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Demokratie heute: Teil 4
Werte - Werteverlust - Wertebildung

Alfred Rodorf
Februar 2018

01 Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende
02 Was ist eine Wertegemeinschaft
02.1 Absolute gottgegebene Werte
02.2 Freiheit gestern und heute
03 Werte von der Antike bis heute
03.1 Der strafende jüdische Gott
03.2 Der barmherzige christliche Gott
03.3 Der Gott des Islam
03.4 Der Gott des Geldes
04 Die beiden Begründer des europäischen Kulturwunders
05 Wertewandel in der Aufklärung
06 Der Verrat der Intellektuellen
07 Wer ist heute konservativ bzw. progressiv?
08 Dobrindt und die 1968er-Bewegung
09 Die Gesellschaft des Spektakels
10 Laudatio si´ - Aufruf des Papstes zur Umkehr
10.1 Abschlussbericht des Pariser Klimaabkommens 2015
10.2 Die sozialen Herausforderungen des Klimawandels
10.3 Das Unheimliche des Klimawandels
10.4 Potsdamer Klimastudie 2017
10.5 Ergebnisse der Sondierungsgespräche von CDU/CSU und SPD
11 Ist Frieden wichtiger als Gerechtigkeit?
12 Wertebildung
13 Quellen

 
01 Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende

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Am 4.12.2018 wurde auf Welt.de ein Gastbeitrag von Alexander Dobrindt (CSU) mit der oben genannten Überschrift veröffentlicht. Diese Überschrift wird in diesem Aufsatz sozusagen als Leitthema verwendet, um über den »Stand der Werte« in Deutschland nachzudenken.

In dem Artikel heißt es u.a.:

»Deutschland ist ein bürgerliches Land. Die Mehrheit der Menschen in unserem Land lebt und denkt bürgerlich. Es gibt keine linke Republik und keine linke Mehrheit in Deutschland. Das hat nicht zuletzt die Bundestagswahl 2017 wieder ganz klar gezeigt.

Und doch dominiert in vielen Debatten eine linke Meinungsvorherrschaft eine dieses Schauspiel ertragende bürgerliche Mehrheit.

Der Ursprung dafür liegt vor genau 50 Jahren, im Jahr 1968.

Damals haben linke Aktivisten und Denker den Marsch durch die Institutionen ausgerufen und sich schon bald Schlüsselpositionen gesichert in Kunst, Kultur, Medien und Politik. Sie wurden zu Meinungsverkündern, selbst ernannten Volkserziehern und lautstarken Sprachrohren einer linken Minderheit.« [En01] 1

[Hinweis:] Der Gastbeitrag von Alexander Dobrindt (CSU), der hier nicht in Gänze zitiert werden kann, löste eine mediale Protestwelle aus, die nur zum Teil durch die nachfolgend aufgeführten Überschriften wiedergegeben wird:

  • Deutschland soll Bayern werden (Zeit online)

  • Dobrindt übernimmt wieder die Rolle des Scharfmachers (Süddeutsche.de)

  • Dobrindt wettert gegen »linke Meinungsvorherrschaft« (Die Welt)

  • Welches linke Land? (Zeit online)

  • »Findet nicht mehr in die Gegenwart zurück«: Nahles attackiert Dobrindt

  • Ein bayerischer Scheinriese (Lausitzer Rundschau)

  • Nahles: Dürfen uns nicht belügen lassen

[Heute Journal vom 4.12.2018:] In einem fast 7 Minuten dauernden Interview befragte Marietta Slomka den CSU-Mann Alexander Dobrindt im Heute-Journal, weil dieser in dem bereits oben genannten Artikel nicht nur eine konservative Revolution einforderte, sondern auch geschrieben hatte: »Wir brauchen den Aufbruch in eine neue, konservative Bürgerlichkeit, die unser Land zusammenführt, unsere Wertegemeinschaft stärkt und unsere Freiheit verteidigt.« [En02] 2

Soweit, so gut.

Das ganze Interview kann über den folgenden Link aufgerufen werden.

Interview: Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende

02 Was ist eine Wertegemeinschaft

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Als Wertegemeinschaften können Gesellschaften bezeichnet werden, die über eine gemeinsame Kultur verfügen und in der sich die Identität ihrer Mitglieder an den Werten orientiert, die in der jeweiligen Gesellschaft ein Zusammenleben ermöglichen.

In diesem Zusammenhang gesehen macht es einen Unterschied aus, ob es sich bei der zu untersuchenden Wertegemeinschaft um eine

  • archaische Gesellschaft

  • vorkapitalistische Gesellschaft

  • eine Gesellschaft ohne Staat (Nomadenkultur)

  • eine auf Unterdrückung beruhende Gesellschaft (Diktatur)

  • einen sich bereits in der Auflösung befindlicher Staat (failed State)
    oder um eine

  • bürgerlich-demokratische Gesellschaft

handelt.

Nach westlichem Staatsverständnis kann dann von einer Wertegemeinschaft ausgegangen werden, wenn dieser Staat organisiert ist, über eine autonome Regierung verfügt und als juristische Person fungiert. Gesellschaften in diesem Sinne bestehen somit aus der Gesamtheit ihrer Ämter, Behörden und Dienste innerhalb festgelegter Grenzen.

[Glaubensvorstellungen als prägendes Element von Wertegemeinschaften:] Es gibt keine Gesellschaft, in der nicht auch grundlegende Glaubensvorstellungen dem Zusammenleben zugrunde liegen. Dabei kann es sich sowohl um religiöse Glaubensvorstellungen als auch um politische Ideologien handeln.

Während im Zentrum religiöser Glaubensvorstellungen das jeweils in einer Kultur vorherrschende Gottesbild steht, dazu später mehr, steht im Zentrum der Glaubensvorstellungen so genannter postmoderner westlicher Gesellschaften, zu denen auch Deutschland gehört, der Glaube an ein grenzenloses Wachstum, der Fortschrittsglaube und der Glaube an die Befreiung des Menschen von den Zwängen der Natur durch die Technik.

[Europäische Wertegemeinschaft:] Diesbezüglich heißt es im Art. 2 EUV (Vertrag über die Europäische Union in der Fassung aufgrund des am 1.12.2009 in Kraft getretenen Vertrages von Lissabon wie folgt:

»Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.«

[Wertegemeinschaft des Grundgesetzes:] Vergleichbare Regelungen befinden sich auch im Wertekanon des Grundgesetzes. So heißt es zum Beispiel im Art. 1 des Grundgesetzes:

»(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.«

02.1 Absolute, gottgegebene Werte

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Absolute Werte sind nach der hier vertretenen Auffassung zeitlose Ideen von hohem Abstraktionsgehalt, die sich vom Werteverständnis des Utilitarismus dadurch unterscheiden, dass es sich bei den zeitlosen Werten um Grundwahrheiten handelt, die sich jeder Zweckdienlichkeit entziehen.

Mit anderen Worten:

Absolute Werte sind nicht dynamisch, sie unterliegen keinem Wandel durch Veränderung. Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Barmherzigkeit und andere Grundwerte sind somit Werte, die immer dann wahr sind, wenn sie im Rahmen des menschlich Möglichen »wahrhaftig« angewendet werden.

Was damit gemeint ist, wird im Rahmen dieses Aufsatzes aus unterschiedlichen Sichtweisen erörtert.

Zuerst einmal soll am Beispiel des zeitlosen Wertes »Freiheit« aufgezeigt werden, wie vielfältig das Wort Freiheit verwendet wurde bzw. auch heute noch verwendet wird.

02.2 Freiheit gestern und heute

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»Wenn Sie in einem Staat«, schrieb Charles de Secondat, Baron de Montesquieu (1689–1755), französischer Schriftsteller und Staatstheoretiker, »keinerlei Lärm von Streitigkeiten vernehmen, so können Sie sicher sein, dass es in ihm keine Freiheit gibt.«

Und im Gesellschaftsvertrag von Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778) heißt es im Jahre 1762 wie folgt: »Das englische Volk meint frei zu sein; es täuscht sich sehr: nur während der Wahlen der Parlamentsmitglieder ist es frei; sobald sie gewählt sind, ist es Sklave, ist es nichts. Der Gebrauch, den es in den kurzen Augenblicken seiner Freiheit von ihr macht, verdient wahrlich, dass es sie wieder verliert.« [En03] 3

Bei so viel Gegensätzlichkeit von »Freiheit« bedarf es dringend der Begriffsklärung darüber, was unter »Freiheit« zu verstehen ist.

[Freiheit als zeitloser Wert:] Dass es sich bei dem Wort Freiheit, so wie Montesquieu und Rousseau dieses Wort benutzen, um einen zeitlosen Wert handelt, der abstrakt generell gefasst sein muss, um Gestalt annehmen zu können, ergibt sich allein aus der Unterschiedlichkeit des Gebrauchs des Wortes »Freiheit« in den oben geschilderten Situationen, denn beide Aussagen enthalten durchaus unterschiedliche Aussagen darüber, was unter »Freiheit« zu verstehen ist.

Dazu gleich mehr.

Zuerst einmal soll festgestellt werden, was alle Menschen, egal welchen Glaubens und egal welcher Weltanschauung sie sind, als Verletzung ihrer persönlichen Freiheit ansehen, wenn sie selbst zur Unfreiheit gezwungen werden.

Es ist kaum vorstellbar, dass es auf dieser Welt einen Menschen gibt, der es nicht als Verletzung seiner Freiheit ansieht, wenn er

  • versklavt wird

  • Zwangsarbeit leisten muss

  • zur Prostitution gezwungen wird

  • dazu gezwungen ist, seine Kinder zu verkaufen, damit der Rest seiner Familie überhaupt überleben kann

  • von seinem Grund und Boden vertrieben wird, um anderen die Landeinnahme zu ermöglichen

  • für rechtlos erklärt wird

  • ihm der Zugang zu Wasser verwehrt wird, und deshalb seine Felder verdorren bzw. sein Vieh verdurstet

  • ihm sein Lebensraum durch wirtschaftlich Mächtige genommen wird

  • sein Lebensraum bombardiert wird, weil vermutet wird, dass sich dort Terroristen aufhalten könnten, etc.

Es ist davon auszugehen, dass solchermaßen erlebte Erfahrungen, besser gesagt solchermaßen erlebte Ungerechtigkeiten, von allen Menschen und zu allen Zeiten als Verletzung ihres Menschseins verstanden wurden und werden.

Soviel zu den Gemeinsamkeiten, die weltweit von Menschen, die davon betroffen sind, und derer gibt es viele, gleichermaßen als Unfreiheiten bzw. Ungerechtigkeiten bewertet werden.

[Freiheit als relativer Wert im Liberalismus:] Mit dem Mut, sich seines Verstandes zu bedienen, verbunden mit der Vorstellung, sein Leben nach eigenen Überzeugungen und Wertmaßstäben führen zu können, sofern die Rechte anderer dadurch nicht verletzt werden, sprengten die Philosophen der Aufklärung im zeitgleich beginnenden Liberalismus die Grenzen, die dem Menschen durch den Willen Gottes vorgegeben wurden. Die Folge dieser Befreiung bestand darin, dass nunmehr von einer Vielzahl von Wertevorstellungen ausgegangen wurde, die zudem miteinander konkurrierten.

Insoweit handelte es sich bei den Werten des Liberalismus um relative, veränderbare, zweckgebundene und variable Wertevorstellungen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Endgültige Wahrheiten lehnt der Liberalismus ab.

Böshafte Zungen kennzeichnen die Wahrheitsliebe des Liberalismus wie folgt: Was kümmert mich meine Meinung von gestern.

Wie dem auch immer sei.

Tatsache ist, dass der Liberalismus den miteinander in Konkurrenz stehenden Wertmaßstäben eine Bühne bietet, damit sich die »besseren«, zumindest aber die »vorläufig besseren« Werte durchsetzen können.

Lediglich eine Einschränkung wird vom Liberalismus akzeptiert, sogar als Grundforderung des Liberalismus eingefordert: Geltendes Recht ist für die Dauer seiner Gültigkeit zu beachten und bestehende Freiheitsrechte werden für unverzichtbar gehalten.

Dies gilt insbesondere für nachfolgend aufgeführte Freiheiten:

  • Meinungsfreiheit

  • Glaubensfreiheit

  • Pressefreiheit

  • Freiheit von Wissenschaft und Forschung

  • Freiheit der Märkte

  • Freiheit des Fortschritts

  • Freiheit des Wachstums

  • Freiheit, die Welt durch den Einsatz von Technik beherrschen zu können.

[Hinweis:] Es ist offenkundig, dass der Missbrauch von Freiheiten, insbesondere der zur Maximierung privater Interessen, eine Vielzahl von Gerechtigkeitsfragen aufwirft, die hier nur angedeutet werden können:

Beispiele:

  • Wie lässt sich soziale Gerechtigkeit verwirklichen?

  • Wie lässt sich Bildung sozialverträglich vermitteln?

  • Wie lässt sich Generationengerechtigkeit herstellen?

  • Was ist zu tun, um den besorgniserregenden Problemstellungen des Umwelt- und Klimaschutzes gerecht werden zu können?

Insbesondere im Hinblick auf Problemstellungen des Umwelt- und Klimaschutzes wird es nach der hier vertretenen Auffassung in naher Zukunft unverzichtbar werden, gravierende Einschränkungen in Freiheitsrechte vorzunehmen, um das Ausmaß zu erwartender Klimakatastrophen zumindest eindämmen zu können.

Dazu später mehr.

03 Werte von der Antike bis heute

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Es würde diesen Aufsatz überfrachten, an dieser Stelle die Vielfalt der antiken Götterwelt auch nur zu skizzieren. Tatsache ist, dass zumindest der Volksglaube in der Antike davon ausging, dass sich das Schicksal der Menschen in den Händen der Götter befand.

Deshalb war es wichtig, Freiheit im Sinne der Götter auszuüben.

Dennoch gab es bereits in der griechischen Antike Vorstellungen über einen Göttervater, einen außerhalb der Götterwelt sich befindenden Demiurgen, dem Schöpfer von Himmel und Erde und dem Schöpfer der Götter.

