Rodorf.de
Polizeirecht neu - zurück zur Startseite
Impressum Datenschutz

Demokratieverdrossenheit - das geht gar nicht

Alfred Rodorf
Januar 2019

01 Allgemeines zu den Verfallsursachen
02 Der Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts
03 Die Moderne
03.1 Völkische Bewegung und Nationalismus
03.2 Die Moderne im 1. Weltkrieg
03.3 Das Völkische nach Ende des Ersten Weltkrieges
03.4 Die Weimarer Republik
03.5 Warum ich ein Nazi wurde?
03.6 Der Nationalsozialismus
03.7 Die Moderne und ihr Ende
04 Die Postmoderne
04.1 Freiheit aus der Sicht der Verhaltenswissenschaft
04.2 Menschenrechte aber keine Menschenpflichten
04.3 Technischer Fortschritt und grenzenloses Wachstum
04.4 Postmoderne nach Jean-François Lyotard
04.5 Informationsfreiheit in der Postmodernen von heute
05 Die Moderne 4.0
05.1 Wie Facebook funktioniert
05.2 Wie verdient WhatsApp sein Geld?
05.3 Der optimierte Mensch
06 Die Demokratie in der Vierten Industrielle Revolution
07 Der Sinn von Politik
08 Quellen


01 Allgemeines zu den Verfallsursachen

TOP

Das, was heute ist, ist ohne das, was gestern war, nicht vorstellbar. Gleichermaßen gilt, dass das, was heute ist, in die Zukunft hineinwirken wird, wie auch immer die zu treffenden politischen Entscheidungen ausfallen werden.

Zu wünschen ist, dass sowohl die Folgen der Fehler der Vergangenheit als auch die Fehler von heute zukünftig vermieden bzw. im Rahmen des menschlich (technisch) noch Möglichen gestoppt, möglicherweise sogar zurückgeführt werden.

Und was bedeutet das im Hinblick auf die Staatsform der Demokratie?

Demokratie, das kann letztendlich nichts anderes sein, als die Umsetzung des jeweiligen Zeitgeistes in politisches Handeln. Es wäre aber verfehlt, davon auszugehen, dass der jeweilige Zeitgeist immer auf der Höhe seiner Zeit ist, will sagen, sich so darstellt, dass dadurch der größtmögliche Nutzen für das Allgemeinwohl und damit zwangsläufig auch für jedes einzelne Individuum weltweit als auch national zu erwarten ist.

Das ist nachweisbar und auch erlebbar zurzeit nicht der Fall.

Grund dafür sind vielfältige Interessen, die insbesondere der Umsetzung von Gerechtigkeitsfragen im Wege stehen.

Demokratie, hier verstanden als eine Staatsform, die dem Willen des Volkes, also dem der Allgemeinheit entsprechen sollte, was man auch immer daruter verstehen mag, wird sich in naher Zukunft deshalb etwas einfallen lassen müssen, um wieder die Staatsform werden zu können, die sie meint, tatsächlich zu repräsentieren, nämlich die Herrschaft des Volkes im Interesse des Volkes.

Gelingt es nicht, eine überwiegend am Allgemeinwohl orientierte Politik erlebbar zu machen, könnte es durchaus sein, dass die wenigen demokratischen Jahre in der deutschen Geschichte möglicherweise schon bald nicht mehr den Anforderungen des Zeitgeistes entsprechen und dann leider ihr Ende finden werden, denn Demokratien sterben in der Regel langsam, weil ihr Zersetzungsprozess im Innern beginnt.

02 Der Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts

TOP

Der Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist dennoch keine Erfindung von heute, sondern ein Prozess, der bereits mit der industriellen Revolution begann. Gesellschaftliche Veränderungen, die sozusagen mit der Moderne begannen, wirken heute nicht nur nach, sondern folgen mehr oder weniger den gleichen Kräften wie damals.

Mit anderen Worten:

Der Beginn der Moderne ist nicht nur das Ende einer Jahrhunderte währenden alten Ordnung, sondern auch die verzweifelte Suche nach einer Lebensform, die bis heute noch nicht als abgeschlossen angesehen werden kann.

Aber alles hübsch der Reihe nach.

Die Moderne lässt sich in drei Phasen aufteilen:

  • Moderne:
    Beginnend mit der industriellen Revolution bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges

  • Postmoderne:
    Die Zeit nach dem Abwurf von zwei Atombomben auf Japan bis 1993 und den Anfängen des Internets

  • Moderne 3.0:
    Das Informationszeitalter von 1993 bis 2016

  • Moderne 4.0
    Die neue Zeit des Beispiellosen, die digitale Welt von heute und morgen, auch als Vierte Industrielle Revolution bezeichnet, die 2016 in Davos ausgerufen wurde.

Zurzeit befinden wir uns bereits in der Moderne 4.0, also in der Vierten Industriellen Revolution. Diese Phase ist nicht nur durch eine wachsende Entfremdung zwischen Politikern und Bürgern, sondern auch als eine zwischenmenschliche Krise zu verstehen, die Anlass zur Sorge gibt und die dazu beitragen könnte, aus der Staatsform Demokratie ein Auslaufmodell zu machen.

Kurzum:

In den westlichen Demokratien von heute beginnt der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, sich langsam aufzulösen. Grund dafür ist, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens seit den Anfängen der industriellen Revolution bis heute nicht beantwortet werden konnte, da die säkularen Fortschrittsgesellschaften nicht dazu in der Lage waren, diese Leere zu füllen.

Aber »Leere« allein reicht nicht aus, den Mangel zu beschreiben, unter dem der moderne Mensch von heute leidet, denn diese Leere empfanden auch Generationen vor unserer Zeit. Deshalb ist es wichtig, nachvollziehen zu können, was diese Leere auslöste und wie der moderne Mensch versuchte und auch heute noch versucht, diese Leere auszufüllen.

Moderne, das ist zuerst einmal der Verlust der traditionellen gottgewollten Ordnung, einer Ordnung, die über Jahrhunderte identitätsstiftend war. Insoweit ist die »Moderne« eine Sprachfigur, die nicht nur für den Verfall einer überholten Ordnung steht, sondern auch als ein Appell zu verstehen ist, sich dem Neuen, Unbekannten zuzuwenden.

Dennoch ist die »Moderne« in ihrer Grundtendenz eher eine Zeit, in der die Welt mehrheitlich eher pessimistisch gesehen und von einer Verfallsstimmung gekennzeichnet ist.

Es vermag somit nicht zu verwundern, dass das Gefühl der Machtlosigkeit, des Niedergangs und der Dekadenz nicht nur in Erzählungen dieser Epoche, sondern auch in der Malerei zum dominanten Thema dieser Zeit wurde und auch heute noch ist. Zumindest in der Literatur sind die beschriebenen Figuren oft mit einer eingeschränkten Perspektive auf die Welt ausgestattet, die meist zu ihrem Untergang führt.

Die großen Literaten der Moderne zeichneten durchweg ein Bild von Hoffnungslosigkeit und Dekadenz, indem sie eine pessimistische Verfalls- und Untergangsstimmung verbreiten, zum Beispiel: Max Frisch, Thomas Mann und Heinrich Mann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Virginia Woolf und Alfred Döblin, um nur einige zu nennen.

Auch heute ist es wieder modern geworden, sich intensiv mit dem Niedergang zu beschäftigen.

Kunst, das heißt heute:

Kunstkonsumenten zu schockieren, ihnen zu zeigen, wie kaputt diese Welt ist, so dass das moderne Theater von heute eher eine Welt zeigt, die sozusagen im Blut (Kunstblut natürlich) versinkt und den Theaterbesucher in eine Stimmung versetzt, als wäre die Endzeit bereits angebrochen, vergleichbar mit Filmen wie: »The Book of Eli« oder die 15 anderen Titel, die als »Meine TOP 15 Endzeitstimmung-Filme« auf Moviepilot.de eingesehen werden können.

Wie dem auch immer sei.

Auch in der Malerei und bei der Inszenierung des modernen Theaters ist kein Tabubruch zu groß, um nicht die Zustimmung des Publikums, sondern auch die Zustimmung begeisterter Kunstkritiker zu finden.

Die folgenden 5 Minuten modernen Theaters sind es wert, zur Kenntnis genommen zu werden, um zumindest einen Eindruck davon zu bekommen, dass heute wirklich ein großer Aufwand von Tabubrüchen inszeniert werden muss, um in dieser Zeit überhaupt noch Beachtung finden zu können.

Wenn Sie den Link öffnen, finden Sie den Beitrag auf der Zeitleiste ganz am Ende der Sendung Kulturzeit auf SAT3, ab 33:35 bis 38.35.

Benny Claessens sprengt jegliche Vorstellung von Theater

Im Kommentar heißt es zu diesem Beitrag unter anderem:

Salome, also Benny Claessens, tänzelt auf den Abgrund zu. Total selbstzerstörerisch, subtil, poetisch und lässig. Claessen ist auf der Bühne: mit allem, was er hat. Kein Raster, keine Normen, dafür steht er. Auf der Bühne und im Leben.

[Hinweis:] Grund für solch eine Lobhudelei dürfte die Welt sein, in der wir leben, denn die ist einfach zu kompliziert und überfordert nicht nur jeden von uns, sondern offensichtlich auch Kunstkritiker bei ihren Analysen zeitgenössischer Kunst und das gilt nicht nur für das Theater.

Wie treffend analysiert doch Wolfgang Beltracci, dessen gefälschte Bilder nicht einmal Experten von Originalarbeiten berühmter Maler unterscheiden konnten, in einem Interview mit der Neuen Züricher Zeitung vom 26.06.2018 die Kunstszene von heute mit folgenden Worten:

Schönheit ist in der heutigen Kunst das wahre Skandalon.

Und wenn dieser begnadete Maler und Kunstfälscher im Gespräch mit der NZZ darauf hinweist, dass heute Kinder mehr Kunstsachverstand haben als Experten, wenn sie beim Besuch eines Museums mit zeitgenössischer Kunst zu ihren Eltern sagen: »Mama, hier hat jemand vergessen aufzuräumen!«, dann sollte das ausreichend Anlass sein, über den Zustand der Welt von heute einmal gründlich nachzudenken.

Günter Anders verwendete bereits 1984 für eines seiner Bücher den vielsagenden Titel: »Mensch ohne Welt«.

In der Einleitung schreibt der Philosoph:

»Menschen ohne Welt« waren und sind diejenigen, die gezwungen sind, innerhalb einer Welt zu leben, die nicht die ihrige ist; einer Welt, die, obwohl von ihnen in täglicher Arbeit erzeugt und in Gang gehalten, »nicht für sie gebaut« (Morgenstern), nicht für sie da ist [...]«.

Um dann an anderer Stelle sinngemäß fortzufahren:

Mensch ohne Welt, das ist der Mensch im Zeitalter des kulturellen Pluralismus, das ist der Mensch, der, »weil er an vielen, an zu vielen Welten gleichzeitig teilnimmt, keine bestimmte, und damit auch keine, Welt hat.

Es würde zu weit führen, die Erklärungen, die Günther Anders für die oben angedeutete These aufführt, an dieser Stelle weiter auszuführen.

Ich möchte mich deshalb mit folgender Feststellung begnügen:

Auch heute noch versucht ein jeder von uns, ein richtiges und anständiges Leben zu führen. Die meisten zumindest. Die tun also dieses nicht und jenes trotzdem. Die lavieren und fühlen sich manchmal gut und bisweilen schlecht - aber wie man das alles eigentlich innerlich verarbeiten und zusammenbringen soll, davon haben die meisten Menschen nicht mehr wirklich eine Ahnung.

Die Politiker im Übrigen auch nicht.

Der moderne Mensch von heute ist einfach überfordert.

Und wer überfordert ist, neigt zur Aggressivität, gegen andere oder gegen sich selbst. Das weiß jeder, der schon einmal überfordert war. Und Aggressivität ist ein Teil des Problems, unter dem zurzeit die demokratischen Gesellschaften in Deutschland und anderswo leiden.

Und dann auch noch das.

Die Gesellschaft hat es tatsächlich geschafft, den in ihr lebenden Menschen das Gefühl zu geben - außer in der unverzichtbaren Rolle des Konsumenten - nutzlos zu sein und wenn nicht ganz nutzlos, sich dann halt doch bloß als ein kleines und leicht austauschbares Rädchen im Getriebe zu definieren.

Aber reicht das aus, damit die Angst in einer Gesellschaft zu erklären?

Wohl kaum.

Deshalb, in Ermangelung einer echten Bedrohung von außen müssen Sündenböcke gefunden werden, die für diesen Zustand der inneren Angst verantwortlich gemacht werden können, unter denen der moderne Massenmensch von heute leidet.

Und die »Schuldigen« sind schnell gefunden:

Die Globalisierung und die Flüchtlinge.

