Rodorf.de
Polizeirecht neu - zurück zur Startseite
Impressum Datenschutz

Menschenrechte und Menschenpflichten: Oder Demokratie vernichten.

Alfred Rodorf
Februar 2019

01 Demokratien sterben heute langsam
01.1 Der schleichende Verfall
01.2 Appell an die Einsicht, dass sich Demokratie lohnt
01.3 Über das Unbehagen in der Kultur
01.4 Menschenrechte schützen das Individuum
01.5 Menschenpflichten, die sich an Staaten richten
01.6 Menschenpflichten als humanitäre Prinzipien
01.7 Das Wesen der Regierung
01.8 Individualwohl oder Allgemeinwohl
01.9 Die Politik des Aristoteles
01.10 Zurück zum menschlichen Maß
02 Egoismus als Tugend
02.1 Narzissmus als Persönlichkeitsstörung
02.2 Narzissmus einer alternden Gesellschaft
02.3 Recht auf einen menschenwürdigen Tod
02.4 Gruppennarzissmus
02.5 Der Massenmensch und seine Führer
03 Der moderne Mensch von heute
03.1 Sehnsucht nach einer heilen Welt
03.2 Forderung nach einem Politikwechsel
04 Wie Demokratien überleben können
04.1 Greta Thunbergs Rede  - Weltwirtschaftsforums 2019 in Davos
04.2 Gerechtigkeit durch Fairness
04.3 Persönlichkeitsbildung als Bildungsauftrag
05 Wie Demokratien sterben
05.1 Demokratiefeindliche Tugenden
05.2 Sehnsuchtsort Vergangenheit
05.3 Die Nation wird es schon richten
05.4 Populisten als Verfallsbeschleuniger
06 Werdet endlich wach
07 Quellen

01 Demokratien sterben heute langsam

TOP

Ich muss die Dinge beim Namen nennen. Und erwarten Sie bitte nicht von mir, dass ich mich in Zurückhaltung üben werde.

Ich muss widersprechen, wenn Ideen wieder hoffähig gemacht werden, die aus einer dunklen, sehr sehr dunklen Zeit stammen, die kaum älter sind als ein betagtes Menschenleben.

Was ich sagen will und sagen muss, antisemitische und rassistische Äußerungen sind eine Schande in einem Deutschland, das den Rassismus zum Unwort der Nachkriegszeit hat werden lassen.

Und es gibt auch keine stichhaltigen Gründe dafür, Vorstellungen von Volk, Nation und Vaterland wiederzubeleben, Wörter, die nachweisbar in der Vergangenheit nichts als Leid und Elend verursacht haben, denn wer sich für etwas Besseres hält, der leidet nicht nur an Selbstüberschätzung, nein, bei dem handelt es sich bereits in diesem Stadium um einen pathologischen Narzissten.

Wer das anders sieht und Identität gleichsetzt mit Volk, Nation und Vaterland, der verleumdet nicht nur die Fehler der Vergangenheit, sondern bereitet gleichermaßen auch die Fehler der Zukunft vor. Und, um mit den Erkenntnissen der Psychologie fortzufahren, der hat es versäumt, sein Selbst zu entwickeln.

Kurzum:

Dem fehlt es an Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und vor allen Dingen an der Einsicht, dass er auch nichts anderes ist, als bloß ein Mensch.

Ich möchte zum Schluss kommen und mit den von Michael Köhlmeier fortfahren, der im österreichischen Parlamment am 04.05.2018 sinngemäß sagte:

»Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Dafür waren immer viele kleine Schritte erforderlich und von denen jeder zu klein erschien, um eine große Empörung auszulösen. So war es schon immer und es gibt keinen Anlass, davon auszugehen, dass nicht auch so die Demokratien von heute zerstört werden können.«

Erst wird gesagt, dann wird getan.

Und die Feinde der Demokratie sagen heute wieder, sozusagen mit einem Lächeln im Gesicht, was sie tun wollen. Man muss nur genau zuhören. Ausländer raus! Grenzen schließen. Auf Flüchtlinge schießen. Hohe Mauern müssen wieder her. Was wollen wir mehr?

Solch ein Werteverfall vermag auf Dauer kein demokratisches System vor dem inneren Zerfall zu bewahren. Und nicht einmal die etablierten Altparteien realisieren, dass ohne ihr Politikversagen auch aus der Bundesrepublik Deutschland erst das werden konnte, was in ihr heute erneut zu gären beginnt. Wer glaubt, dass Populismus lediglich ein Virus ist, das von außen kommend die Hirne gesunder Demokraten verwirrt, der irrt.

Was ist zu tun?

Die Antwort darauf lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen.

Satz 1:

Jetzt ist der Moment, hinzuhören, um sich noch besinnen zu können.

Satz 2:

Wer hingehört hat und dann noch schweigt, hat sich bereits entschieden.

01.1 Der schleichende Verfall

TOP

Eigentlich stellen wir uns den Sterbevorgang einer Demokratie so vor: durch Waffengewalt, durch Revolution, durch Umsturz oder durch einen Militärputsch.

Es gibt aber noch eine andere Art des Verfalls. Der ist zwar weniger dramatisch, dafür aber genauso zerstörerisch.

Dieser Verfall beginnt an der Wahlurne.

Und natürlich auch in den Jahren vor der Wahl, nämlich in der Zeit, in der im Wähler der Wunsch entsteht, dass die Demokratie, in der er lebt, dringend eines grundlegenden politischen Richtungswechsels bedarf.

Mit anderen Worten.

Die Erosion der Demokratie geschah und geschieht heute meist mehr oder weniger unmerklich, sozusagen tröpfchenweise und Schrittchen für Schrittchen, bis der enttäuschte Wähler zum Ausdruck bringt, dass er der Demokratie, besser gesagt seinen Vertretern, nicht mehr vertraut und durch wachsende Zustimmung der Enttäuschten an der Wahlurne die Demokratie Gefahr läuft, sich selbst zu auszuhöhlen, indem Populisten gewählt werden.

Seitdem haben die etablierten Altparteien und nicht nur die in Europa, sondern auch die in Deutschland, ein ernsthaftes und besorgniserregendes Problem. Die Sorge vor dem Rechtsdruck und dem damit verbundenen Wunsch nach Autorität, Nationalität und einem starken Führer deutet auf schwierige Zeiten hin.

Mit anderen Worten:

Es gibt wieder begründeten Anlass zur Sorge, denn nicht nur in den USA wurde 2017 einen Populisten zum Präsidenten gewählt, auch in Europa erwachen wieder politische Kräfte, die Schlimmes befürchten lassen, denn die Parteien aus dem Lager der Neuen Rechten sind alles andere als »Wächter der Demokratie«, obwohl sich deren Populisten als Stimme »des Volkes« verstehen, deren Aufgabe es ist, nicht nur eine korrupte, verschwörerische Elite in ihre Schranken zu verweisen, sondern auch das bestehende Regierungssystem in ihrem Sinne zu verändern, weil nur sie wissen, was richtig ist.

Und was ist dagegen zu tun?

Das Heilmittel für die Krankheiten der Demokratie ist mehr Demokratie.

Aber wie soll das im Zeitalter des Internets gelingen, das Populisten die Möglichkeit gewährt, innerhalb kürzester Zeit einen sehr hohen Bekanntheitsgrad zu erreichen und deren Wähler und Gleichgesinnte in den sozialen Netzwerken sich ebenfalls zu »Feinden des Establishments« erklären, und die nur eines wollen:

Merkel muss weg.

Wenn man so agiert, liegt der Schluss nahe, dass jedes Mittel recht ist, um den politischen Gegner zu bezwingen.

Und das betrifft nicht nur die AfD, sondern auch die anderen im Bundestag vertretenen Parteien, deren Rhetorik auch nicht wesentlich besser ist und deren Demokratieverständnis auch erkennbar Lücken aufweist.

Mit anderen Worten.

Allen Parteien fällt es schwer, im Namen von Anstand und Fairplay schmutzige Tricks zu vermeiden und nicht mit allzu harten Bandagen zu kämpfen.

Wenn es zum Beispiel Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble für erforderlich hält, in einem Interview, das er mit Bettina Schausten in der letzten Ausgabe von »Berlin Direkt« am 30.12.2018 führte, den Vizetagspräsidenten Wolfgang Kubicki (FDP) und die Vizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) zu korrigieren, indem er sagte: »Ich habe bisher keine Schlägereien im Deutschen Bundestag erlebt«, dann lässt das erahnen, dass zumindest der Umgangston rauer geworden ist.

In Berlin Direkt vom 30.12.2018 sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble:

»Ich habe bisher keine Schlägereien erlebt ... und ich würde das auch im Vergleich zu anderen Parlamenten nicht so dramatisieren ... ich musste auch Ordnungsmaßnahmen verhängen und eingreifen ... es ist auch wichtig, dass man rechtzeitig eingreift ... das weiß jeder Schiedsrichter beim Fußballspiel ... wenn man zu lange großzügig ist, dann entgleitet einem das Spiel. Man muss also frühzeitig eingreifen, ohne dass man der politischen Debatte die Leidenschaft nimmt. Und insgesamt ist unser Parlament lebendiger geworden ... es findet mehr Aufmerksamkeit und das ist auch gut so.

Bettina Schausten:

Lebendiger, Dank der AfD?

Nein, allein die Tatsache, dass wir sechs Fraktionen sind ... das die Mehrheit der großen Koalition nicht mehr so groß ist ... dass die Debatten ... dass die Redezeiten kürzer geworden sind, wesentlich kürzer ... und dass die Debatten dadurch spannender sind ... und mit der Auseinandersetzung mit der AfD? Ich bin traurig, dass so viele Menschen geglaubt haben, sie müssten AfD wählen ... aber ich muss es respektieren ... aber in der Auseinandersetzung wird ja auch manches ein Stück klarer.«

Wie dem auch immer sei.

Im Deutschen Bundestag rekrutiert sich die drittstärkste Fraktion immerhin aus dem Dunstkreis politischer Ideen, von denen noch vor wenigen Jahren angenommen wurden, dass sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für immer zu Grabe getragen worden waren.

Das jedoch erweist sich zunehmend als ein Irrtum.

Und was nun?

Frühere Generationen von Europäern und Amerikanern haben enorme Opfer gebracht, um unsere demokratischen Institutionen gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen.

Und was tun wir?

Unsere Generation ist immerhin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Demokratie für selbstverständlich gehalten wurde und wird. Das ist ganz außergewöhnlich, weil in Europa bisher beispiellos. Wir haben jetzt dafür zu sorgen, dass die Demokratie nicht von innen ausgehöhlt und zerstört wird.

01.2 Appell an die Einsicht, dass sich Demokratie lohnt

TOP

Demokratie kann auf Dauer ohne die Zustimmung der Gesellschaft nicht existieren. Auch wenn heute noch die Mehrheit die Demokratie für ein zeitgemäßes Regierungssystem hält, mehren sich doch die Zeichen, dass ein Richtungswechsel bevorstehen könnte, denn:

Wir werden immer radikaler.

Nicht nur in unseren oft verhängnisvollen Reaktionen auf politische Herausforderungen, sondern auch im Hinblick auf uns selbst. Nur ICH bin von Bedeutung, um den Rest mag sich der Sozialstaat kümmern, solang wir uns das noch leisten können.

Diese dekadente Ich-Kultur lähmt die westliche Industriegesellschaft nunmehr schon seit mehr als 40 Jahren. Christopher Lasch (1932 bis 1994), ein bekannter amerikanischer Soziologe und Historiker, wies diese gesellschaftliche Fehlentwicklung bereits in seinem erstmals 1979 erschienenen Buch »The Culture of Narcissism« (Das Zeitalter des Narzissmus) nach, das auch heute noch als ein Standardwerk moderner Soziologie anzusehen ist.

Dazu später mehr.

Heute scheint die Bedürfnislage wieder in eine andere Richtung umzuschlagen, gilt es doch für viele darum, wieder möglichst schnell Zuflucht und Schutz in einer verlorengegangenen nationalen Identität zu finden.

Einem Wunschdenken, das belegt, dass die »Leere im ICH« auf Dauer nicht ertragen und gelebt werden kann und dass jeder exzessiv gelebte individuelle Narzissmus irgendwann Kräfte aktiviert, die sich vom Einzelnen abwenden, um im Schoß der Nation die Sicherheit zu suchen, die die individuelle Leere im ICH verursacht hat.

Was lehren uns diese Widersprüche?

Der Mensch ist von Natur aus ein Individuum, das für sich allein nicht leben und auch nicht überleben kann.

Diese Aussage gilt auch heute noch.

Auch wenn Anthropologen nachweisen konnten, dass es Gesellschaften gegeben hat, in denen sich der Einzelne der Gemeinschaft bedingungslos unterzuordnen und erforderlichenfalls sogar zu opfern hatte. Diese Zeiten sollten aber vorbei sein. Denn in den letzten hundert Jahren sind einfach zu viele aufgeklärte Menschen freudig und mit einem Lachen auf den Lippen, zumindest in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ausbruch des Erste Weltkriegs, sogar mit blumengeschmückten Bajonetten freiwillig an die Front geeilt, um dort am Massensterben teilzunehmen.

Heute hat sich der Kreis der Todesmutigen auf eine überschaubare Anzahl von Dschihadisten reduziert, denn zumindest der postmoderne Mensch von heute versteht sich als ein Individuum, das den höchsten Wert auf Erden verkörpert.

Nicht von ungefähr bezogen sich die Kriegsgegner zurzeit der Antikriegsbewegung in Deutschland auf einen Satz des us-amerikanischen Dichters Carl Sandburg, der da lautet: »Sometime they’ll give a war and nobody will come.«

Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.

Nach meinem Kenntnisstand wurde von einem Unbekannten dieses Zitat wie folgt erweitert: »Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg halt zu dir.«

Wie dem auch immer sei.

Beide Extreme sind fragwürdige Konstrukte.

Deshalb scheint es mir erforderlich zu sein, ein Menschenbild zu finden, das den Anforderungen einer globalisierten Welt eher zu entsprechen vermag, als Selbstüberschätzung und Wortklauberei.

Mit anderen Worten:

Menschen müssen wieder lernen, fair miteinander umzugehen. Das ist einfach zu verstehen, aber schwer in die Tat umzusetzen.

Was benötigt wird, ist nach der hier vertretenen Auffassung ein allgemeiner Wertekodex, der sich am Wert des menschlichen Lebens und an dem Recht eines jeden Einzelnen orientiert, in seinem Leben Glück finden zu können.

Das kann aber nur in einem Miteinander gelingen, in dem es nicht darum geht, überall die gleichen Lebensbedingungen zu schaffen, was ja nicht einmal in den 30 Jahren nach der Wiedervereinigung im kleinen und reichen Deutschland gelungen ist.

Vielmehr muss es darum gehen, auf gegenseitige Ausbeutung zu verzichten und im Rahmen des menschlich Möglichen Solidarität zu pflegen, zu fördern und auszubauen.

Das ist die anzustrebende Utopie, für die es sich bereits heute lohnen würde, weltweit Milliarden zu investieren. Das wäre ein Projekt, das nicht nur der menschlichen Vernunft zugänglich wäre, weil es sich dabei um ein zu realisierendes Projekt handeln würde, gewinnbringender auf jeden Fall als das Bemühen, Hunderte von Milliarden in einem Weltraum zu investieren, in dem für Menschen kein Platz ist. Allein die Kosten, die aufgebracht werden müssen, um den Weltraum wieder müllfrei zu machen würde ausreichen die Anzahl von Flüchtlingen zu reduzieren, wenn dieses Geld richtig investiert würde.

Aber, was ist schon richtig?

01.3 Über das Unbehagen in der Kultur

TOP

Das Essay von Siegmund Freud über »Das Unbehagen in der Kultgur«, ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine Gesellschaftsanalyse, die in allen menschlichen Gesellschaften anzutreffen ist und somit auch heute noch gilt.

Im Kapitel 3 heißt es u.a.:

Unsere Untersuchung über das Glück hat uns bisher nicht viel gelehrt, was nicht allgemein bekannt ist. Auch wenn wir sie mit der Frage fortsetzen, warum es für die Menschen so schwer ist, glücklich zu werden, scheint die Aussicht, Neues zu erfahren, nicht viel größer. Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem wir auf die drei Quellen hinwiesen, aus denen unser Leiden kommt: die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln. [...].

Wir werden die Natur nie vollkommen beherrschen, unser Organismus, selbst ein Stück dieser Natur, wird immer ein vergängliches, in Anpassung und Leistung beschränktes Gebilde bleiben. Von dieser Erkenntnis geht keine lähmende Wirkung aus; im Gegenteil, sie weist unserer Tätigkeit die Richtung. Können wir nicht alles Leiden aufheben, so doch manches, und anderes lindern, mehrtausendjährige Erfahrung hat uns davon überzeugt.

Und anderer Stelle heißt es im gleichen Kapitel:

Es scheint festzustehen, dass wir uns in unserer heutigen Kultur nicht wohl fühlen, aber es ist sehr schwer, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob und inwieweit die Menschen früherer Zeiten sich glücklicher gefühlt haben und welchen Anteil ihre Kulturbedingungen daran hatten.

Es genügt uns also zu wiederholen, dass das Wort »Kultur« die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander.

Um mehr zu verstehen, werden wir die Züge der Kultur im Einzelnen zusammensuchen, wie sie sich in menschlichen Gemeinschaften zeigen. [...]. Wir anerkennen also die Kulturhöhe eines Landes, wenn wir finden, dass alles in ihm gepflegt und zweckmäßig besorgt wird, was der Ausnützung der Erde durch den Menschen und dem Schutz desselben vor den Naturkräften dienlich, also kurz zusammengefasst: ihm nützlich ist.