Diesbezüglich heißt es im Timaion von Platon:

Timaios: 29D bis 30C

Timaios: So wollen wir denn sagen, welcher Grund den, der dieses All, das Reich des Werdens, zusammenfügte, zu dieser seiner Wirksamkeit bewogen hat. Er war gut, und in einem Guten entsteht niemals Neid. [...]. Da nämlich Gott wollte, dass, soweit es möglich, alles gut und nichts schlecht sei, da er aber alles, was sichtbar war, nicht in Ruhe, sondern in regelloser und ungeordneter Bewegung vorfand, so führte er es denn aus der Unordnung in die Ordnung hinüber, weil er der Ansicht war, dass dieser Zustand schlechthin besser sei als jener.

Timaios: 37B bis 38A

Als nun der Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es bewegt und belebt und ein Bild der ewigen Götter geworden war, da empfand er Wohlgefallen daran, und in dieser seiner Freude beschloss er denn, es noch mehr seinem Urbild ähnlich zu machen.

[Hinweis:] Dieser gütige und seine Schöpfung liebende antike Gott der Griechen schuf somit, wie es im Timaios weiter heißt, Tage und Nächte, Monate und Jahre, »welche es vor der Entstehung des Weltalls nicht gab«. Und natürlich schuf dieser Gott auch die menschliche Seele mit all ihren Möglichkeiten, sich sowohl für das Gute als auch für das Böse zu entscheiden.

Mit anderen Worten:

Der Demiurg pflanzte auch die Werte seines Wesens in für den Menschen erkennbare Art und Weise in ihre Seelen.

Timaios: 91E bis 92B

Und nun möchten wir denn auch behaupten, dass unsere Erörterung über das All ihr Ziel erreicht habe, denn nachdem die Welt in der obigen Weise mit sterblichen und unsterblichen belebten Wesen ausgerüstet und erfüllt worden, ist sie so selbst zu einem sichtbaren Wesen dieser Art geworden, welches alles Sichtbare umfasst, zum Abbilde des Schöpfers und sinnlich wahrnehmbaren Gott und zur größten und besten, zur schönsten und vollendetsten, die es geben konnte, geworden, diese eine und eingeborene Welt.

[Hinweis:] Solche Vorstellungen über einen transzendenten, gütigen und seine Schöpfung liebenden Gott hat es im europäischen Raum zuvor nicht gegeben. Solch ein Gottesbild taucht erst wieder im Christentum, und danach im Islam auf.

03.1 Der strafende jüdische Gott

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Nach meinem Verständnis des Alten Testaments steht der strafende Gott im Zentrum des jüdischen Gottesverständnisses, obwohl es sich beim Gott im Alten Testament auch um einen liebenden, barmherzigen und verzeihenden Gott handelt.

Das hinderte den Gott der Juden aber nicht daran, sein auserwähltes Volk auf oftmals grausame Art und Weise zu bestrafen.

[Holocaust als Strafe Gottes:] Zumindest die orthodoxen Juden glaubten und glauben immer noch, dass es sich sogar bei dem erlebten Holocaust in der NS-Diktatur um eine Strafe Gottes gehandelt hat. Die Juden seien es sozusagen selber schuld, dass Gott sie so grausam bestrafte, weil sie sich von ihm abgewendet hatten und seine Regeln missachteten. Nach dieser ultraorthodoxen Theodizee (Gerechtigkeit Gottes bzw. Rechtfertigung Gottes) waren die Juden Europas Sünder, die es verdient hatten zu sterben, und Gott, der dies erlaubte, handelte richtig und gerecht.

03.2 Der barmherzige christliche Gott

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Am 08.12.2015 hat Papst Franziskus ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. In seiner Verkündigungsbulle »MISERICORDIAE VULTUS« vom 11. April 2015 heißt es dazu u.a.:

  • Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Das Geheimnis des christlichen Glaubens scheint in diesem Satz auf den Punkt gebracht zu sein. In Jesus von Nazareth ist die Barmherzigkeit des Vaters lebendig und sichtbar geworden und hat ihren Höhepunkt gefunden.
    An anderer Stelle heißt es:

  • Barmherzigkeit ist das grundlegende Gesetz, das im Herzen eines jeden Menschen ruht und den Blick bestimmt, wenn er aufrichtig auf den Bruder und die Schwester schaut, die ihm auf dem Weg des Lebens begegnen. Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Mensch vereinigt, denn sie öffnet das Herz für die Hoffnung, dass wir, trotz unserer Begrenztheit aufgrund unserer Schuld, für immer geliebt sind.

  • »Barmherzigkeit walten zu lassen, ist ein Wesensmerkmal Gottes. Gerade darin zeigt sich seine Allmacht«. Diese Worte des heiligen Thomas von Aquin zeigen, wie sehr die göttliche Barmherzigkeit eben nicht ein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine Eigenschaft der Allmacht Gottes.
    Um an anderer Stelle fortzufahren:

  • Wie man sieht, ist die Barmherzigkeit in der Heiligen Schrift das Schlüsselwort, um Gottes Handeln uns gegenüber zu beschreiben.

  • Die Kirche hat den Auftrag, die Barmherzigkeit Gottes, das pulsierende Herz des Evangeliums, zu verkünden.

  • Die Gerechtigkeit Gottes ist seine Vergebung (vgl. Ps 51,11-16).

  • Die Barmherzigkeit steht also nicht im Gegensatz zur Gerechtigkeit. Sie drückt vielmehr die Haltung Gottes gegenüber dem Sünder aus, dem Er eine weitere Möglichkeit zur Reue, zur Umkehr und zum Glauben anbietet.

  • Wenn Gott bei der Gerechtigkeit stehen bliebe, dann wäre er nicht mehr Gott, sondern vielmehr wie die Menschen, die die Beachtung des Gesetzes einfordern. Die Gerechtigkeit alleine genügt nicht und die Erfahrung lehrt uns, dass, wer nur an sie appelliert, Gefahr läuft, sie sogar zu zerstören. Darum überbietet Gott die Gerechtigkeit mit der Barmherzigkeit und der Vergebung. Das bedeutet keinesfalls, die Gerechtigkeit unterzubewerten oder sie überflüssig zu machen. Ganz im Gegenteil. Wer einen Fehler begeht, muss die Strafe verbüßen.

  • Die Barmherzigkeit ist auch über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam. Sie verbindet uns mit dem Judentum und dem Islam, für die sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstellt. [En04] 4

03.3 Der Gott des Islam

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Der Koran kennt nur einen einzigen, transzendenten Gott. Die Vorstellung eines dreieinigen Gottes, verbunden mit dem Glauben, dass Gott in der Person des Jesus, sowohl Mensch als auch Gott ist, ist dem Islam absolut fremd. Der eine, transzendente Gott im Koran verfügt jedoch über viele Eigenschaften, die hier nur aufgelistet werden:

  • der dankbare, wissende, milde Gott

  • der Einzige, der Bezwinger

  • der Erbarmer

  • der Freund und Helfer

  • der Herr der Vergeltung

  • der Herr des Gerichtstages

  • der Herr über Leben und Tod

  • der Kenner des Verborgenen

  • der Schöpfer

  • der Schutzherr

  • der strafende Gott

  • der Versorger

  • der Vertraute und Erhabene

  • der wahrhafte König.

[Sure 10: 109] Und folge dem, was dir geoffenbart ward; und harre aus, bis Allah richtet; und Er ist der beste der Richter.

[Sure 5: 98] Wisset, dass Allah streng straft und dass Allah verzeihend und barmherzig ist. [En05] 5

03.4 Der Gott des Geldes

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Die weltweite Finanzkrise, die 2008 die gesamte Weltwirtschaft an den Rand des Absturzes brachten und der nur durch öffentliche Subventionen in unvorstellbarer Größe verhindert werden konnte, hat deutlich gemacht, dass hemmungsloses Gewinnstreben Folgen auslösen können, zu denen Terroristen heute noch nicht in der Lage sind.

Dennoch wurden - kaum dass die Banken gerettet waren - Bankmanager für ihr Missmanagement durch Bonizahlungen belohnt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Am 20.01.2018 heißt es in der Wirtschaftswoche, dass die Deutsche Bank, trotz erwirtschafteter Milliardenverluste in den zurückliegenden Jahren, im Jahr 2018 mehr als eine Milliarde Boni an ihre Manager auszahlen will, weil sich Leistung lohnen und verhindert werden muss, dass bei erneuten Bonuskürzungen die besten Leute das Unternehmen verlassen.

Es verwundert nicht, dass diese Meldung auch bei den zeitgleich laufenden Groko-Verhandlungen Betroffenheit auslöste.

Aus SPD-Kreisen hieß es, dass deshalb in den GroKo-Verhandlungen Vereinbarungen zu treffen seien, die steuerliche Absetzbarkeit von Bonuszahlungen zu begrenzen. Und aus CDU-Kreisen wurde darauf hingewiesen, dass es eine eigenwillige Interpretation des Grundsatzes sei, dass sich Leistung lohnen solle, denn durch derartige Praktiken könne die Legitimität einer Wirtschaftsordnung insgesamt gefährdet werden.

Und SPD-Chef Martin Schulz sagte der »Bild«-Zeitung: »Überall schließen Bankfilialen, Kunden verlieren ihre Berater, Berater ihre Jobs. Wenn in dieser Situation Boni in Höhe von einer Milliarde Euro ausgeschüttet werden, dann verliert ein Unternehmen nicht nur an Ansehen. Das schadet insgesamt unserer Solidargemeinschaft, denn diese lebe von Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit.«

Schulz vergaß hinzuzufügen, dass dieser Glaubwürdigkeits- und Gerechtigkeitsmangel in Deutschland nicht erst seit der oben zitierten Meldung bekannt ist.

Die Aussicht, dass in Zukunft an dieser Praxis etwas geändert werden wird, dürfte somit auch in der neuen Bundesregierung, sollte sie denn zustande kommen, hart gegen »NULL« tendieren, denn es steht einfach »zu viel« auf dem Spiel.

Wenn Geld Menschen in seinen Bann zieht, verführt und ihre seelische Existenz bedroht, wird es im Neuen Testament als «Mammon» bezeichnet. Nicht von Ungefähr heißt es im Matthäus-Evangelium der Lutherbibel: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« (Mt 6,24).

Das gilt nicht nur für Banker, sondern auch für Fußballspieler, gemeint ist hier der Wechsel  von Neymar von Barcelona nach Paris für 222 Millionen.

Christian Streich, Trainer des FC Freiburg, kommentierte diesen Wechsel im Kicker mit folgenden Worten:

»Der Gott des Geldes wird immer größer und irgendwann verschlingt er alles. Aber die meisten werden es erst merken, wenn alles verschlungen wurde.«

Und an anderer Stelle heißt es:

»Der Mammon - es steht nicht umsonst in den alten Büchern - ist eine der größten Gefahren für die Menschen: dass er über sie Besitz ergreift. Und das muss jeder immer wieder reflektieren, das geht mir genauso. Das ist eine enorme Gefahr.«

Und:

»Die »Macht des Geldes« ist grenzenlos. »Aber die Einsicht kommt nicht, die Verführung ist einfach zu groß.« [En05a]

Wie dem auch immer sei.

Nicht nur die Höhe der Prämienzahlungen für talentierte Fußballspieler steht in der Kritik. Auch die Vergötzung des Geldes im Finanzsystem widerspricht nicht nur religiösen Geboten, sie zerstört auch das Gemeinschaftsgefühl der Menschen.

Dennoch:

Geld ist der Wert, um den sich alles dreht. Das war schon in der Antike so und ist auch im Sozialstaat Deutschland von heute noch so.

[Seneca:] Bei Seneca (1 bis 65 n. Chr.), dem Lehrer des römischen Kaisers Nero und einem der reichsten Römer seiner Zeit, heißt es im 83. Brief an seinen lieben Lucilius wie folgt:

Uns fesselt vieles, schwächt vieles. Lange stecken wir schon in diesen Fehlern; uns zu reinigen ist schwierig; wir sind nämlich nicht beschmutzt, sondern vergiftet.

Und warum entgiften wir uns dann nicht, möchte man fragen?

Erstrens weil wir nicht entschlossen sind, das zu tun und zweitens, weil wir das, was von weisen Meännern gefunden worden ist, nicht hinreichend glauben und nicht mit offenem Herzen in uns aufnehmen und - wenn überhaupt - nur flüchtig bei einer so wichtigen Frage verharren.

Besonders hinderlich ist es, dass wir so schnell mit uns zufrieden sind; wenn wir einen finden, der uns als gut bezeichnet, als klug, als verehrungswürdig; dann lassen wir es gelten. Nicht mit maßvollem Lob sind wir zufrieden, denn alles, was Schmeichelei ganz schamlos auf uns gehäuft hat, nehmen wir an, als ob man es uns schuldete. Dass wir besonders gut seien, äußerst weise, darin stimmen wir denen zu, die es versichern, obwohl wir wissen, dass diese oft und viel lügen; und wir sind in so hohem Maße nachsichtig gegen uns selbst, dass wir für Dinge gelobt werden wollen, deren genaues Gegenteil wir gerade jetzt tun.

Mit anderen Worten:

Bereits im antiken Rom war bekannt, was dem Menschen wirklich wichtig ist: Selbstverliebtheit, Reichtum und Gier. Eigenschaften, die auch Voltaire für unverzichtbar hielt, um Fortschritt überhaupt zu ermöglichen.

[Voltaire:] Francois-Marie Arouet, bekannter als Voltaire (1694 bis 1778) gilt auch heute noch als einer der einflussreichsten Philosophen der französischen und europäischen Aufklärung. Was weniger bekannt ist: Er war zu seiner Zeit auch einer der reichsten Bürger Europas. Als er in jungen Jahren von Aristrokraten zusammengeschlagen wurde, er selbst stammte aus bürgerlichen Verhältnissen, hatte er nur noch ein Ziel: selbst zur Elite des Staates zu gehören.

Es verwundert insoweit nicht, dass seine Vorstellungen von Freiheit darin bestanden, einer Minderheit den Weg zu zeigen, wie durch Initiative, Wissen, Geschick und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen der eigene Vorteil, und vor allen Dingen das eigene Vermögen vermehrt werden konnte.

