PdvT- Die Partei der vier Tugenden
 Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Maßhalten
 
Corona 2021

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Inhaltsverzeichnis:

01  Einleitung

02  2021 wird ein gutes Jahr

03  Mut zur Veränderung

04  Bürokratie wird es schon richten

05  Bildung ist nur ein Teil der Lösung

 

01 Einleitung

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Wird die Pandemie bloß ein weiteres Kapitel in der langen und traurigen Geschichte dessen sein, was Naomi Klein den "Katastrophen-Kapitalismus" nennt, oder wird daraus eine neue, ausgewogenere, vielleicht sogar bescheidenere Weltordnung entstehen?

Slavoj Žižek
COVID-19 erschüttert die Welt

Letzteres bleibt zu hoffen. 

Einen Tag vor Heilig Abend hieß es in den Medien: Neuer Höchstwert: Deutschland verzeichnet tödlichsten Tag.

Was beweist uns das?

Dass eigentlich jetzt jeder wissen müsste, worum es geht. Um eine Pandemie, in der es im Interesse aller liegt, möglichst schnell zu lernen, wie mit dem Virus umzugehen ist.

Aber das fällt viele immer noch erkennbar schwer.

Gemeint sind:

  • Politiker

  • Wissenschaftler

  • Medien

  • Meinungsmacher

  • Alte und Junge, Männer und Frauen.

Und dass Lernen schwerfällt, das lässt sich nicht nur an der Diskussion festmachen, die unmittelbar nach den ersten Impfungen einsetzte. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, als die Frage aufzuwerfen, die da lautet: Dürfen Geimpfte mehr als Ungeimpfte?

Sogar verfassungsrechtliche Bedenken wurden geltend gemacht, wenn es Geschäftsleuten verwehrt würde, geimpfte Personen anders als ungeimpfte Personen zu behandeln. Sogar ein ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts sprach sich für eine Ungleichbehandlung aus, denn es sei rechtlich zulässig, Geimpfte anders als Ungeimpfte zu behandeln.

Solch eine Frage zu einer Zeit zur Diskussion zu stellen, in der nicht einmal die 90-jährigen und andere Risikogruppen geimpft wurden,ist wirklich bemerkenswert.

Übrigens: Wenn der Impfpass in Zukunft zum „Freifahrtsschein für Bürgerrechten“ mutieren sollte, dann wäre es vielleicht schon jetzt sinnvoll, ihn von vornherein als ein fälschungssicheres Dokument zu planen, um Start-ups erst gar nicht auf die Idee zu bringen, daraus eine illegale lukrative Geschäftsidee zu machen.

Das aber nur am Rande.

Eine Gesellschaft, die sich mitten in einer Pandemie mit solchen Nebensächlichkeiten befasst, hat wirklich den Blick für das Wesentliche verloren, zumal die Probleme, die durch COVID-19 ausgelöst wurden und weiterhin ausgelöst werden, ja gerade erst einmal begonnen haben. Viele andere werden folgen. Insoweit kann, ohne prophetische Gaben für sich in Anspruch zu nehmen, festgestellt werden, dass diese Gesellschaft noch viel wird lernen müssen: Nicht nur die Armen, auch die Reichen und auch andere Privilegierte werden lernen müssen, dass eine neue Zeit angebrochen hat. Eine Zeit des Lernens.

Lernen wird somit 2021 nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Verpflichtung sein.

Für jede und für jeden.

Das, was möglichst schnell gelernt werden muss, das hat Carl Rogers schon in den 1960er Jahren zutreffend in seinem Buch „Lernen in Freiheit“ als signifikantes Lernen bezeichnet, womit er ein verhaltensänderndes Lernen meinte, das voraussetzt, dass sich Menschen, die sich in einer Identitätskrise befinden, diese Krise nur dadurch überwinden können, indem sie Verhaltensweisen erlernen, die der Krise angemessen sind.

Auch, wenn das schmerzt.

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle darzustellen, was Carl Rogers unter einer individuellen Identitätskrise verstand, denn heute geht es nicht nur um die Identitätskrisen von Einzelpersonen, sondern um handfeste Identitätskrisen von Gesellschaften.