In einem solchen Land seien Flüsse, die mit Überschwemmungen drohen, in ihrem Lauf reguliert, ihr Wasser durch Kanäle hingeleitet, wo es entbehrt wird. Der Erdboden werde sorgfältig bearbeitet und mit den Gewächsen beschickt, die er zu tragen geeignet ist, die mineralischen Schätze der Tiefe emsig zutage gefördert und zu den verlangten Werkzeugen und Geräten verarbeitet. Die Verkehrsmittel seien reichlich, rasch und zuverlässig, die wilden und gefährlichen Tiere seien ausgerottet, die Zucht der zu Haustieren gezähmten (Tiere) sei in Blüte.« [En01] 1

[Hinweis:] In solch einer Kultur des Wohlstandes leben Menschen heute nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten Europa. Und dennoch hat sich Unbehagen mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten in eine Richtung hin entwickelt, deren Ziel es ist, eine bestehende Kultur wieder dahin zu führen, wo sie schon zweimal zusammengebrochen ist, in den Nationalstaat.

Und was bleibt dann von der Freiheit übrig?

Bei Siegmund Freud heißt es dazu:

»Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert, weil das Individuum kaum imstande war, sie zu verteidigen. Durch die Kulturentwicklung erfährt sie Einschränkungen, und die Gerechtigkeit fordert, dass keinem diese Einschränkungen erspart werden. Was sich in einer menschlichen Gemeinschaft als Freiheitsdrang rührt, kann Auflehnung gegen eine bestehende Ungerechtigkeit sein und so einer weiteren Entwicklung der Kultur günstig werden und mit der Kultur verträglich bleiben. Es kann aber auch dem Rest der ursprünglichen, von der Kultur ungebändigten Persönlichkeit entstammen und so Grundlage der Kulturfeindseligkeit werden.

Der Freiheitsdrang richtet sich also gegen bestimmte Formen und Ansprüche der Kultur oder gegen Kultur überhaupt.« [En02] 2

Mit anderen Worten:

Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt immer nur Versuche, sich diesem Ideal anzunähern. Und da dieses Vorhaben nicht gelingen kann, entsteht ein Unbehagen, das sich, wenn es an Zuwachs gewinnt und sich entwickeln, zu irgendeinem Zeitpunkt selbstzerstörend werden kann, genauer formuliert, selbstzerstörend wird.

Schon bei Heraklit (540 bis 480 v. Chr.) heißt es: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.

Das mag richtig sein.

Andererseits ist aber auch festzustellen, dass jeder Wassertropfen in einem Fluss nichts anderes ist als winzig kleiner Teil dieses Flusses und als einzelner Tropfen nur dann wahrgenommen werden kann, wenn er isoliert wird. Einem solchen Tropfen individuelle Rechte zuzusprechen, außer dem Recht, wieder zurück in den Fluss geworfen zu werden, auf diesen Gedanken wäre Heraklit sicherlich nicht gekommen.

Dazu bedurfte es - im übertragenen Sinne - mehrerer Jahrtausende menschlicher Geschichte.

Erst im 18. Jahrhundert setzten sich langsam Ideen durch, dem Tropfen (sprich dem Individuum) mehr Bedeutung beizubemessen als dem Fluss (der Gesellschaft).

Ob diese herausragende Bedeutung des Individuums in der Massengesellschaft von heute weiterhin aufrechterhalten bleiben kann, diese Frage wird, zumindest nach der hier vertretenen Sicht der Dinge in Zukunft nicht nur neu zu durchdenken, sondern auch neu zu entscheiden sein.

Mit anderen Worten:

Für das Funktionieren als auch für den Verfall bestehender demokratischer Gesellschaften  wird es von existenzieller Bedeutung sein, eine Antwort auf folgende Frage zu finden:

Ist der Eigennutzen des Individuums höher zu bewerten als die Interessen des Allgemeinwohls?

Und dass diese Frage sogar den Kern des Menschenrechtsverständnisses von heute berührt, ist Gegenstand der folgenden Randnummern.

01.4 Menschenrechte schützen das Individuum

TOP

Menschenrechte, so hieß das Credo der Aufklärung, sind angeborene Rechte, die dem Menschen von Natur aus zustehen, und die den Einzelnen, also das Individuum, vor staatlicher Willkür schützen.

Mit anderen Worten:

Bei den Menschenrechten handelt es sich um Abwehrrechte, die sich gegen den Staat und nicht gegen Übergriffe von Privatpersonen richten.

Diese Sichtweise war damals revolutionär, denn das Staatsverständnis, wenn es ein solches überhaupt gab, wurde jahrhundertelang von der Idee getragen, dass die Macht des Staates nicht an Moralgesetze gebunden ist, weil von Gott gegeben.

Konsequenterweise bestand der Zweck von Ethik in diesen Jahrhunderten darin, dem Individuum einzuschärfen, seine Pflicht bestehe im selbstopfernden Dienst an der Gesellschaft.

Anders ausgedrückt:

Der Staat stand über dem Moralgesetz, so dass ein allmächtiger Souverän nach Lust und Laune herrschen und regieren konnte. Erstmalig in der Geschichte änderten dies die Amerikaner, denen es gelang, durch die Bill of Rights, die am 25. September 1789 vom amerikanischen Kongress beschlossen, und von 11 Bundesstaaten ratifiziert wurde, die Staatsmacht unter das Moralgesetz zu zwingen.

Alle vorherigen Machtsysteme hatten die Menschen zuvor lediglich als ein »Mittel zum Zweck für die Interessen der Herrschenden« angesehen, legitimiert allein dadurch, dass dies Gottes Wille sei.

Nunmehr war es so, dass der »Menschen als Selbstzweck« angesehen wurde und somit die Gesellschaft so zu verändern war, dass sie »Mittel zur friedlichen, geordneten, freiwilligen Koexistenz von Individuen« werden konnte.

Mit anderen Worten:

Alle »vorrevolutionären Herrschaftssysteme« standen folglich außerhalb von Moralgesetzen, obwohl sie weiterhin versuchten, dem Individuum einzuschärfen, dass es seine Pflicht sei, sein Leben weiterhin in den selbstaufopfernden Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Anders ausgedrückt:

Die revolutionärste Errungenschaft der Vereinigten Staaten von Amerika war die Unterordnung der Gesellschaft unter das Moralgesetz und bestand darin, die Macht des Staates zu begrenzen, sozusagen in der »Unterordnung von Macht unter das Recht«.

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle zu den konstituierten Menschenrechten im Einzelnen Stellung zu nehmen. Deshalb sollen an dieser Stelle nur einige Zeiten aus mehreren Essays von Ayn Rand zitiert werden, die dem Sammelband »Die Tugend des Egoismus - Eine neue Auffassung des Eigennutzes« entnommen wurde, das 2017 in zweiter Auflage im TvR Medienverlag Jena erschien.

[Hinweis:] Ayn Rand ist eine auch heute noch kontrovers diskutierte Philosophin und Schriftstellerin, deren Werke in Millionenauflagen erschienen und von Millionen gelesen wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass in Amerika nur die Bibel öfter gelesen wurde, als ihre Romane. Ayn Rand kann im Übrigen als eine Vordenkerin der Republikaner angesehen werden, die mit Vehemenz (rechts) konservative Ansichten vertritt. Ihr Epos »Der Streik« aus dem Jahre 1957 ist bis heute eins der meistverkauften Bücher in den USA.

Wer sich darauf einlässt, bekommt eine Vorstellung darüber, wie Republikaner denken.

Kurzfassung:

Individualrechte sind die höchsten Werte auf Erden. Wer viel leister, muss sich seiner Leistung nicht schämen. Wer nichts leistet, trägt dafür selbst die Verantwortung.

Das, was sie über Recht schreibt, liest sich wie folgt:

»Ein »Recht« ist ein moralisches Prinzip, das die Handlungsfreiheit eines Menschen in einem gesellschaftlichen Kontext definiert und billigt. Es gibt nur ein fundamentales Recht (alle anderen sind dessen Konsequenzen oder Folgen):

Das Recht des Menschen auf sein Leben (Seite 122).

Leben ist ein Prozess selbsterhaltender und selbsterzeugender Handlungen; das Recht auf Leben bedeutet das Recht, selbsterhaltende und selbsterzeugte Handlungen auszuüben - d.h., die Freiheit, alle Handlungen zu unternehmen, die von der Natur eines rationalen Wesens für den Erhalt, die Fortführung und den Genuss seines Lebens erforderlich sind (das ist die Bedeutung des Rechts auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück).

An anderer Stelle heißt es:

Das Recht auf Leben ist der Ursprung aller Rechte - und das Recht auf Eigentum ist ihre einzige Durchsetzung. Ohne Eigentumsrechte sind keine anderen Rechte möglich. Da der Mensch sein Leben durch eigene Anstrengung erhalten muss, hat man ohne das Recht auf das Produkt seiner Anstrengung keine Möglichkeit, sein Leben zu erhalten.

Es ist das Recht, materielle Werte zu erlangen, zu behalten, zu benutzen und darüber zu verfügen. [...]. Die Rechte eines Menschen [ergeben] sich nicht aus einem Gesetz Gottes oder des Kongresses ..., sondern aus dem Gesetz der Identität. A ist gleich A - und ein Mensch ist ein Mensch.

Rechte sind Existenzbedingungen, die der Mensch seiner Natur nach zum angemessenen Überleben benötigt. Soll der Mensch auf der Erde leben, dann ist es rechtens, dass er seinen Verstand gebraucht, es ist rechtens, dass er seinem eigenen, freien Urteil entsprechend handelt, es ist rechtens, dass er für seine Werte arbeitet und das Produkt seiner Arbeit behält. Ist das Leben auf der Erde sein Zweck, dann hat er das Recht, als ein vernunftbegabtes Wesen zu leben: Die Natur verbietet ihm die Unvernunft.

Und gegen wen richten sich diese Rechte?

Bei Ayn Rand heißt es dazu: Die Bill of Rights richtet sich nicht gegen Privatleute, sondern gegen die Regierung - als ausdrückliche Erklärung dafür, dass individuelle Rechte über der Macht der Gesellschaft stehen (Seite 124).

Konsequenterweise kommt Ayn Rand zu dem Ergebnis, dass die Zerstörung der Freiheit mit der Zerstörung individueller Rechte beginnt.

Und genau hier liegt das von Rechtskonservativen abgelehnte Prinzip demokratischer Sozialstaatlichkeit.

Menschenrechte werden ausgehöhlt, wenn:

  • Jeder einen Anspruch auf einen nützlichen und lohnenden Arbeitsplatz in Industrie, Handel, der Landewirtschaft oder anderen Gewerbezweigen hat

  • Das Recht auf ausreichenden Verdienst für angemessene Ernährung, Kleidung und Erholung, sozusagen das Recht auf ein Existenzminimum einem jedermann zusteht, ohne dass er etwas dafür leistet

  • Jeder das Recht auf ein anständiges Heim für seine Familie hat

  • Jedem das Recht auf eine angemessene medizinische Versorgung sowie auf den Erhalt und den Genuss einer guten Gesundheit zusteht

  • Das Recht auf angemessenen Schutz vor wirtschaftlichen Risiken wie Alter, Krankheit, Unfälle und Arbeitslosigkeit gewährleistet
    und

  • Das Recht auf eine gute Ausbildung auf Kosten einem jeden sozusagen geschenkt wird.

Diese oben aufgeführten Forderungen stoßen im Wesentlichen im rechtskonservativen Lager weltweit auf Ablehnung.

Mit anderen Worten:

Nur wer für den Laissez-faire-Kapitalismus eintritt, verteidigt damit zugleich auch die Menschenrechte.

[Hinweis:] Seit den 1960er Jahren, in denen Ayn Rand ihre Essays schrieb, hat sich die Welt aber wesentlich verändert.

Um es mit einem Satz auszudrücken:

Aus dem »Laissez-Faire-Kapitalismus« ist ein »Raubtier-Kapitalismus« geworden.

In einem Glossar zur weltweiten Finanzkrise hieß es in einem Artikel der FAZ vom 09.07.2009 unter der Überschrift »Raubtierkapitalismus« wie folgt:

»Der Raubtierkapitalist fühlte sich einst unverwundbar. Doch wer am Ende der Nahrungskette steht, lebt gefährlich und ist höchst abhängig. Nicht umsonst gehören der Hai und der Tiger zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Die Krise [gemeint ist die weltweite Finanzkrise des Jahres 2008] hatte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schon zwei Jahre zuvor vorausgesagt:

Damals nämlich, als die Finanzmanager in London und New York noch unverwundbar schienen, sprach Schmidt in einem Interview mit »Die Zeit« von Raubtierkapitalismus. Und genauso ist es, wenn man ihm bei Wort nimmt, dann ja auch gekommen.

Und um mit den Worten von Altbundeskanzler Helmut Schmidt (1918 bis 2015) führte fortzufahren:

Je dichter der Finanzverkehr, um so mehr Aufsicht durch den Staat bedarf es. So dicht und so voluminös, wie er heute ist, bedarf es zwingend verbindlicher Verkehrs- und Sicherheitsregeln. Heute macht es ein jeder noch so, so wie er es will. Das kann nicht gut gehen.

[Persönliche Anmerkung:] Und was für den Raubtierkapitalismus gilt, das gilt auch für andere Errungenschaften modernster Industrietechnik, die menschliche Lebensräume und nicht nur die zerstört. Als Beispiele seien hier nur einige genannt: Energieversorgung, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Ernährungsindustrie, industrielle Tierhaltung, Verschmutzung der Meere, Müllentsorgung etc., deren bedrohlich gewordene Auswüchse bereits heute nach einer möglichst schnellen Beendigung des »Laizzes-faire« verlangen.

Mit anderen Worten:

Der Missbrauch von Freiheit durch Private macht es notwendig, die Freiheit der Wirtschaftenden wieder unter die Aufsicht des Staates zu stellen, um die Gesellschaft nunmehr nicht mehr vor den Übergriffen des Staates, sondern vor den Übergriffen privater Machtstrukturen (Konzerne, Unternehmungen, Industrie etc.) zu schützen.

Dies ist die andere Seite von Freiheit.

Und daraus entsteht eine Vorstellung über Menschenrechte, die auch den visionärsten Aufklärern nicht zugänglich gewesen sein können, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse von 1700 (Beginn der Aufklärung), bis heute, sich gravierend verändert haben. Dennoch orientieren sich die Vorstellungen darüber, was Menschenrechte sind, auch heute noch an den Freiheitsvorstellungen vergangener Jahrhunderte.

Erst heute fühlen sich nicht nur Philosophen dazu aufgerufen, Freiheit anders zu definieren, als das in der Vergangenheit üblich war. Die Folge davon ist, dass Überlegungen zum Freiheitsbegriff zunehmend von Autoren erneut aufgegriffen und im zunehmenden Maße kritisch fortgeschrieben werden.

Otfried Höffe, Professor für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle politische Philosophie geht dieser Frage in seinem Buch »Kritik der Freiheit - das Grundproblem der Moderne« mit analytischer Gründlichkeit nach.

Sein Fazit:

Der Freiheitsbegriff der Moderne muss auf den Prüfstand.

Die Moderne bedarf diesbezüglich einer Neuvermessung.

Mit anderen Worten:

Der Missbrauch von Freiheit bedarf der Beschränkung.

Freiheit ist nämlich keine Einbahnstraße, sondern Gebrauch einer sozialen Verpflichtung.

Das zu akzeptieren fällt jedoch schwer, weil immer noch der Glaube an ein grenzenloses Wachstum sozusagen als »der« Treibstoff für Industriegesellschaften angesehen wird. Dieser Glaube an ein »weiter so« gehört - man mag das bedauern - auch heute noch zum Credo demokratischer Staaten.

Womit wir wieder beim Thema sind:

Gelingt es dem demokratischen Staat nicht, einen zeitgemäßen Freiheitsbegriff zu finden und diesen dann selbstverständlich auch in politisches Handeln umzusetzen, dann wird die Demokratie scheitern, wenn sie dabei versagen sollte.

Und dass sie, die Demokratie, Konflikte mit mächtigen Privaten scheut und am liebsten ganz umgehen möchte, das lässt sich heute am Dieselskandal leicht ausmachen, und nicht nur dort.

Mit anderen Worten:

Die Kritik von 100 Lungenfachärzten an die gesundheitsschädliche Wirkung der Feinstaubbelastung kommt gerade noch rechtzeitig, um alles so belassen zu können, wie es sich entwickelt hat, denn: Alles ist halb so schlimm.

01.5 Menschenpflichten, die sich an Staaten richten

TOP

Ayn Rand hat, zumindest meiner Meinung nach überzeugend, aus der Perspektive eines moralisch orientierten frei-marktwirtschaftlichen Kapitalismus über Menschenpflichten geschrieben. Alan Greenspan (*1926) von 1987 bis 2006 Vorsitzender der US-Notenbank und mit der einflussreichsten politischen Autorin der USA (Any Rand) befreundet, sagte in einem Interview: »Bevor ich Ayn Rand begegnete, war ich freier Marktwirtschaftler im Sinne von Adam Smith, beeindruckt von der theoretischen Struktur und Effizienz der Märkte. Ich verdanke ihr die Einsicht, dass der Kapitalismus nicht nur effizient und praktisch, sondern auch moralisch ist« (Wikipedia).

Hier einige Zitate von Ayn Rand, die Menschenpflichten zugeordnet werden können.