Für soziale Gleichheit hatte er nur Verachtung übrig.

»Wir haben nie so getan, als wollten wir die Schuster und Diener aufklären«, schrieb Voltaira an Jean-Baptiste le Rond, genannt D’Alembert (1717 bis 1783), einem Mathematiker und Physiker, der sich auch als Philosoph der Aufklärung in Frankreich einen Namen gemacht hatte.

Vom gemeinen Bürger sprach Voltaire nur als canaille (pöbelhaft, ordinär, Halunke, Schurke etc.), der nicht bildungsfähig sei und nur Gewalt respektiere.

Mit anderen Worten:

Voltaire war, wie die meisten Philosophen seiner Zeit, ein entschiedener Anhänger einer Modernisierung von oben. Als Berater von Friedrich dem Großen (1712 bis 1786) und Katharina der Großen (1729 bis 1796), die er als aufgeklärte Menschen ansah, erkannte er sozusagen seinesgleichen, die den Gang der Geschichte und den Fortschritt der Vernunft vorantrieben.

In seinen Augen triumphierte der rationale Tatmensch über die dummen Horden des »Pöbels«.

Im Gegensatz zu Voltäire und zu den Überzeugungen der meisten anderen Philosophen der Aufklärung vertrat Rousseau eine Überzeugung, die ihn schnell zum verfolgten Außenseiter werden ließ.

[Rousseau:] Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778) brandmarkte im Dritten Buch seiner Bekenntnisse - im Gegensatz zu vielen anderen Aufklärern, die nur den von oben angeordneten Fortschritt akzeptierten, die moderne Kommerzgesellschaft seiner Zeit wegen ihrer Verderbtheit und Ungleichheit, indem er davor warnte, dass eine auf endloser Konkurrenz, Begierden und Eitelkeiten bestehenden Gesellschaft eine der wertvollsten Eigenschaften des Menschen deformiert würden: seine schlichte Zufriedenheit und seine unbefangene Selbstliebe (amour de soi).

Diese seine Exotenmeinung, die mit denen anderer Aufklärer nicht in Einklang gebracht werden konnte, führte dazu, dass er sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückzog, bzw. sich dem Zugriff der Staatsgewalt entziehen musste, die 1762, als sein Hautwerk  der Contrat social erschien, ihn per Haftbefehl suchen ließ.

Mit anderen Worten:

Rousseau hatte erkannt, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, die auf wirtschaftlicher Ungleihheit basiert und die ausschließlich auf Gewinnstreben, Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit aufgebaut ist.

Voltaire und Rousseau verabscheuten sich gegenseitig so radikal, dass sie sich sozusagen gegenseitig hassten.

[Kant:] Auch bei Kant gibt es Hinweise darauf, dass menschliche Eifersuchten und Begierden dem Freiheitsdrang des Menschen entgegenstehen und der menschlichen Gesellschaft großen Schaden zufügen können, auch wenn er diese negativen Eigenschaften eher positiv beschreibt.

Im November 1784 heißt es in seinem Aufsatz zum Thema: »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht« wie folgt:

Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die mißgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen! Ohne sie würden alle vortreffliche Naturanlagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern.

Bereits einige Sätze zuvor heißt es:

Der Mensch hat eine Neigung sich zu vergesellschaften: weil er in einem solchen Zustande sich mehr als Mensch, d.i. die Entwicklung seiner Naturanlagen, fühlt. Er hat aber auch einen großen Hang sich zu vereinzelnen (isolieren): weil er in sich zugleich die ungesellige Eigenschaft antrifft, alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen, und daher allerwärts Widerstand erwartet, so wie er von sich selbst weiß, daß er seinerseits zum Widerstande gegen andere geneigt ist. Dieser Widerstand ist es nun, welcher alle Kräfte des Menschen erweckt, ihn dahin bringt seinen Hang zur Faulheit zu überwinden und, getrieben durch Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht, sich einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen, die er nicht wohl leiden, von denen er aber auch nicht lassen kann [En05b].

[Dostojewski:] Als Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 bis 1881), einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, anlässlich der Weltausstellung 1851 den Crystal Palace in London besuchte, beschieb er London als eine Wildnis voll beschädigter Proletarier, einer halbnackten wilden und hungrigen Bevölkerung, die ihre Verzweifelung in Ausschweifung und Alkohol zu ertränken versuchte.

Bei seinem anschließenden Besuch in Paris notierte er, dass es Liberté dort nur für Millionäre gebe. Der Begriff Égalité, der Gleichheit vor dem Gesetz, sei eine persönliche Beleidigung für die Armen, die der französischen Justiz ausgesetzt seien. Und was Fraternité betraf, so sei dies nur ein weiterer Schwindel in einer Gesellschaft, die vom Prinzip der Einzelheit, der Egoität und von der Gier nach Besitz getrieben sei [En05c].

Zurück zum Ursprung der so genannten europäischen Werte, einer Wortschöpfung, die erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im heute verwendeten Wortsinn verstanden wird. Aber auch das Wort »Werte« ist kaum älter als 250 Jahre. In den Jahrhunderten zuvor waren »die Werte von heute« Gottes Gebote, Tugenden oder die dem Menschen gegebene Fähigkeit, Gutes von Bösem zu trennen bzw. sich für das Gute zu entscheiden. Im antiken Griechenland war dies die hohe Kunst der richtigen Lebensführung.

Zurück zur Entstehung der europäischen Werte.

04 Die beiden Begründer des europäischen Kulturwunders

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Es waren nicht die jüdisch-christlichen Werte, die das »Wunder der Kultur« ermöglichten, sondern die Philosophen des antiken Griechenlands, Platon (428 bis 348 v. Chr.) und Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.).

Insoweit ist Julien Benda zuzustimmen, wenn er in seinem Buch »Der Verrat der Intellektuellen«, das in Paris erstmalig im Jahr 1927 erschienen ist, schreibt:

»Vor drei Jahrtausenden ist sie, die Kultur, aus einer Verbindung von Umständen hervorgekeimt, deren Kontingenzcharakter die Historiker so deutlich empfanden, dass sie [diesen Zufall] das griechische »Wunder« nannten.« (S. 208)

[Kontingenzcharakter:] Darunter ist im oben verwendeten Sachzusammenhang die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen zu verstehen.

Ausformuliert zu haben, was unter einem »gottgewollten« Leben zu verstehen ist, was richtig und was falsch ist, das verdankt die europäische Kultur den Philosophen des antiken Griechenlands, nicht den jüdischen und christlichen Glaubensvorstellungen, die erst später in die schon bestehende europäische Kultur einflossen.

Insoweit hat auch Alfred North Whitehead (1861 bis 1947) recht, wenn er schreibt:

»Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht. In einer großen Phase der Zivilisation«, so Alfred N. Whitehead, »haben seine Schriften die Zeit, in der sie entstanden, zu einer unerschöpflichen Quelle des Ideenreichtums gemacht.« [En06].

[Beispiel aus Platons Gorgias:] Das folgende Beispiel scheint nicht nur im antiken Athen erörterungswürdig gewesen zu sein. Auch auf die heutige Zeit übertragen ist es von höchster Aktualität.

Georgias: 518B bis 519B

Sokrates: Du, lieber Kallikles, preist Menschen, welche die hiesigen Bürger mit Speisen gefüttert haben, nach denen sie Lust hatten, und darum sagt man, sie hätten die Stadt groß gemacht. Dass aber der Staat durch die Schuld der alten Staatsmänner aufgedunsen und innerlich vereitert ist, merkt man nicht. Denn ohne Besonnenheit und Gerechtigkeit haben sie den Staat mit Häfen, Werften, Mauern, Zöllen und dergleichen Zeug angefüllt. Wenn nun der Ausbruch der Krankheit erfolgt, dann werden sie die derzeitigen Ratgeber beschuldigen, den Themistokles, Kimon und Perikles aber preisen, die doch Urheber des Elendes sind.

Georgias: 523A bis 523E

Sokrates: Nun galt unter Kronos (jüngster Sohn der Gaia = Erde = AR) das Gesetz über die Menschen, das auch jetzt noch wie immer unter den Göttern besteht, dass der Mensch, welcher sein Leben bis zu Ende gerecht und fromm geführt habe, nach seinem Tode auf die Inseln der Seligen kommen und dort in aller Art von Glückseligkeit frei von Leiden wohnen solle; wer aber ungerecht und gottlos gelebt habe, sollte in das Gefängnis der Rache und Vergeltung kommen, welches man bekanntlich Tartaros nennt.

Georgias: 523A bis 523E

Sokrates: Man muss sich vor dem Unrechttun mehr hüten als vor dem Unrechtleiden, und dass der Mensch vor allem nicht nach dem Gutscheinen, sondern nach dem Gutsein selbst im privaten und öffentlichen Leben streben müsse. Wenn aber jemand in irgendeiner Beziehung schlecht wird, muss er gezüchtigt werden, und das ist das zweite Gut nach dem Gerechtsein, dass man es werde und gezüchtigt Strafe leide. [En07] 7

[Hinweis:] Solche Vorstellungen sind heute nicht mehr modern, dennoch aber hoch aktuell, denn in einer Zeit, in der es nur relative Wahrheiten gibt, kann es sich bei absoluten Wahrheiten der Postmoderne nur um folgende Werte handeln:

  • Fortschrittsglaube

  • Glaube an das technisch Machbare
    und den

  • Glauben an grenzenloses Wachstum

  • Glaube an die Überlegenheit des Liberalismus über alle anderen Lebensstile.

Dass diese (postmodernen) Glaubensgrundsätze in den letzten Jahren, vorsichtig formuliert, Risse bekommen haben, soll an dieser Stelle zuerst einmal nur angedeutet werden.

05 Wertewandel in der Aufklärung

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Die Vorstellungen an gottgegebene, unveränderbare Werte wurden aufgegeben, als die menschliche Vernunft aufbegehrte und sich von den Zwängen traditioneller Glaubensvorstellungen befreite.

Die Aufklärung ist somit nicht nur eine Zeit des Bewusstwerdens und Entstehens neuer Werte, sondern auch eine Zeit des Verlustes von traditionellen Werten.

An die Stelle göttlicher Vorsehung und Ordnung wurde die menschliche Vernunft gesetzt, die für sich

  • Freiheit

  • Wissenschaftlichkeit

  • Fortschritt
    und

  • Zweckorientierung

bei gleichzeitiger Abkehr vom Magischen und vom Glauben an eine unerklärbare höhere Macht bis heute durchsetzte.

Die damit verbundene Abkehr von absoluten (gottgegebenen) Werten lässt sich gut in der Formel von Max Weber (1864 bis 1920) zusammenfassen, der von einer »Entzauberung der Welt« gesprochen hat, mit der er die Entwicklung zusammenfasste, die sich aus der Intellektualisierung und Rationalisierung zwangsläufig ergab, die mit der Entwicklung der Wissenschaft einherging.

Auf Einladung des Freistudentischen Bundes sprach Max Weber in München am 7. November 1917 zunächst über »Wissenschaft als Beruf«, am 28. Januar 1919 dann über »Politik als Beruf«. Beide Vorträge waren Teil der Vortragsreihe »Geistige Arbeit als Beruf« und dienten dem Zweck, über wissenschaftliches Arbeiten zu informieren.

Seitdem haben diese beiden Vorträge die Diskussion um den Sinn der Wissenschaft in der Industriegesellschaft und der Politik in der Massendemokratie maßgeblich mitbestimmt.

Max Weber sagte u.a., »dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das. Dies vor allem bedeutet die Intellektualisierung als solche.« [En08] 8

[Hinweis:] Vor 100 Jahren waren und auch heute noch sind viele Intellektuelle davon überzeugt, dass der Glaube an grenzenlose Freiheit, Wissenschaftlichkeit, Fortschritt und Wachstum tatsächlich keinen Grenzen unterliegt.

Ein Glaube, der im Zeitalter des Klimawandels zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert.

Dazu später mehr.

Was weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass 10 Jahre nach der Entzauberungsformel von Max Weber der französische Philosoph und Schriftsteller Julien Benda (1867 bis 1956) in seinem berühmt gewordenen Essay »Der Verrat der Intellektuellen) zumindest aus heutiger Sicht seiner Zeit um 90 Jahre voraus war.

In der folgenden Randnummer werden die wesentlichen Erkenntnisse von Julien Benda zusammengefasst.

06 Der Verrat der Intellektuellen

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Der Verrat der Intellektuellen« - dieser Titel des bekannten Buches von Julien Benda - wurde im Lauf der Zeit sozusagen zu einem geflügelten Wort. Folgt man der Diagnose des Autors, dann hat die denkende Schicht bereits vor 100 Jahren willentlich aufgehört, zwischen rationalen Argumenten und sentimentalem Betroffensein zu unterscheiden.

Die Intelligenz, so die zusammengefasste Analyse von Julien Benda, hat sich aus selbstsüchtigen Gründen und unter Verzicht auf eine zweckfreie Wissenschaftlichkeit vor den »Karren einer Entwicklung spannen lassen« die nur ein Ziel kennt, eigenen Interessen zu dienen (Ansehensgewinn, wirtschaftliche Vorteile, Gefälligkeitsgutachten für die Mächtigen dieser Welt, Festigung von Macht und Ansehen, Buhlen um Forschungsgelder mit dem Versprechen, gewünschte Ergebnisse zu liefern, um die Situation von heute zu beschreiben, etc.).

Die folgenden Zitate aus dem o.g. Buch, die die Dynamik-Besessenheit des Fortschrittsbegriffs zum Gegenstand haben, sprechen für sich:

  • Die Dynamik-Besessenheit [im Hinblick auf bestehende Werte = AR] verleitet ihre Opfer zu der unglaublichen These, es gebe kein gültiges Denken außer dem, das einen Wandel ausdrückt (S. 42).
    Unter gültigem Denken versteht Julien Benda das geschmeidige Denken, das sich bei Bedarf Gegebenheiten anpassen kann.
    Benda drückt das so aus:

  • Das Dogma der »geschmeidigen Vernunft« ist damit gemeint. Damit ist keineswegs eine Vernunft gemeint, die sich auf ihre Behauptungen niemals so sehr versteift, dass sie sich nicht von ihr lossagen könnte zugunsten anderer, die der Wahrheit näherkommen (S. 43).