Was uns dennoch fehlt, ist ein Leitfaden, wie Carl Rogers ihn für die 198er Jahre geschrieben hat. Der Titel dieses Leitfadens lautet:

Freedom to Learn for the 80‘s.

In diesem Sinne wäre es vielleicht hilfreich, eine vergleichbare Lernstrategie für die 2020er Jahre zur Verfügung zu haben.

Eile täte not.

Wie dem auch immer sei.

Jede Person, die sich in einer Identitätskrise befindet, weiß, dass es so, wie sie lebt, einfach nicht mehr weitergehen kann. Nicht anders geht es im Prinzip ganzen Gesellschaften, auch wenn die nicht wahrhaben wollen, dass ihre Vorstellung vom angenommenen richtigen Leben mehr Probleme schafft, als löst.

Das Virus ist überall, kennt keine Grenzen, unterscheidet nicht zwischen Schwarz und Weiß und auch nicht zwischen Arm und Reich. Dieses Virus ist einfach da und verbreitet sich ohne Ziel, ohne Plan und auch ohne jegliche Absicht. Dieses Virus will auch niemanden bestrafen. Es tut einfach das, was in seiner Natur liegt: Es verbreitet sich.

Wir aber halten es eher mit dem Glauben an die Bibel, denn in der kann nachgelesen werden, dass Gott seinen Kindern zwar viele Katastrophen bescherte, sie aber nie im Stich ließ, denn irgendwie und irgendwann halt er ihnen doch immer. Er führte sie sogar ins gelobte Land.

In der vierten Rede des Elihus heißt es zum Beispiel im Buch Ijob wie folgt:

Über Gottes Größe

Sieh, groß ist Gott in seiner Macht.
Wer ist ein Lehrer wie er?
Wer will ihm weisen seinen Weg?
Wer kann ihm sagen: Du tust Unrecht?
Denk daran, hoch sein Werk zu preisen,
Von dem die Menschen Lieder singen.
Alle Welt schaut es,
Von ferne nur erblickt es der Mensch.
Siehe Gott ist groß, wir begreifen ihn nicht,
Unerforschlich ist die Zahl seiner Jahre.

Ijob 36,1-37,6

Mit anderen Worten:

Vertraue auf die Weisheit Gottes. Er wird es schon richten. Und so kommt es dann ja auch letztendlich. Gott zeigt Verständnis für die Leiden des Ijob und gewährt ihm ein Leben in noch mehr Reichtum und noch mehr Wohlstand als vor der Zeit seines Leidens.

Anders ausgedrückt:

Wenn Corona besiegt ist, dann werden wir unseren Reichtum und unseren Wohlstand mehren. Wenn wir erst einmal wieder im normalen Leben angekommen sind, dann wird alles noch besser, als es zuvor war.

02 2021 wird ein gutes Jahr

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Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Jahr 2021 tatsächlich alles noch besser wird, als es jemals zuvor war.

Das würde aber nach der hier vertretenen Meinung voraussetzen, dass 2021 durch die bundesdeutsche Gesellschaft sozusagen ein Ruck gehen muss, und tatsächlich weniger Einzel- und Gruppeninteressen, sondern, sozusagen als Ersatz dafür, Allgemeininteressen ins Zentrum der Zukunftsgestaltung gestellt werden müssten.

Ruckrede des Bundespräsidenten: Auch wenn der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, als er im Hotel Adlon in Berlin, am 26. April 1997, seine berühmte Ruckrede hielt und damals von Corona noch gar nichts wissen konnte, scheint er doch seiner Zeit vorausgewesen zu sein, wie das die folgenden Zitate aus seiner Rede belegen:

Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüssten, dass wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. Trotzdem geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen, Neues zu wagen. Ich behaupte: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.

Und:

Ich vermisse bei unseren Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien und gesellschaftlichen Gruppen die Fähigkeit und den Willen, das als richtig Erkannte auch durchzustehen. Es kann ja sein, dass einem einmal der Wind der öffentlichen Meinung ins Gesicht bläst. Unser Land befindet sich aber in einer Lage, in der wir es uns nicht mehr leisten können, immer nur den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.

Und:

Eliten müssen sich durch Leistung, Entscheidungswillen und ihre Rolle als Vorbild rechtfertigen. Ich erwarte auch eine klare Sprache! Wer - wo auch immer - führt, muss den Menschen, die ihm anvertraut sind, reinen Wein einschenken, auch wenn das unangenehm ist.