Eigentlich gibt es aber nur zwei Ängste, unter denen der Mensch wirklich leidet:

  • Von der Gesellschaft ausgestoßen zu sein
    und/oder

  • in ihr als unbedeutendes Individuum zu verschwinden.

Kurzum:

Ein menschliches Grundbedürfnis ist es, gebraucht, wertgeschätzt und respektiert zu werden.

In einer von der Globalisierung geprägten Gesellschaft aber haben viele Menschen heute das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Man nimmt ihnen den Stolz und verweigert ihnen den Respekt. Die Gesellschaft vermittelt vielen Menschen sogar den Eindruck, nicht mitbestimmen zu dürfen, nur dazugehören, das wohl, aber auch nur so lange, wie die Masse stumm ist und das tun, was von ihr erwartet wird: zu funktionieren und ein möglichst guter Konsument zu sein.

Ach ja:

Es gibt sogar Stimmen, die von überflüssigen Menschen sprechen, also von Menschen, die es auf dieser Welt besser gar nicht gäbe. Die vielen Armen, Hungernden, Fliehenden, nur an den Sozialleistungen der reichen Länder interessierten Menschen, womit aber auch die Sozialschmarotzer gemeint sind, die in reichen Gesellschaften nicht gebraucht werden können, weil sie nichts können, außer Sozialhilfe beantragen.

Zurück zur Moderne.

03 Die Moderne

TOP

Moderne, dieses »Zauberwort« steht für einen historischen Umbruch, der zahlreiche Lebensbereiche betraf und der insbesondere durch folgende Begrifflichkeiten gekennzeichnet ist:

  • Industrielle Revolution

  • Aufklärung

  • Säkularisierung

  • Weltkriege.

Moderne im oben angedeuteten Sinne setzt voraus, dass Gott tot ist. In seinem Werk: »Die fröhliche Wissenschaft«, heißt es zum Beispiel im dritten Buch im Kapitel »Der tolle Mensch«, bei Friedrich Nietzsche wie folgt: »Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?« [En01] 1

Insbesondere die drei letzten, von Friedrich Nietzsche aufgeworfene Fragen ließen sich weder damals noch lassen sie sich heute zufriedenstellend beantworten.

Tatsache ist, dass die Zeit, in der so gedacht wurde und auch heute noch so gedacht wird, nicht nur den Beginn der Moderne, sondern auch für die heutige Zeit typisch ist. Friedrich Nietzsche schrieb »Die fröhliche Wissenschaft« 1882, also zu einer Zeit, in der die industrielle Revolution bereits an Fahrt aufgenommen hatte und ihren Beitrag dafür leistete, dass sich Traditionen zunehmend schneller zersetzten, Gemeinschaften zerbrachen und durch die einsetzende Landflucht sich Traditionen auflösten und die Suche nach der eigenen Identität begann.

Moderne, diese Sprachfigur bezeichnet folglich aus historischer Sicht gesehen einen Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen gegenüber der verloren gegangenen Jahrhunderte währenden Tradition der gottgegebenen Ordnung.

Wenn wir heute etwas für modern halten, dann meinen wir in der Regel etwas Gutes, Nützliches, Erstrebenswertes, etwas Benötigtes, um mit anderen mithalten zu können.

Kurzum: Modern ist das, was heute »in« ist.

Die andere (negative) Seite der Moderne wird in der Regel ausgeblendet. Das wäre aber mehr als nachlässig und unkorrekt.

Dazu später mehr.

03.1 Völkische Bewegung und Nationalismus

TOP

Auch die Anfänge dieser Bewegungen gehen auf die Anfänge der »Moderne« zurück. Heute würde man die völkische Bewegung wohl eher als eine konservative Revolution bezeichnen, wie sie im Januar 2018 von CSU-Politiker Dobrindt eingefordert wurde und die ihm reichlich Kritik einbrachte.

Wohl zu Recht, denn auch die völkische Bewegung war - wie jede konservative Revolution - eine nach rückwärts gewandte Bewegung, denn sie sollte ein Ersatz für die verlorene Welt sein bzw. werden, die seit der Aufklärung die Menschen mehr oder weniger verwirrt hatte.

Wie dem auch immer sei.

»Es ist häufig behauptet worden, dass erst die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Gründung der Weimarer Republik den völkischen Ideen zur Geltung verhalf und es bestehen sicher keine Zweifel darüber, dass diese Ideen gerade zu jener Zeit eine politische Massenbasis fanden. Dennoch waren die Entwicklungen bereits vor dem Großen Krieg von entscheidender Bedeutung« [En02]2, denn erst nach Kriegsende radikalisierte sich das völkische Denken zum radikalen Nationalismus.

Festzustellen ist, dass die Krise, die das völkische Denken auslöste, viel früher zu datieren ist, als der oben genannte Zeitrahmen. Grund dafür war nicht nur der Zusammenbruch der bestehenden Ordnung als Folge der Französischen Revolution, durch die ein fast apokalyptisches Vakuum entstanden war.

Der Zusammenbruch einer Jahrhunderte bestehenden organischen Ordnung hinterließ in den Köpfen der Menschen nachweisbar auch eine große und unerträgliche Leere, die dringend einer neuen Ordnung bedurfte. Was benötigt wurde, das war eine »neue Gemeinschaft«, ein Vaterland, eine schützende Hand vor den Unbillen der Zukunft und insbesondere Sicherheit und Schutz vor den Veränderungen, die eine sich immer rasanter entwickelnde Industrialisierung mit sich brachte und die eine schwere ökonomische Krise auslöste. »Der Ruf nach einer neuen »deutschen« Revolution, der mit diesem Wachstum einherging, war eine Reaktion auf diesen Modernisierungsprozess.« [En03] 3

[Hinweis:] Irgendwie kommt einem diese Lebart bekannt vor.

[Völkisches Denken in der Kaiserzeit:] Als deutsche »Kaiserzeit« wird in diesem Aufsatz die Phase des Deutschen Reichs von 1871 bis 1918 bezeichnet. In dieser Zeit wurden die grundlegenden Vorstellungen der »völkischen Bewegung« ausformuliert und in dem Sinne gesellschaftsfähig gemacht, dass daraus eine (moderne) Massenbewegung werden konnte.

Im Folgenden wird die Ideologie einer Bewegung skizziert, die trotz ihrer Heterogenität über gemeinsame Ansichten darüber verfügte, wie die Zukunft Deutschlands aussehen sollte.

[Staat - Volk - Nation:] Diese drei staatstragenden Wörter gehören sozusagen zum Kern völkischen Denkens.

Peter Walkenhorst hat eines dieser Wörter, das Wort »Nation« wie ich finde treffend charakterisiert, indem er schreibt: »Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen, die durch einen gemeinsamen Irrtum hinsichtlich ihrer Abstammung und eine gemeinsame Abneigung gegen ihre Nachbarn geeint ist.«

Selbstverständlich entspricht so viel Ironie nicht dem Zeitgeist der Kaiserzeit, in der eine unüberschaubare Zahl von Rednern mit missionarischem Eifer die Nation als den »Körper eines Volkes« verherrlichte, den es zu erschaffen galt, damit letztendlich die »ganze Welt am deutschen Wesen genesen könne«.

Dieser Satz stammt übrigens aus einem Gedicht von Emanuel Geibel »Deutschlands Beruf« aus dem Jahre 1861, einem Gedicht an seinen geliebten Kaiser, in dem es im Schlusssatz heißt: »Und es mag am deutschen Wesen, einmal noch die Welt genesen.«

Genug Pathos:

Das Jahr 1870/71 war für den deutschen Nationalismus und somit auch für die »Moderne« ein bedeutsamer Wendepunkt. Durch die Gründung des Deutschen Reiches durch Bismarck erhielt die Vorstellung der deutschen Nation erstmalig eine staatliche Grundlage, denn der von Reichskanzler Bismarck durch viel diplomatisches Geschick geschaffene lang ersehnte Nationalstaat war durch eine »Revolution von oben« nunmehr Wirklichkeit geworden.

»Um zu verstehen,« so Peter Walkenhorst, »warum und auf welche Weise der Nationalismus »eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts (Norbert Elias) werden konnte, ist es erforderlich, die Nation als ein relationales Konstrukt zu verstehen und ihre Verknüpfung mit Weltbildern, Deutungsmustern und Identitäten zu analysieren. [...] Nationalismus lässt sich mithin als der diskursive Raum befinieren, innerhalb dessen verschiedene Varianten einer gedachten nationalen Ordnung um Deutungsmacht konkurrieren.« [En04]4

Zu den die deutsche Nation ausmachenden Grundelementen gehörten nach völkischer Denkart insbesondere die deutsche Kultur- und Sprachgemeinschaft sowie das gemeinsame Schicksal, das für die deutsche Nation vorherbestimmt war.

[Hinweis:] Irgendwie kommt einem das im Jahr 2018 tagespolitisch gesehen durchaus bekannt vor.

03.2 Die Moderne im 1. Weltkrieg

TOP

Der August 1914 war ein europäisches Schicksalsjahr, denn obwohl der Erste Weltkrieg im Osten bereits im Gange war, überschritten am 4. August 1914 die deutschen Truppen die belgische Grenze, womit das (moderne) Schlachten an der Westfront seinen Anfang nahm. Aber das konnte sich damals noch niemand so recht vorstellen, denn überall in Europa hatten die Menschen Angst, nicht davor, zu fallen, sondern keine Chance zu bekommen, in den Kampf eingreifen zu können, bevor der Krieg vorüber war.

Man zog begeistert in den Krieg.

In Frankreich etwa so:

Die folgenden Zitate sind dem Buch »Der Große Krieg - Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg« von Adam Hochschild, erschienen im Klett-Cotta-Verlag 2013, entnommen:

Auf Seite 147 heißt es:

»Scharen von Männern, die voller Elan mit aufgepflanztem Bajonett vorwärtsstürmten, oder donnernde Kavallerieattacken sollten Furcht in die Herzen der Deutschen säen. Außerdem zogen Frankreichs Soldaten in den weithin sichtbaren blauen Jacken und knallroten Hosen in den Kampf, die sie lange Zeit zu den farbenprächtigsten Infanteristen Europas gemacht hatten. Bei einer Parlamentsanhörung zwei Jahre zuvor hatte der Kriegsminister einen Reformer niedergebrüllt, der die roten Hosen abschaffen wollte. »Niemals!, rief er aus. »Die roten Hosen, das ist Frankreich!«

An anderer Stelle heißt es:

Nach weniger als einem Monat waren fast 300 000 dieser fesch gekleideten Soldaten tot oder verwundet.

Und auf britischer Seite?

Das britische Expeditionskorps umfasste vier Infanteriedivisionen, jede bis zu 18 000 Mann stark, und eine Kavalleriedivision mit rund 9000 Mann. Die Säbel der Offiziere waren frisch geschliffen. Wegen ihrer Pferde, die mit Schlingen in die Frachträume hinein und aus ihnen auch herausgehoben wurden, beanspruchte die Kavallerie unverhältnismäßig viel Raum, siehe S. 149.

Und was erwartete diese Truppen in Flandern?

Keine Seite, auch die deutsche Seite nicht, war zuvor dem Feuer von Maschinengewehren oder anderen modernen Waffen ausgesetzt gewesen.

So konnte zum Beispiel »eine einzige MG-Stellung Hunderte, sogar Tausende Angreifer in Schach halten. Und dann auch noch der Stacheldraht. »Besonders der deutsche Stacheldraht stellte sich als nahezu unüberwindliches Hindernis heraus. Da blieb nur eines übrig, sich einzugraben, siehe S. 174.

Übrigens:

Auch 1915 warteten immer noch Tausende von Kavalleristen ungeduldig auf ihren Einsatz, weil die Generäle auf französischer und britischer Seite an ihrer Vorstellung festhielten, dass der Durchbruch in die Tiefe des Raumes nur mit Kavallerie möglich sei, siehe S. 188.

Aber nicht nur Säbel und Kavallerie erwiesen sich als völlig ungeeignete Mittel der Kriegsführung.

Neue Erfahrungen machten ein Umdenken zwingend erforderlich:

  • 1915 Einsatz von Giftgas durch die Deutschen

  • 1915 Einsatz von Flammenwerfern durch die Deutschen

  • 1915 Brandbomben über London, abgeworfen zuerst aus Zeppelinen, später aus Flugzeugen von den Deutschen.

Und dann gab es auch das Massensterben in Loos.

Am 26. September 1915 mochten die deutschen Offiziere an der Front bei Loos nicht glauben, was sie sahen. Am zweiten Tag der großen Schlacht kamen rund 10 000 britische Soldaten über mehr als 800 Meter Niemandsland auf sie zumarschiert. Die deutschen Maschinengewehre lagen in geschützten Bunkern, hinter fast 10 Metern breiten Gürteln aus intakten Stacheldrahtverhauen.