In Ihrem Essay »Kollektive Rechte« heißt es u.a.:

»Rechte sind moralische Prinzipien, die geordnete gesellschaftliche Beziehungen definieren. Genau, wie der Mensch einen Moralkodex braucht, um zu überleben (um zu handeln, die richtigen Ziele auszuwählen, um sie zu erreichen), so braucht eine Gesellschaft (eine Gruppe von Menschen) moralische Prinzipien um ein Gesellschaftssystem zu organisieren, das mit der Natur des Menschen und den Erfordernissen seines Überlebens übereinstimmt.

Während der Subjektivismus in das Reich der Ethik gehört, gehört der Kollektivismus in das Reich der Politik.« [En03] 3

[Hinweis:] Es muss an dieser Stelle offenbleiben, was Ayn Rand selbst unter Politik verstand, denn im hier zu erörternden Sachzusammenhang ist es für mich leichter, mich auf Hannah Arendt und ihr nur wenige Seiten umfassendes Essay »Was ist Politik?« zu beziehen, um die Frage zu klären: Was ist Politik?

Dort heißt es u.a.:

»Aufgabe und Zweck der Politik ist die Sicherung des Lebens im weitesten Sinn. Sie ermöglicht dem Einzelnen, in Ruhe und Frieden seinen Zwecken nachzugehen, das heißt, unbehelligt von Politik zu sein, wobei es erst einmal ganz gleichgültig ist, in welchen Lebenssphären diese Zwecke, die durch Politik sichergestellt werden sollen, [...] liegen.

An anderer Stelle heißt es:

Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen, denn politisch organisieren sich die Menschen nach bestimmten wesentlichen Gemeinsamkeiten im absoluten Chaos oder aus einem absoluten Chaos der Differenzen.«

Zurück zu Ayn Rand und ihren Vorstellungen von kollektiven Rechten:

Da nur ein individueller Mensch Rechte besitzen kann, ist der Ausdruck »kollektive Rechte« ein Widerspruch in sich selbst. Jede Gruppe oder jedes »Kollektiv«, ob groß oder klein, ist nur eine Anzahl von Individuen. Eine Gruppe kann somit nur die Rechte haben, die auch ihre individuellen Mitglieder besitzen.

Eine Gruppe als solche hat keine Rechte, denn ein Mensch kann durch Beitritt zu einer Gruppe weder neue Rechte erwerben, noch die Rechte verlieren, die er bereits besitzt.

»Jede Gruppe«, so Ayn Brand, »die dieses Prinzip nicht anerkennt, ist keine Organisation, sondern eine Verbrecherbande.«

An anderer Stelle heißt es:

Eine Nation ist wie jede andere Gruppe nur eine Anzahl von Individuen und kann keine anderen Rechte haben als die Rechte ihrer individuellen Bürger.

Und:

Eine Nation, die die Rechte ihrer eigenen Bürger verletzt, kann keinerlei Rechte beanspruchen. In der Frage von Rechten kann, wie in allen moralischen Fragen, nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.

Deshalb:

Die Verlagerung des Begriffs »Rechte« vom Individuum auf das Kollektiv bedeutet: Die Rechte des Menschen durch die Rechte des Mobs zu ersetzen.« [En04] 4

[Hinweis:]Ob diese Sichtweise auch heute noch zukunftstauglich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. In einer Zeit, in der erwiesenermaßen die Grenzen des Wachstums erreicht sind und jedes »Weiter so!« den Klimawandel im wahrsten Sinne des Wortes anheizt, wird und kann es nicht mehr lange dauern, bis auch der letzte »Raubtierkapitalist« erkennt, dass eine wirtschaftliche Neuausrichtung alternativlos ist.

Gelingt diese Reduzierung zurück auf ein »menschliches Maß« nicht durch freiwillige, bzw. durch demokratische (mehrheitlich erwirkte) Beschlüsse, dann wird die Demokratie nicht dauerhaft überleben können, denn die dann eintretenden Folgen werden radikale Änderungen, nicht nur im Wirtschaftsleben der Menschen, sondern auch im Miteinander erzwingen.

01.6 Menschenpflichten als humanitäre Prinzipien

TOP

Bei den nachfolgend mitgeteilten Menschenpflichten handelt es sich im Gegensatz zu den oben erörterten Menschenrechten nicht um Rechte, die den Einzelnen vor den Übergriffen des Staates schützen, sondern um Kollektivrechte von Menschen als Volk, Nation oder Gruppe.

Im September 1997 wurden die kollektiven Menschenpflichten vom Inter Action Council vorgeschlagen und weltweit zur Diskussion gestellt.

Es handelt sich dabei um 19 Artikel, die im Folgenden zitiert werden und die für sich selber sprechen:

Fundamentale Prinzipien für Humanität

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischen Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.

Artikel 3

Keine Person, keine Gruppe oder Organisation, kein Staat, keine Armee oder Polizei steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‹ auch keinem anderen zu.

Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben

Artikel 5

Jede Person hat die Pflicht, Leben zu achten. Niemand hat das Recht, eine andere menschliche Person zu verletzen, zu foltern oder zu töten. Dies schließt das Recht auf gerechtfertigte Selbstverteidigung von Individuen und Gemeinschaften nicht aus.

Artikel 6

Streitigkeiten zwischen Staaten, Gruppen oder Individuen sollen ohne Gewalt ausgetragen werden. Keine Regierung darf Akte des Völkermords oder des Terrorismus tolerieren oder sich daran beteiligen, noch darf sie Frauen, Kinder oder irgendwelche andere zivile Personen als Mittel zur Kriegsführung missbrauchen. Jeder Bürger und öffentliche Verantwortungsträger hat die Pflicht, auf friedliche, gewaltfreie Weise zu handeln.

Artikel 7

Jede Person ist unendlich kostbar und muss unbedingt geschützt werden. Schutz verlangen auch die Tiere und die natürliche Umwelt. Alle Menschen haben die Pflicht, Luft, Wasser und Boden um der gegenwärtigen Bewohner und der zukünftigen Generationen willen zu schützen.

Gerechtigkeit und Solidarität

Artikel 8

Jede Person hat die Pflicht, sich integer, ehrlich und fair zu verhalten. Keine Person oder Gruppe soll irgendeine andere Person oder Gruppe ihres Besitzes berauben oder ihn willkürlich wegnehmen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Artikel 11

Alles Eigentum und aller Reichtum müssen in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit und zum Fortschritt der Menschheit verantwortungsvoll verwendet werden. Wirtschaftliche und politische Macht darf nicht als Mittel zur Herrschaft eingesetzt werden, sondern im Dienst wirtschaftlicher Gerechtigkeit und sozialer Ordnung.

Wahrhaftigkeit und Toleranz

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

Artikel 13

Keine Politiker, Beamte, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Künstler sind von allgemeinen ethischen Maßstäben entbunden, noch sind es Ärzte, Juristen und andere Berufe, die Klienten gegenüber besondere Pflichten haben. Berufsspezifische oder andersartige Ethikkodizes sollen den Vorrang allgemeiner Maßstäbe wie etwa Wahrhaftigkeit und Fairness widerspiegeln.

Artikel 14

Die Freiheit der Medien, die Öffentlichkeit zu informieren und gesellschaftliche Einrichtungen wie Regierungsmaßnahmen zu kritisieren - was für eine gerechte Gesellschaft wesentlich ist -, muss mit Verantwortung und Umsicht gebraucht werden. Die Freiheit der Medien bringt eine besondere Verantwortung für genaue und wahrheitsgemäße Berichterstattung mit sich. Sensationsberichte, welche die menschliche Person oder die Würde erniedrigen, müssen stets vermieden werden.

Artikel 15

Während Religionsfreiheit garantiert sein muss, haben die Repräsentanten der Religionen eine besondere Pflicht, Äußerungen von Vorurteilen und diskriminierende Handlungen gegenüber Andersgläubigen zu vermeiden. Sie sollen Hass, Fanatismus oder Glaubenskriege weder anstiften noch legitimieren, vielmehr sollen sie Toleranz und gegenseitige Achtung unter allen Menschen fördern.

Gegenseitige Achtung und Partnerschaft

Artikel 16

Alle Männer und alle Frauen haben die Pflicht, einander Achtung und Verständnis in ihrer Partnerschaft zu zeigen. Niemand soll eine andere Person sexueller Ausbeutung oder Abhängigkeit unterwerfen. Vielmehr sollen Geschlechtspartner die Verantwortung für die Sorge um das Wohlergehen des anderen wahrnehmen.

Artikel 17

Die Ehe erfordert - bei allen kulturellen und religiösen Verschiedenheiten - Liebe, Treue und Vergebung, und sie soll zum Ziel haben, Sicherheit und gegenseitige Unterstützung zu garantieren.

Artikel 18

Vernünftige Familienplanung ist die Verantwortung eines jeden Paares. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll gegenseitige Liebe, Achtung, Wertschätzung und Sorge widerspiegeln. Weder Eltern noch andere Erwachsene sollen Kinder ausbeuten, missbrauchen oder misshandeln.

Schluss

Artikel 19

Keine Bestimmung dieser Erklärung darf so ausgelegt werden, dass sich daraus für den Staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein Recht ergibt, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung vorzunehmen, welche auf die Vernichtung der in dieser Erklärung und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 angeführten Pflichten, Rechte und Freiheiten abzielen. [En05] 5

[Persönliche Anmerkung:] Die in dieser Erklärung enthaltenen Menschenpflichten sind für jede Gesellschaft Herausforderung und Verpflichtung zugleich. Da die oben mitgeteilten Pflichten kaum in der Öffentlichkeit diskutiert werden, kann davon ausgegangen werden, dass die Notwendigkeit ihrer Umsetzung allein deshalb unterbleibt, weil jede Form von Einschnitt und jede Form von Verzicht auf Gewinn zur Folge hat, nicht nur Wähler zu verärgern, sondern auch Wähler zu verlieren.

Solange wie das so ist, kann kaum erwartet werden, dass solche Ziele zu Regierungszielen erklärt werden.

[Koalitionsvertrag 2017:] Im 175 Seiten umfassenden Koalitionsvertrag der Großen Koalition von heute (CDU/CSU und SPD) muss man folglich die Stellen, die Gerechtigkeitsfragen betreffen, im wahrsten Sinne des Wortes suchen.

Ohne die automatische Suchfunktion, die heute jeder PC zur Verfügung stellt, hätte das mehrere Stunden in Anspruch genommen. Solche Aufgaben lassen sich heute maschinell in wenigen Minuten erledigt:

Was die Suchfunktion gefunden hat, das liest sich wie folgt:

  • Rn. 14: Unsere heutige wirtschaftliche Stärke eröffnet die Chance, Gerechtigkeit langfristig zu sichern

  • Rn. 86: Die Europäische Union ist ein historisch einzigartiges Friedens- und Erfolgsprojekt und muss es auch künftig bleiben. Sie verbindet wirtschaftliche Integration und Wohlstand mit Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit

  • Rn. 156: Wir wollen ein Europa der Chancen und der Gerechtigkeit

  • Rn. 221: Wir wollen eine offene und faire Handelspolitik, die allen zugutekommt und auf Wachstum, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zielt

  • Rn. 931: Gleichstellung von Frauen und Männern ist eine Frage der Gerechtigkeit

  • Rn. 4302: Wir wollen die Gerechtigkeitslücke schließen: Mütter und Väter, die vor 1992 geborene Kinder erzogen haben, sollen künftig auch das dritte Jahr Erziehungszeit in der Rente angerechnet bekommen

  • Rn. 7217: Neben Handelsfragen sind für uns Klimapolitik, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, eine faire Globalisierung sowie Sicherheit und Frieden zentrale Punkte unserer Kooperation

  • Rn. 7742: Kultur ist ein Spiegel unseres Selbstverständnisses, das auf der christlich-jüdischen Prägung, der Aufklärung und dem Humanismus sowie den Grundwerten der Menschenwürde, der Freiheit, der Gerechtigkeit und Solidarität beruht

  • Rn. 7791: Wir wollen Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Kunst, Kultur und Medien weiter ausbauen: Mehr Frauen müssen Führungsverantwortung in Kultur- und Medieneinrichtungen übernehmen und künstlerische Leistungen geschlechterunabhängig honoriert werden.

  • Rn. 7797: Wir beziehen bei Stipendienvergaben und Förderentscheidungen auch das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit ein. [En06] 6

[Persönliche Anmerkung:] Ob sich so die weltweiten Flüchtlinge, die sich auf Europa zubewegen stoppen lassen, setzt viel Optimismus voraus. Wahrscheinlicher dürfte sein, dass Europa sich eher selbst zur Festung aufrüsten wird, als den eigenen »abendländischen« Werten zu entsprechen.

Mehr dazu in den Randnummern, die sich mit dem Narzissmus der heutigen Zeit auseinandersetzen.

Mit anderen Worten:

In einem Koalitionsvertrag, der immerhin einen Umfang von 175 Seiten hat, zu einem zentralen Begriff menschlichen Zusammenlebens, nämlich dem Prinzip der Gerechtigkeit im Rahmen des menschlich Möglichen kaum mehr als 10 Sätze zu finden macht deutlich, dass zentrale Fragen der Zukunft heute immer noch kaum von Bedeutung sind.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die etablierten Parteien für diese Nachlässigkeit einen hohen Preis zu zahlen haben werden.

Die Europawahl im Mai 2019 und die Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen im September/Oktober 2019 werden zeigen, ob sich der »Aufbruch« der Neuen Rechten stoppen lässt, deren Ziel im Übrigen, was Gerechtigkeitsfragen anbelangt, sehr dürftig sind.

Im Wahlprogramm der AfD wird das Wort Gerechtigkeit nur in folgenden Zusammenhängen verwendet:

  • Mehr Gerechtigkeit bei Scheidungen

  • Gerechtigkeit beim Arbeitslosengeld

  • Beitragsgerechtigkeit für Familien

  • Bildungsgerechtigkeit erfordert Differenzierung

  • Soziale Verteidigungsgerchtigkeit

  • Gebot der Gerechtigkeit, um unterschiedliche Erwerbsbiografien bei Arbeitslosigkeit auch differenziert zu behandeln

Wer also von der Vorstellung ausgeht, dass die Neue Rechte gerechter ist als die Politik, die wir bereits kennen, der irrt.

01.7 Das Wesen der Regierung

TOP

In einer demokratischen Gesellschaft wird politisches Handeln im Wesentlichen als Handlungen der Exekutive erlebt, zu der auch Regierungshandlungen gehören, obwohl Handlungen der Bundesregierung bzw. Handlungen der Landesregierungen besser als Handlungen der Gubernative bezeichnet werden, womit die Bundes- und Landesministerien gemeint sind, denen die Oberaufsicht über die nachgeordnete öffentliche Verwaltung obliegt.

Wie dem auch immer sei.

Zum Grundprinzip des Wesens einer demokratischen Regierung gehört die Anerkennung individueller Rechte. In diesem Sinne hat ein Privatmensch die Freiheit, jede Handlung zu tätigen, die er tätigen will (solange er nicht die Rechte anderer verletzt oder geltendes Recht verletzt).

Das bedeutet:

Während eine Regierung in jeder ihrer öffentlichen Handlungen geltendes Recht beachten muss, darf ein privates Individuum alles tun, was nicht gesetzlich verboten ist.

Mit anderen Worten:

Eine Regierung darf nichts tun, was nicht ausdrücklich gesetzlich erlaubt ist.

Die in einer Gesellschaft geltende Rechtsordnung ist somit eine Beschränkung der Regierung und nicht vorrangig eine Beschränkung der privaten Individuen, denn, so Ayn Rand, »wenn es erst einmal so weit ist, dass die Regierung die Freiheit hat, alles zu tun, was sie will, während die Bürger nur noch mit Erlaubnis handeln dürfen, ist es mit der Demokratie am Ende«.

Anders ausgedrückt:

Die Autorität der Regierung leitet sich letztendlich von der Zustimmung der Regierten ab. Dies bedeutet, dass die Regierung nicht der Herrscher, sondern der Diener oder Vertreter der Bürger ist. Insbesondere bedeutet das aber auch, dass die Regierung nur jene Rechte hat, die von gewählten Abgeordneten im Namen des Volkes in den Gesetzgebungsorganen beschlossen wurden.

Das ist aber nur ein Teil des Wesens der Regierung.

Ein anderer Teil besteht darin, und das entspricht dem Willen des Verfassungsgebers, dass politisch wichtige Entscheidungen sowohl in den Verantwortungsbereich der Regierung, als auch in den des Parlaments fallen.

Zu den Kernaufgaben der Regierung gehört es folglich, die dafür erforderlichen Entscheidungen nach Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten vorzubereiten und zu treffen.

Deshalb spricht das Grundgesetz dem Parlament auch nicht einen allumfassenden Vorrang bei grundlegenden Entscheidungen zu (vgl. BVerfGE 49, 89). Vielmehr setzt das Grundgesetz durch die gewaltenteilende Kompetenzzuordnung den Befugnissen des Parlaments Grenzen.

Im Übrigen gilt zugunsten der Regierung folgende Aussage des BVerfG:

BVerfGE 49, 89, 125

»Die konkrete Ordnung der Verteilung und des Ausgleichs staatlicher Macht, die das Grundgesetz gewahrt wissen will, darf nicht durch einen aus dem Demokratieprinzip fälschlich abgeleiteten Gewaltenmonismus in Form eines allumfassenden Parlamentsvorbehalts unterlaufen werden. Aus dem Umstand, dass allein die Mitglieder des Parlaments unmittelbar vom Volk gewählt werden, folgt nicht, dass andere Institutionen und Funktionen der Staatsgewalt der demokratischen Legitimation entbehren«.

