Die Rechte des Menschen, der sich in Gesellschaft begibt, können weder vermacht, noch übertragen, noch vernichtet werden, sondern gehen auf die folgenden Gererationen über; und kein Geschlecht hat die Macht, diese Erblinie gewaltsam zu durchschneiden. Wenn die gegenwärtige oder eine andere Generation Lust hat, Sklaven zu sein, so wird das Recht der folgenden Generation zur Freiheit dadurch nicht vermindert. Ein Unrecht kann keine rechtmäßige Abkunft haben.

Was immer [in der Vergangenheit] schiefgelaufen ist, die Verantwortung, es wieder zurechtzurücken wird in jeder Generation erneuert.

Shoshana Zuboff. Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Champus-Verlag 2002 - Seite 596

Die Zukunftsfrage, die sich heute stellt, geht aber von einer Wirklichkeit aus, zu der Thomas Paine (1736 bis 1809) noch keinen Zugang haben konnte, obwohl auch zu seiner Zeit schicksalhafte Entscheidungen zu treffen waren.

Heute geht es darum, den für die menschliche Freiheit notwendigen Lebensraum zu erhalten. Gelingt das nicht, dann werden die Menschen weltweit einer Autorität ausgeliefert sein, die weder abgewählt noch rückgängig gemacht werden kann. Diese Macht haben sich die Menschen durch ihre Dummheit selbst geschaffen.

Es ist an der Zeit, das einzusehen und das Beste daraus zu machen.

Viel Glück im Jahr 2023

Alfred Rodorf
1. Januar 2023

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