Und:

Ich meine, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag zugunsten der Zukunft.

Heute bestimmt noch dringender, als das 1997 der Fall war.

Warum?

Die Wirtschaft schlägt Alarm: Der Sozialstaat stößt an seine Grenzen. Soziale Ungerechtigkeiten werden Allerortens beklagt. Die unvermeidlichen Folgen davon werden sein, dass sich der gesellschaftliche Verteilungskampf weiter zuspitzen wird. Es ist also an der Zeit, über Werte wie Gerechtigkeit, Leistung und Würde neu zu verhandeln.

Mit anderen Worten:

Das, was wir in Zukunft unter Grundrechten verstehen werden, wird zumindest in Teilbereichen neu zu verhandeln sein und mit neuen Inhalten belegt werden müssen, um Zukunft überhaupt ermöglichen zu können. Der Beschränkung von Freiheit, besser gesagt einer anderen Form gelebter Freiheit, wird dabei sicherlich eine bedeutsame Rolle zukommen.

Solche Fragen werden aber nicht diskutiert, obwohl das weitaus bedeutsamer wäre, als der Frage nachzugehen, ob es Geschäftsleuten verwehrt werden kann, mit geimpften Personen "Geschäfte" zu machen, denn von denen kann ja keine Gefahr mehr ausgehen, so dass zumindest für diese Personengruppe Beschränkungen hinfällig würden.

Was zeigt uns diese Diskussion?

Es ist wieder an der Zeit, politisch zu werden.

Was aber ist Politik?

Bereits 1950 hat Hannah Arendt versucht, diese Frage zu beantworten. Sie schrieb damals:

Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen. [...]. Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.

Hannah Arendt
'Fragment I
Was ist Politik

Und in ihrem Hauptwerk „Vita activa“ heißt es unter anderem:

Für Menschen heißt Leben [...] so viel wie „unter Menschen weilen“ (...) und Sterben so viel wie „aufhören unter Menschen zu weilen“ (...), siehe Seite 17. Und unter Verweis auf Aristoteles (384 bis 322 v. Chr. ) und auf den gut 1600 Jahre später philosophierenden heiligen Thomas von Aquin (1225 bis 1274) heißt es bei Hannah Arendt, dass das richtige Leben als ein Leben anzusehen ist, das „öffentlichen politischen Dingen gewidmet ist“, siehe Seite 22.

Die Frage, die sich nunmehr stellt, lautet:

Und warum kümmern wir uns heute kaum noch um die öffentlichen Dinge, sondern nur um uns selbst, außer an Wahltagen?

Hannah Arend schrieb dazu Folgendes:

Den Griechen erwuchs Verlangen nach Unsterblichkeit aus dem Bewusstsein, als Sterbliche von einer unvergänglichen Natur umgeben zu sein und unter den Augen der todlosen Götter ihr Leben zu verbringen. Eingelassen in eine Ordnung, in der alles unsterblich war außer den Menschen, wurde Sterblichkeit als solche als das eigentliche Merkmal menschlicher Existenz angesehen. Menschen sind „die Sterblichen“ schlechthin, nämlich das Einzige, was überhaupt sterblich ist, und sie unterscheiden sich von den Tieren dadurch, dass sie nicht nur als Glieder der Gattung existieren, deren Unsterblichkeit durch Fortpflanzung gewährleistet ist, siehe Seite 29.

Diese Zeilen wurden 1950 geschrieben.

Heute bedürfen diese Sätze dringend einer Korrektur, den heute wissen wir, dass sogar in Deutschland das Artensterben besorgniserregende Ausmaße angenommen hat, denn von den vielen toten Insekten, die noch vor 30 Jahren im Sommer die Windschutzscheiben der Autos „zierten“ und nur mit speziellen Schwämmen beseitigt werden konnten, um sich wieder freie Sicht verschaffen zu können, sind kaum noch mehr als 30 Prozent übrig geblieben. Der Rest hat, um mit den Worten von Günther Anders fortzufahren, im „Auschwitz der Tiere“ sein Ende gefunden.