In einer von Adam Hochschild zitierten Quelle heißt es:

»Meine Maschinengewehrschützen waren so voller Mitleid, Betroffenheit und Ekel«, sagte später ein deutscher Kommandeur, »dass sie sich weigerten, auch nur noch einen einzigen Schuss abzugeben«, siehe S. 219.

Die Verluste der Briten betrugen allein am ersten Tag der Schlacht etwa 20.000 Tote und Verwundete. Insgesamt beliefen sich die britischen Verluste in der Schlacht auf ungefähr 50.000 Mann und waren dadurch ähnlich hoch wie an den anderen Frontabschnitten der Septemberoffensive.

Mit anderen Worten:

Die moderne Kriegsführung entwickelte sich immer mehr zu einer industriellen Kriegsführung, die auf Massenproduktion angewiesen war und Sterben wie am Fließband ermöglichte, vergleichbar mit dem, was die industrielle Rüstungsrevolution am Fließband an Waffen erzeugte.

Mitte 1916 brachten die Briten endlich ihre neue Geheimwaffe zum Einsatz: den Panzer.

Diese kurzen Ausführungen sollen nur aufzeigen, was moderne Kriegsführung bedeutet und auch nur aufzeigen, dass es sich bei der »Moderne« um eine äußerst zweischneidige Sprachfigur handelt.

Schlusssätze über den Großen Krieg:

»Der Erste Weltkrieg forderte unter den Soldaten fast zehn Millionen Todesopfer und etwa 20 Millionen Verwundete. Die Anzahl der zivilen Opfer wird auf weitere sieben Millionen geschätzt« (Wikipedia).

Übrigens:

Der Erste Weltkrieg war auch der erste totale Krieg, eine Form des Krieges, die in Europa bisher unbekannt war. Dieser Große Krieg war beispiellos, ein Wort, das nicht nur in der Modernen, sondern auch heute noch verwendet werden muss, um aufzuzeigen, wozu der Mensch in der Lage ist:

Das Beispiellose Wirklichkeit werden zu lassen.

03.3 Das Völkische nach Ende des Ersten Weltkrieges

TOP

Der Erste Weltkrieg bedeutete nicht das Ende der völkischen Bewegung, obwohl der Krieg in einer Niederlage des Deutschen Reiches endete, sondern wirkte vielmehr, vergleichbar mit der Wirkung eines Brandbeschleunigers auf die Verbreitung und Akzeptanz radikalnationalistischer Deutungsmuster, die es in dieser Form in der Zeit vor dem Großen Krieg nur vereinzelt, zum Beispiel bei den Alldeutschen, gegeben hatte, denn der »entscheidende Unterschied zwischen den Vertretern des »neuen Nationalismus und den radikalen Nationalisten der wilhelminischen Ära war ihr Verhältnis zur Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung«. [En05] 5

Konnten die wilhelminischen Radikalnationalisten noch als »Schreibtischtäter« bezeichnet werden, weil der Gedanke, selbst zur Waffe zu greifen, jenseits ihres Vorstellungshorizontes lag, waren die »neuen Nationalisten« der Weimarer Republik bereit und mitunter fest entschlossen, ihre Überzeugungen durch gewaltsame Aktionen in die Tat umzusetzen.

Dirk Schumann hat die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung durch Adolf Hitler 1933 in drei Phasen eingeteilt:

  • 1919 bis 1921 - Phase des punktuellen Bürgerkriegs,

  • 1924 bis 1929 die Phase der eher ruhigen Jahre in der Republik,
    die dann

  • 1929 bis 1933 in die Phase der Eskalation überging.

Tatsache ist, dass in der Weimarer Republik Gewalt sowohl von der »extremen Linken« als auch durch den gewaltsamen Aufstieg von NSDAP und SA sozusagen zur Tagesordnung gehörten, wobei die extreme Rechte in diesem Prozess als die »wesentlich treibendere Kraft« anzusehen ist, während die extreme Linke meist nur reagierte, wenn ihr Anspruch auf Beherrschung der Straße in Frage gestellt wurde.

[Radikalisierung der Jugend:] Es ist auch eine Tatsache, dass nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, also in einer Zeit, in der die Not sehr groß war und die Frage des Überlebens für jeden Einzelnen eine zentrale Stellung einnahm, es gerade die junge Generation war, die sich radikalisierte, während ihre kriegsmüden Eltern dafür weniger empfänglich waren. Dennoch, um die Jugend radikalisieren zu können, bedarf es »Scharfmacher«, und davon gab es auch nach Kriegsende viele.

Diese Rolle übernahmen gern die nationalistischen Verbände, die unabhängigen Publizisten und die politischen Entscheidungsträger, die sich nicht mit den Kriegsfolgen und erst recht nicht mit dem Versailler Vertrag abfinden konnten. In diesen Kreisen, so Peter Walkenhorst, bestand ein »Konglomerat bestimmter Vorstellung, Deutungsmuster und Überzeugungen, die zusammen eine spezifische Weltsicht und Wahrnehmungsweise formten, aus der sich konkrete politische Handlungsformen folgern ließen. [En06]6

Die folgenden von Heinrich von Treitschke stammenden Zitate vermögen nur einen punktuellen Einblick in die Denkweise eines Historikers zu gewähren, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges den ihm möglichen Beitrag zur Radikalisierung der Jugend leistete:

  • »Die Begeisterung für die rechte Tapferkeit ist der Jugend schönstes Vorrecht.«

  • »Es ist gar kein ernster politischer Idealismus möglich ohne den Idealismus des Krieges.«

  • »Es ist schlimm um die Generation bestellt, in der die Jugend konservativer ist als das Alter.«

  • »Im Gang der Weltgeschichte ist zu erkennen, dass eine göttliche Gerechtigkeit waltet«. [En07] 7

03.4 Die Weimarer Republik

TOP

Am Anfang der ersten deutschen demokratischen Republik war Gewalt. Eine Erfahrung, die zu beenden die Staatsgewalt in Deutschland nicht in der Lage war. Festzustellen ist, dass die Gründungsgewalt der Republik zwar dazu führte, diese Republik zum wohl stabilsten System in der europäischen Nachkriegsordnung zu machen, das allerdings um den Preis einer Gewalteskalation ab den 1920er Jahren, die 1933 die Nazis an die Macht brachte und die neuen Machtinhaber dann unverzüglich dafür Sorge tragen ließ, dass die führenden Repräsentanten der Weimarer Republik und viele andere, sofort in Konzentrationslagern verschwanden.

Dass darüber hinausgehend auch viele andere Gründe zum Scheitern der Weimarer Republik beigetragen haben, dürfte völlig außer Zweifel stehen. Für die Entwicklung der Moderne, so wie sie in diesem Aufsatz aufzuzeigen versucht wird, lässt sich dennoch feststellen, dass die Jahre von 1919 bis 1939 lediglich als Zwischenkriegszeit bezeichnet werden können.

Dass der technische Fortschritt auch in dieser Zeit nicht aufzuhalten war, sei an dieser Stelle nur festgestellt.

Ohne den technischen Fortschritt wäre so viel zukünftiges Grauen gar nicht möglich gewesen.

03.5 Warum ich ein Nazi wurde?

TOP

2018 erschien unter diesem Titel im Berlin Story Verlag ein lesenswertes und Betroffenheit erzeugendes Buch, das auf den Zuschriften von 683 Befragten beruht, von denen noch 581 erhalten sind. 1934 lobte der amerikanische Professor Theodore Abels mit dem Einverständnis der NSDAP ein Preisausschreiben aus, in dem er um Antworten auf die Frage bat: »Warum ich Nazi wurde?«

Die Antworten, die er erhielt, machen deutlich, dass in Zeiten großer wirtschaftlicher Not und politischer Instabilität Menschen dazu neigen, sich nicht nur nach einem Führer zu sehnen, sondern ihm auch bedingungslos zu glauben.

Auf Seite 37 heißt es zum Beispiel:

Mein Glaube an den Führer steht immer und ewig und unverrückbar fest. Und auch hier will ich noch einmal wiederholen, was ich als Sturmführer meiner Mannschaft so oft gesagt habe: Eher stürzen die Himmel ein, als dass unser Führer Adolf Hitler sein uns gegebenes Wort bricht: Das deutsche Volk in allen seinen Stämmen zu einigen und zur nationalen Freiheit und sozialen Gerechtigkeit zu führen.

Und auf Seite 211 heißt es in einem Brief des Volksschullehrers Fritz Schroner, 41 Jahre alt, wie folgt:

Sollte Deutschlands Erneuerung erfolgen, war es notwendig, mit dem Parteihader, der inneren Zerrissenheit des deutschen Volkes ein Ende zu machen. Und das hatte sich unser heutiger Führer, der damalige Parteiführer Adolf Hitler von Anfang an zum Ziel gesetzt. Schwer war der Kampf, aber unerschrocken ging er mit seinen Getreuen seinen Weg. Und seine Anhängerschaft überschritt die Hunderttausend, ja die Millionen. Und als unsere Kabinette wechselten wie Regen und Sonnenschein, da kam mir der Gedanke: Man soll doch dieser Bewegung einmal die Verantwortung der Staatsführung übergeben.

An anderer Stelle heißt es:

Und als der Führer am 30. Januar 1933 zur Macht kam, als er auf allen Gebieten des innerpolitischen und des sozialen Lebens durchgreifende und wie sich in der Folgezeit erwiesen hat, segensreiche Maßnahmen durchführte, da kamen auch die nichtnationalsozialistischen deutschen Volksgenossen zu der Überzeugung, dass der Reichskanzler der rechte Mann am rechten Platz sei. Und wenn ich nicht zu den alten Kämpfern gehören kann, so ist es mein Bestreben, mit zu seinen Treuesten zu gehören. Und das fällt mir nicht schwer.

03.6 Der Nationalsozialismus

TOP

Die Moderne im Nationalsozialismus - hier zu verstehen als die Planung, Organisierung und Durchführung eines in der Menschheitsgeschichte einmaligen Verbrechens an den in Europa lebenden Juden macht deutlich, dass technischer Fortschritt tatsächlich ein äußerst zweiseitiges Schwert ist.

Während das Massentöten auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges allen Beteiligten noch in guter Erinnerung gewesen sein muss und im Prinzip auch im Zweiten Weltkrieg die bewährten Tötungsmittel, wenn auch in verbesserter Bauart, eingesetzt wurden, bewies der technische Fortschritt dennoch eindringlich das, was die Moderne zum Ende des Zweiten Weltkrieges wirklich zu leisten in der Lage war: industrielles Töten.

Aber nicht nur das.

Zuerst einmal soll nur festgestellt werden, dass die Machtergreifung Adolf Hitlers ohne die Möglichkeiten der modernsten Technik wie Rundfunk, Telegraph und Telefon und ohne Autos, Eisenbahnen, Flugblätter, die zu Aufmärschen aufriefen, wohl kaum möglich gewesen wäre.

Und was das Wesen des Nationalsozialismus anbelangt, das kann einem Ausschnitt aus der Rede von Heinrich Luitpold Himmler (07.10.1900 bis 23.05.1945) entnommen werden, die dieser am 4. Oktober 1943 in Posen hielt.

[Himmler:] Reichsredner, Parteifunktionär, Reichsführer der SS und ab 1943 Reichsinnenminister.

In der Rede heißt es u.a.:

»Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und zu sonst niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur so weit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als Einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen, aber es ist ein Verbrechen gegen unser eigenes Blut, uns um sie Sorge zu machen und ihnen Ideale zu bringen, damit unsere Söhne und Enkel es noch schwerer haben mit ihnen. Wenn mir einer kommt und sagt: »Ich kann mit den Kindern oder den Frauen den Panzergraben nicht bauen. Das ist unmenschlich, denn dann sterben die daran«, — dann muss ich sagen: »Du bist ein Mörder an Deinem eigenen Blut, denn, wenn der Panzergraben nicht gebaut wird, dann sterben deutsche Soldaten, und das sind Söhne deutscher Mütter. Das ist unser Blut.« Das ist das, was ich dieser SS einimpfen möchte und — wie ich glaube — eingeimpft habe, als eines der heiligsten Gesetze der Zukunft: Unsere Sorge, unsere Pflicht, ist unser Volk und unser Blut. Dafür haben wir zu sorgen und zu denken, zu arbeiten und zu kämpfen, und für nichts anderes. Alles andere kann uns gleichgültig sein. [En08] 8

03.7 Die Moderne und ihr Ende

TOP

Das Ende der Moderne, so wie sie in diesem Aufsatz verstanden wird, vollzog sich in der Zeit von Februar 1945 bis August 1945, also innerhalb von gut sechs Monaten.

[Februar 1945:] Im Februar 1945 wurde Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar und am Tag darauf bombardiert und weitgehend zerstört, wie viele andere deutsche Großstädte zuvor auch.