  • Diese geschmeidige Vernunft ist in Wirklichkeit überhaupt keine. Vernünftiges Denken ist immer festumrissen [...]. Juristen nennen so etwas eine »Diskussionsgrundlage«. Dennoch hat so manches vernünftige Denken in einem ganz verschwommenen Geisteszustand begonnen, in einer vagen Intuition (S. 44).
    Geschmeidiges Denken, so Julien Benda, führt dazu, dass man die wissenschaftliche Verpflichtung zur Wahrheit, Ideologien und Zwecktauglichkeitsgesichtspunkten unterordnet.
    Benda drückt das so aus:

  • Indem sie [die Intellektuellen = AR] sich eine Ideologie zu eigen machen, die die Idee einer abstrakten, von Ort und Zeit unabhängig mit sich selbst identischen Gerechtigkeit verwirft und die statt dessen alle Gesellschaftsformen - selbst jene, die uns schreiend ungerecht anmuten - als jeweils zeitgerecht darstellt, denn Gerechtigkeit ist ja angeblich keine Idee, die der Geist sich im Abstrakten geschaffen hat, sondern eine Vorstellung, die ihren Sinngehalt nur hinsichtlich bestimmter ökonomischer Verhältnisse bezieht und somit veränderlich ist (S. 52).

  • Und gerade dieses, ausschließlich am praktischen orientierte Wissen, lehnt Julien Benda ab.

  • Das Leben ist zwar nicht neutral, wohl aber die Wahrheit, zumindest politisch gesehen (S. 61).
    In diesem Zusammenhang kritisiert Julien Benda die Bereitschaft der Intellektuellen, die wissenschaftliche Wahrheit politischen Ideologien unterzuordnen und das als wahr herauszustellen, was - insbesondere im Zusammenhang mit dem Nationalismus - eher eine Geisteshaltung als der Wahrheit entspricht. Was dabei herauskommt, bezeichnet Julien Benda als Nationalleidenschaften und als Produkte falsch verstandenen Selbstverständnisses der Intellektuellen.
    Julien Benda schreibt:

  • Auch in anderer Hinsicht haben die Nationalleidenschaften sich beträchtlich vertieft. Die Völker wollen sich heute nicht mehr bloß in ihrer materiellen Existenz bestätigt sehen, nicht mehr nur in ihrer militärischen Macht, ihrem territorialen Besitz, ihrem wirtschaftlichen Reichtum, sondern auch in ihrer moralischen Existenz. Mit einer noch nie dagewesenen Bewusstheit (die zudem von den Literaten geschürt wurde) stellt heute jedes Volk selbstverliebt seine Sprache, seine Kunst, seine Literatur, seine Philosophie, seine Zivilisation, seine ganze Kultur allen anderen Völkern entgegen. Patriotismus ist heute die Selbstbehauptung einer Geistesverfassung gegen andere Geistesverfassungen.Die Vaterländer werden wahrhaftig sein, was sie noch nicht sind: Personen. Sie werden Hass empfinden, und dieser Hass wird schlimmere Kriege als jemals zuvor bewirken (S. 92).
    Und auf Seite 102 heißt es:

  • Das Streben nach realer Existenz bedeutet: 1. weltliches Gut besitzen, und 2. sich als etwas Besonderes zu fühlen.
    Von diesem Bazillus sind nach Meinung von Julien Benda auch die Intellektuellen selbst befallen

  • Die Männer, die einst den Realismus der Völker zügelten, geben ihm nun die Sporen. Mehrere Wege führen zu diesem Einbruch auf dem Gebiet der menschlichen Moralität (S. 108).

  • Der Intellektuelle macht sich die politischen Leidenschaften zu eigen (S. 109).

  • Damit rühren wir an einen großen Frevel der Moderne: die Weigerung, an einen den Nationen übergeordneten Entwicklungsablauf zu glauben, von dem sie, gleich allen Dingen, mitgerissen werden. Das klassische Altertum betete den jeweils eigenen Stadtstaat geradezu an, und doch unterwarf es ihn demutsvoll dem Schicksal. Es empfahl ihn dem Schutz der Götter, war jedoch weit davon entfernt, ihm eine göttliche und somit ewig währende Natur zuzuschreiben. Die ganze Literatur der Antike zeigt, wie ungewiss der Fortbestand ihrer Einrichtungen erschien, allein stets widerruflicher Göttergunst zu danken - ob Thukydides, der sich durchaus eine Welt vorstellen kann, in der Athen nicht mehr ist, oder Polybios, der uns den Bezwinger Karthagos schildert, wie er angesichts der brennenden Stadt dem Gedanken nachhängt: Auch Rom wird eines Tages untergehen (S. 119).

  • Lauthals führen sie [die Intellektuellen = AR] ihren persönlichen Wert auf die eigene Nation zurück, schmeicheln so der Eitelkeit des Volkes und nähren die Arroganz, mit der ein jedes von ihnen auf seine Nachbarn herabsieht (S. 121).

  • Die Intellektuellen begünstigen somit mit ihren Lehren die politischen Leidenschaften (S. 131).

  • Sie verherrlichen die Hingabe an das Praktische und verdammen die Liebe zum Geistigen (S. 147).

  • Gegenstand ihrer Bemühungen ist dabei vor allem anderen der Staat. Jene Männer, die der Welt über zweitausend Jahre hinweg gepredigt hatten, der Staat solle gerecht sein, fingen an, zu verkünden, der Staat solle stark sein und sich über die Gerechtigkeit stellen. [...]. Ausgehend von ihrer Überzeugung, der Staat könne nur in dem Maße stark sein, als er autoritär sei, sind sie zu Apologeten autokratischer Regime, der Willkürherrschaft und der Staatsraison geworden, verherrlichen Religionen, die blinde Autoritätshörigkeit lehren, und verdammen die auf Freiheit und offene Diskussion gegründeten Institutionen (S. 148).

    Julien Benda stellt heraus, wie sich die Moral seit der Antike verändert hat:

    Antike:
    Die Moral bestimmt die Politik.

    Machiavellische Moral:
    Die Politik hat keinen Bezug zur Moral.

    Die durch Intellektuelle gesteigerte Moral des Nationalismus:
    Die Politik bestimmt die Moral.

    [Hinweis:]
    Überboten wird die letzte Definition von Moral nur durch die Unfähigkeit der Politik von heute, auf folgende Fragen überhaupt eine glaubwürdige Antwort geben zu können:

    Was ist überhaupt Moral?

    und
    Was sind Werte, außerhalb von Konsum und Wachstum?

    Die ständige Herausstellung der Menschenrechte und der Unverletzlichkeit der menschlichen Würde schmecken irgendwie fade, vergleicht man diese Sonntagsworte mit den Realitäten in den Flüchlingslagern weltweit.

    Mit anderen Worten:

    Der Zustand der Flüchtlingslager in Griechenland lässt die Vermutung aufkommen, dass im europäischen Kulturkreis und nicht nur dort - auch in Deutschland - vieles im Argen liegt.

    Zurück zu Julien Benda, der die Intellektuellen seiner Zeit wie folgt charakterisiert:

  • Die modernen Intellektuellen lehren den Menschen, sein Wille sei moralisch, insoweit er darauf ausgerichtet ist, seine Existenz zu sichern - auf Kosten einer Umgebung, die sie ihm streitig macht. Insbesondere lehren sie ihn, seine Spezies sei heilig, da sie ihr Dasein auf Kosten der Umwelt zu behaupten gewusst habe (S. 161).

    Mit anderen Worten:

    Die alte Moral sagte dem Menschen, er sei göttlich, insoweit er mit dem Universum verschmilzt, die neue hingegen erklärt ihm, er sei es, insoweit er sich ihm - dem göttlichen Willen - entgegenstellt. Erstere ermahnte ihn, sich in der Natur nicht »wie ein Staat im Staate« einzunisten; Letztere ermuntert ihn, als ein solcher aufzutreten und mit den abtrünnigen Engeln der Heiligen Schrift auszurufen: »Fortan wollen wir unsere Identität in uns selbst finden, nicht in Gott.«

    Glauben ja, aber an uns selbst und nur an uns selbst.

    Julien Benda beschreibt das Credo der Intellektuellen in etwa wie folgt:

  • Seid hart, seid unerbittlich, wenn ihr herrschen wollt.

  • Die Glorifizierung der Härte gehört zu den Lehren moderner Intellektueller und trägt üppige Früchte

  • Das Credo lautet: Der moderne Mensch besitzt Größe in dem Maße, wie er praktisch ist

  • Das Karrierestreben der Intellektuellen überwiegt und verdrängt die Suche nach der Wahrheit

  • Hat der Mensch einmal dieses Kleinod (Kultur) verloren, so bleibt ihr wenig Hoffnung, es wiederzufinden.

Mit anderen Worten:

Heute hat sich der moderne Mensch von den zeitlosen und dauerhaften Werten befreit, um sich so verhalten zu können, wie das seiner wahren Natur entspricht: rücksichtslos gegenüber sich selbst und gegenüber anderen.

Zwischenzeitlich scheint es jedoch langsam zu einem Bewusstseinswandel zu kommen, denn zu dem Zeitpunkt, als der Mensch erkennen musste, dass die Entzauberung der Welt, um mit der bereits schon einmal verwendeten Sprachfigur von Max Weber zu argumentieren, der Nautr nicht nur ihre Geheimnisse entlockt, sondern auch ihre Zerstörungskraft aktiviert wurde, ist nicht nur der Glaube an die liberalen Werte in Unordnung geraten.

Im Gegenteil, neue Werte scheinen im Entstehen zu sein:

  • saubere Luft

  • sauberes Wasser

  • saubere Meere

  • gesunde Nahrung

  • Erhaltung der Artenvielfalt
    Kurzum:

  • Gerechtigkeit im Rahmen des Menschenmöglichen für alle.

07 Wer ist heute konservativ bzw. progressiv?

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Mit der Sprache ist es so eine Sache. Sie ist unpräzis, subjektiv, beugsam und dem Zeitgeist verfallen. Sie ist alles andere als eine exakte Wissenschaft. Und sie prägt das Denken. Gewisse Begriffe sind positiv, manche negativ besetzt.

[Konservativ:] Dieses Wort hört sich eher nach gestern an, nach Tradition, nach zu bewahrenden Werten und nach einer goldenen vergangenen Zeit, nach Heimat, nach intakter Natur und nach Ordnung. Konservativ ist auch der Landwirt, der seine Tiere artgerecht hält, auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet, um sozusagen im »Einklang mit der Natur« Landwirtschaft betreiben zu können.

Halt:

Diejenigen, die Landwirtschaft industriell betreiben, halten solch eine traditionelle Landwirtschaft eher für die Auswüchse »linken Spinnertums«.

[Progressiv:] Wer progressiv ist, der stellt das Gestern in Frage und verkündet eine neue, bessere Welt, eine Welt mit mehr Freiheit, mehr Gleichheit, besseren Chancen, kurzum: der glaubt an eine erstrebenswerte, menschlichere Welt ohne die überholte Autorität der Alten, ohne störendes Regelwerk, das Freiheiten nur unnötigerweise beschränkt. Progressiv, das ist der Weg, der in die Zukunft weist.

Doch was heißt das genau im Jahr 2018? Was heißt es, wenn man ständig gesagt bekommt, die (linken) Städte seien progressiv und das (bürgerliche) Land sei konservativ? Und wer von diesen ist nun wirklich fortschrittlich, und wer bewahrt bloß überflüssiges Altes?

Insoweit stellt sich tatsächlich die Frage, ob es im Jahr 2018 tatsächlich noch progressiv sein kann, von der Abschaffung des Privateigentums und einem starken fürsorglichen Staat zu träumen, wo alle politischen Lager doch eines für unverzichtbar halten: einen starken Staat.

Übrigens:

Von der totalen Abschaffung des Privateigentums, davon träumen ja nicht einmal mehr die radikalen Linken. Denen würde es ausreichen, wenn die obersten 10 % den Beitrag für das Gemeinwesen leisten würden, den sie leisten könnten, aber nicht zu leisten bereit sind, einer Vorstellung, die durchaus auch in konservativen Kreisen geteilt wird.

Was also unterscheidet Konservative von Progressiven?

Sind es die unterschiedlichen Gefühle?

Wahrscheinlich ist das so.

[Konservative Gefühlslage:] Je konservativer jemand ist, desto wichtiger ist ihm das Prinzip Reinheit und desto «unnatürlicher» erscheinen ihm daher Abtreibung, Prostitution oder Homosexualität. Auch Loyalität (Ausnahme die im eigenen Lager) hat eine Verbindung zum Ekel, was sich im Stammesverhalten und in der Scheu vor fremden Gruppen zeigt. Außerdem sehen Konservative in Gruppensymbolen wie dem christlichen Kreuz oder den Landesflaggen Objekte einer heiligen Reinheit und reagieren mit Verachtung sowie einer Mischung aus Zorn und Ekel auf Schmähungen dieser Symbole.

[Progressive Gefühlslage:] Bei solchermaßen konditionierten Zeitgenossen ist die Neigung zum Ekel vor dem Fremden deutlich schwächer ausgeprägt: Sie benötigen dementsprechend weniger Struktur und Ordnung im Leben, schätzen Individualität, Kreativität und neue Eindrücke. Sie sind zudem offen für nichttraditionelle Partnerschaften und Sexualpraktiken, sie sind eher atheistisch und haben wenig für Fahnen, Orden oder Autoritäten übrig.

Ach ja, und dann gibt es ja auch noch die vielen Mischformen, die KoPros, bei denen es sich - man mag es nicht glauben - sogar um die Mehrheit der Normalbürger handelt.

Ganz links und ganz rechts zu stehen, das ist weder konservativ noch progressiv.