[Hinweis:] Dass es in diesem Spannungsfeld zu Konflikten kommt, entspricht der Verfassungswirklichkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Insbesondere wenn es darum geht, abzuwägen, wo Individualrechte zugunsten des Allgemeinwohls einzuschränken sind, stehen sich die politischen Grundüberzeugungen durchaus konträr gegenüber.

Mehr dazu in der folgenden Randnummer.

01.8 Individualwohl oder Allgemeinwohl

TOP

(Rechts) konservative politische Überzeugungen gehen von der Grundannahme aus, dass der einzige legitime moralische Zweck einer Regierung darin besteht, die Rechte des Individuums zu schützen, d.h. den Einzelnen vor körperlicher Gewalt zu schützen sowie sein Recht auf sein Leben, auf Freiheit, auf Eigentum und auf sein Streben nach Glück.

Den Markt hingegen soll ein demokratischer Staat gefälligst dem freien Spiel privater Kräfte und den Interessen der Privaten überlassen.

Das mag dann zutreffen, wenn es sich dabei um Gesellschaften handelt, in denen die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht so gravierend sind, wie das in den westlichen Industriegesellschaften von heute der Fall ist und in denen ein Ausgleich aus Gerechtigkeitsgründen und aus Gründen der Fairness nicht vorgenommen werden muss, weil, wie Rousseau das bereits vor langer Zeit in seinem »Diskurs über die Ungleichheit« bereits 1755 schrieb, die Verhältnisse nur dann gleich bleiben können, wenn sie vergleichbar wären, was sie aber bereits zu Rousseaus Zeiten nicht waren, weil »der Stärkere mehr Arbeit bewältigte, der Gewandtere sich größeren Vorteil verschaffen und erfindungsreiche Menschen Mittel finden würden, die Arbeit zu verkürzen und, wenn beide gleich viel arbeiteten, der eine viel verdiente und der andere kaum genug zum Leben hat.«

Das führte dann Karl Marx und Friedrich Engels im »Manifest der Kommunistischen Partei« aus dem Jahre 1848 zu der Einsicht, dass Ungleichheiten existenzieller Art nur dadurch beseitigt werden können, indem das Privateigentum abzuschaffen sei.

In dem Manifest heißt es u.a.:

Aber das moderne bürgerliche Privateigentum ist der letzte und vollendetste Ausdruck der Erzeugung und Aneignung der Produkte, die auf Klassengegensätzen, auf der Ausbeutung der einen durch die andern beruht.

In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem Mem: Abschaffung des Privateigentums, zusammenfassen.

Und ein paar Sätze weiter heißt es:

Ihr entsetzt euch darüber, dass wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben, es existiert gerade dadurch, dass es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, dass wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt. [En07] 7

Mit anderen Worten:

Der Widerspruch zwischen Individualwohl und Allgemeinwohl ist so alt, dass sogar Aristoteles ebenso scharf und überzeugend wie Karl Marx, das Plädoyer des Sokrates widerlegen wollte, der ebenfalls dem Gemeingut eine größere Bedeutung als dem Privateigentum zusprach.

Aristoteles schrieb: Sobald Menschen in festen Gemeinschaften zusammenkommen, wird das Leben kompliziert.

Es ist ferner gar nicht auszusprechen, wie schätzenswert es ist, etwas sein eigen nennen zu dürfen. Denn, »dass jemand sich selbst liebt, ... liegt in unserer natürlichen Anlage.«

Anders ausgedrückt:

Privateigentum ist zwar der Feind der Gleichheit, aber der Verbündete der Gerechtigkeit, denn Privateigentum liefert dem Menschen das Motiv, aus eigener Anstrengung Leistungen zu erbringen, und den Maßstab, die Zuteilung von Belohnung beurteilen zu können.

Mehr dazu in der folgenden Randnummer.

01.9 Die Politik des Aristoteles

TOP

Zum Spannungsverhältnis von Privatinteressen und Allgemeininteressen heißt es bei Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) in seiner wohl wichtigsten Schrift »Politeia« (Der Staat) im Vierten Buch wie folgt:

Deshalb muss man zunächst darüber einig sein, welches Leben, so zu sagen, das wünschenswerteste für alle ist und dann, ob dies Leben sowohl für den in der Gemeinschaft befindlichen, wie für den vereinzelten Menschen dasselbe ist, oder ob verschieden.

An anderer Stelle heißt es:

Sonach hat sich ergeben, dass das beste Leben notwendig dasselbe ist, sowohl für den einzelnen Menschen, wie für die Staaten, als Gemeinschaften.

Und im Sechsten Buch heißt es:

Dazu kommt, dass die, welche sich im Übermaß von Glücksgütern befinden, seien es Stärke, oder Reichtum, oder Freunde, oder Anderes, weder den Willen noch das Verständnis für das Gehorchen haben (...), während die, welche an allen diesen Gütern großen Mangel leiden, zu unterwürfig werden.

Sonach können die Einen nicht herrschen und nur in sklavischer Weise gehorchen und die Anderen können keiner Art von Herrschaft gehorchen und selbst nur in despotischer Weise herrschen.

So entsteht nur ein Staat von Herren und Knechten, aber nicht von freien Männern, und ein Staat, wo die Einen die Anderen beneiden und diese jene verachten, was am meisten von freundschaftlicher Gesinnung staatlicher Gemeinschaft absteht; denn jede Gemeinschaft bedarf dieser freundschaftlichen Gesinnungen; mit Feinden mag man ja nicht einmal denselben Weg zusammengehen.

Der Staat will ferner möglichst aus gleichen und einander ähnlichen Bürgern bestehen und dies findet sich am meisten bei dem Mittelstande.

Deshalb muss derjenige Staat am besten regiert sein, dessen Zusammensetzung man für eine natürliche erklären kann. Auch befinden sich die Bürger des Mittelstandes in diesen Staaten am besten. Sie begehren weder, wie die Armen, das Gut der Anderen, noch begehren Andere nach ihrem Gute, wie dies die Armen in Bezug auf die Güter der Reichen tun und so führen sie ein gefahrloses Leben, indem weder sie den Anderen nachstellen, noch Andere ihnen.

Es ist also klar, dass diejenige Staatsgemeinschaft die beste ist, welche auf dem Mittelstande beruht und dass diejenigen Staaten geeignet sind, gut regiert zu werden, wo der Mittelstand zahlreich ist und weitaus stärker, als die beiden anderen, und wenn dies nicht, doch wenigstens stärker, als jeder Einzelne von den beiden anderen [...]. [En08] 8

[Hinweis:] An dieser philosophischen Grundwahrheit dürfte sich bis heute nichts Wesentliches geändert haben. Bedauerlicherweise gehen alle mir bekannten soziologischen Studien heute davon aus, dass die Bedeutung des Mittelstandes abnimmt und gerade dort die meisten Abstiegsängste festzustellen sind.

01.10 Zurück zum menschlichen Maß

TOP

Alle grundlegenden Überlegungen, die in der Vergangenheit erdacht und ausformuliert wurden, um aufzuzeigen, wie Gesellschaften dauerhaft sowohl in Wohlstand als auch in Frieden miteinander auskommen können, wurden in einer Zeit erdacht, als noch nicht abzusehen war, dass durch den Gebrauch menschlicher Freiheit Kräfte freigesetzt werden können, die sich - ob das der Mensch will oder nicht, diese Frage stellt sich heute nicht mehr - gegen ihn als Art selbst richten.

Mit anderen Worten:

Es dauerte lange, bis der Glaube an stetiges Wachstum und unaufhaltsamen Fortschritt ins Wanken geriet, denn heute werden diese beiden Wörter mehrheitlich wohl ganz anders verstanden, als das noch vor 50 Jahren der Fall war, obwohl bereits Oskar Wilde (1854 bis 1900) davon überzeugt war, dass die meisten Menschen seiner Zeit in den reichen Ländern daran glaubten, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird als ihnen selbst.

Dieser Glaube dürfte heute auch in den westlichen Demokratien wieder zur Gewissheit geworden sein.

Wie dem auch immer sei.

Die Demokratie von heute steht vor großen Herausforderungen, von denen hier nur einige beispielhaft aufgelistet werden können und die sich zudem nur mit Problemstellungen befassen, die sozusagen »hausgemacht« sind.

Auf folgende Fragen werden nicht nur in Deutschland dringend Antworten gesucht?

  • Was ist zu tun, damit das Grundwasser nicht noch mehr verunreinigt wird, als es das bereits heute schon ist?

  • Was ist zu tun, um auf den Einsatz umweltschädigender und gesundheitsschädigender Pestizide verzichten zu können?

  • Was ist zu tun, um die Feinstaubbelastung in der Luft zu senken, um nur eine von vielen anderen Verunreinigungen zu benennen, die für Menschen und Tiere zwischenzeitlich allein beim Einatmen der Luft gefährlich geworden sind?

  • Was ist zu tun, um das Artensterben zu verhindern?

  • Was ist zu tun, um zu verhindern, dass viele Menschen durch ungesunde Ernährung nicht nur an Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen Zivilisationskrankheiten erkranken und dadurch zwangsläufig auch im zunehmenden Maße die Gesundheitssysteme belasten?

  • Was ist zu tun ...... usw.

Die Antwort kann nur lauten:

Zurück zum menschlichen Maß.

Bereits 1973 wies E.E. Schumacher in seinem Buch »Die Rückkehr zum menschlichen Maß - Alternativen für Wirtschaft und Technik »Small is Beautiful« auf überzeugende Art und Weise nach, dass der gewaltige Sprung in den wirtschaftlichen Gigantismus der letzten 15 Jahre (Schumacher meinte die Zeit von 1958 bis 1973) die Krise erzeugte, die sich bis heute erheblich verschärft hat.

Mit anderen Worten:

Schumacher appellierte bereits 1973 an die Vernunft, einzusehen, dass Grenzen zumindest sichtbar geworden seien und das eine Abkehr vom Gigantismus unvermeidbar sei.

Auf Seite 27 heißt es in seiner Analyse:

»Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es der menschlichen Natur sehr entgegenkommt, sich persönlich zu bereichern.« Und unter Bezugnahme auf Keynes, auf den er sich zur Unterstützung der menschlichen Natur bezieht, fährt Schumacher fort, »dass die Zeit für eine »Rückkehr zu einigen der gesichertsten und fundamentalsten Grundsätze der Religion und herkömmlichen Wertvorstellungen (noch nicht gekommen sei) - dass Geiz ein Laster, Wucher ein Vergehen und die Liebe zum Geld abscheulich ist.«

Ein paar Sätze weiter heißt es, ebenfalls unter Bezugnahme auf Keynes: Wirtschaftlicher Fortschritt sei nur dann erreichbar, wenn wir uns die mächtigen menschlichen Antriebe der Selbstsucht zunutze machen, denen zu widerstehen Religion und überlieferte Weisheit uns allgemein raten. Die moderne Wirtschaft wird von einem Rausch der Habsucht vorwärtsgetrieben und schwelgt in einer Orgie des Neides.

Nur zur Klarstellung:

Diese Argumente zitiert Schumacher aus den Werken von John Maynard Keynes, der zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts zählte und der mit seinem Namen den Keynesianismus sozusagen zur Religion der modernen Volkswirtschaft aufsteigen ließ.

[Keynesianismus:] Dazu gehören wirtschaftspolitische Ansätze, die darauf ausgerichtet sind, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu steuern und bei Bedarf die Wirtschaft durch vermehrte Staatsausgaben und durch expansive Geldpolitik zu beleben. Als Hochphase des Keynesianismus weltweit gilt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (in Deutschland ab 1967) bis in die 1970er Jahre (Wikipedia.de).

Zwischenzeitlich hat sich viel geändert.

Trotzdem leben wir immer noch in einer gierigen, selbstsüchtigen und eigennützigen Zeit.

Das zu ändern, wird nicht einfach sein.

Möglicherweise überfordert solch eine Aufgabe auch die Staatsform, die wir heute als Demokratie verstehen. Wahrscheinlich dürfte sein, dass nur eine Demokratie mit einem anderen Selbstverständnis dazu in der Lage sein wird, die Herausforderungen lösen zu können, die in der Zukunft zu erwarten sein werden.

Aber wer kennt schon die Zukunft?

Warum es so schwer ist, individuelle als auch gesellschaftliche Gewohnheiten zu ändern, ist Gegenstand der folgenden Randnummern.

02 Egoismus als Tugend

TOP

Unter dem Titel »Die Tugend des Egoismus - Eine neue Auffassung des Eigennutzes« erschien 2017 in zweiter Auflage im TvR Medienverlag Jena ein Buch mit kurzen Essays von Ayn Rand.

Dort heißt es im Hinblick auf den Egoismus als eine Tugend wie folgt:

  • Das, was jeder von uns zum Überleben braucht, wird von unserer Natur bestimmt und unterliegt somit nicht unseren Entscheidungen. Wir sind zwar frei, die falsche Wahl zu treffen, nicht aber frei, damit Erfolg zu haben

  • Der Mensch ist die einzige lebende Spezies, die die Macht hat, als ihr eigener Zerstörer zu handeln - und so hat der Mensch in seiner Geschichte meistens gehandelt

  • Man hat den Menschen ein vernünftiges Wesen genannt, doch Vernunft ist eine Sache der eigenen Entscheidung. Seine Natur stellt den Menschen vor die Alternative: vernünftiges Wesen oder selbstmörderische Kreatur

  • Er muss entscheiden, ob er Mensch sein will; er muss entscheiden, ob er sein Leben für einen Wert halten will; er muss entscheiden, ob er lernen will, es zu erhalten; er muss entscheiden, ob er die Werte, die es erfordert, entdecken und seine Tugenden üben will

  • Der Mensch muss sich entscheiden, ein Mensch zu sein - und die Aufgabe der Ethik besteht darin, ihn zu lehren, wie man als Mensch lebt

  • Es bedeutet somit, dass der Mensch um seiner selbst willen leben muss und weder sich selbst für andere noch andere für sich opfert

  • Die objektivistische Ethik aber besagt, dass das menschliche Wohl keine Menschenopfer erfordert und [Glück] nicht dadurch erreicht werden kann, dass irgendjemand geopfert wird

  • Leben heißt schätzen. Nur ein rational egoistischer Mensch, ein Mensch mit Selbstachtung, ist zu Liebe fähig - weil er der einzige Mensch ist, der feste, beständig, kompromisslose, unverfälschte Werte vertreten kann

  • Wer sich selbst nicht schätzt, kann nichts und niemanden schätzen. [En09] 9

[Hinweis:] Diese Sichtweise erinnert an die Bergpredigt, in der Jesus zu seinen Zuhörern sagt:

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen (Matthäus 5:44 - Lutherbibel 1912).

Mit anderen Worten:

Richtig verstandener Egoismus setzt voraus, Grenzen zu akzeptieren, die nicht überschritten werden dürfen, um Schaden sowohl von sich selbst als auch von anderen abwenden zu können.

Menschen, die es für vernünftig halten, ihre Luft zum Atmen so zu verschmutzen, dass sich daraus für den Einzelnen als auch für alle unabsehbare Schäden ergeben werden, sind es nicht wert, reine Luft zu atmen bzw. von Plagen verschont zu bleiben, die sie durch Dummheit selbst verursacht haben.

Wie Lungenfachärzte das anders sehen können ist und bleibt ein Geheimnis. Aber 100 Lungenfachärzte können sich doch einfach nicht irren?

Oder doch?

Der menschliche Verstand kennt die richtige Antwort, sucht aber dennoch mit allen Mitteln nach Auswegen, ihn, den Verstand, ausschalten zu können.

02.1 Narzissmus als Persönlichkeitsstörung

TOP

Wir leben in einer Zeit, in der nicht einmal mehr Philosophen uns erklären können, wie wir zu leben haben. Was wir dennoch wahrnehmen, ist die Tatsache, dass uns die Zukunft bedrohlich und unsicher erscheint.

Das um so mehr, als dass das Zeitalter des Überflusses sich wohl seinem Ende nähert.

Wir erkennen, in welch einem begrenzten Maße die Menschen ihr Geschick selbst zu gestalten vermögen, und bevor alles vorbei ist, alles den Bach heruntergelaufen ist, kennen wir nur noch ein Ziel: uns selbst zu verwirklichen, indem wir in uns selbst den wichtigsten Wert auf Erden nicht nur erkennen, sondern diesen Wert auch auf Kosten anderer ausleben wollen, nein müssen.

Mit anderen Worten:

Die Postmoderne ist das Zeitalter des Hedonismus, einem Wort, das nichts anderes meint als Freude, Vergnügen, Lust, Genuss, sinnliche Begierde sowie die Vermeidung von Schmerz und Leid.

Und das am besten sofort.

Kurzum:

Hedonismus ist eine an momentanen Genüssen orientierte, egoistische Lebenseinstellung.

Anders ausgedrückt:

Hauptsache ich habe Spaß.

Aber das ist nicht alles, was aus einem Menschen einen Narzissten macht. Narzissten haben auch kein Interesse an der Vergangenheit und auch kein Interesse an der Zukunft.

Was sie interessiert, das ist nur das heute.