Dennoch belegt das Bombardement von Dresden auf eindringliche Art und Weise, was im Februar 1945 technisch möglich war. 773 Bomber der britischen Air Force warfen in den ersten zwei Tagen 1.478 Tonnen Spreng- und 1.182 Tonnen Brandbomben sowie Luftminen auf die Stadt ab. US-amerikanische Flieger klinkten tagsüber weitere 711 Tonnen Bomben aus. Am 15. Februar folgte eine letzte Angriffswelle von 210 US-amerikanischen B-17-Bombern, die 463 Tonnen Sprengbomben abwarfen.

Gigantisch.

Bei den Luftangriffen auf Dresden verloren innerhalb von nur zwei Tagen rund 25.000 Menschen ihr Leben. Die barocke Stadt fiel zu großen Teilen in Schutt und Asche. In der Nacht vom 13. zum 14. Februar und am folgenden Tag zerstörten die Bomben der britischen und US-amerikanischen Luftwaffe eine Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern vollständig. [En09] 9

[August 1945:] Was im Februar 1945 noch einen ungeheuer großen materiellen und personellen Aufwand erforderte, um eine Stadt sozusagen dem Erdboden gleich zumachen, sollte der technische Fortschritt schon bald auf eindringliche Art und Weise übertrumpfen, denn im August 1945 zündeten die Amerikaner im Fernen Osten zwei Atombomben, eine über Hiroschima (6. August 1945) und eine über Nagasaki (9. August 1945), deren Sprengkraft so gewaltig war, dass es dafür in der Menschheitsgeschichte weder ein Beispiel gab, noch die Möglichkeit bot, in voratomare Zeiten zurückzukehren.

Kurzum:

Die beiden Atombombenexplosionen in Fernost markieren eine Zeitenwende.

Mit anderen Worten:

Der Mensch war und ist seitdem dazu in der Lage, sowohl sich selbst als auch alles Leben auf diesem Planeten Erde zu beenden, denn die Atombomben von heute verfügen über eine 1000-mal größere Sprengkraft als die von 1945.

Damals töteten die beiden Atombomben insgesamt ca. 100.000 Menschen sofort,  fast ausschließlich Zivilisten und von der japanischen Armee verschleppte Zwangsarbeiter. An Folgeschäden starben bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen. In den nächsten Jahren kamen etliche hinzu (Wikipedia).

Wie schwierig diese menschliche Grenzerfahrung selbst für einen der beteiligten Bomberpiloten gewesen ist, das verdeutlicht auf eindringliche Art und Weise der Briefwechsel, den Günther Anders mit dem Bomberpiloten Claude Eatherly führte, der es abgelehnt hatte, als Volksheld für seine Tat geehrt zu werden, wie die anderen Piloten und Kommandeure das taten, die die Bomben abgeworfen hatten.

Claude Eatherly nahm in Kauf, dass er für seine Verweigerungshaltung in eine Psychiatrie eingewiesen wurde, obwohl er geistig gesund war.

Wie lange es dauerte, ihn wieder auf freien Fuß zu bekommen, kann in dem wirklich lesenswerten Buch »Hiroshima ist überall« nachgelesen werden.

Tatsache ist, dass auf dem Obelisken in Hiroshima, dem Denkmal der Opfer des Bombenabwurfs, als einziger amerikanischer Name auch der Name Claude Eatherly eingemeißelt ist.

04 Die Postmoderne

TOP

Die Postmoderne, nach der hier vorgenommenen Zeiteinteilung, beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges - genauer gesagt mit dem Abwurf der zwei Atombomben auf Hiroshima und auf Nagasaki im August 1945.

Diese geschichtliche Tatsache konfrontierte die Menschheit mit der unbestreitbaren Wahrheit, dass es nunmehr nicht mehr Gott, sondern die Menschen selbst waren und sind, die den Jüngsten Tag auf den Tag genau festlegen können.

Diese Erkenntnis war so beispiellos, dass sich an vergleichbare Menschheitskatastrophen nur noch Mythen erinnern, in denen weltweit von Flutkatastrophen unvorstellbaren Ausmaßes berichtet wird, die nur wenige Menschen überlebten. Das, was in vorgeschichtlichen Zeiten geschehen ist, das ließe sich heute problemlos durch die technischen Möglichkeiten des Menschen herbeiführen.

Das ist postmodern, weil auch das moderne Denken in der Zeit der Aufklärung sich solch eine Beispiellosigkeit nicht einmal ausdenken konnte.

Und wann endet die Postmoderne?

Nach der hier vertretenen Auffassung im Hier und Jetzt, also in einer Zeit, in der die Digitalisierung ein Ausmaß erreicht hat, das sich ebenfalls der Vorstellungskraft des Menschen entzieht.

Was damit im Einzelnen gemeint ist, würde diesen Aufsatz überfrachten. Deshalb wird dieses Thema im nächsten Monat in einem Essay aufgearbeitet, das sich mit der Zukunft des Menschen in der Modernen 4.0 - so möchte ich sie benennen - kritisch auseinandersetzt.

04.1 Freiheit aus der Sicht der Verhaltenswissenschaft

TOP

In die Anfänge der Postmodernen gehört auch die Entwicklung eines wissenschaftlichen Freiheitsbegriffs, der sich deutlich von den Vorstellungen von Freiheit unterschied, der in der Zeit der Aufklärung von den Philosophen und Aufklärern entwickelt worden war.

Während von den Philosophen der Aufklärung die Freiheit, die Libertas, mehrheitlich als eine Möglichkeit des menschlichen Willens verstanden wurde, zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen zu können, dürfte diese Vorstellung heute mehr oder weniger der Vergangenheit angehören, obwohl auch Immanuel Kant eine durchaus differenziertere Vorstellung von Freiheit hatte, denn auch für ihn setzten Handlungen immer Ursachen voraus.

Dennoch glaubte der Philosoph, dass es einen freien Willen gibt, denn er war davon überzeugt, dass Menschen dazu in der Lage sind, unabhängig von Naturgesetzen Entscheidungen zu treffen, die einen freien Willen voraussetzen.

Mit anderen Worten:

Ich bin es, der entscheidet.

Ich, das Subjekt, verfüge über Autonomie und ich bin dazu in der Lage, das zu tun oder zu unterlassen, was ich für richtig halte.

Dieser Freiheitsbegriff ersetzte sozusagen die Allmacht und Allwissenheit Gottes der vergangenen Jahrhunderte, denn Gott war ja für tot erklärt worden. Und weil Gott nicht mehr als schicksalssteuernde alles menschliche Verhalten regelnde Kraft angesehen werden konnte, musste der nunmehr freie Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, selbst Entscheidungen treffen und selbst Verantwortung übernehmen.

Mit Beginn der Postmoderne wurden jedoch die oben angedeuteten Vorstellungen menschlicher Freiheit hinterfragt, indem die These aufgestellt wurde, dass menschliches Verhalten, das ja angeblich auf einem freien Willen beruht, durchaus etwas Formbares und Manipulierbares sei, was die Möglichkeit eröffnete, auch menschliches Verhalten so konditionieren zu können, dass sich Menschen auch dann frei fühlen können, obwohl sie sich genau so verhalten, wie das die Manipulierer für wünschenswert und erforderlich halten.

In dem von B.F. Skinner im Sommer 1945 geschriebene und erstmalig 1948 publizierten Roman »Walden Two«, in dem der damals führende amerikanische Professor für Verhaltenswissenschaftler seine Vorstellungen von Freiheit allgemeinverständlich formulierte, kann nachgelesen werden, was unter menschlicher Freiheit bereits damals aus wissenschaftlicher Sicht zu verstehen war.

Zuerst einmal ging Skinner von der Vorstellung aus, dass, um ein friedliches Zusammenleben von Gesellschaften überhaupt zu ermöglichen, nicht die Selbstverwirklichung des Individuums, sondern das Allgemeinwohl zu fördern sei.

In der von ihm beschriebenen glücklichen Zukunftswelt von »Walden Two« leben die Menschen deshalb in überschaubaren Gruppengrößen friedlich und glücklich zusammen, weil die Verhaltenseigenschaften, die Gemeinschaften zerstören können, wie zum Beispiel: Aggression, mangelnde gegenseitige Wertschätzung, Eifersucht, Wettbewerb und die Gier nach Eigentum und persönlichem Erfolg durch die Verstärkung von Eigenschaften bedeutungslos werden, wenn die Bewohner von Walden Two diese negativen menschlichen Eigenschaften abgelegt haben, um sie durch positive Eigenschaften zu ersetzen, wie zum Beispiel: Solidarität, gegenseitige Wertschätzung und gegenseitigen Respekt sowie durch die Gewährung eines sicheren, wenn auch bescheidenen Lebens ohne Luxus, dafür aber auch ohne Mangel für eine menschenwürdige Lebensführung.

Mit anderen Worten:

Nicht die Selbstverwirklichung der individuellen Freiheit, sondern das Allgemeinwohl aller Bewohner stand im Mittelpunkt dieser utopischen Welt.

Die folgende Zusammenstellung von Zitaten aus »Walden Two« beschränkt sich auf wichtige Ausführungen zum »Freiheitsbegriff« in Skinners Roman. [En10] 10

Dort heißt es u.a:

Als der Romanheld, ein Mann namens Frazier, gefragt wird, ob denn sein »Walden Two« ganz ohne Macht auskomme, lautet dessen Antwort:

Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass ich Einfluss ausübe.

Denn: »Die »Mehrheit befindet sich auf einem großen Irrweg. Genau genommen befindet sie sich auf überhaupt gar keinem Weg, manche krabbeln zurück zu ihrem Ausgangspunkt oder stolpern von einer Seite des Weges auf die andere (S. 252).

Also, so Frazier: »Was würden Sie tun, wenn Sie im Besitz einer wirkungsvollen Verhaltenswissenschaft wären? Angenommen, Sie hätten plötzlich eine Möglichkeit gefunden, das Verhalten der Menschen so zu lenken, wie Sie es wünschen.

Was würden Sie dann tun?

Dem Menschen Freiheit geben?

Etwa indem ich darauf verzichte, sie zu gängeln?

Um sie dann den Demagogen, den Geschäftemachern, den Gangstern und Betrügern zu überlassen?

[...].

Tatsache ist, dass wir das menschliche Verhalten nicht nur lenken können, sondern müssen. Aber wer soll das machen, und was ist zu tun?, S. 254.

Diese Fragen führen den Protagonisten Frazier dazu, sich über die menschliche Freiheit auszulassen, besser gesagt, über das, was der Romanheld unter Freiheit versteht.

Das liest sich wie folgt:

Ich bestreite, dass es so etwas wie Freiheit überhaupt gibt. Ich muss es abstreiten, sonst wäre das Vorhaben einer wissenschaftlichen Verhaltensbeeinflussung sinnlos. Man kann nämlich kein Objekt wissenschaftlich untersuchen, das launisch durch die Gegend hüpft. Vielleicht können wir niemals beweisen, dass der Mensch nicht frei ist; es ist eine Vermutung. Aber der wachsende Erfolg der Verhaltensforschung macht sie immer plausibler, S. 254.

Und auf der Folgeseite heißt es:

Physischer Zwang, Handschellen, Gitterstäbe, Gewalt-Anwendung. Das sind die Mittel, mit denen menschliche Freiheit beendet wird. Aber gilt das auch für die Möglichkeiten der Verhaltenspsychologie, die wir Verstärkungs-Theorie nennen?

Dazu heißt es auf Seite 257:

Die Alte Schule beging den erstaunlichen Irrtum anzunehmen, eine Situation, die jemand mag, oder durch Herbeiführung einer Situation, die jemand nicht mag [...], mache es möglich, die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass er sich wieder in gleicher (unerwünschter) Weise verhält.

Dass dies falsch ist, steht außerhalb jedes Zweifels.

Gewalt und Bestrafung und Gleiches gilt auch für Wohltaten, zeigen meist nur eine kurzfristige Wirkung, das ist das Schlimme.

Das erklärt viele tausend Jahre des Blutvergießens.

Um dann an anderer Stelle fortzufahren:

Jetzt, da wir wissen, wie Positive Verstärkung funktioniert, können wir planmäßiger und daher erfolgreicher an die Verwirklichung unseres Gesellschafts-Entwurfs herangehen. Wir können eine Art Aufsicht ausüben, unter der sich die Beaufsichtigten frei fühlen, obwohl sie einem Kodex gehorchen, der viel genauer ist, als es jemals in dem alten System der Fall war.

Trotzdem fühlen sie sich frei. Sie tun, was sie tun möchten, nichts, wozu sie gezwungen werden.

Das ist die Quelle der ungeheueren Kraft der Positiven Verstärkung.

Es gibt keinen Zwang und auch keine Revolte. Durch eine sorgfältig ausgearbeitete Kultur-Planung beeinflussen wir nicht das endgültige Verhalten, sondern die Neigung, die Tendenz zu einem bestimmten Verhalten - die Motive, Wünsche und Vorlieben, S. 259.

[...].