Günther Anders
Ketzereien
Auschwitz der Tiere
C.H.Beck – Seite 191

Was Günther Anders schon in den 1970er Jahren diagnostizierte, daran zu zweifeln ist 2021 nicht mehr zulässig, und wenn doch, dann handelt es sich dabei um die Sichtweise von Ignoranten.

Gleiches gilt im Übrigen auch für eine Meldung, die am 30.12.2020 in den Medien verbreitet wurde.

Coronavirus in Deutschland
Erstmals mehr als 1000 Tote an einem Tag.

Dennoch:

Weitaus intensiver wird zum anstehenden Jahreswechsel aber wohl die Unzumutbarkeit des Böllerverbotes zu Silvester diskutiert, verbunden mit der Frage, ob alte Böller abfeuert werden dürfen, da neue nicht zu kaufen sind.

03 Mut zur Veränderung

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Veränderung ist ein Gesetz des Lebens. Jedes Gestern bleibt ein Gestern und nicht eine Stunde des realen Lebens kann zum zweiten Mal erlebt werden. Natürlich können sich Menschen einen Film mehrmals ansehen und einen Ohrwurm so lange noch einmal und noch einmal hören, bis sie ihn nicht mehr ertragen können, aber keinem Menschen ist es möglich, zweimal in den gleichen Fluss zu steigen.

Die bekanntere Formel „panta rhei“ war schon den alten Griechen geläufig. Sie wird auf den griechischen Philosophen Heraklit (520 bis 460 v.Chr.) zurückgeführt.

Trotzdem enthält das Grundgesetz eine so genannte Ewigkeitsklausel, siehe Artikel 79 Abs. 3 GG.

Dort heißt es:

(3) Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.

Diese Ewigkeitsklausel, verkennt aber, dass seit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes dieses Gesetz bis 2010 insgesamt 54 Mal verändert wurde. Sieben Änderungen betrafen den Grundrechtsabschnitt und von insgesamt 199 Einzeländerungen betrafen 16 die Grundrechte.

Deutscher Bundestag: Wissenschaftliche Dienste: 60 Jahre Grundgesetz - Zahlen und Fakten

Und als dann von 1991 bis 1993 eine Kommission den Auftrag erhielt, die Grundgesetzartikel erneut auf ihre Zeitmäßigkeit zu überprüfen, kamen dabei acht Empfehlungen heraus, wie das Grundgesetz geändert bzw. ergänzt werden könne. Unter anderem betraf es die tatsächliche Gleichstellung von Mann und Frau, die rechtliche Stärkung Behinderter und den Umweltschutz, der nun als Staatsziel formuliert wurde. Eine Volksabstimmung über das Grundgesetz sei nicht nötig, hieß es im Abschlussbericht.

Das, was erarbeitet wurde, vermochte dennoch nicht zu überzeugen.

Genauso wenig wie die Ergebnisse der Föderalismusreform 2005/06 (Föderalismusreform I) als auch die von 2009 (Föderalismusreform II).

Ein grundsätzlicher Kritikpunkt wurde nicht einmal ernsthaft geprüft. Um ihn zu benennen, reicht ein Satz aus:

Dieser Satz lautet:

Die bisherige gegenseitige Behinderung von Bund und Ländern konnte auch durch das geänderte Grundgesetz nicht aufgehoben werden.

In Corona-Zeiten ist das mehr als deutlich geworden.

Heribert Prantl hat für die oben skizzierten Föderalismusreformen zutreffende Worte gefunden, indem er schrieb: Die Unionsparteien hatten gar kein Interesse an einer grundlegenden Reform des Grundgesetzes.

Deutschlandfunk Kultur - 70 Jahre Grundgesetz - Ein Dokument der Freiheit

Dem ist zuzustimmen.

Genauso fehlerhaft ist es, der Öffentlichkeit vorzuenthalten, was tatsächlich geändert werden muss. Grund dafür ist, dass, wenn Politiker den Mut dazu aufbringen würden, notwendige Veränderungen beim Namen zu benennen, sie niemand mehr wählen würde.

04 Bürokratie wird es schon richten

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Große Zweifel an dieser Überschrift sind angebracht. Vielmehr kann Max Weber nur zugestimmt werden, der in seinen „Schriften zur Politik“ unter der Überschrift „Beamtenherrschaft und politisches Führertum“, im Sommer 1917 in der »Frankfurter Zeitung« einen Text veröffentlichte, aus dem hier nur wenige Sätze zitiert werden.