Bei Christopher Lasch heißt es in seinem Buch »Das Zeitalter des Narzissmus« aus dem Jahre 1995, in dem er den Zustand in der amerikanischen Gesellschaft analysierte, wie folgt:

  • Für den Augenblick, für sich selbst zu leben und nicht für Vorfahren oder Nachwelt, das ist die heute vorherrschende Passion (S. 23)

  • Ich habe nur ein Leben. Das ist besser als das Leben unserer Vorfahren, die ihrerseits das Leben ihrer Ahnen und das ihrer Nachkommen lebten (S. 26)

  • Die moderne Gesellschaft aber kennt keine Zukunft, zumindest nicht in dem Maße, die über ihre unmittelbaren Bedürfnisse hinausgeht (S. 34)

  • Für sie ist die psychische Gesundheit gleichbedeutend mit dem Überbordwerfen von Hemmungen und mit der unverzüglichen Befriedigung jeder impulsiven Regung (S. 50)

  • Diese Selbstbezogenheit prägt das moralische Klima der zeitgenössischen Gesellschaft. Es geht nicht mehr darum, die Natur zu erobern oder neue gesellschaftliche Herausforderungen zu suchen, sondern um Selbstverwirklichung (S. 50)

  • Unzufriedenheit mit der Qualität der persönlichen Beziehungen [gehört zum Lebensstil des Narzissmus = AR] und dieser rät den Menschen, sich nicht zu sehr auf Liebe und Freundschaft einzulassen, sich nicht unmäßig von anderen abhängig zu machen und nur für den Augenblick zu leben - und eben so ist die Krise der persönlichen Beziehungen entstanden.

Erich Fromm skizziert den Narzissten wie folgt:

  • selbstgefällig

  • selbstbewundernd

  • selbstbefriedigend und

  • selbstverherrlichend.

In seinem Buch »Anatomie der menschlichen Destruktivität« aus dem Jahre 1973 heißt es auf Seite 180:

»Oft gelangt ein narzisstischer Mensch zu einem Gefühl der Sicherheit durch seine völlig subjektive Überzeugung von der eigenen Vollkommenheit, von seiner Überlegenheit über andere, von seinen außerordentlichen Qualitäten, und nicht dadurch, dass er auf andere bezogen ist, oder durch wirkliche Arbeit oder Leistung. Er muss sich an seine narzisstische Vorstellung von sich selbst klammern, da sich sein Wert- und Identitätsgefühl darauf gründet.« [En10]10

Mehr hat er nicht.

Daraus kann geschlossen werden, dass der vergesellschaftete postindustrielle Mensch aufzeigt, was an der Kultur falsch ist, in der er lebt.

Und wenn diese Kultur Menschen produziert, deren inneres »Seelenleben« dadurch gekennzeichnet ist, dass sie - trotz fehlender existenzieller Not - auf eine sehr diffuse Art mit ihrem Leben unzufrieden sind, ihr Dasein als eine sinnlose und ohne auf ein Lebensziel ausgerichtete Zeit definieren, unter Depressionen und innerer Leere leiden, heftige Schwankungen ihres Selbstwertgefühls beklagen und im Besorgnis erregenden Umfang über ihre allgemeine Unfähigkeit Klage führen und mit ihrem Leben nicht mehr zurechtzukommen, in einer solchen Kultur kann und darf man sich nicht wundern, wenn deren Lebenskraft erlahmt.

Die einzige, dem Narzissten noch verbleibende Lebenskraft beschreibt Christoph Lasch wie folgt:

  • Der Narzisst hat die »feste Überzeugung, andere ausbeuten zu dürfen und ein Recht auf die Erfüllung der eigenen Wünsche zu haben (S. 68)
    Und:

  • Erfolg haben bedeute heute »nicht einfach vorwärtskommen«, sondern »weiter kommen als andere«.

  • Er ist aufgeschlossen für neue Ideen, jedoch ohne Überzeugungen.

Wachstum ist dabei zu einem Euphemismus für das Überleben der Gesellschaft geworden, in dem sich der Narzisst sich selbstverwirklicht. Dabei verkennt der Narzisst aber, dass Wachstum nichts anderes ist als ein sprachlicher Ausdruck, um eine Sache zu beschönigen, deren Folgen zu mildern oder deren Folgen zu verschleiern.

Bei Christopher Lasch heißt es weiter:

»Da der Narzisst über besonders wenig innere Reserven verfügt, erwartet er von anderen eine Bestätigung seines Selbstwertgefühls. Er braucht Bewunderung für seine Schönheit, seine Anziehungskraft, seine Berühmtheit oder seine Macht, Attribute, die gewöhnlich im Laufe der Zeit dahinwelken« (Seite 296).

Mit anderen Worten:

Der Narzissmus als Charakterstruktur ist typisch für eine Gesellschaft, die jedes Interesse an der Zukunft verloren hat.

Demokratieverdrossenheit gehört somit zum Krankheitsbild.

02.2 Narzissmus einer alternden Gesellschaft

TOP

Das Undenkbare zu denken, wird sozusagen zur Verpflichtung in einer auf Wachstum und Fortschritt ausgerichteten narzisstischen Gesellschaft.

Dass davon nicht einmal das heute noch unvermeidliche Ende des menschlichen Lebens ausgespart wird, ist eine Tatsache, die belegt, dass es für den postmodernen Narzissten nahezu unerträglich ist, sein eigenes Ende zu akzeptieren.

Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, hat das die Propheten der uneingeschränkten Lebensverlängerung von heute dazu gebracht, diesem menschlichen Schicksal den Kampf zu erklären und lauthals zu verkünden, dass modernste Technik und medizinischer Fortschritt in wenigen Jahren bereits ein nahezu unendliches Leben garantieren können, denn: was bei Mäusen funktioniert, das klappt auch beim Menschen.

Ein Menschenleben, das 1000 Jahre währt, ist technisch möglich.

Immerhin heißt es auf der Website Heilpraxsnet.de vom 05.01.2019 wie folgt:

Erfolgsstudien: Alterungsprozess entschleunigt! Diese Therapie bremste das Altern aus.

Das Forscherteam verabreichte alternden Mäusen das Medikament ABT-737, das Proteine unterdrückt, die mit dem Alterungsprozess in Verbindung gebracht werden. Daraufhin wurden die Mäuse aktiver und ihre Lebensspanne stieg an.

Kann das auch beim Menschen funktionieren?

Die Forschenden sehen in ihren Erkenntnissen tatsächlich einen Weg, eine Anti-Aging-Therapie für den Menschen entwickeln zu können. Das Team will nun in weiteren Studien untersuchen, wie sich das menschliche Immunsystem dazu animieren lässt, die vergreisten Zellen schneller zu entsorgen. Wenn sich ihre Theorien als wahr erweisen, könnte es bald eine Pille gegen das Altern geben. [En11] 11

Und was macht die Menschheit dann mit dem sich daraus ergebenden Sterbestau? Diese Frage ist nicht von Interesse, Hauptsache ist, dass niemand, der genug Geld hat sterben muss.

Wie dem auch immer sei.

Bis dahin bleibt den Alten wohl keine andere Wahl, als sich an ihrer eigenen Jugend festzuklammern. Sie versuchen deshalb, ihr Leben mit allen Mitteln zu verlängern und weigern sich zudem, ihren Platz - zumindest im erfolgsverwöhnten Sektor - der nachrückenden neuen Generation zur Verfügung zu stellen.

Noch einmal Christopher Lasch. In seinem Buch »Das Zeitalter des Narzissmus« aus dem Jahre 1995 heißt es auf Seite 305:

»Die Angst vor dem Alter entspringt aber nicht dem Jugendkult, sondern dem Kult des Ich. Nicht nur mit ihrer narzisstischen Gleichgültigkeit gegen kommende Generationen, sondern auch mit ihrer überwältigenden Vision eines technologischen Utopia ohne Alter belegt die Langlebigkeitsbewegung ihre phantastische Vorstellung von der »absoluten, sadistischen Macht«, die laut Kohut das narzisstische Lebensgefühl so nachhaltig prägt. Die Langlebigkeitsbewegung, die aus krankhaften Ideen entstand und mit abergläubischer Inbrunst an die Rettung durch die Medizin glaubt, ist das typische Beispiel für die Ängste einer Zivilisation, die keine Zukunft mehr für sich sieht.«

Dem würden sicherlich auch viele Alte zustimmen, denen es die moderne lebenserhaltende Technik verwehrt, einen menschenwürdigen Tod zu sterben.

02.3 Recht auf einen menschenwürdigen Tod

TOP

Menschenwürdig sterben dürfen und können heute oftmals nur noch die Menschen, die rechtzeitig daran gedacht haben, in einer Patientenverfügung zu regeln, was sie am Ende ihres Lebens nicht wollen.

Welche Voraussetzungen an solch eine Patientenverfügung zu stellen sind und welche Rechte sich daraus für den Sterbenden ergeben, wenn seine Patientenverfügung zu befolgen ist, das haben die Richter des BGH im Beschluss vom 6. 7. 2016 – XII ZB 61/16 festgelegt.

Dort heißt es in den Leitsätzen:

c) Die schriftliche Äußerung, »keine lebenserhaltenden Maßnahmen« zu wünschen, enthält für sich genommen nicht die für eine bindende Patientenverfügung notwendige konkrete Behandlungsentscheidung des Betroffenen. Die insoweit erforderliche Konkretisierung kann aber gegebenenfalls durch die Benennung bestimmter ärztlicher Maßnahmen oder die Bezugnahme auf ausreichend spezifizierte Krankheiten oder Behandlungssituationen erfolgen.

Diesbezüglich heißt es in der Rn. 44:

»Liegt eine wirksame und auf die aktuelle Situation zutreffende Patientenverfügung vor, hat der Betroffene die Entscheidung selbst getroffen. Dem Bevollmächtigten obliegt es dann gemäß § 1901a Abs. 1 Satz 2, Abs. 5 BGB nur noch, dem in der Patientenverfügung niedergelegten Willen des Betroffenen Ausdruck und Geltung zu verschaffen.« [En12] 12

Haben Sie schon solch eine Patientenverfügung?

Wenn nein, dann sollten Sie jetzt mit dem Lesen aufhören und sich an die Arbeit machen, denn Menschen jeden Alters können von heute auf morgen mit dem Tod konfrontiert werden.

Und, Hand auf´s Herz:

Wünschen Sie wirklich, dauerhaft beatmet und dauerhaft durch eine Magensonde ernährt zu werden, um auf ein Wunder zu warten?

Menschen, die so dauerhaft intensivgepflegt werden, und deren gibt es viele, belasten die Sozialsysteme monatlich mit ca. 20 000 Euro.

Zurück zum Thema.

Heute ist es sogar so weit, dass ein Sohn einen Arzt verklagen musste, weil der sich geweigert hatte, den qualvollen und langsamen Tod seines Vaters dadurch ein Ende zu bereiten, indem er die Behandlung einstellte.

Und dass der Klage des Sohnes, die dieser im Namen seines im Prozessverlauf verstorbenen Vaters führte, gewinnen konnte, macht deutlich, woran es dieser pflegewütigen Gesellschaft fehlt: am gesunden Menschenverstand.

Nicht auf Seiten der Richter und des klageführenden Sohnes, sondern auf Seiten eines Gesundheitssystems, das solche Exzesse zulässt.

Wie dem auch immer sei.

Mit den Leitsätzen dieses bahnbrechenden Urteils möchte ich diesen kurzen Exkurs an das Lebensende einer narzisstisch-demokratischen Gesellschaft beenden.

In dem Urteil des OLG München vom 21.12.2017 – 1 U 454/17 heißt es:

1. Bei unklarer bzw. zweifelhafter Indikation für einen ärztlichen Eingriff ist regelmäßig eine besonders umfassende Aufklärung erforderlich.

2. Lässt sich der mutmaßliche Wille des Betreuten nicht feststellen, gilt für den Betreuer die allgemeine Regel des § 1901 Abs. 2 BGB, sodass das (subjektive) „Wohl des Betreuten“ Maßstab seines Handelns ist; was dem Wohl eines schwerkranken und nicht mehr äußerungsfähigen Patienten am Ende seines Lebens entspricht, hängt von allgemeinen Wertvorstellungen ab, die wiederum von medizinischen Wertungen beeinflusst werden (...).

3. Ein Verstoß des behandelnden Arztes gegen § 1901b Abs. 1 BGB ist jedenfalls bei unsicherer bzw. zweifelhafter Indikationslage nach den herkömmlichen Kategorien des Arzthaftungsrechts als Verletzung der Pflicht zur Eingriffsaufklärung als Voraussetzung einer wirksamen Einwilligung des Betreuers in die Fortsetzung der lebenserhaltenden Behandlung einzuordnen (...).

4. Die Zuführung von Nährstoffen über eine PEG-Sonde bei einem Patienten, der infolge schwerer und irreversibler zerebraler Schäden auf natürlichem Wege trotz Hilfeleistung keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann, ist ein widernatürlicher Eingriff in den normalen Verlauf des Lebens, zu dem auch das Sterben gehört. (...). [En13] 13

Mit anderen Worten:

Es ist an der Zeit, sowohl die Menschenrechte als auch die Menschenpflichten aus dem Vorstellungsbild der Aufklärung zu befreien, um sie so weiterzuentwickeln, dass sie den Gegebenheiten von heute überhaupt noch gerecht werden können.

Anders ausgedrückt:

Wer Freiheit heute noch so formulieren will, wie das die Aufklärer taten, deren Freiheitsvorstellungen auch heute noch von Fortschrittsgläubigen und von den Utopisten bedingungslos eingefordert werden, verkennt, dass sich die Zeiten zwischenzeitlich grundlegend geändert haben.

Zurück zum Egoismus, jetzt aber unter dem Blickwinkel des Gruppennarzissmus.

02.4 Gruppennarzissmus

TOP

Auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, aber Ayn Rand hat, sozusagen in Fortsetzung des Themas, zum Gruppennarzissmus bereits alles gesagt, was dazu zu sagen ist.

Sie schreibt u.a.:

  • Egoismus sagt, dass jeder Mensch ein Selbstzweck ist; Altruismus sagt, der Mensch sei ein Mittel für die Zwecke anderer. Egoismus sagt, dass der Handelnde moralisch gesehen der Nutznießer einer Handlung sein soll; Altruismus sagt, dass der Nutznießer einer Handlung jemand anderes als der Handelnde sein soll, (Seite 73)
    Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, lautet:

  • Haben nur Individuen das Recht, darüber zu entscheiden, ob und wann sie anderen helfen wollen, oder aber ist das eine Aufgabe der Gesellschaft als ein organisiertes politisches System?, (Seite 103)

  • Ein Fortschritt, der ohne Nutzen für irgendjemand bis in die Unendlichkeit ausgedehnt wird, ist eine monströse Absurdität. Ebenso wie die »Eroberung des Weltalls«, wenn sie erreicht wird durch die Enteignung anderer Menschen, die dann nicht mehr die Mittel haben, sich ein paar Schuhe zu kaufen, (Seite 108)

  • Wenn Sie das nächste Mal einen dieser »sozial gesinnten« Träumer treffen, der Ihnen erbost erzählt, dass »einige wünschenswerte Ziele nicht ohne die Teilnahme aller erreicht werden können«, sagen Sie ihm, dass, wenn er nicht die freiwillige Teilnahme aller haben kann, seine Ziele besser unerreicht blieben - und dass er kein Recht hat, über diese Menschen zu verfügen, (Seite 109).

Dennoch:

Erich Fromm weist in seinen Schriften stets darauf hin, dass der Gruppennarzissmus eine wichtige Funktion hat, denn er fördert nicht nur die Solidarität und den inneren Zusammenhalt einer Gruppe, sondern erleichtert auch deren Manipulation, indem an narzisstische Vorurteile appelliert wird, zum Beispiel an die besonderen Eigenschaften des Deutschen und an die sich daraus ableitende Sonderstellung im Vergleich zu anderen Völkern, etc.

Insbesondere im Hinblick auf die Mitglieder einer Gesellschaft, die eher am gesellschaftlichen Rand stehen oder auch der Mitte angehören, vermag der Gruppennarzissmus Gefühle freizusetzen, die Erich Fromm wie folgt beschreibt:

»Ich bin ein Teil der wundervollsten Gruppe dieser Welt. Ich, der ich in Wirklichkeit ein armseliger Wurm bin, werde zum Riesen dadurch, dass ich zu dieser Gruppe gehöre!« Folglich entspricht der Grad des Gruppennarzissmus dem Mangel an wirklicher Befriedigung im Leben«. [En14] 14

Erich Fromm versteht den Gruppennarzissmus im Übrigen auch als eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Vorbereitung eines Krieges und erkennt Kraft auch in der Form der heutigen Gesellschaft, »welche Isolierung und Feindseligkeit der Menschen untereinander« und somit sowohl den Individual- als auch den Gruppennarzissmus fördert.

Auf der anderen Seite hält Erich Fromm den Gruppennarzissmus aber auch für eine Chance, wenn es gelingen würde, aus jedem Einzelnen einen Weltbürger zu machen, der sein Selbstwertgefühl sozusagen aus seiner Zugehörigkeit zur Menschheit ableiten würde.

Die Chancen dafür dürften äußerst gering sein.

02.5 Der Massenmensch und seine Führer

TOP

Im Zusammenhang mit der Förderung von Gruppennarzissmus ist die Tatsache herauszustellen, dass die Lüge im Zusammenhang mit der Ausbildung von Gruppennarzissmus eine besondere Rolle spielt.

Fake News zum Beispiel.

Warum das so ist, das hat Gustave Le Bon (1841 bis 1931) in seinem bekanntesten und bereits 1895 veröffentlichten Buch »Psychologie der Massen«, das auch heute noch zu den Klassikern der Soziologie gehört, eindringlich beschrieben.