Und zu dieser freien aber geplanten Gesellschaft, so Frazier, gibt es keine Alternative.

Auf den Einwand eines seiner Zuhörer, der Frazier als einen vorausplanenden Diktator bezeichnet, antwortet der Romanheld:

Wenn sie einmal das Prinzip der Positiven Verstärkung begriffen haben, können Sie ein Gefühl unbegrenzter Macht genießen. Und ich denke, niemand sollte sie deshalb missbrauchen. Aber das wird auch nicht nötig sein, weil der Dispot seine Macht zum Wohl anderer gebrauchen muss, denn wenn er etwas tut, was die Gesamtsumme des Glücks seiner Mitmenschen verringert, verringert sich seine Macht automatisch um dasselbe Quantum. Welch einen besseren Schutz vor einem bösartigen Despoten können Sie sich wünschen?, S. 263.

Denn:

Das Einzige, was das Volk weiß, und das Einzige, wozu die Meinung des Volkes gehört werden sollte, ist, wie den Leuten der derzeitige Zustand gefällt, und vielleicht noch, wie ihnen ein anderer Zustand gefallen würde. Was das Volk offensichtlich nicht weiß, ist, wie es bekommt, was es will.

Das ist die Sache der Fachleute, S. 264.

[Hinweis:] Bis heute besteht in der Wissenschaft keine Einigung darüber, ob Menschen tatsächlich über einen freien Willen verfügen, oder nicht. Zumindest die Hirnforschung geht davon aus, dass es sich bei dem unterstellten angeblich freien Willen des Menschen um nichts anderes als um eine Illusion handelt. Nicht der menschliche Geist, sondern das Gehirn steuere die Entscheidungen, und das wiederum reagiert nur auf Ursachen.

Im Übrigen gehen KI-Forscher heute davon aus, dass dann, wenn eine Maschine genug Informationen über eine Person »weiß«, diese Maschine dazu in der Lage ist, das zukünftige Verhalten dieses Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen zu können.

Für die Algorithmen von Google und Facebook ist das bereits heute kein Problem mehr. Deshalb ist es erforderlich, darauf aufmerksam zu machen, dass der Verlust menschlicher Freiheit, bedingt durch die Macht von Maschinen auf der Grundlage von erhobenen Maschinendaten schon heute das Verhalten von Personen vorhersagen kann, bevor diese überhaupt wissen, was sie wollen.

Mit anderen Worten:

Auf der Grundlage von Maschinendaten, die über eine Person vorgehalten werden, können bereits heute Entscheidungen getroffen werden, die sich nicht nur jeglicher Kontrolle entziehen, sondern von dermaßen gegängelten Personen als Serviceleistungen verstanden werden.

Diese neue digitale Welt bedroht die menschliche Freiheit deshalb bereits heute in einem Ausmaß, das nur noch wenig Zeit verbleiben wird und nur noch mit einem starken Willen und mit starker Durchsetzungskraft verhindert werden kann, dass aus Menschen willige Werkzeuge von Maschinen werden, deren Anweisungen dann von maschinengläubigen Menschen sogar noch als Fortschritt verstanden werden.

Mit anderen Worten:

Die Macht der Algorithmen bedroht nicht nur die Würde des Menschen, sondern auch seine Grundfreiheiten und Menschenrechte.

04.2 Menschenrechte aber keine Menschenpflichten

TOP

Es mag nicht zu verwundern, dass als Folge des unvorstellbar großen menschlichen Leidens und den damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen die Frage der Menschenrechte im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, also am Beginn der so genannten Postmoderne, einen besonderen Stellenwert einnahmen und auch heute noch einnehmen.

Menschenrechte, das ist nur ein anderes Wort für »moderne« Werte.

Menschenrechte, dieses Wort gilt auch heute noch als das Zauberwort, das die Leere zu füllen vermag, die Friedrich Nietzsche mit drei Worten beschrieb: Gott ist tot.

Um die Bedeutung dieser Menschen- oder Grundrechte auch optisch zum Ausdruck zu bringen, wurden sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das am 23. Mai 1945 verabschiedet wurde, an die erste Stelle gesetzt (Art. 1 bis 19 GG).

Vergleichbares gilt auch für die Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949 (Artikel 6 bis 18).

Vorausgegangen war den beiden oben genannten Verfassungstexten die so genannte Menschenrechtskonvention:

[10. Dezember 1948:] Bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, auch Deklaration der Menschenrechte oder UN-Menschenrechtscharta genannt, handelt es sich um eine unverbindliche Empfehlung der Vereinten Nationen.

[04. November 1950:] Die Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten des Europarates, die ebenfalls einen Katalog von Grundrechten und Menschenrechten enthält, ermöglicht hingegen den Klageweg, wenn es zu Menschenrechtsverletzungen gekommen ist. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg entscheidet dann in solchen Fällen, was Recht ist. Die Konvention wurde am 4. November 1950 in Rom unterzeichnet und trat am 3. September 1953 allgemein in Kraft.

[Menschenpflichten:] Im Gegensatz zu den Rechten enthalten die oben genannten Texte nur wenige Aussagen zu den Pflichten von Menschen. Diese Lücke versucht die »Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten« zu schließen, die vom Inter Action Council vorgeschlagen wurde.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten (Universal Declaration of Human Responsibilities) ist eine Initiative des Inter Action Council und wurde am 1. September 1997 den Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt. Angelehnt an den Text der Menschenrechtserklärung beschreibt diese Erklärung statt Rechten eine Reihe von Pflichten, die allen Menschen auferlegt sein sollen, allen voran die Pflicht, andere Menschen menschlich zu behandeln.

Die Menschenpflichten werden in 19 Artikeln beschrieben.

Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten

»Weil Rechte und Pflichten unlösbar miteinander verbunden sind, ist die Idee eines Menschenrechtes nur dann sinnvoll, wenn wir die Pflicht aller Menschen zu seiner Respektierung anerkennen. Abgesehen von den Werten einer bestimmten Gesellschaft gründen sich die menschlichen Beziehungen allgemein auf dem Vorhandensein sowohl von Rechten als auch von Pflichten. Es bedarf keines komplexen ethischen Systems, um menschliches Handeln zu leiten. Es gibt eine althergebrachte Regel, die, falls wirklich befolgt, gerechte menschliche Beziehungen gewährleisten würde: die Goldene Regel. In ihrer negativen Form verlangt die Goldene Regel: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu. Ihre positive Form zielt auf eine mehr aktive und solidarische Rolle: Was du willst, das man dir tut, das tue auch den anderen.« [En11] 11

04.3 Technischer Fortschritt und grenzenloses Wachstum

TOP

Der technische Fortschritt und der Glaube an ein grenzenloses Wachstum haben in der Postmoderne, also in der Zeit, in der die Menschenrechte sozusagen den 10 Geboten gleichgesetzt wurden, dazu geführt, dass Menschen glaubten und zum Teil auch immer noch glauben, die Natur einmal komplett beherrschen zu können.

Diese Vorstellung hat sich als ein Irrtum erwiesen.

Heute wird deutlich, dass Leistung um jeden Preis auch seinen Preis hat und das in einem Ausmaß, das menschliche Einbildungskraft und menschliches Vorstellungsvermögen schlichtweg überfordert, gleichermaßen etwa wie die Vorstellung der zu erwartenden Folgen bei einem atomar geführten dritten Weltkrieg.

Wie dem auch immer sei.

Der Klimawandel von heute lässt zumindest erahnen, dass es eine vom Menschen selbst geschaffene Kraft gibt, die von ihm nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und die dazu in der Lage sein wird, der gesamten Menschheit das Fürchten zu lehren.

Diese Kraft wirkt, ohne nach Erlaubnis zu fragen.

Sie gewinnt einfach zunehmend an Energie und Zerstörungsgewalt, weil sie einfach auf die von Menschen gesetzten Ursachen reagiert und die damit verbundenen negativen Folgen für Mensch und Tier einwirken lässt.

Mit anderen Worten:

Diese Kraft kennt keine Moral und auch kein zu respektierendes Recht.

Allein der trockene Sommer des Jahres 2018 hat die Landwirte in Deutschland so getroffen, dass viele von ihnen ohne staatliche Hilfe wirtschaftlich nicht überleben konnten. Und wenn sich solche Sommer auch 2019 und 2020 ereignen, spätestens dann kann jetzt schon abgesehen werden, dass sich die bestehende Gesellschaft allein deswegen gravierend verändern wird.

Anders ausgedrückt:

Demokratische Systeme geraten durch Klimaveränderungen bereits heute zusehends unter Druck.

Und die Unfähigkeit demokratischer Systeme, notwendig werdende Entscheidungen auch tatsächlich treffen zu können, um den zu erwartenden Schaden zumindest noch rechtzeitig begrenzen zukönnen, bringt die Demokratie von heute möglicherweise schon bald an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Dazu später mehr.

04.4 Postmoderne nach Jean-François Lyotard

TOP

Das »Postmoderne Wissen« von Jean-François Lyotard erschien 1982 erstmalig in deutscher Sprache in einer Wiener Zeitschrift. Das Essay gehört zu den Schlüsseltexten, der um diese Zeit auch in Deutschland beginnenden Diskussion über die Postmoderne.

Bei dem Text handelt es sich um eine Auftragsarbeit des französischen Philosophen Jean-François Lyotard für den Universitätsrat der Regierung von Québec und gibt Auskunft über das Wissen in den höchstentwickelten Gesellschaften, für die er die Bezeichnung »postmodern« von amerikanischen Soziologen übernahm.

»Lyotard geht davon aus, dass wir die aktuellen Entwicklungen mit unseren traditionellen Theorien nicht mehr adäquat erfassen können«, wie es im Vorwort des Herausgebers heißt.

Mit anderen Worten:

Das postmoderne Wissen fängt dort an, wo nachmoderne Gesellschaften beginnen, also am Ende der Moderne.

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die wesentlichsten Feststellungen des »Postmodernen Wissens« im Sinne von Lyotard darzustellen.

»Das postmoderne Wissen«, so Lyotard, »ist nicht allein das Instrument der Mächte. Es verfeinert unsere Sensibilität für die Unterschiede und verstärkt unsere Fähigkeit, das Inkommensurable (das nicht Vergleichbare, Widersprüchliche = AR) zu ertragen. Es selbst findet seinen Grund nicht in der Übereinstimmung der Experten, sondern in der Paralogie (Vernunftwidrigkeit, Widervernünftigkeit = AR) der Erfinder, S. 16.

Dieses widersprüchliche Wissen »kann die neuen Kanäle nur dann passieren und einsatzfähig gemacht werden, wenn die Erkenntnis in Informationsqualitäten übersetzt werden kann. Man kann daher die Prognose erstellen, dass all das, was vom überkommenden Wissen nicht in dieser Weise übersetzbar ist, vernachlässigt werden wird, und dass die Orientierung dieser neuen Untersuchungen sich der Bedingung der Übersetzbarkeit etwaiger Ergebnisse in die Maschinensprache unterordnen wird, S. 23.

Mit anderen Worten:

Die in der Postmoderne zu sprechende Sprache hat eine Maschinensprache zu sein, die unmissverständlich und eindeutig sein muss. Platons Höhlenbeispiel ließe sich somit nicht in Maschinensprache übersetzen. Gleiches gilt für jegliche Form von ethischen Vorstellungen und Texten. Allein das Wort »Menschenwürde« überfordert jeden Programmierer bei dem Versuch, dafür den passenden Maschinencode zu finden, der alle Nuancen dieser Sprachfigur umfasst.

Wie heißt es doch so schön in einem Artikel auf Zeit.de vom 27.11.2018 unter der Überschrift:

»Ethik kann man nicht programmieren«?

Allein die Aufzählung der Irrtümer sprechen für sich:

  • Irrtum 1:
    Die Anwendung von Ethik kann man in Computerprogrammen formulieren

  • Irrtum 2:
    Daten erzeugen Wahrheit, und falls nicht, braucht man einfach mehr Daten

  • Irrtum 3:
    In 20 Jahren gibt es eine künstliche Intelligenz, die genauso gut wie oder besser ist als menschliche

  • Irrtum 4:
    Diskriminierung durch Algorithmen ist nicht so schlimm wie die Diskriminierung durch Menschen

  • Irrtum 5:
    Gesetze und Verträge können in Code ausgedrückt werden, um ihre Anwendung zu standardisieren

  • Irrtum 6:
    Digitale Freiheit drückt sich in der vollständigen Autonomie des Individuums aus. [En12] 12

Das alte Prinzip, wonach der Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und selbst der Person verbunden ist, verfällt, so Lyotard, mehr und mehr, S. 24.

Das Wissen ist und wird für seinen Verkauf geschaffen werden, und es wird für seine Verwertung zu einem neuen Produkt. Es hört auf, sein eigener Zweck zu sein, es verliert seinen Gebrauchswert, S. 25.