Dort heißt es unter anderem:

Was die Literaten euphemistisch den »Sozialismus der Zukunft« nennen, [...] ist im Resultat die Schaffung von Bürokratie.

Der Bürokratisierung gehört die Zukunft.

Diese leblose Maschine ist geronnener Geist. Nur dass sie dies ist, gibt ihr die Macht, die Menschen in ihren Dienst zu zwingen und den Alltag ihres Arbeitslebens so beherrschend zu bestimmen.

Denn das leistet die Bürokratie ganz unvergleichlich viel besser als jegliche andere Struktur der Herrschaft.

Uns [aber] interessiert hier [vorrangig] die praktische Bedeutung der Stellung des Parlaments.

Hinweis: Diese Parlamente, von deren herausragender politischer Bedeutung Max Weber bereits 1917 überzeugt war, werden heute nur noch zur Zustimmung von Gesetzen benötigt, die von Bürokraten erdacht und erarbeitet wurden und die nicht einmal mehr Abgeordnete in Gänze verstehen.

Ein Blick in den § 28a des Infektionsschutzgesetzes (IfSG), der anlässlich der Coronakrise modifiziert wurde, macht deutlich, dass allein diese Neuregelung sich durch einfaches Lesen nicht mehr erschließen lässt. Wer solche Texte verstehen will, muss sich Zeit nehmen. Gleiches gilt auch für die Coronaschutzverordnung des Landes NRW, die sich ebenfalls durch juristischen Sprachgebrauch auszeichnet und den Leser bzw. die Leserin eher verwirrt, als informiert.

Das muss sich 2021 ändern, damit das, was wir Demokratie nennen, von Dauer sein kann. Es muss auch wieder darüber gestritten werden, was unter Freiheitsrechten im Sinne des Grundgesetzes zu verstehen ist, damit das Grundgesetz wieder den Ansprüchen der Zeit von heute entsprechen kann, denn die Zeit, in der das Grundgesetz entstand, ist Vergangenheit.

Und auch für ein Grundgesetz gilt, das einbetoniertes Recht den Ansrüchen seiner Zeit auf Dauer nicht mehr zu genügen vermag.

Veränderung tut somit not.

Und wer Veränderungen anstrebt, um auf Dauer zukunftsfähig bleiben zu können, sollte darüber nachdenken, welche Veränderungen notwendig sind.

Das aber setzt Bildung voraus.

05 Bildung ist ein Teil der Lösung

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Bildung setzt zuerst einmal voraus, zu wissen, was mit dem Wort Bildung überhaupt gemeint ist. Das ist leichter gesagt als getan, denn in der bundesdeutschen Bildungsvielfalt gibt es kaum einen Begriff, der umstrittener ist als das einfach zu lesende Wort „Bildung“.

Das richtige Ausfüllen des Kontakttagebuchs in der wesentlich verbesserten Corona-Warn-App, dürfte wohl kaum als Bildung bezeichnet werden können. Das gilt im Übrigen auch für die täglich neuen Rekordzahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI) allabendlich in den Nachrichten der Öffentlichkeit präsentiert.

Bildung ist etwas ganz anderes.

In Anlehnung an John Dewey (1859 bis 1952), ist Bildung nichts anderes, als die beständige Erneuerung von Erfahrung. Diese Idee von Bildung ist von der „Vorbereitung auf eine ferne Zukunft“ genauso weit entfernt, wie die zum Scheitern verurteilten Bemühungen, die Vergangenheit zu wiederholen.

Bildung, das ist für John Dewey das Ergebnis eines Erziehungsvorgangs, der jedem Erzogenen die Fähigkeit vermittelt, sich selbst weiter erziehen zu können. Erziehung und die sich daraus ergebende Bildung ist, so kann es bei Dewey nachgelesen werden, eine bedeutsame Vorbereitung für die Erfüllung von Aufgaben, im Hier und im Jetzt und auch in einer erkennbaren bzw. sich abzeichnenden nahen Zukunft.