Gustave Le Bon schreibt:

  • In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar, und zwar in so hohem Grade, dass der Einzelne sehr leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen opfert. Diese Fähigkeit ist seiner eigentlichen Natur durchaus entgegengesetzt, und nur als Bestandteil einer Masse ist der Mensch dazu fähig, Seite 36

  • Die Hauptmerkmale des Einzelnen in der Masse sind also: Schwinden der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewussten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung der unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen. Der Einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat, Seite 37

  • Je weniger die Masse vernünftiger Überlegung fähig ist, umso mehr ist sie zur Tat geneigt. Die Organisation hat ihre Kraft ins Ungeheuere gesteigert, Seite 23

  • Eine Masse braucht nicht zahlreich zu sein, um die Fähigkeit richtigen Sehens zu verlieren und die wirklichen Tatsachen durch davon abweichende Täuschungen zu ersetzen. [....] Das Beobachtungsvermögen und der kritische Geist eines jeden von ihnen verschwinden sofort, Seite 47

  • Die Masse ist unfähig, das Persönliche von dem Sachlichen zu unterscheiden. Sie nimmt die Bilder, die in ihrem Bewusstsein auftauchen und sehr oft nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der beobachteten Tatsache haben, für Wirklichkeit, Seite 45

  • Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im Allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden, Seite 112.

[Hinweis:] Jede Ähnlichkeit der letzten Aussage von Gustave Le Bon zu heute lebenden Präsidenten hatte der französische Mediziner, Anthropologe, Psychologe und Soziologe wohl nicht im Sinn. Aber nicht nur auf Präsidenten, sondern auch auf andere einflussreiche Personen sowohl in Deutschland als auch in Europa und anderswo trifft die Beschreibung von Le Bon im vollen Umfang zu.

03 Der moderne Mensch von heute

TOP

Der moderne Mensch von heute ist egoistisch, narzisstisch, sinnentleert und überfordert. Und - zumindest als User sozialer Netzwerke (Facebook, Twitter & Co.) auch Teil einer von diesen Netzwerken erzeugten Masse von mehr oder weniger Gleichgesinnten, denn erklärtes Ziel der sozialen Netzwerke ist es, ihre Nutzer nur mit Gleichgesinnten in Verbindung zu bringen unter Ausschaltung all er anderen, der Andersdenkenden.

Dieses Ziel wurde nicht nur erreicht, sondern bereits zur Perfektion optimiert.

Aber alles hübsch der Reihe nach.

Bevor der Mensch zur Masse wird, bedarf es eines Lebensgefühls, das für ihn auf Dauer unerträglich ist, das Lebensgefühl der Unbedeutsamkeit, der Vereinsamung und der Sinnleere.

Narzisstische Ängste im Überblick:

  • Verlustängste bis hin zur depressiven Resignation

  • Einschränkung der eigenen Gefühlswelt

  • Kein Zugang mehr zu seinen wahren Gefühlen

  • Gefühle anderer können nicht akzeptiert und anerkannt werden

  • Es fehlt der Blick, nach innen zu blicken

  • Neid, Eifersucht, Zorn, Ohnmacht und Angst prägen das Leben des Narzissten

  • Er kann nicht fühlen, ihm fehlt das Gefühl von Wärme und Zugehörigkeit

  • Narzissten befinden sich sozusagen in einem inneren Gefängnis, in dem ihre Gefühle festsitzen.

Erich Fromm hat diese Eigenschaft des Narzissten wie kein anderer in einem Satz zusammengefasst, indem er schreibt:

Der narzisstische Mensch kann nicht lieben.

03.1 Sehnsucht nach einer heilen Welt

TOP

Als Reaktion auf die in diesem Aufsatz skizzierten Zukunftsherausforderungen, die sowohl durch Einzelindividuen als auch durch Kollektive entstanden sind und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weiter entwickeln werden, wird sich keine Demokratie und auch keine andere Gesellschaftsform auf dem Planeten Erde wirklich entziehen können, obwohl das dringend erforderlich wäre.

Das gelingt auch nicht durch einen angeblich neuen und zukunftsweisenden Lebensstil, der sich zumindest in der westlichen Welt, also Amerika, Europa und natürlich auch in Deutschland in einem Wort zusammenfassen lässt:

Nostalgie.

Zygmunt Baumann beschreibt dieses neue Gefühl der Sehnsucht nach der Vergangenheit wie folgt:

Das 20. Jahrhundert, das mit futuristischen Utopien begann, endete in Nostalgie. Nach Boyms Diagnose leidet die Gegenwart an einer »globalen Nostalgie-Epidemie, an schmachtendem Verlangen nach Gemeinschaftlichkeit und gemeinsamer Vergangenheit, an der verzweifelten Sehnsucht nach Kontinuität in einer fragmentierten Welt«. [En15] 15

Und bei der von Zygmunt Baumann zitierten Analyse von Svetlana Boym (1959 bis 2015, gebürtige Russin, Professorin in Havard, Künstlerin und Schiftstellerin), die in ihrem Buch »The Future of Nostalgia« aus dem Jahr 2001 sich mit Nostalgie aus wissenschaftlicher Perspektive befasste, heißt es, dass, »je mehr Nostalgie es gibt, sie desto heißer abgelehnt wird« und Nostalgie im Wesentlichen nichts anderes ist als »Geschichte ohne Schuld«.

Weiter heißt es bei Svetlana Boym sinngemäß:

»In der guten alten Zeit war Nostalgie eine heilbare Krankheit, gefährlich aber nicht immer tödlich. Diese Krankheit, so die Autorin, »war eine Demonstration des Patriotismus, also die geistige Haltung von Leuten, die ihrer Heimat bis hin zur Krankheit geliebt haben.

Als öffentliche Epidemie beruhte die Nostalgie jedoch auf einem Verlust, der bedauerlicherweise nicht auf die persönliche Geschichte beschränkt ist. Wäre das der Fall, dann wäre Nostalgie wohl kaum mehr als eine träumerische Rückschau in die eigene Vergangenheit.

Öffentliche Nostalgie geht leider von der Annahme aus, dass die geschichtliche Erinnerung der öffentlichen Nostalgiker, also die Erinnerung an das, was verloren gegangen ist, nur von Nostalgikern richtig erinnert wird, weil man ja weiß, was tatsächlich geschehen ist.

Das ist aber nicht der Fall und dadurch wird Nostalgie immer weniger heilbar und somit auch immer gefährlicher, denn so wird Geschichte verfälscht.

Moderne Nostalgie kann somit als eine Trauer um die Unmöglichkeit der mythischen Rückkehr in eine Welt mit klaren Grenzen und Werten, also als einen geschichtslosen Sehnsuchtsort angesehen werden, sozusagen als einen Glauben und das Erinnern an eine Zeit und an einen Raum vor deren Eintritt in die Geschichte. [En16] 16

[Persönliche Anmerkung:] Wer mit Nostalgie die Zukunft gestalten will, der sollte sich bereits jetzt auf eine geschichtslose Zeit vorbereiten, oder, um diesen Trugschluss zu vermeiden, besser Freddy Quinn hören, zum Beispiel »Schön war die Zeit«, einem Heimatlied, in dem der Sänger sich in der Wüste befindet und sich nach seiner Heimat sehnt:

Dort hieß es u.a.:

So schön, schön war die Zeit, so schön, schön war die Zeit...

Brennend heißer Wüstensand;

fern, so fern dem Heimatland;

[...]

Dort wo die Blumen blühn,

dort wo die Täler grün,

dort war ich einmal zu Hause.

Wo ich die Liebste fand,

da liegt mein Heimatland.

Wie lang bin ich noch allein? [En17] 17

Gesungen können Sie dieses nostalgische Heimatlied hören, wenn Sie den nachfolgenden Link aktivieren.

Brennend heißer Wüstensand

03.2 Forderung nach einem Politikwechsel

TOP

Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen. Wir äußern zum Beispiel Mitgefühl für die Not anderer und wir erwerben ein gewisses Maß an sozialer Selbstkontrolle, weil wir auch Wert darauf legen, wie andere über uns denken.

Mit anderen Worten:

»Wenn wir aus einem Pflichtgefühl heraus handeln, so geschieht dies zum einen aus Vernunft, also aus dem Wunsch, von anderen gelobt zu werden, und zum anderen als Reaktion auf einen inneren Befehl, der, obwohl er vordem von anderen ausgesprochen wurde, jetzt aus sich heraus und mit eigener Stimme spricht.« [En18] 18

Anders ausgedrückt:

Die Motive, die unsere Moralität prägen, entspringen alle unserer sozialen Natur, so zumindest die eine Sicht wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die andere geht von der Annahme aus, dass der Mensch keine »Natur« im oben angedeuteten Sinne hat, außer der Fähigkeit, eine Kultur zu erwerben und zu verinnerlichen.

Das wiederum würde bedeuten, dass es eine menschliche Natur losgelöst von der Kultur im hier zu erörternden Sinne gar nicht gibt.

James Q. Wilson (1931 bis 2012) ein international anerkannter amerikanischer Politikwissenschaftler, der mit einer der beiden höchsten zivilen Auszeichnungen der USA, der »Presidential Medal of Freedom« ausgezeichnet wurde, lässt diesen akademischen Streit offen, indem er schreibt:

»Für mich ist »der Mensch ein soziales Tier«, das »nicht durch Zufall ein soziales Tier (social animal) ist, sondern von Natur aus - das heißt, als Ergebnis biologischer Prädispositionen, die sich im Laufe der Evolutionsgeschichte herausgebildet haben.« [En19] 19

Unbestreitbar dürfte sein, dass dem menschlichen moralischen Verhalten der Wunsch nach Bindung und Zugehörigkeit zugrunde liegt, denn bereits Neugeborene verfügen über ein Sozialverhalten, das es ihnen erlaubt, sozusagen elterliche Reaktionen auszulösen (Fürsorge, Nahrungsversorgung, Pflege, Zärtlichkeiten, Zuwendung etc.).

Mit anderen Worten:

Bereits bei Säuglingen und Kleinkindern sind die Grundlagen für moralisches Handeln zumindest in ihrer rudimentären Form vorhanden, ehe auch nur irgendetwas wie sprachliche oder gedankliche moralische Abwägungen stattfinden können.

Das heißt:

Das Kind schenkt dem Wohlbefinden anderer Beachtung und hat Angst, einem gegebenen Maßstab nicht zu entsprechen.

Kurzum:

Moral wird zumindest ansatzweise bereits im vorsprachlichen Alter erlernt, bzw. verinnerlicht.

Dennoch, um mit James Q. Wilson fortzufahren, weiß »niemand genau, wie das menschliche Hirn eine angemessene Kontrolle der animalischen Impulse durch soziale Impulse sicherstellt« (S. 211).

Offenkundig ist aber, dass wir am ehesten dazu geeignet sind, mit anderen zu kooperieren, wenn sie uns ähnlich sind (Familie, Gruppe, Stamm, Volk).

Aber woher kommt dann die Moral?

[Ursprung von Moral:] Diese Frage haben neben Siegmund Freud viele ihm nachfolgenden Wissenschaftler zu beantworten versucht. Insoweit würde es diesen Aufsatz überfordern, der gestellten Frage: »Was ist Moral?«, tatsächlich auf den Grund zu gehen. Aus diesem Grunde begnüge ich mich damit, die gegenteiligen Vorstellungen in der Wissenschaft von heute zu dieser Frage lediglich in ihren extremen Auseinandersetzungen einander gegenüberzustellen:

Während für Freud die menschliche Natur antisozial und aggressiv war, war sie für B.F. Skinner neutral und formbar.

Mehr lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht dazu auch heute noch nicht sagen.

Wie dem auch immer sei.

Fragen, die die Moral betreffen, überfordern den Verstand schnell, insbesondere dann, wenn sie in Zusammenhängen erörtert werden, die Thomas Hobbes in seinem Leviathan das wie folgt definiert hat: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Diese Feststellung geht von der Annahme aus, dass es Moral nicht gibt.

Dennoch:

Menschen verfügen über ein Gewissen und somit auch über Moral. Nur heute scheint das im Abendland, der Wiege der Idee der Menschenrechte, wieder in Vergessenheit zu geraten, besser gesagt aus Zweckmäßigkeitsgründen verdrängt zu werden.

Wir müssen unsere Grenzen schützen, Frontec stärken und Menschen zurückweisen, die sich erkennbar in Not befinden und auf Hilfe angewiesen sind.

Die Moral von heute auf diese Problemstellung hört sich wie folgt an:

Die Not anderer geht uns nichts an.

Das wiederum könnte sich als ein sehr folgenschwerer Irrtum erweisen.

So einfach kann Demokratie heute nicht mehr funktionieren.

So wohl auch die Sichtweise von Michael J. Sandel, der in seinem Buch »Moral und Politik - Gedanken zu einer gerechten Gesellschaft« der Frage nachgeht, die da lautet:

Wie viel Moral braucht eine Gesellschaft?

Eine überzeugende Antwort auf diese Frage vermag der Autor zwar nicht zu geben, dafür aber eine intellektuelle Diskussion auf hohem Niveau über die Gedanken, die von anderen Philosophen zu diesem Thema vertreten werden:

  • Michael Walzer: Sphären der Gerechtigkeit

  • John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit

  • Aalasdair MacIntyre: Der Verlust der Tugend - zur moralischen Krise der Gegenwart

  • John Dewey: Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

Und natürlich auch

Immanuel Kant: »Kritik der reinen Vernunft« und »Zum ewigen Frieden«.

Mit anderen Worten:

Die Vielzahl derjenigen, die sich aus philosophischer Sicht professionell mit Moral beschäftigt haben, vermag schnell die eigenen Vorstellungen darüber, was Moral ist, zuzuschütten.

Das stimmt aber nicht.

Jeder Mensch weiß, dass andere Menschen einen Anspruch darauf haben, so behandelt zu werden, wie das jeder für sich selber wünscht. Und jeder Mensch weiß auch, dass er andere nicht so behandeln darf, wie er das selbst nicht behandelt werden möchte.

Übertragen auf die wirtschaftliche Gerechtigkeit in einer Demokratie bedeutet dass, dass es unmoralisch ist, wenn die Schere zwischen Arm und Reich ein Ausmaß erreicht hat, das nur noch als pathologisch und pervers bezeichnet werden kann.

In solch einem Klima der Ungleichheit kann keine Demokratie dauerhaft existieren. Das wussten bereits die Philosophen, zur Zeit der Aufklärung.

Im Gesellschaftsvertrag von Jean-Jacques Rousseau heißt es dazu:

»Sobald (aber) das gesellschaftliche Band zu erschlaffen und der Staat schwach zu werden beginnt, sobald die Privatinteressen sich immer mehr geltend zu machen und die kleinen Gesellschaften auf die große einzuwirken anfangen: Dann leidet das gemeinsame Interesse und findet Gegner; es herrscht keine Einstimmigkeit mehr; der allgemeine Wille ist nicht mehr der Wille aller; es erheben sich Widersprüche und Streitigkeiten, und die beste Ansicht wird nicht ohne lebhafte Wortgefechte angenommen. Kurz: Besteht der seinem Untergang nahe Staat nur noch durch eine illusorische und nichtige Form; ist das gesellschaftliche Band in den Herzen aller zerrissen; trägt der schnödeste Eigennutz schamlos den heiligen Namen des öffentlichen Wohls zur Schau: Dann verstummt der allgemeine Wille [...]«. [En20] 20

An anderer Stelle heißt es:

»Gleichheit der Rechte und der Macht kann in einer Demokratie nur dann einen langen Bestand haben, wenn wenig oder gar kein Luxus vorhanden ist, »denn der Luxus ist entweder die Folge des Reichtums oder macht ihn nötig; er verdirbt nicht nur den Reichen, sondern auch den Armen, jenen durch den Besitz, diesen durch die Lüsternheit; er verwandelt das Vaterland in eine Stätte der Weichlichkeit und Eitelkeit; er entzieht dem Staate alle Bürger, um die einen zu Sklaven der anderen und alle zu Sklaven des Vorurteils zu machen.« [En21] 21

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Vielleicht noch Folgendes: Diese wenigen Zeilen, 1762 erstmalig in Amsterdam publiziert, lassen erkennen, was eine Gesellschaft zu erwarten hat, die Narzissmus für eine Tugend hält.

04 Wie Demokratien überleben können

TOP

Diese Frage richtet sich nicht an den Verstand, sondern eher an die Intuition, denn der Verstand kennt keine Grenzen bei der Formulierung von Ausreden, Relativierungen, bei der Ausformulierung von Wunschdenken und Argumenten.

Was der Verstand benötigt, das sind lediglich Daten. Und die lassen sichbekanntermaßne mal so und mal so gebrauchen, ganz nach Belieben. Das, was der Verstand zustande bringt, das lässt sich in der postmodernen Welt auf ein Wort reduzieren: relativ.

Und je mehr Daten dem Verstand zu Verfügung stehen, um so vielfältiger und formbar wird das von ihm gewünschte Ergebnis. 100 Lungenfachärzte halten die Stickoffdioxidwerte für zu niedrig, weil ungefährlich, 10 000 andere Studien, hinter denen sich die Forschungsleistungen weitaus mehr Wissenschaftler verbirgt, sind dann nicht mehr so wichtig.

Mit anderen Worten:

Der Verstand ist dazu inder Lage, der Demokratie sowohl eine lange als auch eine kurze oder auch eine problembehaftete Zukunft zu diagnostizieren.

Anders ist das mit der Intuition, dem so genannten Bauchgefühl.

Aristoteliker lassen sich zum Beispiel bei ihrem Vorgehen von der Überzeugung leiten, dass es besser ist, mit vagen Aussagen richtig als mit genauen Aussagen falsch zu liegen. So dachte im Übrigen auch Albert Einstein, denn die nachfolgend skizzierte Faustregel wird ihm zugeordnet:

Sie lautet:

Es geht darum, alles so einfach wie möglich zu machen, aber nicht einfacher.

Mit anderen Worten:

  • Je größer die Ungewissheiten sind, desto mehr sollten wir vereinfachen.

  • Je geringer die Ungewissheiten, um so komplexer können die Methoden sein.