Ganz links, das ist etwas für Träumer und Weltverbesserer und ganz rechts, das ist das Ende von Freiheit, das ist Fundamentalismus verbunden mit dem Ruf nach Abschottung und einem starken Staat.

08 Dobrindt und die 1968er-Bewegung

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Im Interview mit Marietta Slomka im Heute-Journal vom 4.1.2018 sagte Alexander Dobrindt (CSU) unter anderem sinngemäß:

»Wir müssen, 50 Jahre nach 68 eine Debatte darüber führen: Was hat 68 denn in diesem Land verändert?, und war da alles positiv?, oder gab es da auch einige oder viele negative Veränderungen, die die Leute gar nicht haben wollen?, und wir dann - ich zumindest - zu der Erkenntnis komme, dass wir 68 hinter uns lassen müssen?«

An anderer Stelle sagte Dobrindt:

»Es gibt eine konservativ-bürgerliche Mehrheit in Deutschland. Die Mehrheit der Deutschen in Deutschland lebt bürgerlich, denkt bürgerlich. Sie hat aber das Gefühl, das sie im linken Meinungs-Mainstream nicht wirklich vorkommt. Das gilt es zu ändern, und das ist der Auftrag dieses Debattenbeitrags, den ich gegeben habe.«

[Womit Dobrindt Recht hat:] Unbestreitbar ist, dass, wenn man eine beliebige Ausgabe des «Spiegels», der «Zeit», der «Süddeutschen Zeitung» oder des «Tagesspiegels» aufschlägt, man zwangsläufig mit dem so genannten »linkslastigen« Commonsense konfrontiert wird. Wem das nicht reicht, der schaut sich dann auch noch das «Heute-Journal» im ZDF an. Insofern hat Dobrindt mit seinem Essay durchaus voll ins Schwarze getroffen.

Eine konservative Revolution braucht es deswegen aber nicht, zumal die Unterstellung von Alexander Dobrindt, dass die 68er-Bewegung den »linkslastigen« Commonsense allein in Gang gesetzt hat, mehr als dürftig ist.

[Was die 68er-Bewegung tatsächlich in Gang gesetzt hat?] In wenigen Worten ausgedrückt waren dafür gesellschaftliche Missstände verantwortlich, die sich im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen lassen:

»Unter den Talaren, Muff von Tausend Jahren!«, riefen die Studenten 1968 auf Deutschlands Straßen. In Berlin, Frankfurt, München und vielen anderen Universitätsstädten der damaligen Bundesrepublik machten sie ihrem Unmut Luft, genauso wie in vielen anderen Metropolen in Europa. Mit Protestmärschen und Gleisblockaden demonstrierten sie gegen die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen im Deutschland der 1960er Jahre. Ihre Proteste richteten sich gegen das verstaubte Hochschulwesen, die große Koalition, den Vietnamkrieg und die fehlende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.« [En09] 9

Dass darüber hinausgehend auch die Beseitigung autoritärer Strukturen und freie Liebe eingefordert wurde, sei an dieser Stelle nur ergänzend angemerkt.

Wie sollte es auch anders sein.

Auch für die 68er-Bewegung gilt:

Die Menschen ähneln eher ihrer Zeit als ihren Vätern.

Und auch 1968 galt, dass ein Spektakel, über das drei Tage lang in den Medien nichts zu hören bzw. zu sehen war, schnell in Vergessenheit geriet. Aber daran hat sich bis heute nichts geändert, denn auch heute noch gilt der Satz, dass wirklich wichtige Nachrichten über das, was sich tatsächlich ändert bzw. sich ändern muss, nur kurz an die Öffentlichkeit dringen. Stets werden solche Nachrichten, wenn sie denn verbreitet werden, von Experten analysiert und von Journalisten mit Kommentaren versehen, die dem Zuschauer/Zuhörer/Leser die Last abnehmen, selbst nachzudenken.

Etwa nach dem Motto: Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Wie dem auch immer sei.

Spätestens seit den 1960er Jahren war auch die Bundesrepublik Deutschland eine Gesellschaft des Spektakels.

Mehr dazu in der folgenden Randnummer.

09 Die Gesellschaft des Spektakels

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Im Interview mit Marietta Slomka im Heute-Journal vom 4.1.2018 äußerte sich Alexander Dobrindt (CSU) auch zur Wertegemeinschaft in Europa.

Zitat:
Was ist die Grundlage unserer Wertegemeinschaft in Europa? Nämlich eine christlich-jüdische Wertegemeinschaft, die wir haben. Was sind die Freiheitswerte die wir erhalten?, was ist die Modernisierung unseres Landes, wie wir sie sehen?

[Hinweis:] Das, was wir sehen und erfahren können, lässt sich in vier Worten zusammenfassen: Die Gesellschaft des Spektakels.

[Die Gesellschaft des Spektakels:] Allein der Titel dieses 1967 erstmals in Paris veröffentlichten Buches des französischen Philosophen Guy Debord (1931 bis 1994) bringt die Kritik am Kapitalismus sowie an der real-sozialistische Bürokratie, die nicht nur sozialistische Systeme, sondern auch marktwirtschaftlich organisierte Systeme kennzeichnet, zum Ausdruck.

Es vermag insoweit nicht zu verwundern, dass gerade dieses Buch in der so genannten 1968er-Bewegung Kultstatus erlangte, woran sich bis heute nichts geändert hat.

Kurzfassung:

Die sechs nachfolgend aufgeführten Hauptwesenszüge sind für moderne Gesellschaften, in denen das Spektakel den Lebensstil bestimmt, von existenzieller Bedeutung:

  • ständige technologische Erneuerung

  • Fusion von Staat und Wirtschaft

  • ununterbrochene Wiederholung, Erwiderung bzw. Nachbildung vorgetragener Tatsachen/Behauptungen/Glaubensgrundsätze

  • ununterbrochenes und stetiges Wachstum.

Das folgende Zitat aus dem Buch »Die Gesellschaft des Spektakels« bringt zum Ausdruck, worum es den protestierenden Studenten im Wesentlichen ging.

Auf Seite 9 heißt es:

»Die Wurzel des Spektakels liegt im Boden der zum Überfluss gewordenen Wirtschaft, und von dort stammen die Früchte, die schließlich nach der Herrschaft über den spektakulären Markt trachteten«.

Da das Buch aus insgesamt 221 Thesen unterschiedlicher Länge besteht, werden die nachfolgend auszugsweisen Zitate aus diesen Thesen unter Angabe der jeweiligen Thesennummer wiedergegeben:

[These 5:] Das Spektakel kann nicht als Übertreibung einer Welt des Schauens, als Produkt der Techniken der Massenverbreitung von Bildern begriffen werden. Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung.

[These 12:] Das Spektakel stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität dar. Es sagt nichts mehr als: »Was erscheint, das ist gut; was gut ist, das erscheint.« Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist die passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins faktisch erwirkt hat.

[These 16:] Das Spektakel zwingt die lebendigen Menschen unter sein Joch, insofern die Wirtschaft sie bereits vollends unterjocht hat. Es ist nichts als die sich für sich selbst entwickelnde Wirtschaft.

[These 24:] Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. Es ist das Selbstporträt der Macht in der Epoche ihrer totalitären Verwaltung der Existenzbedingungen.«

Mit anderen Worten:

Guy Debord gelang es bereits 1967, mit wohlgesetzten Worten, sowohl den 1968er Jahren als auch dem Heute (denn das Spektakel hat sich ja weiterentwickelt und ist noch größer, mächtiger und wirkungsvoller geworden) den Spiegel vorzuhalten, in dem jeder, der sehen will, erkennen kann, wohin das Prinzip: Schneller, weiter und größer führt.

In der letzten These heißt es diesbezüglich:

[These 221:] Sich von den materiellen Grundlagen der verkehrten Wahrheit zu emanzipieren, darin besteht die Selbstemanzipation unserer Epoche. Diese »geschichtliche Aufgabe, ... die Wahrheit des Diesseits zu etablieren«, kann weder das isolierte Individuum noch die den Manipulationen unterworfene, atomisierte Menge vollbringen.

Mit anderen Worten:

Die Wurzel des großen Spektakels liegt im Boden der zum Überfluss gewordenen Wirtschaft, und von dort stammen auch die Früchte des Spektakels, die schließlich nach der Herrschaft über den spektakulär gewordenen Markt verlangen und dadurch zum Motor der Weiterentwicklung des Überflusses wird.

[Hinweis:] Ernstzunehmende politische Kräfte, die dazu in der Lage sind bzw. in der Lage gewesen wären, diesem Spektakel Grenzen zu setzen, haben ihr Ziel weder in der ehemaligen DDR (dort scheiterte der Sozialismus) noch im wiedervereinigten Deutschland erreichen können.

Das große Spektakel, das bereits zur Zeit des Wirtschaftswunders begann, wurde in den Aufbaujahren durch den damaligen Bundesminister für Wirtschaft, Ludwig Erhardt (CDU) glaubhaft verkörpert. Sein Wohlstandsbauch und seine Wohlstandszigarre, ohne die es kaum ein Bild von ihm gibt, stellte sozusagen »Wohlstand für alle« in Aussicht. Was damals glaubwürdig erschien, hat heute seinen Glanz verloren, was aber nicht bedeutet, dass an eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums auch nur gedacht wird.

Ein Artikel auf Zeit.de vom 30.08.2017, in dem über das deutsche Wirtschaftswunder berichtet wurde, bezeichnete Ludwig Erhard (1897 bis 1977) deshalb auch bereits in der Überschrift als: »Ein Mann des Spektakels«. [En10] 10

10 Laudatio si´ - Aufruf des Papstes zur Umkehr

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Den folgenden Ausführungen möchte ich vorausstellen, dass ich selbst nur selten eine Kirche besuche. Dennoch habe ich mich mit der Enzyklika »Laudatio si´« von Papst Franziskus aus dem Jahre 2015 intensiv auseinandergesetzt, deren Radikalität alle bisherigen Klimaschutzberichte, auch die, die später verabschiedet wurden, in den Schatten stellen, zumal sich Papst Franziskus einer Sprache bedient, die sogar bürgerlich-konservative Wähler verstehen, will sagen: Man braucht kein Studium, um nachvollziehen zu können, worum es dem Papst geht.

Auch Papst Franziskus sieht in dem »Großen Spektakel« eines der Hauptübel unserer Zeit.

Wie dem auch immer sei.

Nachdem der Papst die Zustände geschildert hat, die Anlass zur Umkehr einfordern, heißt es an einer nach meiner Auffassung bedeutsamen Stelle in dieser Enzyklika wie folgt:

[Rn. 93:] »Für die Gläubigen verwandelt sich [die Bewahrung und der pflegliche Umgang mit der Schöpfung = AR] in eine Frage der Treue gegenüber dem Schöpfer, denn Gott hat die Welt für alle erschaffen.

Folglich muss der gesamte ökologische Ansatz eine soziale Perspektive einbeziehen, welche die Grundrechte derer berücksichtigt, die am meisten übergangen werden. Das Prinzip der Unterordnung des Privatbesitzes unter die allgemeine Bestimmung der Güter und daher das allgemeine Anrecht auf seinen Gebrauch ist eine »goldene Regel«! [...]. Der heilige Johannes Paul II. hat mit großem Nachdruck an diese Lehre erinnert und gesagt: »Gott hat die Erde dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt, ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen, und dass sie all seine Mitglieder ernähre.«

Das sind inhaltsschwere und starke Worte.

Er hob hervor, dass ein Entwicklungstyp nicht wirklich des Menschen würdig wäre, der nicht auch die persönlichen und gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Menschenrechte, die Rechte der Nationen und Völker eingeschlossen, achten und fördern würde. In aller Deutlichkeit erklärte er: »Die Kirche verteidigt zwar den berechtigen Anspruch auf Privateigentum, lehrt jedoch ebenso unmissverständlich, dass jedes Privateigentum immer mit einer »sozialen Hypothek« belastet ist, damit alle Güter der allgemeinen Bestimmung dienen, die Gott ihnen zugeteilt hat.« Und er bekräftige: Es ist also »nicht der Absicht Gottes entsprechend, diese Gabe in einer Weise zu verwalten, dass ihre Wohltaten nur einigen zugutekommen.«

[Hinweis:] Das stellt die ungerechten Gewohnheiten eines Teils der Menschheit, insbesondere die der westlichen Industriegesellschaften, ernsthaft in Frage.

An anderer Stelle heißt es:

  • [Rn. 114:] Niemand verlangt, in die Zeit der Höhlenmenschen zurückzukehren, es ist aber unerlässlich, einen kleineren Gang einzulegen, um die Wirklichkeit auf andere Weise zu betrachten, die positiven und nachhaltigen Fortschritte zu sammeln und zugleich die Werte und die großen Ziele wiederzugewinnen, die durch einen hemmungslosen Größenwahn vernichtet wurden.

  • [Rn. 117:] Wenn sich der Mensch für unabhängig von der Wirklichkeit erklärt und als absoluter Herrscher auftritt, bricht seine Existenzgrundlage selbst zusammen, denn statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes und ruft dadurch schließlich die Auflehnung der Natur hervor.

  • [Rn. 123:] Denn wenn die Kultur verfällt und man keine objektive Wahrheit oder keine allgemein gültigen Prinzipien mehr anerkennt, werden die Gesetze nur als willkürlicher Zwang und als Hindernisse angesehen, die es zu umgehen gilt.«

  • [Rn. 138:] Die Ökologie untersucht die Beziehungen zwischen den lebenden Organismen und der Umwelt, in der sie sich entwickeln. Das erfordert auch darüber nachzudenken und zu diskutieren, was die Lebens oder Überlebensbedingungen einer Gesellschaft sind, und dabei die Ehrlichkeit zu besitzen, Modelle der Entwicklung, der Produktion und des Konsums in Zweifel zu ziehen.

  • [Rn. 145:] Das Verschwinden einer Kultur kann genauso schwerwiegend sein wie das Verschwinden einer Tier- oder Pflanzenart, oder gar noch gravierender.

  • [Rn. 161:] Wir könnten den nächsten Generationen zu viel Schutt, Wüsten und Schmutz hinterlassen. Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht.