Und:

Wenn diese Erziehung Früchte tragen soll, dann muss es gelingen, die Bedürfnisse und Möglichkeiten der unmittelbaren Gegenwart so in den Griff zu bekommen, dass auf die Wirkung des hegelschen Weltengeistes, in dessen Hände sich letztendlich die alles bestimmende Autorität befindet, gehörte nicht zu den Grundüberzeugungen von John Dewey. Er glaubte, im Gegensatz zu Hegel, nicht an eine außerhalb des Menschen sich befindliche fortschreitende Vernunft der Geschichte, die letztendlich die Zukunft gestalten würde,sondern daran, dass in einer Demokratie jeder Einzelne an der ständigen Umgestaltung - auch des grundsätzlichen Aufbaus der Gesellschaft - mitwirken, und diese so verändern könne, dass ein Leben in Freiheit und Selbstverantwortung möglich sei.

"Eine demokratische Gesellschaft muss daher in Übereinstimmung mit ihrem Ideal in ihren Erziehungsmaßnahmen dem Spiele verschiedenster Gaben und Interssen im Sinne geistiger Freiheit Raum gewähren."

John Dewey
Demokratie und Erziehung
Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik
Beltz-Verlag Seite 396

Für John Dewey stand fest, dass es sich bei einer Demokratie um eine Form des Zusammenlebens handelte, deren Aufgabe eist, unter Anwendung von Intelligenz soziale Probleme zu lösen.

Festgefahrene und unverrückbare Glaubensgrundsätze lehnte er ab.

Dem ist nur noch hinzuzufügen, dass wirklich Neues nur dann entstehen kann, wenn Bestehendes nicht nur hinterfragt, sondern auch in die Tat umgesetzt wird.

Übrigens: Die oftmals gehörte Aufforderung, selbst zu denken, war für John Dewey nur eine rhetorische Frage ohne Informationsgewinn, also nichtssagend, denn wenn man selbst nicht denkt, so Dewey, denkt man überhaupt nicht. Für ihn war Denken ein genauso individueller Vorgang wie die Verdauung der Nahrung.

Und dass selbständiges Denken für den Denkenden gefährlich werden konnte, davon ging Dewey ebenfalls aus, denn ein Denken unter Missachtung der Denkgewohnheiten der Mächtigen, so kann es bei Dewey nachgelesen werden, das kann gefährlich werden. So ist es ja auch heute noch. 

Gegen den Strom zu schwimmen, und sind die Argumente auch noch so gut, ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.

Dennoch, eine Werteauffassung, die nicht die ökonomischen Abläufe und ihre Konsequenzen für die in Gesellschaften zusammenlebenden Menschen berücksichtigt, hielt er für nichts anderes, als für verschwommene und unspezifische intellektuelle Freiübungen, die einer Demokratie nicht förderlich seien, denn Dewey verstand unter einer Demokratie nicht nur eine Form des sozialen Lebens unter anderen brauchbaren Formen.

Nein:

Demokratie, das war für John Dewey sozusagen eine notwendige Vorbedingung für die volle Anwendung von Intelligenz.

 Es wird Zeit, sich daran zu erinnern, dass das Wort „alternativlos“ nichts anderes als eine inhaltslose Worthülse ist. Dieses Wort ist eine Beleidigung für den menschlichen Intellekt.

Wir haben immer eine Wahl.

Trotzdem: Die Hoffnung stirb erst am Schluss.

In den folgenden Monaten werden auf dieser Website Ideen vorgestellt, die Wege aufzeigen, was für eine Bildung anzustreben wäre, um nicht nur die sozialen, sondern auch die umweltbezogenen Probleme erträglicher gestalten zu können, denn es muss davon ausgegangen werden, dass mit dem fortschreitenden Klimawandel schon bald auch die bisher noch Unbelehrbaren einsehen werden, dass nur durch Verhaltensänderungen sich die Gattung Mensch auf dem Planeten Erde wird erhalten können.

Wir sind Erdlinge.

Daran geht kein Weg vorbei.

Die Corona-Krise ist vielleicht der letzte Akt in einer von Menschen selbst gemachten Tragödie, das sichtbar gewordene Ausmaß der eigenen Selbstüberschätzung noch halbwegs erträglich gestalten zu können.

Wenn Sie in diesem Text einen Fehler gefunden haben, einen Verbesserungsvorschlag machen möchten oder mir eine Frage stellen wollen, dann schreiben Sie bitte eine Mail an info@rodorf.de

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