Weniger ist somit oftmals mehr.

Und das gilt wohl auch für die Intuition und ihre Fähigkeit, sich den Zukunftsproblemen realistisch zu stellen. Bedauerlicherweise wird Intuition in unserer Kultur immer noch geringer eingeschätzt, als dem oftmals überschätzten Verstand, der, so wird sogar behauptet, unfehlbar wird, wenn die künstliche Intelligenz erst einmal voll ausgereift ist.

Dennoch drängt die Zeit und die bisher unbeantwortet gebliebene offene Frage:

Wie trifft man richtige Entscheidungen?

Darauf hat zumindest Gerd Gigerenzer eine überzeugende Antwort parat, denn Gigerenzer ist in Wissenschaftskreisen der zurzeit meistzitierte deutsche Psychologe, sowie Direktor des 2009 gegründeten Harding Zentrums für Risikokompetenz, also ein Fachmann hinsichtlich der Beantwortung der Frage, wie richtige Zukunftsentscheidungen zu treffen sind:

Was Risikoforschung heute zu leisten vermag, das erklärt Prof. Dr. Gerd Gigerenzer im folgenden Video:

4 Minuten Risikoforschung im Harding Zentrum

Und zur Intuition schreibt Gerd Gigerenzer in seinem Buch »Risiko - Wie man richtige Entscheidungen trifft« auf Seite 147 Folgendes:

  • Intuition ist weder eine Laune noch die Quelle aller schlechten Entscheidungen. Sie ist unbewusste Intelligenz, welche die meisten Regionen unseres Gehirns nutzt

  • Intuition ist dem logischen Denken nicht unterlegen. Meistens sind beide erforderlich

  • Intuition ist unentbehrlich in einer komplexen, ungewissen Welt, während Logik in einer Welt ausreichen kann, in der alle Risiken mit Gewissheit bekannt sind

  • Intuition beruht nicht auf mangelhafter mentaler Software, sondern auf intelligenten Faustregeln und viel Erfahrung, die im Unbewussten verborgen liegt. [En22] 22

Übrigens:

Eine Intelligenz, die sich nicht irrt, ist keine Intelligenz. Wer also meint, dass Computer intelligenter als Menschen sind oder sein können, weil sie sich nicht irren, übersieht einen für intelligente Wesen wesentlichen Aspekt.

Intelligenz kann und muss sich irren können.

Sollten Maschinen irgendwann tatsächlich dazu in der Lage sein, Fehler auszuschließen, dann dürfte damit das Ende der Geschichte erreicht sein.

Oder auch nicht, wer weiß?

04.1 Greta Thunbergs Rede  - Weltwirtschaftsforums 2019 in Davos

TOP

Mit einem emotionalen Appell hat die 15 Jahre alte Klimaaktivistin Greta Thunberg die Top-Manager und Spitzenpolitiker in Davos zu Maßnahmen gegen den Klimawandel aufgerufen. Auf der Website der Saarbrücker Zeitung vom 25. Januar 2019, wird sie wie folgt zitiert:

 »Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es«, sagte die Schwedin am Freitag auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums. »Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht«, so Thunberg. »Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.«

In Davos gehe es – wie überall – nur um Geld, sagte die Teenagerin. »Es hat den Anschein, dass Geld und Wachstum unsere einzige Sinnerfüllung sind.«

Und in ihrer Rede sagte sie:

»Mein Name ist Greta Thunberg, ich bin 15 Jahre alt und komme aus Schweden. Ich spreche im Namen der Initiative »Climate Justice Now«. Viele behaupten, Schweden sei nur ein kleines Land und es käme nicht darauf an, was wir tun.
Aber ich habe gelernt, dass du niemals zu klein bist, um eine Veränderung zu bewirken. Aber um das zu tun, müssen wir ganz deutlich werden, egal, wie unangenehm das sein mag.

Ihr sprecht von grünem, ewigen Wirtschaftswachstum, weil ihr Angst habt, euch unbeliebt zu machen.

Ihr wollt immer weiter machen mit den gleichen schlechten Ideen, die uns in diese Krise gebracht haben. Selbst wenn es die einzig sinnvolle Handlung ist, endlich die Notbremse zu ziehen. Ihr seid nicht mal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen, die Bürde überlasst ihr uns Kindern.

Mir ist es egal, ob ich beliebt bin.

Ich will Gerechtigkeit in der Klimafrage und einen Planeten, auf dem man leben kann.

Unsere Umwelt wird geopfert, damit reiche Leute, wie die aus meinem Land, noch mehr im Luxus leben.

Es ist das Leid vieler Menschen, das für den Luxus weniger bezahlt.

Ihr behauptet, euere Kinder zu lieben. Trotzdem raubt ihr ihnen vor ihren eigenen Augen die Zukunft.

Solange ihr euch nicht darauf konzentriert, was getan werden muss, sondern darauf, was politisch möglich ist, gibt es keine Hoffnung.

Wir sind nicht hier, um die Spitzenpolitiker der Welt anzubetteln.

Ihr habt uns in der Vergangenheit ignoriert und werdet das auch in Zukunft tun.
Uns gehen die Entschuldigungen aus, genauso wie die Zeit.

Wir sind hier, um euch wissen zu lassen, dass es Veränderungen geben wird,
egal ob es euch gefällt oder nicht.

Die echte Macht liegt bei den Menschen.«

Rede von Greta Thunberg auf Youtube

Bereits einige Monate zuvor wurde Greta Thundberg auf Spiegel.de wie folgt zitiert: es:

Es gibt keine Grauzone!

»Für mich sind die meisten Sachen schwarz oder weiß«, hat Greta Thunberg kürzlich in einem Gastbeitrag für den britischen »Guardian« geschrieben. »Ich schaue auf die Mächtigen und frage mich, warum sie alles so kompliziert machen. Wenn der Klimawandel gestoppt werden muss, müssen wir ihn stoppen. Das ist schwarz oder weiß. Es gibt keine Grauzone, wenn es um das Überleben geht.«

[Persönliche Anmerkung:] Dass diese Sichtweise im Hinblick auf die Abgrenzung von Gut oder Böse zur philosophischen Grundsubstand abendländischer Philosophie gehört, dass wissen wir spätestens seit Sokrates: Für ihn gab es und konnte es keinen Kompromiss zwischen gut und böse, zwischen Lüge oder Wahrheit, oder zwischen richtig und falsch geben. Entweder ist etwas richtig, und wenn nicht, dann falsch und: wenn etwas bereits den Anhauch von Falschheit hat, dann kann es nicht mehr richtig sein.

Das zu akzeptieren überfordert die Postmoderne.

Ehrlich gesagt tut es gut, aus dem Mund eines Mädchens Worte zu hören, von denen die Philosophen glauben, dass dies ein jahrtausendealtes Privileg der Altersweisheit ist.

Das aber ist eine Fehleinschätzung, denn Charakter und besondere Talente, zu denen auch ein besonders hoher IQ gehört, werden vererbt und nicht erlernt.

Und wenn es die Gene so wollen, dass besonders begabte Menschen nicht so leben können, wie die gleichgültigen, deren IQ sich sozusagen im Normalbereich bewegt, also beginnend etwa mit einem geringfügig unter dem Durchschnitt liegenden IQ-Wert von 80 bis 89 und endend mit einem IQ von 109 (alles, was darüber angesiedelt ist, wird als ein hoher IQ angesehen), der oder die sollten zumindest dazu in der Lage sein, auf ihr Bauggefühl zu hören, das sich wie folgt äußern dürfte:

Greta Thundber spricht wahr.

Von jungen Menschen zu lernen, ist ein Geschenk, das aber voraussetzt, angenommen werden zu wollen. Erwachsene wollen aber meist nur etwas anderes, etwas was ihnen persönlich nutzt.

Schade. 

04.2 Gerechtigkeit durch Fairness

TOP

Martha C. Nussbaum hat dazu Folgendes geschrieben: »Es geht, kurz gesagt, um Folgendes:

Das Ziel politischer Planung besteht darin, für jeden Bürger des Staates die Voraussetzungen zu schaffen, die es ihm ermöglichen, ein gutes menschliches Leben zu wählen und zu führen. Diese distributive Aufgabe zielt auf die Entwicklung von Fähigkeiten ab. Das heißt, sie konzentriert sich nicht einfach auf die Zuteilung von Gütern, sondern will auch die Menschen befähigen, bestimmte menschliche Tätigkeiten auszuüben. Die Aufgabe des Staates besteht somit darin, den Übergang von einer Fähigkeitsstufe zu einer anderen zu ermöglichen.« [En23] 23

[Distributiv:] Dieses Wort bezeichnet in der Sprachwissenschaft einen Numerus, der die Verteilung der besprochenen Gegenstände ausdrückt, zum Beispiel Einkommen und Eigentum. In der Mathematik heißt es: Wenn du eine Zahl mit einer Klammer, in der eine Summe oder eine Differenz steht, multiplizierst, dann musst du diese Zahl mit jedem Summanden in der Klammer multiplizieren.

Mit anderen Worten, alle müssen (trotz bestehender Ungleichheit) gleichbehandelt werden.

Wenn die Löhne und Gehälter um 10 % steigen, dann gilt das sowohl für den Mindestlohn in Höhe von zurzeit 9.19 Euro, als auch für den Stundenverdienst eines Spitzenmanagers im unteren Bereich, sprich: Jahreseinkommen von 1,38 Millionen, bei 250 Arbeitstagen und 10 Stunden Arbeit pro Tag, ergibt sich daraus immerhin ein Stundenverdienst in Höhe von 552 Euro pro Stunde.

Und auch Spitzen-Ruheständlern geht es kaum schlechter.

Vergleicht man man die Rekord-Ruhestandsbezüge des Daimler-Chefs Zetsche, die pro Tag, glaubt man der Medlung auf Spiegel.de vom 27.01.2019, wozu kein Anlass besteht, mit dem gesetzlichen Mindestlohn, spätestens dann wird deutlich, dass hinsichtlich der Einkommensunterschiede besser Gott im Ruhestand mit Zetsche im Ruhestand vergleichen werden sollte, wobei Zetsche durchaus Aussichten auf den ersten Platz hat.

Also:

Ruhestandsbezüge in Höhe von 4250 Euro pro Tag macht, wenn man 10 Rentnerstunden als vorausgegangene tägliche Arbeitszeit ansieht, einen Stundenlohn von 425 Euro aus, was, wenn man das auf eine Sekunde herunterbricht, einem Betrag von 7,08 Euro entsprechen würde, was zur Folge hätte, dass der Mindestlohn durch diese Art der Berechnung nur geringfügig unterschritten würde.

Nun denn:

Leistung muss sich lohnen.

Bei Spitzenfußballspielern ließe sich problemlos für jeden Ballkontakt ein weitaus höheres Sekundeneinkommen errechnen lassen.

Es ist eben alles relativ.

Martha Nussbaum, versteht unter der distributiven Aufgabe des Staates aber etwas ganz anderes, als das, was die oben skizzierte Wortbedeutung suggeriert.

Als Philosophin, die sich an Aristoteles anlehnt, kritisiert sie vehement politische Ordnungen, die nicht einen Teil des Reichtums darauf verwenden, die Teilnahme der Armen am Gemeinschaftsleben zu beteiligen, indem die Armen finanziell unterstützt werden.

Schon Aristoteles, so Martha Nussbaum, lobte die Staatsverfassung von Kreta, die »mehr den Charakter der Gemeinschaftlichkeit trägt« und sich dadurch wohltuend von der Verfassung der Spartaner abhebt, in der die Machtverhältnisse klar geregelt waren. Erst 207 v. Chr. kam es in Sparta zu einer blutigen Revolution, in der bestehende Machtstrukturen ausgelöscht und die Befreiung der Sklaven ermöglicht wurden, was in der antiken Welt als ein unerhörter Vorgang aufgenommen wurde, denn eine Welt ohne Sklaverei, das war einfach nicht vorstellbar.

Im übertragenen Sinne hat sich daran bis heute nichts geändert. Was Politiker von einem bedingungslosen Grundeinkommen (BDG) halten, das dürfte hinreichend bekannt sein.

Zumindest konservative Politiker scheuen das BDG mehr, als der Teufel das Weihwasser.

04.3 Persönlichkeitsbildung als Bildungsauftrag

TOP

Diese Forderung ist so alt und auf so vielfältige Art und Weise von den großen Denkern der Menschheit beantwortet und eingefordert worden, dass es an dieser Stelle ausreichen muss, kurz auf die Tugendlehren von Platon und Aristoteles hinzuweisen, die es zu fördern und zu bilden galt, um ein richtiges Leben führen zu können:

[Platon:] Nach Platon (428 bis 347 v. Chr.) gibt es vier Kardinaltugenden:

  • Gerechtigkeit

  • Besonnenheit

  • Tapferkeit

  • Weisheit.

Heute sind diese Tugenden leider kaum noch im Gebrauch, weil sie der eigenen Karriere eher im Wege stehen als sie zu fördern.

[Aristoteles:] Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) vertrat eine differenziertere Tugendlehre, indem er Tugenden stets als das Mittelmaß zwischen zwei Extremen definierte, zum Beispiel: Tapferkeit als Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit; Freigiebigkeit als Mitte zwischen Geiz und Verschwendung.

Gerechtigkeit beschrieb Aristoteles als Mitte zwischen Unrecht tun und Unrecht leiden.

[Aristoteles zur Gerechtigkeit:] In der Nikomachischen Ethik gilt die Gerechtigkeit als die vollendetste, einflussreichste Tugend, denn sie sei, so Aristoteles, »das einzige fremde Gut unter den Tugenden, da sie tut, was einem anderen nützt.«

Als solche ist die Gerechtigkeit nicht nur ein Teil der Tugenden, sondern die ganze Tugend.

Neben der allgemeinen gibt es aber noch die partikulare Gerechtigkeit, als da sind:

  • Die gerechte Verteilung der Güter

  • Gerechtigkeit beim Tausch, sprich im Geschäftsverkehr

  • Gerechte Bestrafung von Vergehen und Verbrechen

Für diejenigen, die sich wirklich dafür interessieren, was Aristoteles zur Gerechtigkeit einforderte, wird im Folgenden aus Aristoteles´ Nikomachische Ethik, übersetzt von Dr. theol. Eugen Rolfes aus dem Jahr 1911, verfügbar im Projekt Gutenberg.de,  kurz zitiert:

Dort heißt es:

»Diese Gerechtigkeit ist die vollkommene Tugend [...] deshalb gilt sie oft für die vorzüglichste unter den Tugenden, für eine Tugend so wunderbar schön, dass nicht Abend- nicht Morgenstern gleich ihr erglänzt [..]. Vollkommen ist sie aber, weil ihr Inhaber die Tugend auch gegen andere ausüben kann und nicht bloß für sich selbst. Denn viele können die Tugend in ihren eigenen Angelegenheiten ausüben, aber in dem, was auf andere Bezug hat, können sie es nicht. [...]. Eben darum scheint auch die Gerechtigkeit allein unter den Tugenden ein fremdes Gut zu sein, weil sie sich auf andere bezieht. Denn sie tut, was anderen frommt, sei es dem Herrscher, sei es dem gemeinen Wesen. Der Schlimmste ist also wer seine Schlechtigkeit sowohl gegen sich selbst wie gegen seine Freunde kehrt, der Beste aber wer seine Tugend nicht sowohl sich als anderen zugutekommen lässt. Denn dieses ist ein schweres Ding.« [En24] 24

[Persönliche Anmerkung:] An dieser zeitlosen Definition von Gerechtigkeit hat sich bis heute nichts geändert.

Der Mangel an erlebter Gerechtigkeit dürfte zurzeit wohl auch der ausschlaggebende Grund dafür sein, dass sich Wählerinnen und Wähler enttäuscht von den etablierten Parteien abwenden, um sich den Parteien der Neuen Rechten zuzuwenden.

Und dass die so genannten  »Gelbwesten« ihr Gefühl erlebter Ungerechtigkeit im Nachbarland Frankreich sogar gewaltsam auf der Straße ausleben, das kann jeder, der sehen will, am Fernsehen verfolgen.

Èduard Louis hat in seinem Buch »Wer hat meinen Vater umgebracht«, das kurz vor dem ersten Auftreten der »Gelbwesten im Oktober 2018« erschien, die Motive dieser Enttäuschten durchaus glaubwürdig dargestellt, indem er schreibt:

»Begreift man Politik als die Regierung von Lebewesen über andere Lebewesen, und gehören die Individuen jeweils Gemeinschaften an, denen sie zugewiesen wurden, dann besteht Politik in der Abgrenzung jener Bevölkerungsteile, die ein komfortables, geschütztes, begünstigtes Leben genießen, von solchen, die Tod, Verfolgun, Mord ausgesetzt sind.«

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle aufzuzeigen, warum der Autor den Tod seines Vaters auf erlebte strukturelle Gewalt zurückführt und einem Staat anlastet, der für benachteiligte Bürger nicht zuständig sein will. Der Autor zitiert die letzten Worte seines Vaters wie folgt: Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.«

05 Wie Demokratien sterben

TOP

Der Niedergang einer jeden Kultur beginnt mit Fehlern im Denken, setzt sich dann fort in der Umsetzung fehlerhaften Denkens in fehlerhafte Handlungen und findet schließlich seine Vollendung im Zerfall.

05.1 Demokratiefeindliche Tugenden

TOP

Einige demokratiefeindliche Tugenden wurden in diesem Aufsatz bereits ausführlich erörtert. Dazu gehören in jedem Fall der Egoismus und der Narzissmus sowie unzureichend ausgebildete Vorstellungen von Fairness in Verbindung mit nur noch rudimentär vorhandene Kenntnisse über ein »richtiges, lebenswertes Leben«.