  • [Rn. 163:] »Politik und Unternehmertum reagieren langsam, weit davon entfernt, den weltweiten Herausforderungen gewachsen zu sein. In diesem Sinn kann man sagen: Während die Menschheit des postindustriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in Erinnerung bleiben wird, ist zu hoffen, dass die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen kann, weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat.«

  • [Rn. 178:] Das Drama der auf unmittelbare Ergebnisse ausgerichteten politischen Planung, die auch von Konsumgesellschaften vertreten wird, führt zu der Notwendigkeit, kurzfristig Wachstum zu erzeugen. Mit Rücksicht auf die Wahlen setzen die Regierungen sich nicht leicht der Gefahr aus, die Bevölkerung mit Maßnahmen zu verärgern, die dem Konsumniveau schaden oder Auslandsinvestitionen gefährden können.

  • [Rn. 183:] Es braucht Aufrichtigkeit und Wahrheit in den wissenschaftlichen und politischen Diskussionen, ohne sich darauf zu beschränken abzuwägen, was gesetzlich erlaubt ist oder nicht.

[Persönliche Anmerkung:] Ich kann mir kaum vorstellen, dass Alexander Dobrindt diese bürgerlich-konservative Wende, die Papst Franziskus bereits 2015 eingefordert hat, im Interview mit Marietta Slomka meinte.

Eine solche »Umkehr« wäre im Übrigen auch eine Wende, die nicht nur den Namen Revolution verdienen würde, sondern auch dem »C« im Parteikürzel der »CSU« (auch in dem der CDU) alle Ehren machen würde. Solch eine Wende steht aber den christlichen Parteien von heute erkennbar zu weit »Links«.

Deshalb wird auch in den Abschlussberichten der bisherigen Klimakonferenzen eine Sprache verwendet, die weniger eindeutig und aus diesem Grunde für den interessierten Normalbürger kaum noch verständlich ist.

Näheres dazu in der folgenden Randnummer.

10.1 Abschlussbericht des Pariser Klimaabkommens 2015

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Als eine Folge des 1972 veröffentlichten Berichts des »Club of Rome«, der den Titel »Die Grenzen des Wachstums« trägt, begann eine bis heute nicht endende Diskussion über die Gefahren des Klimawandels. Am 09. Mai 1992 konnte das internationale »Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen« abgeschlossen werden, dessen Präambel allein 946 Wörter umfasst und nur von sehr geduldigen und ausdauernden Leserinnen und Lesern zur Kenntnis genommen werden kann.

[Hinweis:] Wer das tatsächlich schafft, der wird sich fragen, wie es möglich ist, mit so vielen Worten so wenig auszusagen.

Rahmenübereinkommens im Volltext 

[2015 Klimaabkommen von Paris:] Aber auch das Übereinkommen von Paris vom 12.12.2015 enthält einen einleitenden Text von immerhin 504 Wörtern, der im Folgenden zitiert wird und ebenfalls die Geduld der meisten Nutzer dieser Website überfordert.

Aber entscheiden Sie selbst:

Die Vertragsparteien dieses Übereinkommens

  • als Vertragsparteien des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, im Folgenden als „Rahmenübereinkommen“ bezeichnet, gestützt auf die durch Beschluss 1/CP.17 der Konferenz der Vertragsparteien des Rahmenübereinkommens auf ihrer siebzehnten Tagung eingerichteten Durban-Plattform für verstärktes Handeln,

  • in Verfolgung des Zieles des Rahmenübereinkommens und geleitet von seinen Grundsätzen einschließlich des Grundsatzes der Gerechtigkeit und der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und jeweiligen Fähigkeiten angesichts der unterschiedlichen nationalen Gegebenheiten,

  • in Anerkennung der Notwendigkeit einer wirksamen und fortschreitenden Reaktion auf die akute Bedrohung durch Klimaänderungen auf der Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse,

  • zudem in Anerkennung der speziellen Bedürfnisse und besonderen Gegebenheiten der Vertragsparteien, die Entwicklungsländer sind, vor allem derjenigen, die besonders anfällig für die nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderungen sind, wie im Rahmenübereinkommen vorgesehen,

  • unter voller Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse und der besonderen Lage der am wenigsten entwickelten Länder hinsichtlich der Finanzierung und der Weitergabe von Technologie,

  • in Anerkennung dessen, dass die Vertragsparteien nicht nur von den Klimaänderungen, sondern auch von den Auswirkungen der zu ihrer Bewältigung ergriffenen Maßnahmen betroffen sein können,

  • unter Betonung dessen, dass zwischen dem Vorgehen gegen und der Bewältigung von Klimaänderungen und ihren Auswirkungen sowie dem gerechten Zugang zu nachhaltiger Entwicklung und der Beseitigung der Armut ein innerer Zusammenhang besteht,

  • in Anerkennung dessen, dass die Gewährleistung der Ernährungssicherheit und die Beendigung des Hungers grundsätzlich Vorrang haben und dass die Systeme der Nahrungsmittelerzeugung gegenüber den nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderungen besonders anfällig sind,

  • unter Berücksichtigung der zwingenden Notwendigkeit eines gerechten Strukturwandels für die arbeitende Bevölkerung und der Schaffung menschenwürdiger Arbeit und hochwertiger Arbeitsplätze im Einklang mit den national festgelegten Entwicklungsprioritäten,

  • in der Erkenntnis, dass die Klimaänderungen die ganze Menschheit mit Sorge erfüllen, sollen die Vertragsparteien beim Vorgehen gegen Klimaänderungen ihre jeweiligen Verpflichtungen im Hinblick auf die Menschenrechte, das Recht auf Gesundheit, die Rechte von indigenen Völkern, lokalen Gemeinschaften, Migranten, Kindern, Menschen mit Behinderungen und besonders schutzbedürftigen Menschen und das Recht auf Entwicklung sowie die Gleichstellung der Geschlechter, die Stärkung der Rolle der Frau und die Gerechtigkeit zwischen den Generationen achten, fördern und berücksichtigen,

  • in Anerkennung der Bedeutung der Erhaltung und gegebenenfalls Erweiterung von Senken und Speichern der im Rahmenübereinkommen genannten Treibhausgase,

  • in Anbetracht dessen, wie wichtig es ist, die Integrität aller Ökosysteme einschließlich der Meere und den Schutz der biologischen Vielfalt, in manchen Kulturen als Mutter Erde gewürdigt, zu gewährleisten, und in Anbetracht der großen Bedeutung, die der Begriff „Klimagerechtigkeit“ für manche im Zusammenhang mit dem Vorgehen gegen Klimaänderungen hat,

  • in Bekräftigung der Bedeutung von Bildung, Ausbildung und öffentlichem Bewusstsein, der Beteiligung der Öffentlichkeit, des öffentlichen Zugangs zu Informationen und der Zusammenarbeit auf allen Ebenen in den von diesem Übereinkommen erfassten Angelegenheiten,

  • in Anerkennung dessen, wie wichtig es ist, dass sich alle staatlichen Ebenen und verschiedene Akteure bei der Bewältigung der Klimaänderungen in Übereinstimmung mit den jeweiligen innerstaatlichen Rechtsvorschriften der Vertragsparteien einbringen,

  • zudem in der Erkenntnis, dass nachhaltige Lebensweisen und nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster, hinsichtlich derer die Vertragsparteien, die entwickelte Länder sind, die Führung übernehmen, eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Klimaänderungen spielen – sind wie folgt übereingekommen:

Es folgen 29 Artikel, die über den folgenden Link aufgerufen werden können.

Pariser Klimaabkommen vom 12.12.2015 im Volltext

[Persönliche Anmerkung:] Nachdem ich mich durch den kompletten Text dieses Abkommens durchgearbeitet habe, ist mir immer noch nicht klar geworden, warum hochrangige Vertreter von Staaten, die dieses Abkommen unterschrieben haben, bei der medienwirksamen Präsentation dieses »Vertragswerkes« vor laufender Kamera in Tränen ausbrechen konnten, weil sie dieses Abkommen für einen entscheidenden Schritt hielten, der drohenden Erderwärmung und den damit verbundenen katastrophalen Folgen für die Menschheit ein großes Stück näher gekommen zu sein.

So viel Naivität dürfte wohl eher als ein weiteres Zeichen menschlicher Blauäugigkeit bzw. als Angst zu bewerten sein, sich der Wirklichkeit zu stellen.

10.2 Die sozialen Herausforderungen des Klimawandels

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In seinem Buch »Im Wendekreis des Chaos«, das 2013 in erster Auflage erschien, untersucht Christian Parenti den Klimawandel unter dem Gesichtspunkt der neuen Geografie der Gewalt. [En11] 11

Dort schreibt der Autor u.a.:

  • Der Klimawandel vollzieht sich rascher als anfänglich vorausgesagt und wirkt sich bereits in Form extremer Wetterereignisse wie Wüstenbildung, Übersäuerung der Meere, Gletscherschmelze und steigender Meeresspiegel auf unser Leben aus. Steigende Meeresspiegel werden eine der größten Belastungen darstellen. Im Jahr 2007 stellte das IPCVC die Prognose, dass die Meeresspiegel im Verlauf dieses Jahrhunderts um durchschnittlich 10 bis 35 Zentimeter ansteigen könnten. Diese Zahlen wurden bald berichtigt und die Wissenschaftler glauben nun, dass die Meeresspiegel im Laufe der nächsten 90 Jahre um durchschnittlich 150 cm steigen werden (Seite 14).
    [IPCVC:] Der Intergovernmental Panel on Climate Change, oft als »Weltklimarat« bezeichnet, wurde im November 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie als zwischenstaatliche Institution ins Leben gerufen, um für politische Entscheidungsträger den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammenzufassen, ohne dabei Handlungsempfehlungen zu geben. [En12] 12
    An anderer Stelle heißt es zum Anstieg des Meeresspiegels:

  • Solche Anstiege der Meeresspiegel werden zu massiven Umsiedlungen führen.

  • Unterdessen planen bereits 22 pazifische Inselstaaten, die 7 Millionen Menschen Heimat bieten, angesichts der Bedrohung nationaler Vernichtung durch das ansteigende Meer ihre Umsiedlung.

Die ersten Umsiedlungen sind bereits im Gange. Am 29. Oktober 2017 heißt es auf Süddeutsche.de wie folgt:

Flucht aus dem Paradies

Der Klimawandel zwingt Tausende Bewohner der Südsee schon jetzt, ihre Heimat zu verlassen. Doch was passiert, wenn ein ganzer Staat in einen anderen übersiedelt? [En13] 13

Diese Frage lässt der Artikel unbeantwortet.

[Hinweis:] Nur noch Ignoranten können behaupten, dass es den Klimawandel nicht gibt. Die schlichte Wahrheit lautet: Der Klimawandel steht vor der Tür und seine physischen Auswirkungen haben sich bereits zu entfalten begonnen.

Das kann auch der »4. Bewertung des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen«, Stand 2009, entnommen werden, der über den folgenden Link aufgerufen werden kann.

Link: Klimaänderung

Zurzeit arbeitet die IPCC an drei Sonderberichten, die bis 2019 verabschiedet werden sollen. Die Themen der Sonderberichte umfassen den Landsektor, Ozeane/Kryosphäre und 1,5 Grad Celsius globale Erwärmung. Mit dem Bericht über 1,5 Grad Celsius globale Erwärmung soll die Konferenz der Vertragsparteien der UNFCCC im Jahr 2018 und die Diskussion um die nationalen Klimaschutzziele unterstützt werden.

Link: Aktuelle Arbeiten der IPCC

[Hineis:] Der Weltklimarat IPCC (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) ist das wissenschaftliche Gremium, welches den aktuellen Stand zum Klimawandel zusammenträgt und dadurch den politischen Entscheidungsträgern eine klare Orientierung bei ihren Beschlüssen gibt.

Link: Der Weltklimarat IPCC

[Studien über die sozialen Auswirkungen der Erderwärmung:] Bereits 2007 wurde in vielen Studien vor den sozialen Konflikten gewarnt, die insbesondere in den instabilen Staaten, den so genannten »Failed States«, also in Staaten, die sich bereits aufgrund von Klimaveränderungen in der Auflösung befinden.

Zu erwarten sind:

Flüchtlingsströme bisher unbekannten Ausmaßes, Zunahme von Gewalt, Bürgerkriege, Vertreibungen, Chaos etc.

[Studie der Uppsala University, Sweden aus 2007:] An dieser Stelle soll nur kurz auf die Ergebnisse einer Studie Bezug genommen werden, die 2007 von Dan Smith und Janani Vivekananda (Universität Uppsala, Schweden) veröffentlicht wurde und deren Ergebnisse hier nur grob skizziert werden können.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl plötzliche Schocks als auch langsam einsetzende Veränderungen das Risiko gewalttätiger Konflikte in instabilen Staaten erhöhen können, da sie nicht in der Lage sind, zu reagieren, sich anzupassen und sich zu erholen. Es ist wahrscheinlich, dass die häufigste Art, darüber nachzudenken, wie man auf diese Probleme reagieren kann, riesige humanitäre Hilfsmaßnahmen sein werden, um zu erwartende negative Folgen zumindest begrenzen zu können.

Vor diesem Hintergrund kann die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels Teil der Friedenskonsolidierung sein, denn die Friedenskonsolidierung ist ein Weg, die Anpassungsfähigkeit dieser Staaten zu erhöhen.

Mit anderen Worten:

Um Flüchtlingsströme und das Ausbrechen von Bürgerkriegen in den instabilen Staaten verhindern zu können, werden die reichen Länder viel Geld investieren müssen, wenn sie nicht zusehen wollen, wie Millionen von Menschen in Gewalt und Chaos versinken. [En14] 14

[Hinweis:] Die Liste der in der oben skizzierten Studie genannten Länder deckt genau die Regionen ab, die sich zwischen dem Wendekreis des Steinbocks (südlicher Wendekreis) und dem Wendekreis des Krebses (nördlicher Wendekreis) befinden. Dort befinden sich die Tropenländer, in denen der Klimawandel besonders hart zuschlagen wird.