Es ist denkbar, dass die Nationalstaaten in Zukunft ebenso um die Beherrschung von Informationen kämpfen werden, wie sie um die Beherrschung der Territorien und dann um die Verfügung und Ausbeutung der Rohstoffe und billigen Arbeitskräfte einander bekämpft haben, S. 26.

Und dann stellt der Autor folgende Fragen?

  • Wem werden sie (die Daten) zugänglich sein?

  • Wer wird die verbotenen Daten oder Kanäle definieren?

  • Wird es der Staat sein, oder wird dieser nicht vielmehr ein Benutzer unter anderen sein?

Kurzum:

Auf diese Weise werden neue Rechtsprobleme gestellt und durch sie die Fragen:

Wer wird wissen?, und: Wer darf wissen?, ergänzt.

Und auf Seite 35 heißt es:

Wer entscheidet, was Wissen ist, und wer weiß, was es zu entscheiden gibt? Die Frage des Wissens ist im Zeitalter der Informatik mehr denn je die Frage der Regierung. (Besser der Eliten = AR), denn, so Lyotard an anderer Stelle, in der modernen Gesellschaft muss die Wissenschaft die »fadenscheinig« gewordene Religion ersetzen, um die Ziele des Lebens zu definieren, denn die einzige Alternative zu dieser Perfektionierung des Wissens hin zu einer Religion der Leistungen wäre die Entropie, das heißt der gesellschaftliche Verfall.

Und auf Seite 50 beschreibt Lyotard das Wesenselement der postmodernen Gesellschaft wie folgt:

»Man kann nur dann die Hauptrolle des Wissens als unentbehrliches Element des Funktionierens der Gesellschaft bestimmen und dementsprechend handeln, wenn man beschlossen hat, dass diese (die Gesellschaft = AR) eine große Maschine ist.«

Um dann auf Seite 52 fortzufahren:

Sagen wir der Kürze halber, dass die Funktionen der Regulierung und daher der Reproduktion (von Wissen = AR) mehr und mehr den Verwaltern entzogen und Automaten anvertraut werden.

Dem ist nur eine Frage hinzuzufügen, die da lautet:

Und wer ist befugt, diese Daten zu nutzen?

Lyotards Antwort lautet:

Sie (die Verfügungsberechtigung) wird schon nicht mehr durch die traditionellen politischen Klassen gebildet, sondern von einer bunt aus Unternehmenschefs, hohen Funktionären sowie Leitern von großen beruflichen, gewerkschaftlichen, politischen und konfessionellen Verbänden zusammengewürfelten Schicht gebildet, S. 53.

Und warum diese beschränkte Verfügungsgewalt über Informationen?

Auf Seite 132 bleibt Lyotard die Antwort nicht schuldig.

Er schreibt:

Es ist mehr der Wunsch nach Bereicherung als der nach Wissen, welcher den Techniken zuerst den Imperativ der Verbesserung der Leistungen und der Realisierung der Erträge aufzwingt. Die »organische« Verbindung von Technik und Profit geht ihre Verbindung mit der Wissenschaft voraus.

Anders ausgedrückt:

Die Vermittlung des Wissens erscheint nicht mehr dazu bestimmt, eine Elite zu bilden, die fähig ist, die Nation in ihrer Emanzipation zu führen, sondern sie versorgt das System mit Spielern, die in der Lage sind, ihre Rolle auf den pragmatischen Posten, deren die Institutionen bedürfen, erwartungsgemäß wahrzunehmen.

Das bedeutet, wissen im oben skizzierten Sinne dürfen nur die, von denen mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass sie so funktionieren, wie das System das einfordert. Das bedeutet bei der Auswahl von Führungspersonal jeglicher Art nach folgendem Prinzip den Nachwuchs auszusuchen:

Schmidt sucht Schmidtchen.

Mit anderen Worten:

Gesucht werden Personen für Führungsstellen, die so sind, wie die Amtsinhaber: pragmatisch bis in die letzte Haarspitze. Bereit, alles zu akzeptieren, was die Maschine an Wissen generiert und für notwendig hält.

Das ist die postmoderne Welt.

Und die (heutigen) Zustände an den Universitäten beschrieb Lyotard bereits 1982 wie folgt:

Die den Universitäten nach der Krise der sechziger Jahre zuerkannten »Autonomien« sind von geringem Gewicht gegenüber dem schwerwiegenden Umstand, das die Lehrversammlungen fast nirgendwo die Macht haben zu entscheiden, welche budgetären Mittel ihrer Institution zukommen; sie bestimmen nur darüber, wie die ihnen zugeteilten Mittel aufzuteilen sind, und auch dies erst am Ende des Verfahrens, S. 147.

Die Frage, die, explizit oder nicht, von dem auf seine berufliche Laufbahn orientierten Studenten, dem Staat und von der Institution der höheren Ausbildung gestellt wird, ist nicht mehr:

  • Ist das wahr?
    sondern:

  • Wozu dient es?

Und auf der Folgeseite (S. 151) heißt es:

Die Enzyklopädien von morgen, das sind die Datenbanken. Sie übersteigen die Kapazität jeglichen Benutzers. Sie sind die »Natur« für den postmodernen Menschen.

Und was den Zugriff auf Daten anbelangt, die in Datenbanken vorgehalten werden, enthält der Bericht von Jean-François Lyotard für den Universitätsrat der Regierung von Québec eine wirklich bemerkenswerte Feststellung:

Auf Seite 192 heißt es:

»Die Öffentlichkeit müsste freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten, um der Logik des Geheimen, die aus der Automatisierung der Gesellschaft entsteht, angemessen begegnen zu können«. [En13] 13

Dass das nicht möglich, bzw. gar nicht gewollt ist, ist aber auch ein Markenzeichen der sich fortentwickelnden Postmoderne von heute, die sich, genau genommen, seit 2016 selbst bereits als Vierte Industrielle Revolution versteht. Dazu später mehr.

04.5 Informationsfreiheit in der Postmodernen von heute

TOP

Das letzte Zitat von Jean-Françoise Lyotard verdient es, an dieser Stelle noch einmal gelesen zu werden.

Dieses Zitat hat folgenden Wortlaut:

Die Öffentlichkeit müsste freien Zugang zu den Speichern und Datenbanken erhalten, um der Logik des Geheimen, die aus der Automatisierung der Gesellschaft entsteht, angemessen begegnen zu können.

[Frontal21 vom 27.11.2018:] Die Wirklichkeit aber sieht heute anders aus, wie das dem Wortprotokoll eines Berichts von Frontal21 vom 27. November 2018 entnommen werden kann:

Thema: Insektensterben.

In dem Bericht heißt es u.a.:

Seit 400 Millionen Jahren besiedeln Insekten die Erde, aber in den letzten 30 Jahren ist deren Bestand in Deutschland zurückgegangen, vielerorts um ca. 70 Prozent der bekannten Populationen. Darunter viele Nützlinge. Um den Schwund zu stoppen, verbot die EU vor einigen Monaten die Benutzung bestimmter Pestizide. Doch schon hielt die Industrie Alternativen bereit. Angeblich auch unschädlich für Bienen. Die Studien dazu hält die EU aber weitgehend unter Verschluss.

Nach Einlassungen der Hersteller greifen die Mittel nur die Schädlinge an, seien aber ansonsten harmlos.

Dennoch:

Die meisten Neonikotinoide werden ab 2019 verboten sein, weil sie sich als Bienenkiller entlarvten. Prompt bringen Großkonzerne die nächsten Pestizide auf den Markt. Und wieder wird den Landwirten versprochen, dass diese neuen Mittel harmlos seien.

Isoclast Active, heißt eines dieser neuen Mittel, ein Pestizid, das für den weltweiten Einsatz in den wichtigsten Kulturen hergestellt wurde.

Zugelassen wurde das Mittel bereits 2015, also zu einem Zeitpunkt, als noch nicht alle erforderlichen Gutachten für die Zulassung vorlagen.

Die kamen erst 2017.

Dies nahm das Umweltinstitut in München zum Anlass, Einsichtnahme in die Studien zu erhalten. Doch die EU-Kommission mauerte. Ein einjähriger Rechtsstreit war erforderlich, um Einsichtnahme in die Studien zu erhalten.

Vorgelegt wurden dann aber stark geschwärzte Studien.

Das, was dann Frontal21 zeigte, lässt erahnen, was in postmodernen Zeiten unter »Wirtschaftsgeheimnissen« zu verstehen ist.

Seitenweise schwarz, bis auf die nicht geschwärzten Seiten die mit - man muss es annehmen, weil ansonsten eine Schwärzung unerklärlich wäre - bedeutungslosen bzw. ungefährlichen Informationen bedruckt waren.

Im Kommentar heißt es zu dieser stark geschwärzten Vorlage:

Für eine wissenschaftliche Prüfung nicht geeignet.

In einem Brief an das Umweltinstitut München begründete die EU-Kommission die Schwärzungen wie folgt:

Zitat: Auf Grund des Einspruchs von Dow..., die Dokumente offen zu legen.

Dass dieses Verhalten der EU vom Umweltinstitut München für unmöglich gehalten wird, versteht sich ohne Wenn und Aber. Transparenz sieht anders aus, denn zu offensichtlich ist, dass die Interessen von Chemie, Industrie und Pestizidherstellern über die Interessen fes Umweltschutzes gestellt werden (Frontal21 vom 27. November 2018).

[Andere Beispiele:] Gleichermaßen geheimnisvoll geht auch die Schufa mit ihren Algorithmen um, mit denen sie aus einem Datenbestand von über 60 Millionen Datensätzen so genannte Risikoanalysen für Kreditinstitute erstelle.

Dabei kann es durchaus vorkommen, dass auf der Grundlage von ausschließlich positiven Kundendaten Ergebnisse generiert werden, die Kreditgeber auf ein hohes Rückzahlungsrisiko aufmerksam machen, was dann zur Folge hat, dass Kredite diesen Personen nicht gewährt werden. Warum das so ist, darüber gibt die Schufa keine Auskunft.

Oder:

Auch bei den Staatstrojanern, die von der Polizei für Telekommunikations-Überwachungen (TKÜ) benötigt werden, ist davon auszugehen, dass auch hier Algorithmen zur Anwendung kommen werden, die zu den wohlgehüteten Betriebsgeheimnissen der Privatunternehmen gehören, die im Auftrag der Polizei unter Geheimhaltung ihres Quellcodes solche Staatstrojaner entwickeln, so dass diese von Experten der Polizei nicht dahingehend geprüft werden können, was die Software tatsächlich alles kann.

Übrigens:

Der Algorithmus von Google gehört zu den bestgehütetsten Betriebsgeheimnissen auf dieser Welt.

Womit wir eigentlich schon bei der Moderne 4.0 angekommen sind.

05 Die Moderne 4.0

TOP

Ob damit die Demokratie der Zukunft oder doch eher eine kurze Zwischenzeit gemeint ist, sozusagen die Übergangszeit der Postmoderne bis zur so genannten Vierten Industriellen Revolution, die 2015 in Davos ausgerufen wurde, kann zurzeit noch nicht eingeschätzt werden.

Denkbar und durchaus wahrscheinlich ist, dass wir uns auf das »Zeitalter des Überwachungskapitalismus« zubewegen, einer Sprachfigur die Shoshana Zuboff als Titel ihres lesenswertes Buch verwendet hat.

Auch die neuen Polizeigesetze lassen erahnen, dass bald auch der Überwachungsstaat Wirklichkeit werden könnte, dann nämlich, wenn von den so genannten Persönlichkeitsrechten nicht mehr viel übrig geblieben ist, weil möglicherweise Maschinen der Polizei schon bald mehr über uns wissen werden, als wir das heute schon bei den privaten Internetgiganten akzeptieren.

Wenn wir diese mögliche und wahrscheinliche fortschrittliche postmoderne Zukunftsdemokratie wirklich wollen, weil es dazu angeblich keine Alternative gibt, einer Metapher, an die wir uns ebenfalls durch ihren häufigen Gebrauch gewöhnt haben, weil Alternativen einfach nicht diskutiert werden, dann werden wir es selbst schuld sein, dass unsere Freiheit in Unfreiheit enden wird.

Was das für den Überwachungskapitalismus bedeutet, das fasst Shoshana Zuboff etwa wie folgt zusammen:

Das Internet ist unabdingbar geworden für die soziale Teilhabe am Gesellschaftsleben, obwohl es vom Kommerz bestimmt wird. »Dieser Kommerz ist [heute aber] bereits dem Überwachungskapitalismus untergeordnet. Unsere Abhängigkeit steht demnach im Herzen des kommerziellen Überwachungsprojekts, in dem unser gefühltes Bedürfnis nach einem effektiven Leben mit der Neigung ringt, seinen dreisten Eingriffen zu widerstehen. Dieser Konflikt sorgt für eine seelisch-geistige Abstumpfung, die uns dickfellig macht gegenüber der Realität [...]. Sie sorgt für eine Neigung, uns die Lage einer Art zynischen Resignation schönzureden, uns mit Ausflüchten - »ich habe ja nichts zu verstecken« - zu verteidigen oder den Kopf sonst wie in den Sand zu stecken. Wir entscheiden uns also aus Überdruss und Hilflosigkeit für die Unwissenheit.