Zu den demokratiefeindlichen Tugenden gehören natürlich auch:

  • Dummheit

  • Selbstüberschätzung

  • Respektlosigkeit gegenüber der Natur und der Schöpfung, sowie der

  • Zerfall der Werte, die dazu geführt haben, dass die Idee der Demokratie sich überhaupt entwickeln konnte.

Kurzum:

Eine Gesellschaft, die heute Bildung vorrangig als eine Kompetenz versteht - die bereits in der Schule zu erlernen ist - wie Tablet-PCs richtig zu bedienen und Google die richtigen Fragen zu stellen sind, um richtige Antworten zu erhalten, einer solchen Gesellschaft wird es bereits in absehbarer Zeit an menschlicher Substanz fehlen.

Und wenn Lesen und Schreiben am Touchscreen Monitor besser gelernt werden können als durch das mühsame Erlernen Jahrhunderte alter Kulturtechniken unter Gebrauch der rechten oder linken Hand, dann wird dem Schüler oder der Schülerin schlichtweg keine Chance mehr gelassen, sein Gehirn ausbilden zu können, denn durch das Schreiben mit der Hand werden ganz andere Gehirnareale trainiert, als das beim Tippen von Texten der Fall ist, die zudem am Bildschirm nur als das Ergebnis elektromagnetischer Impulse wahrgenommen werden können und folglich auch beim Lesen ganz anders wahrgenommen werden, als das beim Lesen eines Buches oder eines Briefes der Fall ist.

Mit anderen Worten:

Wer Digitales für geneuso real hält wie ein Buch, der irrt. Das gilt auch für das Lernen mit digitalisierten Lernmaterialien. Wer das nicht glaubt, der sollte Manfred Spitzer lesen: »Die Smartphone-Epidemie - Gefahr für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft«.

05.2 Sehnsuchtsort Vergangenheit

TOP

Heimat im Sinne von nostalgischen Vorstellungen oder die Sehnsucht nach dem Gestern, in dem alles besser war als heute, setzt voraus, dass es sich bei dem Heute um einen Fluchtort handeln muss, den zu verlassen nur dann nicht notwendig wird, wenn es gelingt, das Gestern wieder herzustellen.

Solche Versuche können nicht gelingen, denn: Geschichte wiederholt sich nicht.

Mit anderen Worten:

Es gibt keine Möglichkeit des Zurück, sowohl im Heute als auch in der Zukunft. Eine Demokratie, die sich nicht verändern kann oder verändern will, hört auf, für Menschen ein Zufluchtsort zu sein.

05.3 Die Nation wird es schon richten

TOP

Nur gemeinsam sind wir stark. Grenzen dicht und alles wird wieder gut. Das Fremde in uns zersetzt nicht nur unsere Kultur, sondern auch das deutsche Wesen, und daran soll ja bekanntlich, die Welt genesen.

Was soll das?

Die Zeit ist doch vorbei, als Menschen daran glaubten, dass die Götter es schon richten würden. Und als sie sich dann in den Glauben an die Nation verloren, da waren sie erst recht verloren, denn dieser Glaube führte sie in zwei Weltkriege.

Möglicherweise glaubten die Menschen schon damals nicht daran, dass die Dinge sich von allein regeln, ohne dass jemand eingreift. Aber damals glaubten sie noch an die Götter oder vertrauten einem charismatischen Führer, der für sich in Anspruch nahm, im Auftrag der Vorsehung zu handeln.

Heute scheint es so zu sein, dass man nur der Statistik vertrauen kann, die man selbst gefälscht hat.

Und heute sollen es die Politiker mit Universitätsstudium für uns richten?

Die Experten, die Fachleute, auf jeden Fall die, die wissen was sie sagen und tun?

So viel Leichtgläubigkeit ist wirklich nicht mehr zeitgemäß.

Und wie ist es mit der Mutter aller Faustregeln, die auf ein Wort reduziert werden kann, das »Vertrauen« heißt?

Gilt diese Faustregel heute noch?

  • Vertrauen in die Politik?

  • Vertrauen in die Führung?

  • Vertrauen in die Kompetenz des Arztes?

  • Vertrauen in die Kompetenz eines Anlageberaters?

  • Vertrauen in die Behauptung von 100 Lungenfachärzten, dass die Feinstaubbelastung für die menschliche Gesundheit ruhig noch etwas höher sein kann, weil die Grenzwerte viel zu gering sind?

Die Liste ließe sich erweitern, aber das ist gar nicht erforderlich, denn nur wenige überprüfen tatsächlich, ob ihre Berater (Ärzte, Anlageberater, Politiker) wirklich wissen, wovon sie reden.

Deshalb:

Vertraue niemandem, dessen Politik du nicht verstehst.

Das wissen auch die Populisten.

Darum sind ihre Rezepte einfache Rezepte, also Rezepte, die ein jedermann versteht, weil sie so einfach zu verstehen sind und deshalb ungeeignet sind, eine komplexe Welt wieder so umzugestalten, dass Menschen in ihr eine Zukunft haben können.

Populisten wird das nicht gelingen.

Ihre Kompetenz reicht nur dazu aus, andere auszuschließen und ihre Wählerinnen und Wähler einzuschließen in einem angeblich neu zu schaffenden starken Deutschland.

05.4 Populisten als Verfallsbeschleuniger

TOP

Die Aufgabe von Werbung ist es, in Menschen neue Bedürfnisse entstehen zu lassen. Populisten würde das hoffnungslos überfordern, wenn nicht bereits zu dem Zeitpunkt, an dem sie in Erscheinung treten, in Menschen das Bedürfnis vorhanden wäre, bestehende Verhältnisse ändern zu wollen, nein ändern zu müssen.

Mit anderen Worten:

Der Populist reagiert auf ein bereits vorhandenes Bedürfnis nach Veränderung.

Er weiß, dass sich die Gesellschaft bereits zu dem Zeitpunkt, in der in ihr der Wunsch nach einem Führer erwacht, der sich durchzusetzen verspricht, um bestehende Verhältnisse zu ändern, sich die Gesellschaft selbst in einem fragilen Zustand befinden muss.

Ein Populist ist sozusagen das Produkt seiner Zeit.

Und um den für erforderlich gehaltenen gesellschaftlichen Wandel möglichst schnell beenden zu können, vertrat Voltaire zum Beispiel die Auffassung, dass die beste Regierungsform diejenige sei, die durch politischen Mord reguliert wird, denn danach sei wieder Platz für Neues.

Wie dem auch immer sei.

Die Populisten von heute aber wollen nicht morden, sondern Macht, um das zu ändern, was geändert werden muss. Zumindest versprechen sie das.

Und woher wissen Populisten, was ihre Wähler von ihnen wollen?

Die Antwort darauf kann ebenfalls bei Voltaire gefunden werden.

Im übertragenen Sinne bedarf es dazu nicht viel, nur der Bereitschaft, dem Volke aus Maul zu schauen und den Enttäuschten wie folgt anzusprechen:

Voltaire zum Beispiel lässt Candide einen Gelehrten fragen:

»Nicht wahr, ihr glaubt doch auch, dass physisch wie moralisch alles in der Welt aufs beste eingerichtet ist und gar nicht anders sein kann?«

»Nein, Monsieur«, widerspricht der Gelehrte, »glaube ich ganz und gar nicht. Vielmehr meine ich, dass bei uns alles schief läuft. Keiner hierzulande weiß seine Aufgabe in der Gesellschaft, keiner weiß, wie er seinem Rang, seinem Stand gerecht wird; keiner weiß, was er tut, und keiner, was er tun soll? Klar, es gibt Ausnahmen [...] doch ansonsten vergeht die Zeit doch nur mit dümmlichen Streitereien. [...]. Schriftsteller gegen Schriftsteller, Höflinge gegen Höflinge, Vermögende gegen das Volk, Weiber gegen ihre Männer, Verwandte gegen Verwandte, kurz, da tobt ein ewiger Krieg.« [En25] 25

So ist es auch heute noch:

Genau dieses Zeitgefühl ist es, das Populisten stark werden lässt.

Oder, anders ausgedrückt:

Der Umfang und die Komplexität von Wahlzetteln versetzen Wähler immer wieder in den Zustand, der von Psychologen als die »Tyrannei der Wahl« bezeichnet wird: Viele werde nach der Wahl deshalb auch das nagende Gefühl nicht los, dass sie sich hätte anders entscheiden sollen, weshalb sich viele Wählerinnen und Wähler einfach blindlings und systematisch an dem orientieren, was in den sozialen Medien am lautesten nach »wähl mich« schreit.

Und wer bei der Wahl der gehörten Worte dem Tabubruch mehr Glauben schenkt als der politischen Seriosität, die in Wahlkampfzeiten und auch in der Zeit nach der Wahl meist nur als sehr leise und zwarte Stimmen zu vernehmen sind, der entscheidet sich dann halt für den Populisten.

Das wissen Populisten und deshalb können sie auch Wahlen gewinnen, siehe Donald Trump.

Ein Slogan reichte in den USA aus, um dort Präsident zu werden.

America First.

06 Werdet endlich wach

TOP

Wie heißt es doch so treffend in einem Essay von Erwin Chargaff über die »Kritik der Zukunft«:

»In unserer Welt, in der man so viel weiß und in der jeden Tag Unmengen von so genanntem neuen Wissen ausgegraben oder maschinell erzeugt werden, herrscht Begräbnisstimmung. Man schüttelt einander stumm die Hand und kehrt zu den öden Geschäften zurück. Denn unter den zahllosen Mehrern und Hütern des Wissens ist kein einziger, der stehenbliebe und fragte, wohin die Reise geht.

Er kann nicht stehenbleiben, der Strom ist zu stark, der Strom ist zu schnell.

Wenn der Mensch durch Mikroprozessoren ersetzt wird, wird er auch durch Mikroprozessoren vernichtet werden.

Der unerlässliche elektrische Strom wird sich dann von selbst abstellen. Denn ohne menschliches Zutun sind die kleinen Chips viel zu schlau, um allein weiterzumachen.« [En26] 26

Und an anderer Stelle heißt es:

»Die Menschen waren nie primitiv und immer denkfaul, die Zeiten waren immer schlecht, und immer ... vielleicht mit Ausnahme der Gegenwart ... hat es tiefe Denker gegeben.«

[Persönliche Anmerkung:] Das lässt sich ändern. Am besten fängt jeder von uns mit dem Denken sofort an und vertraue nicht jedem Unsinn, den Politiker heute für zukunftsweisend halten.

Übrigens:

Erwin Chargaff (1905 bis 2002) entdeckte als Chemiker die entscheidende Regel, ohne die eine Entschlüsselung der menschlichen Erbsubstanz nicht möglich gewesen wäre und, wie das die Zitate belegen, verfügte er nicht nur über wissenschaftliche Klasse, sondern vermochte auch als scharfzüngiger Zeitkritiker zu überzeugen.

Oder etwa nicht?

»Von den Tieren können wir uns nicht Rat holen, denn diese leben in der Wahrheit, ohne dass sie sich zu ihr zu bekennen brauchen. Der Mensch hingegen lebt leider nicht in der Wahrheit und kommt mit ihr, in dieser Singularform, nur selten in Berührung. Auch zwingen ihn die ihm auferlegten Gesellschaftsformen nur allzu oft zu Halbwahrheiten, die er dann dialektisch aufputzen muss.« [En27] 27

Dem ist nichts hinzuzufügen.

So ist das Leben.


Ende des Kapitels

TOP

Menschenrechte und Menschenpflichten: Oder Demokratie vernichten.
Wenn Sie einen Fehler gefunden haben oder eine Frage zum Inhalt stellen möchten, schreiben Sie mir bitte eine Mail. Fügen Sie in Ihre Mail die Anschrift dieser Seite und die jeweilige Randnummer ein.

TOP

07 Quellen

TOP

Die Quellen wurden am angegebenen Zeitpunkt aufgerufen und eingesehen. Über die weitere Verfügbarkeit der Inhalte entscheidet ausschließlich der jeweilige Anbieter.

Endnote_01
Siegmund Freud
Über das Unbehagen in der Kultur
Kapitel 3
http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-unbehagen-in-der-kultur-922/3
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_02
Siegmund Freud
Über das Unbehagen in der Kultur
Kapitel 3
http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-unbehagen-in-der-kultur-922/3
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_03
Zitiert nach:
Ayn Rand
Die Tugend des Egoismus
Kapitel 13: Kollektive Rechte
Seite 132 ff
TvR - Medienverlag Jena 2017
Zurück

Endnote_04
Zitiert nach:
Ayn Rand
Die Tugend des Egoismus
Kapitel 13: Kollektive Rechte
Seite 132 ff
TvR - Medienverlag Jena 2017
Zurück

Endnote_05
Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten
Vorgeschlagen vom Inter Action Council
1. September 1997
https://www.development-institute.org/app/download/
11252153393/IAC+Declaration+%28D%29.pdf?t=1520009414
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_06
Koalitionsvertrag 2017
https://www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/
koalitionsvertrag_2018.pdf?file=1
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_07
Karl Marx/Friedrich Engels
Das Kommunistische Manifest
Kapitel 4 der der Spiegel-online-Ausgabe
http://gutenberg.spiegel.de/buch/manifest
-der-kommunistischen-partei-4975/4
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_08
Aristoteles
Politik
Sechstes Buch
Erstes Kapitel
http://gutenberg.spiegel.de/buch/politik-9246/8
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_09
Ayn Rand
Die Tugend des Egoismus
Eine neue Auffassung des Eigennutzes
TvR Medienverlag Jena
2. Auflage 2019
Seite 26 bis 29
Zurück

Endnote_10
Erich Fromm
Anatomie der menschlichen Destruktivität
Deutsche Verlags-Anstalt - 3. Auflage 1977
Seite 180
Zurück

Endnote_11
Heilpraxsnet.de vom 05.01.2019 heißt es
Erfolgsstudien: Alterungsprozess entschleunigt! Diese Therapie bremste das Altern aus
https://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/erfolgsstudien
-alterungsprozess-entschleunigt-diese-therapie-bremste
-erfolgreich-das-altern-aus-20190102435407
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_12
Patientenverfügung
BGH, Beschluss vom 6. 7. 2016 – XII ZB 61/16
https://lexetius.com/2016,2254
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_13
Schadensersatz für Lebensverlängerung am Lebensende
OLG München, Endurteil v. 21.12.2017 – 1 U 454/17
http://www.gesetze-bayern.de/(X(1)S(2nvttw1scidcza2ty1lbuvyx))/
Content/Document/Y-300-Z-BECKRS-B-2017-
N-146433?hl=true&AspxAutoDetectCookieSupport=1
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_14
Erich Fromm
Anatomie der menschlichen Destruktivität
Deutsche Verlags-Anstalt - 3. Auflage 1977
Seite 183
Zurück

Endnote_15
Zygmut Bauman
Retrotopia
Edition Suhrkamp
Erste Auflage 2017
Seite 10
Zurück

Endnote_16
Svetlana Boym
The Future of Nostalgia
http://shifter-magazine.com/wp-content/
uploads/2015/11/Boym-Future-of-Nostalgia.pdf
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_17
Freddy Quinn - Songtext
Brennend heißer Wüstensand
https://www.songtexte.com/songtext/freddy-quinn/heimweh
-brennend-heisser-wustensand-73c26ad5.html
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_18
James Q. Wilson
Das moralische Empfinden
Warum die Natur des Menschen besser ist als ihr Ruf
Ernst Kabel Verlag Hamburg 1994
Seite 194
Zurück

Endnote_19
James Q. Wilson
Das moralische Empfinden
Warum die Natur des Menschen besser ist als ihr Ruf
Ernst Kabel Verlag Hamburg 1994
Seite 197
Zurück

Endnote_20
Jean-Jacques Rousseau
Der Gesellschaftsvertrag
Anaconda-Verlag 2012 - Seite 144
Zurück

Endnote_21
Jean-Jacques Rousseau
Der Gesellschaftsvertrag
Anaconda-Verlag 2012 - Seite 94
Oder
4. Kapitel - Von der Demokratie
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-gesellschaftsvertrag-3814/26
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_22
Gerd Gigerenzer
Risiko - wie man die richtigen Entscheidungen trifft
Bertelsmann-Verlag München - 6. Auflage - 2014
Seit 147
Zurück

Endnote_23
Martha C. Nussbaum
Gerechtigkeit oder das gute Leben
Edition Suhrkamp
8. Auflage 2014
Seite 86
Zurück

Endnote_24
Projekt Gutenberg.de
Aristoteles: Nikomachische Ethik - Kapitel 57
http://gutenberg.spiegel.de/buch/nikomachische-ethik-2361/57
Aufgerufen am 21.01.2019
Zurück

Endnote_25
Voltaire
Candide oder der Optimismus
Marix-Verlag - 3. Auflage 2017
Seite 111 und 112
Zurück

Endnote_26
Erwin Chargaff
Kritik der Zukunft
Cotta´s Bibliothek der Moderne
Klett-Cotta 1983
Seite 59
Zurück

Endnote_27
Erwin Chargaff
Abscheu vor der Geschichte
Cotta´s Bibliothek der Moderne
Klett-Cotta 1988
Seite 22
Zurück

TOP

Menschenrechte und Menschenpflichten: Oder Demokratie vernichten.
Wenn Sie einen Fehler gefunden haben oder eine Frage zum Inhalt stellen möchten, schreiben Sie mir bitte eine Mail. Fügen Sie in Ihre Mail die Anschrift dieser Seite und die jeweilige Randnummer ein.

TOP

Zurück zur Startseite