[Wendekreise:] Auf der Erde sind die Wendekreise des Steinbocks bzw. die des Krebses die beiden Breitenkreise von je 23° 26′ 05″ nördlicher und südlicher Breite. Auf ihnen steht die Sonne am Mittag des Tages der jeweiligen Sonnenwende im Zenit. [En15] 15

[Strategische Militärplanungen:] Die mit dem Klimawandel verbundenen Gefahren sind bereits in die Strategieplanungen der Militärs der Großmächte aufgenommen worden.

  • Westliche Militärplaner, wenn nicht gar die politischen Führer, erkennen die Gefahren, die in der Konvergenz von politischer Unordnung und Klimawandel begründet liegen. Anstatt sich um konventionelle Kriege um Nahrung und Wasser zu sorgen, sehen sie einen geographisch und klimatologisch motivierten Bürgerkrieg, Flüchtlingsströme, Pogrome und einen sozialen Zusammenbruch auf sich zukommen. In Beantwortung dessen haben sie eine unbefristete Aufstandsbekämpfung in globalem Maßstab im Blick.

  • Diese Art von »Klimafaschismus«, eine Politik, die auf Exklusion, Segregation und Repression beruht, ist schreckenerregend und zum Scheitern verurteilt. Es muss einen anderen Weg geben. Die kämpfenden Staaten des globalen Südens können nicht zusammenbrechen, ohne letztlich die Wohlstandsökonomien mit sich zu reißen. Wenn es dem Klimawandel gestattet wird, ganze Ökonomien und Nationen zu zerstören, wird kein Aufgebot an Mauern, Kanonen, Stacheldraht, bewaffneten Flugdrohnen oder permanenter Einsatz von Söldnern dazu in der Lage sein, die eine Hälfte des Planeten vor der anderen zu retten. [En16] 16

Schadensbegrenzung und Anpassung, das ist es, worum es heute im Wesentlichen geht.

Mit anderen Worten.

Dazu aber ist die Welt offensichtlich auch nicht in der Lage. Die Politik des bewaffneten Rettungsbootes scheint zu obsiegen.

10.3 Das Unheimliche des Klimawandels

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In seinem lesenswerten Buch »Die große Verblendung - Der Klimawandel als das Undenkbare« weist Amitav Ghosh überzeugend nach, wie Zukunftsangst tatsächlich aussieht. [En17] 17

Seine Argumentation lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Der Klimawandel ist von Natur aus unheimlich, da uns veränderliche Wetterbedingungen vertraut sind

  • Veränderungen sind uns somit nicht fremd im Sinne von unbekannt.

  • Ihre Unheimlichkeit verbirgt sich vielmehr hinter der Tatsache, dass wir in diesen Konfrontationen etwas wiedererkennen, von dem wir uns einst abgewandt haben: die Nähe nichtmenschlicher Präsenzen (Kräfte), die mit uns kommunizieren.
    Mit anderen Worten:
    Eine für beherrschbar gehaltene Natur zeigt, dass dies ein Irrglaube war und ist. Das Grauen, das mit dem Wort »Klimawandel« unweigerlich verbunden ist und von dem wir wissen, dass es sowohl an Gestalt als auch an Intensität zunehmen wird, kann von Menschen nicht beherrscht werden. Wir wissen vielmehr, dass die zerstörerische Präsenz unserer Wirklichkeit, die wir bisher als unbelegte Natur verstanden haben, etwas unternimmt, was uns zu Opfern unserer eigenen Taten werden lässt.

  • Die Erde interveniert sozusagen. Das heißt: Sie greift in einen Prozess ein, um ihn zu beenden, zumindest aber um auf die von Menschen zugefügten Eingriffe in die Natur zu reagieren, was den Gedanken nahelegt, dass die Erde über eine Intelligenz verfügt, die bisher nur dem Menschen und vielleicht noch einigen Primaten zugesprochen wurde.

  • Diese Vorstellung einer intelligent reagierenden Natur ist das Unheimliche des Klimawandels und hat nichts mehr mit der »Entzauberung der Welt« im Sinne von Max Weber gemein.
    [Hinweis:] Im Gegenteil: Erkennbar wird vielmehr ein dem Leben gegenüber grausamer Zauber, der nicht mehr über die Eigenschaften verfügt, die wir Gott zusprechen: Barmherzigkeit, Gnade, Gerechtigkeit etc.

  • Amitav Ghosh schreibt: »Denn was sie [die Erde] nahelegt, tatsächlich sogar beweist, ist, dass nichtmenschliche Kräfte in der Lage sind, unvermittelt in das menschliche Denken einzudringen.

  • Die Erde (Natur) reagiert insoweit auf geheimnisvolle Art und Weise auf unser eigenes Tun, um uns in unvorstellbaren Gestalten und auf unglaubliche Weisen heimzusuchen.

  • Der Klimawandel verkehrt die weltliche Ordnung von heute in ihr Gegenteil: Wer am Rand der Gesellschaft lebt, zählt heute zu den Ersten, die jene Zukunft erleben, welche uns allen bevorsteht. Und die Länder, die bereits heute vom Klimawandel stark betroffen sind, werden in Zukunft noch deutlicher als bisher der gewaltigen, titanischen, unmenschlichen Natur schutzlos ausgeliefert sein.
    Mit anderen Worten:
    Schon heute erinnern Überschwemmungen biblischen Ausmaßes, zum Beispiel in Pakistan und Bangladesch daran, was Johann Wolfgang von Goethe in seinem Zauberlehrling 1827 in Verse fasste:
     
    Der Zauberlehrling:
     

    Und sie laufen! Naß und nässer
    wirds im Saal und auf den Stufen.
    Welch entsetzliches Gewässer!
    Herr und Meister! hör mich rufen!
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    werd ich nun nicht los.
    [En18] 18

[Hinweis:] Und dass der Prozess des Klimawandels bereits unumkehrbar geworden ist, dass weiß zumindest die Wissenschaft nicht erst sein ein paar Jahren. Immerhin lassen sich erste Anzeichen von klimatischen Veränderungen bereits in den 1930er-Jahren finden, und die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre hatte 300 ppm (Parts Per Million) bereits überstiegen, als der amerikanische Chemiker Charles Keeling 1958 mit seinen Messungen im Mauna-Loa-Observatorium auf Hawai gerade erst begann.

[Kohlendioxidentwicklung:] Seit etwa 2000 zeigt die Wachstumsrate der CO2-Konzentration eine erneute Steigerung. Während sie in den 1990er Jahren bei nur 1,49 ppm/Jahr lag, beträgt sie im Zeitraum 2000-2006 schon 1,93 ppm pro Jahr. 2005 bis 2007 lag die Steigerung sogar bei 2,4 ppm/Jahr, sank dann aber 2008 auf 1,8 ppm. Inzwischen ist die Wachstumsrate wieder angestiegen und lag von 2009 auf 2010 bei 2,4 ppm/Jahr, wodurch die Konzentration auf mehr als 390 ppm kletterte. [En19] 19

Am 7. Mai 2013 heißt es in der französischen Zeitung Le Monde:

Auf der Messstation Mauna Loa (Hawaii), wo der Amerikaner David Keeling seit 1958 die ersten Messungen der modernen Ära durchführte, dürfte im Laufe des Monats Mai die Schwelle von 400 p.p.m. (parts per million) Kohlenstoffdioxid CO2 in der Atmosphäre erreicht sein. [En20] 20

Und ergänzend dazu schreibt Bruno Latour in seinem Buch »Kampf um Gaia«: »Das Überschreiten der Schwelle von 400 p.p.m. CO2 ist hochsymbolisch, urteilt der Klimatologe Michael E. Mann, Leiter des Earth System Science Center an der Pennsylvania State University. »Es ruft uns in Erinnerung, wie sehr das gefährliche Experiment, das wir mit unserem Planeten durchführen, außer Kontrolle geraten ist.« [En21] 21

10.4 Potsdamer Klimastudie 2017

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Im November 2017 wurden vom Potsdamer-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die 10 wichtigsten Erkenntnisse der Klimaforschung auf der COP 23, der UN-Klimakonferenz in Bonn, präsentiert. Es handelt sich dabei um die nachfolgend vom Institut so genannten »10 Must-Knows« zum Klimawandel:

  • Vieles deutet darauf hin, dass der Planet in eine neue geologische Epoche eingetreten ist - das Anthropozän. Die Geschwindigkeit der Veränderung des Erdsystems beschleunigt sich aufgrund der Auswirkungen des Menschen auf die Biologie, Chemie und Physik des Planeten. Das Klima der Erde ist seit dem Beginn der Zivilisation bemerkenswert stabil. Diese Stabilität ist gefährdet.

  • Die Erde nähert sich kritischen »Kipppunkten«. Durch das Überschreiten dieser Schwellenwerte kann der Planet durch abrupte und möglicherweise irreversible Veränderungen in der Arktis, dem Amazonasgebiet und anderen Teilen der Erde Veränderungen herbeiführen.

  • Die rekordverdächtige Atlantikhurrikan-Saison 2017 gibt einen Ausblick auf die erhöhten Risiken extremer Wetterereignisse, die der Planet in der Zukunft erfahren könnte. Zu diesen Ereignissen gehören schwere Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren.

  • Im Ozean kommt es schnell zu Veränderungen mit steigendem Meeresspiegelanstieg und Ozeanversauerung.

  • Die wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels sind bereits spürbar, und einige der ärmsten Länder der Welt tragen die größte Last.

  • Der Klimawandel wird sich tiefgreifend auf die menschliche Gesundheit auswirken, da er die Nahrungsmittel- und Wassersicherheit in Ländern auf der ganzen Welt unter Druck setzt.

  • Der Klimawandel wird wahrscheinlich Migration, Bürgerunruhen und sogar Konflikte verschärfen. Im Jahr 2015 wurden mehr als 19 Millionen Menschen weltweit durch Naturkatastrophen und extreme Wetterereignisse vertrieben, und der Klimawandel wird wahrscheinlich dazu führen, dass diese Zahl wächst.

  • Die Welt muss schnell handeln: Wenn Menschen weiterhin Treibhausgase emittieren, wird das verbleibende Kohlenstoffbudget zur Reduzierung des Risikos, das 2-Grad-Ziel zu überschreiten, in etwa 20 Jahren erschöpft sein. Die Emissionen sollten ihren Höhepunkt bis zum Jahr 2020 erreichen und bis 2050 bei null liegen, wenn die Welt ernsthaft daran interessiert ist, das Risiko zu verringern. Als einfache Faustregel bedeutet dies, dass die globalen Emissionen jedes Jahrzehnt halbiert werden.

  • Eine Gesellschaft ohne fossile Brennstoffe ist wirtschaftlich attraktiv: Erneuerbare Energiequellen konkurrieren zunehmend mit fossilen Brennstoffen, auch wenn diese auf historischen Tiefstständen liegen. Darüber hinaus liegen die geschätzten Kosten der Untätigkeit bei einigen Schätzungen zwischen 2 und 10% des BIP bis 2100, bei anderen in einem Rückgang der projizierten globalen Produktion um 23% im Jahr 2100.

  • Selbst wenn die Welt die Ziele des Pariser Übereinkommens erfüllt, werden Gemeinschaften auf der ganzen Welt immer noch Resilienz [Fähigkeit, Krisen zu bewältigen = AR] aufbauen und sich an die bereits laufenden Veränderungen anpassen müssen.[En22] 22

10.5 Ergebnisse der Sondierungsgespräche von CDU/CSU und SPD

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Die Ergebnisse der Sondierungsgespräche von CDU, CSU und SPD (Finale Fassung) wurden am 12.01.2018 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: [En23] 23

Im Folgenden werden die Teile der »Finalen Fassung« zitiert, in denen das Wort »Klimaschutz« enthalten ist:

  • Die EU muss beim Klimaschutz international eine Vorreiterrolle einnehmen und für eine ambitionierte Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens eintreten. Die EU braucht auch eine gemeinsame Außen- und Menschenrechtspolitik.

  • Wir wollen Fahrverbote vermeiden und die Luftreinhaltung verbessern. Die Mobilitätspolitik ist dem Pariser Klimaschutzabkommen verpflichtet. Wir wollen die Klimaziele von Paris erreichen und dabei soziale Belange berücksichtigen, die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gewährleisten und bezahlbare Mobilität sicherstellen.

  • Fluchtursachen bekämpfen durch verstärkten Klimaschutz.

  • Wir wollen weniger Bürokratie und mehr Effizienz für eine marktfähige Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel nachhaltig produziert. Insofern ist besonders der Tier-, Natur- und Klimaschutz sowie die Wahrung sozialer Standards im öffentlichen Interesse zu fördern. Der gesellschaftlich geforderte Wandel in der Landwirtschaft und die veränderten Erwartungen der Verbraucher bedürfen einer finanziellen Förderung – national wie europäisch.

  • Wir bekennen uns zu den Klimazielen 2020, 2030 und 2050. Die Handlungslücke zur Erreichung des Klimaziels 2020 wollen wir so schnell wie möglich schließen. Das Minderungsziel 2030 wollen wir auf jeden Fall erreichen. Dies soll unter Beachtung des Zieldreiecks Versorgungssicherheit, Sauberkeit und Wirtschaftlichkeit sowie ohne Strukturbrüche realisiert werden.

  • Maßnahmen, um die Lücke zur Erreichung des 40-%-Reduktionsziels bis 2020 so weit wie möglich zu reduzieren.

  • Auf dieser Grundlage wollen wir ein Gesetz verabschieden, dass die Einhaltung der Klimaschutzziele 2030 gewährleistet. Wir werden 2019 eine rechtlich verbindliche Umsetzung verabschieden.

  • Eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik ist ein weiterer zielstrebiger, effizienter, netzsynchroner und zunehmend marktorientierter Ausbau der Erneuerbaren Energien. Unter diesen Voraussetzungen streben wir einen Anteil von etwa 65 % Erneuerbarer Energien bis 2030 an. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss deutlich erhöht werden, auch um den zusätzlichen Strombedarf zur Erreichung der Klimaschutzziele im Verkehr, in Gebäuden und in der Industrie zu decken.