So zwingt uns der Überwachungskapitalismus, eine von Grund auf illegitime Entscheidung zu treffen, die eines Individuums im 21. Jahrhundert unwürdig ist.

Und dass sie [das Akzeptieren und Dulden des Wirkens der Internetgiganten] zum Normalfall wird, lässt uns, obschon in Ketten gelegt, auch noch jubilieren.«

Der Überwachungskapitalismus operiert mittels beispielloser Asymmetrien an Wissen und Macht, die damit einhergeht, dass er seine Nutzer als Rohstoffe für seine Datensammlungen benutzt, denn die Überwachungskapitalisten wissen alles über uns, während ihre Operationen so gestaltet sind, uns gegenüber unkenntlich zu sein.

»Überwachungskapitalisten entziehen uns unermessliche Mengen neuen Wissens, aber nicht für uns, sie sagen unsere Zukunft nicht zu unserem, sondern zu anderer Leute Vorteil voraus.« [En14] 14

Das ist heute die eigentliche Geschäftsidee der Internetgiganten, denn der Überwachungskapitalismus hat unsere persönlichen Daten zu einem Rohstoff gemacht, den es gewinnbringend zu vermarkten gilt.

05.1 Wie Facebook funktioniert

TOP

In einem Artikel der FAZ.Net vom 22.10.2018, das die Onlineredaktion mit Yann LeCun, einem KI-Experten von Facebook führte, heißt es zum Thema »Facebook und seine künstliche Intelligenz« wie folgt:

Facebook ist eigentlich komplett, was künstliche Intelligenz und Deep Learning betrifft. Der Hauptnutzen ist, herauszufinden, was zeige ich dem User, wenn sie sich mit Facebook verbinden, denn Facebook könnte ihnen jeden Tag mehrere tausend Inhalte anzeigen. Aber so ungefähr 100 - 150 werden automatisch von Facebook ausgewählt. Deshalb werden die Interessen der User erfasst, so dass ihnen dazu passende Inhalte vorgeschlagen werden können.

»Wir benutzen KI aber auch, um Inhalte herauszufiltern. Dinge wie Hate Speech, Pornografie oder extremistische Propaganda und solche Dinge und natürlich auch, um Sprachen zu übersetzen. Um Bildinhalte zu erkennen, um Texte in Bildern oder Werbung zu lesen. Und im weitesten Sinne, um Inhalte vorzuschlagen und zu empfehlen.

Es können auch automatisch Inhalte von Videos erkannt werden. Also werden Dinge vorgeschlagen, die denen ähneln, die sich die User gerade angesehen haben.

Das Newsfeed-Ranking zum Beispiel benutzt alle Arten von Signalen.

Wie User mit bestimmten Inhalten interagieren, wie nah sie mit bestimmten Freunden und deren Interessen verbunden sind.

Es ist eine ganze Sammlung von vielleicht hunderttausenden verschiedenen Signalen, um herauszufinden, ob bestimmte Inhalte für User relevant sind.« [En15] 15

Und zu Deep Learning heißt es auf der Website von Yann LeCun wie folgt:

[Deep Learning:] Tiere und Menschen können lernen, zu sehen, wahrzunehmen, zu handeln und mit einer Effizienz zu kommunizieren, die keine maschinelle Lernmethode erreichen kann. Die Gehirne von Menschen und Tieren sind »tief«, in dem Sinne, dass jede Aktion das Ergebnis einer langen Kette synaptischer Kommunikation ist (viele Schichten der Verarbeitung). Zurzeit erforschen wir effiziente Lernalgorithmen für solche »tiefen Architekturen«. Wir konzentrieren uns derzeit auf unüberwachte Lernalgorithmen, mit denen tiefe Hierarchien von Merkmalen für die visuelle Erkennung erzeugt werden können. Wir vermuten, dass tiefes Lernen uns nicht nur in die Lage versetzt, intelligentere Maschinen zu bauen, sondern auch dazu, menschliche Intelligenz und die Mechanismen menschlichen Lernens zu verstehen. [En16] 16

Mit anderen Worten:

Die Maschine lernt, Gefühle zu lesen, zu interpretieren und sogar eine eigene Meinung zu entwickeln. Anhand von Mimik wird auf Emotionen geschlossen und der Tonfall, mit dem eine Sprachnachricht verwendet wird, gibt Auskunft über den Gefühlsstand des Sprechers, etc.

05.2 Wie verdient WhatsApp sein Geld?

TOP

Die Anzahl der täglichen Nutzer von WhatsApp bietet im hier zu erörternden Sachzusammenhang nur einen kleinen Einblick in den Umfang von Daten, die User diesem Internetanbieter zur Verfügung stellen. Täglich wird WhatsApp von rund 1,2 Milliarden Menschen genutzt, pro Tag werden rund 55 Milliarden Nachrichten versendet.

2014 wurde der Dienst für 19 Milliarden US-Dollar (ca. 13,8 Milliarden Euro) von dem Internet-Giganten Facebook gekauft. [En17] 17

[Hinweis:] Womit diese Gewinne generiert werden, weiß zurzeit niemand so ganz genau. Bekannt ist, dass WhatsApp zu Facebook gehört und wahrscheinlich ist auch, dass Gewinne nur dadurch erzielt werden können, indem Produkte verkauft werden, für die andere viel Geld zu zahlen bereit sind. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem gewinngenerierenden Rohstoff von WhatsApp um die Userdaten, Userinteressen und Usergewohnheiten handelt, mit denen so viel Geld verdient werden kann. 

05.3 Der optimierte Mensch

TOP

Am Sonntag, dem 24. November 2018, sollen die ersten genmanipulierten weiblichen Zwillinge in China, Lulu und Nana, das Licht der Welt erblickt haben. Immun gegen viele Krankheiten, unter ihnen die Krankheit Aids.

Die Aufregung war groß.

Sie wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit nur vorübergehender Art sein.

Denn:

Als Louise, das Retortenbaby, vor 40 Jahren geboren wurde, hieß es, der Mensch spiele Gott. 32 Jahre später bekam Robert Edwods, der das Verfahren entwickelt hatte, den Medizin-Nobelpreis.

Und die Zukunft?

Komplett designed, ohne Risiken und Nebenwirkungen? Ein Menschheitstraum? Doch zu welchem Preis gelingt es dem medizinischen und technischen Fortschritt, aus Menschen Mutanten zu machen?

Diese Frage stellt sich nicht, wenn die Gentechnik erst einmal so weit fortgeschritten ist, dass sich damit sehr viel Geld verdienen lässt. Spätestens dann fallen die heute noch vorhandenen ethischen Hemmungen einschließlich der Proteste von heute und morgen auf allen Ebenen in sich zusammen.

06 Die Demokratie in der Vierten Industrielle Revolution

TOP

Kurzfassung: Sie - die Demokratie - befindet sich heute in einem bedauernswerten Zustand.

Grund dafür ist u.a., dass mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Möglichkeiten, die das Internet und insbesondere die sozialen Medien heute bieten, sogar Wahlen durch Manipulationen gewonnen werden können.

Social Boots, ein neues Wort, mit dem die meisten von uns so recht nichts anzufangen wissen, wurde sozusagen als Demokratiefeind entlarvt, dennoch, wie Social Boots funktionieren, das weiß so recht trotzdem noch niemand. Dennoch beunruhigt allein der Gedanke, dass es nicht Menschen, sondern Maschinen sind, die den freien Wählerwillen beeinflussen.

Wie dem auch immer sei.

Die eigentliche Gefahr für die Staatsform der Demokratie liegt aber an anderer Stelle, denn Hate Speech und Populismus, Fremdenfeindlichkeit und Staatsverdrossenheit habe andere Ursachen die möglichen Wahlmanipulationen vorausgehen.

Mit anderen Worten:

Hassreden gehen immer der Zerstörung einer Gesellschaft voraus.

[NetzDG:] Ob das Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz - NetzDG) mit seinen 6 Paragrafen, das Anfang 2018 in Kraft getreten ist und dass den Betreibern sozialer Medien vorschreibt, erkennbar strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach ihrem Bekanntwerden zu löschen, dem Hass im Internet tatsächlich ein Ende bereiten wird, bleibt abzuwarten.

Bei der Anhörung einer Vertreterin von Facebook im Bundestag wurde immerhin die Sorge vorgetragen, dass mit dem Gesetz Unternehmen zu Richtern über die Meinungsfreiheit gemacht würden.

Wie dem auch immer sei.

Bei Verstößen gegen das neue Gesetz drohen Strafen von bis zu 50 Millionen Euro. Wenn die Netzwerke nicht schnell genug reagieren, können sich die User beim Bundesamt für Justiz beschweren.

[Hinweis:] Ob damit der Hass in den sozialen Medien sein Ende gefunden hat, dürfte dennoch eher unwahrscheinlich sein.

Im Juli 2018 heißt es in einer Meldung auf WZ.de wie folgt:

Die Internet-Plattformen Facebook und YouTube haben ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes gegen Hass im Netz eine erste Bilanz gezogen. Auf der Videoplattform YouTube sind in den ersten sechs Monaten im Zusammenhang mit dem sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz 213 330 Inhalte gemeldet worden, wie die Google-Tochter am Freitag mitteilte.

Zeitgleich erklärte ein Vertreter von Facebook, dass es dort im selben Zeitraum 1704 Beiträge gewesen seien. Bußgelder musste keiner der beiden Konzerne zahlen. [En18] 18

[Ein Tautropfen in der Sahara:] Wer glaubt, dass diese Größenordnung der Entfernung von Hass und strafbaren Inhalten einen Großteil dessen umfasst, was das Netz an Hass bietet, der sollte einfach nur zur Kenntnis nehmen, dass allein durch WhatsApp täglich rund 55 Milliarden Nachrichten versendet werden.

Übrigens:

In der Tagesschau vom 24.12.2018 heißt es in den 20-Uhr-Nachrichten in einem Nachrichtenbeitrag zum Hass in den sozialen Medien wie folgt:

Nach dem Netzuwerkdurchsetzungsgesetz - NetzDG müssen soziale Medien innerhalb von 24 Stunden nach Meldung offensichtlich rechtswidriger Inhalten diese Inhalte löschen, sonst drohen Millionenstrafen (Geldbuße bis zu fünf Millionen Euro).

Wir probierten es aus und meldeten selbst:

15 extremistische strafbare Tweets.
Alle zeigen Aufrufe zu Gewalt und Volksverhetzung.
Doch von 15 Tweets löscht Twitter nur zwei.
Bei den anderen heißt es in der Antwort von Twitter wie folgt:

Hallo,
wir haben die Beschwerde zu xxx erhalten.

Wir haben den gemeldeten Inhalt untersucht und konnten keinen Verstoß gegen die Twitter Regeln oder entsprechende Gesetze feststellen. Wir sind deswegen dazu nicht aktiv geworden.

Mit freundlichen Grüßen
Twitter

Chan-jo Jun
Rechtsanwalt

Man muss sich an dieser Stelle fragen, wonach wollen wir eigentlich leben, nach den Gemeinschaftsstandards von Faceboot oder Twitter oder nach den Gesetzen, die wir uns gegeben haben. Und wenn die Antwort dabei eigentlich lauten muss nach unserem Gesetz und nach unserem Grundgesetz, dann müssen wir diese Regeln auch durchsetzen.

Tagesschau vom 24.12.2018, 20.00 h

Wie dem auch immer sei.

Mit Gesetzen lässt sich nicht alles regeln, weder durch das NetzDG noch durch ein von der SPD vorgeschlagenes »Gesetz zur Förderung der Demokratie«.

Kurzum:

Für den Zustand, in dem sich die Bundesrepublik heute befindet, reichten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gut 70 Jahre Zeitgeschichte aus.

Das, was an Veränderungen in der Zeit von 1800 bis heute mit dazu beigetragen hat, die nunmehr anstehende »Vierte Industrielle Revolution« Wirklichkeit werden zu lassen, vermag die nachfolgend aufgeführte Übersicht nur unzureichend darzustellen.

Dennoch ist sie einen Versuch wert.

1800 - 1900
Industrie 1.0

Webstühle, Dampfmaschine, Eisenbahnen

1870 - 1945
Industrie 2.0

Einführung der Elektrizität als Antriebskraft, Fließband, Radio

1950 - 2015
Industrie 3.0

Der erste funktionsfähige Computer wird 1941 in Betrieb genommen.
Fernsehen als Massenmedium ab 1950
Zunehmende Automatisierung, Elektronik, Personal Computer
1990 begann der Siegeszug des Internets.

Ab 2016
Industrie 4.0

Beginn der eigentlichen digitalen Revolution. Ausgerufen wurde diese Vierte Industrielle Revolution 2016 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Klaus Schwab, der Chef des Weltwirtschaftsforums, skizzierte die neue Welt, die uns erwartet, wie folgt: Roboter, selbstfahrende Autos, 3-D-Drucker und eine Vielzahl anderer technischer Innovationen werden nicht nur die Industrie, sondern das gesamte gesellschaftliche Leben revolutionieren.

Mit anderen Worten:

Für die Menschheit wird sich vieles ändern.

Und in einem Artikel auf Handelsblatt.com vom 20.01.2016 heißt es sinngemäß:

Die Vierte Industrielle Revolution bringt in schneller Folge laufend Veränderungen mit sich, die kaum einen Bereich außer Acht lassen werden. Auch die Gesetzgeber und Regulierer müssen hohe Anforderungen erfüllen und in den meisten Fällen werden sie damit überfordert sein.

Als Schlussfolgerung heißt es in dem Artikel sinngemäß:

Es muss uns gelingen, eine Zukunft zu gestalten, die für uns alle lebenswert ist, in der die Menschen und deren Befähigung an erster Stelle stehen, denn in ihrer schlimmsten, entmenschlichten Form hat die Vierte Industrielle Revolution in der Tat das Potenzial, Menschen zu Robotern zu machen, die kein Herz und keine Seele mehr haben. [En19] 19

Wie dem auch immer sei.

Allein die Tatsache, dass in dem oben genannten Artikel immer noch das Wort »Seele« verwendet wird, obwohl es die angeblich nicht gibt, zumindest hat sie bisher noch kein Wissenschaftler gefunden, nährt zumindest die Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Dennoch:

Schon heute ist klar, dass diese so genannte 4. Industrielle Revolution eine bisher unbekannte, aber voraussichtlich sehr hohe Anzahl von Arbeitsplätzen beseitigen wird. Die Befürworter dieses Prozesses behaupten jedoch, dass gleichzeitig eine mindestens gleichgroße Anzahl neuer Arbeitsplätze geschaffen wird, bei denen es sich zudem um qualifiziertere Arbeitsplätze handeln soll, als die, die in der digitalisierten Welt von morgen nicht mehr benötigt werden.

Allein der Glaube an solch eine goldene Zukunft fällt schwer, denn Investitionen in Milliardenhöhe müssen sich für die Investoren rechnen, was nichts anderes bedeutet als:

Kostenminimierung bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung.

Kurzum:

Wir befinden uns schon jetzt mitten in dieser Zeit des radikalen Umbruchs, in dem Datensysteme, ausgerüstet mit der passenden Software, möglicherweise schon bald die besseren Lehrer, besseren Bankangestellten und die besseren Vorgesetzten sein werden, um dann dafür Sorge tragen zu können, dass zu erledigende Aufgaben möglichst optimiert und kostenminimiert ausgeführt werden.

Man denke nur an die Möglichkeiten einer Kranken- und Altenpflege durch »bestens ausgebildete« Roboter.

Schöne neue Welt.

Mit dem Einsatz von KI (Künstlicher Intelligenz) werden wir, so die Optimisten der neuen digitalen Welt, endlich dazu in der Lage sein, unsere Produktivität nicht nur erheblich zu steigern, sondern auch für eine möglichst stressfreie Freizeit- und Arbeitswelt zu sorgen.

[Algorithmen und Deep Learning:] Programmierern ist es schon heute gelungen, Algorithmen zu entwickeln, die Computern vorgeben, wie diese Maschinen Aufgaben erledigen und Probleme lösen sollen.

KI kann aber noch viel mehr.

Solche Systeme sind selbst lernfähig und entwickeln eigene Ansätze zur Problemlösung. Was sie dafür benötigen, ist lediglich eine ausreichend große Anzahl von Trainingsdaten.

Je mehr Daten, umso besser.

Und die werden bereits heute in schier unvorstellbarer Größenordnung von den Internetgiganten abgeschöpft, denn Daten, das sind die Rohstoffe, mit denen viel Geld verdient werden kann, stellen die postmodernen User von heute gern und in großen Mengen kostenlos zur Verfügung.

Und damit die Daten erhoben werden können, die benötigt werden, um sogar das individuelle Verhalten von Personen vorhersehen bzw. voraussagen zu können, werden Unmengen von Text, Bild-, Ton- und Videodaten benötigt, um Maschinen nicht nur in die Lage zu versetzen, Personen sowohl eindeutig identifizieren zu können, sondern sich auch in ihre Bedürfnisse, Gefühle und Vorhaben hineindenken zu können, für die gerade jetzt und an dieser Stelle zum Beispiel der Benutzer eines Smartphones empfänglich ist und gerade deshalb von seinem ausgelagerten Gehirn auf eine günstige Kaufgelegenheit aufmerksam gemacht wird, weil er oder sie sich zurzeit an einem Ort befindet, wo dieser bisher noch nicht bewusst gewordene Wunsch gerade jetzt und an dieser Stelle günstig und schnell realisiert werden kann.

Mit anderen Worten:

KI-Systeme verfügen bereits heute über Fähigkeiten, die für jeden normalen Computer noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.

Vor dem Jahr 2012 zum Beispiel konnten Rechner häufig nicht einmal eine Katze von einem Hund unterscheiden. Heute sind KI-Systeme dazu in der Lage, nicht nur Gesichter, sondern anhand der Mimik auch die Gefühlslage von Menschen richtig einschätzen zu können, in der sich eine Person zurzeit befindet.

Dennoch:

Wir müssen aufhören, der Illusion zu erliegen, dass das »Ende der Geschichte« (Fukuyama 1992) bereits erreicht ist.

Das ist nicht der Fall.

Mit anderen Worten:

Die Postmoderne, besser die Moderne 3.0 und auch nicht die Vierte Industrielle Revolution wird nicht das zu erwartende Ende sein. Zu wünschen wäre, dass es der Demokratie irgendwie doch gelingt, in ihr lebenden Menschen den Weg in eine Freiheit zu ermöglichen, die ihr heute noch verschlossen ist, denn das »Goldene Zeitalter« liegt noch vor uns, es ist noch nicht erreicht.

Was wird benötigt?

Hoffnung, denn die stirbt bekanntermaßen immer zuletzt.

Und es braucht neue Ziele, eine neue Utopie, einen neuen Menschheitstraum und vor allen Dingen den Mut zur Wahrheit.

Digital First reicht nicht aus, denn Digital First heißt nicht:

Das ist Gottes Wille.

07 Der Sinn von Politik

TOP

Hannah Arendt (1906 bis 1975) hat viele Jahre über die Frage nachgedacht, was Politik ist. Aus Fragmenten aus ihrem Nachlass stammen die folgenden Zitate:

»Aufgabe und Zweck der Politik ist die Sicherung des Lebens im weitesten Sinn. Sie ermöglicht dem Einzelnen, in Ruhe und Frieden seinen Zwecken nachzugehen, das heißt, unbehelligt von Politik zu sein, wobei es erst einmal ganz gleichgültig ist, in welchen Lebenssphären diese Zwecke, die durch Politik sichergestellt werden sollen, [...] liegen.«

Und wenn es dazu starker Führer bedarf, wie uns das die Neue Rechte heute wieder einzureden versucht?

Bei Hannah Arendt heißt es dazu:

Bereits die alten Griechen »wussten aus eigenster Erfahrung, dass ein vernünftiger Tyrann (das, was wir einen aufgeklärten Despoten nennen) für das schiere Wohlergehen der Stadt und die Blüte von materiellen wie intellektuellen Künsten vorn großem Vorteil war.

Nur mit der Freiheit war es dann vorbei.

Die Bürger wurden in ihre Haushalte verwiesen, und der Raum, auf dem sich der freie Verkehr unter Gleichen abspielte, die Agora, war vereinsamt.

Die Freiheit hatte keinen Raum mehr, und das heißt, politische Freiheit gab es nicht mehr.« [En20] 20

Das zu verhindern setzt politisches Bewusstsein voraus, um ein mögliches »Zurück in der Zukunft« zu verhindern.

Ich wünsche Ihnen für das Jahr 2019 viel Glück und Erfolg.

Alfred Rodorf
Münster, 31.12.2018

Ende des Kapitels

TOP

Demokratieverdrossenheit - das geht gar nicht
Wenn Sie einen Fehler gefunden haben oder eine Frage zum Inhalt stellen möchten, schreiben Sie mir bitte eine Mail. Fügen Sie in Ihre Mail die Anschrift dieser Seite und die jeweilige Randnummer ein.

08 Quellen

TOP

Die Quellen wurden am angegebenen Zeitpunkt aufgerufen und eingesehen. Über die weitere Verfügbarkeit der Inhalte entscheidet ausschließlich der jeweilige Anbieter.

TOP

Endnote_01
Friedrich Nietzsche
Die fröhliche Wissenschaft
Der tolle Mensch
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Die+fr%
C3%B6hliche+Wissenschaft/Drittes+Buch/125.+Der+tolle+Mensch
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_02
George L. Mosse. Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Athenäum 1979, Seite 2
Zurück

Endnote_03
George L. Mosse. Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Athenäum 1979, Seite 11
Zurück

Endnote_04
George L. Mosse. Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Athenäum 1979, Seite 25
Zurück

Endnote_05
Peter Walkenhorst: Nation - Volk - Rasse - Vandenhoeck & Ruprecht 2007, Seite 338
Zurück

Endnote_06
Peter Walkenhorst: Nation - Volk - Rasse - Vandenhoeck & Ruprecht 2007, Seite 29
Zurück

Endnote_07
Aphorismen des Historikers Heinrich von Treitschke
https://www.aphorismen.de/suche?autor_quelle=Treitschke
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_08
Auszug aus Himmlers Rede an die SS-Gruppenführer in Posen (4. Oktober 1943)
file:///C:/Users/User/Documents/Artikel%20-%20gute%20-%
202018/36%20Himmlers%20Rede%20an%20die%20SS%201943.htm
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_09
Die Bombardierung Dresdens im Februar 1945
https://www.mdr.de/sachsen/bombardierung-dresden100.html
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_10
B.F.Skinner
Walden Two
Die Vision einer besseren Gesellschaftsform
In der deutschen Übersetzung von Harry Theodor Master
Fifa-Verlag München
Das Buch ist nur noch im Antiquariat erhältlich.
Zurück

Endnote_11
Inter Action Council
Established in 1983
https://www.interactioncouncil.org/sites/default/files/de_udhr%20ltr.pdf
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_12
Ethik kann man nicht programmieren
https://www.zeit.de/digital/internet/2018-11/digitalisierung-
mythen-kuenstliche-intelligenz-ethik-juergen-geuter
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_13
Jean-François Lyotard
Das postmoderne Wissen
Edition Passagen Wien - 1994
Zurück

Endnote_14
Shoshana Zuboff
Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus
Campus-Verlag 2018
Seite 26
Zurück

Endnote_15
Faz.net vom 22.10.2018
Im Gespräch mit Yann LeCun
Facebook und seine künstliche Intelligenz
Ohne KI würde Facebook heute so nicht so funktionieren. Egal, ob im NBewsfeed oder bei Inhaltsvorschlägen auf Instagram - überall haben Atutomatismen die Finger im Spiel. Wie das funktioniert, erklärt Yann LeCun, II-Experte bei Facebook.
http://www.faz.net/aktuell/im-gespraech-mit-yann-lecun-facebook-
und-seine-kuenstliche-intelligenz-15851542.html
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_16
Deep Learning
Yann LeCun
Director of AI Research, Facebook
AI = Artificial Intelligence = Künstliche Intelligenz
http://yann.lecun.com/
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_17
Computerbild.de vom 28.06.2017
Wie verdient WhatsApp Geld?
https://tipps.computerbild.de/mobil/apps/wie-
verdient-whatsapp-geld-353243.html
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_18
Wz.de vom 27.07.2018
Gesetz gegen Hass im Internet: Bilanz nach sechs Monaten NetzDG
https://www.wz.de/politik/inland/gesetz-gegen-hass-im-
internet-bilanz-nach-sechs-monaten-netzdg_aid-24897235
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_19
Davos 2016
Die Vierte Industrielle Revolution
https://www.handelsblatt.com/politik/international/davos-2016/
davos-2016-die-vierte-industrielle-revolution/12836622-all.html
Aufgerufen am 30.12.2018
Zurück

Endnote_20
Hannah Arendt
Was ist Politik?
Piper Verlag - 6. Auflage 2017
Seite 36 und 41
Zurück

TOP

Demokratieverdrossenheit - das geht gar nicht
Wenn Sie einen Fehler gefunden haben oder eine Frage zum Inhalt stellen möchten, schreiben Sie mir bitte eine Mail. Fügen Sie in Ihre Mail die Anschrift dieser Seite und die jeweilige Randnummer ein.

TOP

Zurück zur Startseite