  • Wir wollen für unsere Kinder und Enkelkinder eine intakte Natur bewahren. Dazu werden wir folgende Maßnahmen umsetzen: Vorgesehen ist eine Sonderausschreibung, mit der acht bis zehn Mio. t CO2 zum Klimaschutzziel 2020 beitragen sollen.

  • Wir wollen »die Potenziale der Landwirtschaft für Klimaschutz und Biodiversität nutzen«

  • Wir wollen »die Vermüllung der Weltmeere eindämmen; Müllvermeidung und Recycling stärken«.

10.6 Alexander Dobrindt und die bürgerlich-konservative Revolution

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Was Alexander Dobrindt, zurzeit noch geschäftsführender Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag unter einer bürgerlich-konservativen Revolution versteht?, diese Frage beantwortete der Politiker in seinem Interview mit Marietta Slomka nicht.

Es kann aber davon ausgegangen werden, dass unter »konservativ« im Sinne der CSU zumindest die Beibehaltung des bestehenden Status quo verstanden werden kann, was bedeutet: schneller, weiter, besser unter Berücksichtigung der deutschen Leitkultur, deren Werte weniger durch die Politiker und durch die Intellektuellen, sondern eher durch das große Spektakel vorgegeben werden.

Und dass die Grenzen dieses großen Spektakels nicht nur erkennbar geworden, sondern darüber hinausgehend dringend Maßnahmen zumindest zur Schadensreduzierung und zur Schadensbegrenzung einfordern, die aber ohne schmerzhafte Einschnitte in Lebensgewohnheiten nicht realisiert werden können, dürfte mit einer »bürgerlich-konservativen Revolution« wohl eher eine Politik gemeint sein, in der die Mehrheit der Bevölkerung wohl davon ausgeht, dass der Regierung

  • Aussagen der Klimaforschung zwar ernst nimmt

  • und die Bevölkerung zur Verhaltensbereitschaft auffordert,
    dies aber in der Hoffnung geschieht,

  • dass sie (die Regierung) nicht aktiv wird.

Mit anderen Worten:

Unter einer bürgerlich-konservativen Revolution dürfte sich der Wunsch verbergen, dass Regierungen nur so tun, als würden sie handeln. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass die politischen Parteien, zumindest diejenigen, die Regierungsparteien bleiben wollen, diese Erwartungshaltung  der »bürgerlich-konservativen Mehrheit« erkannt haben.

Die Politiker wissen aber auch, dass das Volk murren wird, wenn die Politik darin versagt, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Dennoch werden sie (das Volk) nicht in Massen auf die Straße gehen, denn Politiker wissen, dass noch nie irgendjemand für Entbehrungen demonstriert hat, die ihn selbst betreffen.

[Hinweis:] Der Klimawandel gehörte im Übrigen nicht zu den 10 Top-Ängsten der Deutschen im Jahr 2017:

Die größten Ängste der Deutschen waren 2017:

  • 71 % Terrorismus

  • 62 % politischer Extremismus

  • 61 % Spannungen durch Zuzug von Ausländern

  • 58 % Kosten für Steuerzahler durch EU-Schuldenkrise

  • 58 % Schadstoffe in Nahrungsmitteln

  • 57 % Überforderung von Deutschen und Behörden durch Flüchtlinge

  • 56 % Naturkatastrophen

  • 55 % Überforderung der Politiker

  • 52 % Pflegefall im Alter

  • 50 % Steigende Lebenshaltungskosten [En24] 24

11 Ist Frieden wichtiger als Gerechtigkeit?

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Frieden scheint auf den ersten Blick der höhere und konsensfähigere Wert im Vergleich zur Gerechtigkeit zu sein, denn bei gutem Willen ist Frieden auch unter Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit möglich.

Gerechtigkeit, das ist im Übrigen ein Wort, das aus religiöser Sicht im absoluten Sinne eine Eigenschaft Gottes ist. Nur Gott weiß, was letztlich gerecht ist, und wer sich anmaßt, das für alle und für immer zu wissen, «spielt Gott».

Aber daran hat sich der moderne Mensch - zumindest der in den Industriestaaten - zwischenzeitlich gewöhnt. Sein Fortschrittsglaube lässt ihn so vermessen sein, davon auszugehen, dass der Humanismus von heute in naher Zukunft durch die »Gerechtigkeit von Maschinen« ersetzt werden kann, die alles besser können, als wir.

In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns so ganz allmählich so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.

Und warum sollten Maschinen dann nicht das Projekt »Gerechtigkeit« zu lösen vermögen?

Diese »schöne erhoffte neue Welt« verkennt aber, dass Frieden nur dann dauerhaft bestehen kann, wenn Menschen sich gerecht behandelt fühlen und dass erlebte Ungerechtigkeit nur eines erzeugt: Gewalt, Bürgerkrieg und Krieg. Und daran wird auch die intelligenteste Software nichts ändern können.

Und dass durch weltweite Klimaveränderungen sich die Gewaltbereitschaft der davon betroffenen Menschen bereits sprunghaft vermehrt hat und Bürgerkriege und andere Stellvertreterkriege bereits auf diese Ursache zurückzuführen sind, dürfte unbestreitbar sein. Sogar der Stellvertreterkriege in Afghanistan ist auf Klimaveränderungen zurückzuführen, das hat zumindest Christian Parenti in seinem Buch »Im Wendekreis des Chaos - Klimawandel und die neue Geografie der Gewalt« überzeugend nachgewiesen.

12 Wertebildung

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Zur herrschenden wissenschaftlichen Meinung in der Klimaforschung lässt sich der Stand der Erkenntnisse wie folgt zusammenfassen:

Die letzte Generation, die die Macht hat, unsere Erde vor dem Kollaps zu retten, ist unsere. Und der letzte Zeitpunkt, zu dem dies möglich ist, ist jetzt.

Wenn schon eine bürgerlich-konservative Revolution erforderlich ist, dann sicherlich eine, die dazu geeignet ist, die Veränderungen herbeizuführen, die notwendig sind, um den in diesem Aufsatz skizzierten Wandel herbeizuführen.

Damit verbundene radikale Veränderungen der Lebensweise der Menschen in den Industrienationen und somit auch in Deutschland, dürfte Alexander Dobrindt aber sicherlich nicht gemeint haben.

Eine Partei, die den noch amtierenden Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft stellt (Christian Schmidt, CSU), der 2017, ohne im Besitz eines dafür erforderlichen Mandats zu sein, der Verlängerung des Einsatzes von Glyphosat zugestimmt hat, wird wohl kaum eine Politik unterstützen, die nur dann dem Wohle des Volkes dienen kann, wenn das Volk zum Verzicht und zur grundsätzlichen Erneuerung des Wirtschaftens bereit ist, wovon zurzeit nicht ausgegangen werden kann.

Deshalb können es sich Parteien heute noch leisten, weiterhin nur an das Wohl der Wirtschaft zu denken. In diesem Sinne kann heute unter einer bürgerlichen Revolution wohl nur ein Aufruf zur Steigerung des Konsumverhaltens verstanden werden.

Mayer Hillman (*1931), eine weltweit angesehene Autorität auf dem Gebiet des Umweltschutzes, wies schon 2007 in seinem Buch »The suicidal Planet: How to Prevent Global Climate Catastrophe« darauf hin, dass sofortiges Handeln eigentlich schon zu spät sei. Er stellte fest, dass zurzeit ein Brite im Durchschnitt zehn Tonnen Kohlendioxid im Jahr verbraucht. Dies müsse in naher Zukunft auf eine Tonne sinken. Und er sagte, dass die Regierung eine Art Notstand ausrufen müsse, dass es aber ohnehin zu spät sei und wir nur noch versuchen können, das Leben auf der Erde zu verlängern. [En25] 25

[Hinweis:] Es kann davon ausgegangen werden, dass in den zwischenzeitlich vergangenen 10 Jahren sich die Situation eher verschlechtert als verbessert hat. Und wenn dann noch in den ersten Gesprächen zwischen CDU/CSU und der SPD die Information an die Öffentlichkeit dringt, dass die für 2020 gesetzten Klimaziele nicht erreicht werden können und das dann auch noch in der »Finalen Fassung der abgeschlossenen Sondierung« nachgelesen werden kann, dann bleibt eigentlich nur festzustellen, dass solche Volksvertreter ihrem Auftrag nicht nachkommen, das deutsche Volk und nicht nur dieses Volk, vor drohendem Schaden zu bewahren. [En26] 26

Wie dem auch immer sei.

So ist das mit der Politik. Aber wie heißt es doch so schön bei Carl Schmitt: Aufgabe der Politik ist es, dem Ernstfall entgegenzutreten und Entscheidungen zu treffen. Das aber geht nur, wenn man zu tun wagt, was unsere Politiker stets missbilligen: zu entscheiden.

Weitaus ehrlicher als die Worte der Politik klingen dann schon die Texte populärer Songs:

Eine letzte, letzte Runde
von
Donots:

(Ey!) Bleib noch ein bisschen, nur noch eine Stunde
(Ey!) Scheiß auf die Welt vor unserer Tür
Wenn wir gehen, dann gemeinsam und, wenn es sein muss, vor die Hunde
(Ey!) Noch eine letzte letzte Runde.

Oder:

Feuerwerk
von Wincent Weiss:

Wir hab’n uns mal geschworen:
Ey, wir warten nie auf morgen!

Wir sind doch immer noch dieselben Clowns
Und Helden uns’rer Welt

Lass uns leben wie ein Feuerwerk, Feuerwerk - oh-oh
Als wenn es nur für heute wär‹ - oh-oh
Denn dieser Augenblick kommt nie zurück
Lass uns leben wie ein Feuerwerk, Feuerwerk - oh-oh

[Wertebildung:] Wertebildung erwächst nicht aus dem Nichts, sondern eher im Bewusstwerden der Tatsache, dass etwas, zum Beispiel die Umwelt, wertvoller ist, als wirtschaftlicher Gewinn.

Deshalb vermag es nicht zu verwundern, dass für selbstverständlich gehaltene, naturgegebene Lebensräume wertvoll werden, wenn sie im Begriff sind, sich aufzulösen.

Dort wo das Atmen schwer fällt, hat saubere Luft einen ganz besonderen existenziellen Wert. Gleiches gilt für ungenießbares Wasser und für vergiftete Ackerböden. Auch der milliardenfache Insektentod (insbesondere der von Bienen) lässt erahnen, in was für eine miesliche Lage die Menschheit kommen wird, wenn diese Insekten aussterben, wie das bereits in großen Regionen Chinas heute der Fall ist. Durch den drastischen Einsatz von Pestiziden wurde der Bestand an Bestäuberinsekten dort bereits so stark dezimiert, dass die Arbeit der Bienen von Menschenhand erledigt werden muss.
So ist es also keine Seltenheit, dass Scharen von chinesischen Arbeitern mit Pollen im Gepäck ausschwärmen und die Apfel- und Birnenblüten per Hand bestäuben. [En27]

Mit anderen Worten:

Es wäre an der Zeit, dass sich Politiker - und nicht nur die - sich tatsächlich mit den existenziellen Problemen dieser Welt beschäftigen würden, bevor es für Schaden begrenzende Maßnahmen zu spät sein wird.

In den Sondierungsvereinbarungen zwischen der CDU/CSU und der SPD heißt es im Hinblick auf saubere Luft ganz lapidar:

Wir wollen Fahrverbote vermeiden und die Luftreinhaltung verbessern.

Ob das eine realistische Situationseinschätzung im Hinblick auf drohende Fahrverbote sein wird, darüber entscheidet aller Voraussicht nach am 22. Februar 2018 das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Geklagt hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH), beklagt wurde das Land NRW wegen Verletzung des Luftreinhalteplans der Stadt Düsseldorf.

Zu klären sei wird, ob Fahrverbote auf Grundlage des geltenden Rechts möglich sind, wenn in bundesdeutschen Großstädten festgelegte Grenzwerte im erheblichen Maße und über eine lange Zeit täglich überschritten werden.

Mit anderen Worten:

Wenn in einer Demokratie nach deutschem Zuschnitt, in dem die Menschenrechte sozusagen Maßstab aller Dinge sind, Gerichte darüber entscheiden müssen, wann und ob überhaupt die körperliche Unversehrtheit von Personen (Grundrecht im Sinne von Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) durch Luftverunreinigungen verletzt werden können, weil es der Staat und seine Einrichtungen unterlassen haben, diese Missstände von sich aus zu beseitigen, dann ist das, gelinde gesagt, ein demokratisches Armutszeugnis.

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Demokratie heute: Teil 4
Werte - Werteverlust - Wertebildung

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13 Quellen

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Endnote_01
Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende
Gastbeitrag auf Welt.de vom 4.1.2018
Alexander Dobrindt vom 4.1.2018
https://www.welt.de/debatte/kommentare/article172133774/
Warum-wir-nach-den-68ern-eine-buergerlich-konservative-Wende-brauchen.html
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_02
Dobrindt fordert konservativen Aufbruch
Welt.de vom 04.01.2018 https://www.welt.de/regionales/bayern/
article172155342/Dobrindt-fordert-konservativen-Aufbruch.html
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_03
Jean-Jacques Rousseau
Du Contrat Social (1762)
Buch 1, Kapitel 1, Seite 400
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Endnote_04
Papst Franziskus
»MISERICORDIAE VULTUS« vom 11. April 2015 https://w2.vatican.va/
content/francesco/de/bulls/documents/papa-francesco_
bolla_20150411_misericordiae-vultus.html
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_05
Zitiert nach:
Der Koran: Max Henning - Philipp Reclam jun. Stuttgart
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Endnote_05a
Freiburgs Trainer zum Transferwahnsinn
Streich über Neymar: »Der Gott des Geldes verschlingt alles«
Kicker.de vom 02.08.2017
http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/703059/artikel_streich-ueber-neymar_der-gott-des-geldes-verschlingt-alles.html
Aufgerufen am 29.01.2018
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Endnote_05b
Immanuel Kant
Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
Viertrer Satz
http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3506/1
Aufgerufen am 30.01.2018
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Endnote_05c
Zitiert nach:
Pankaj Mishra
Das Zeitalter des Zorns
Eine Geschichte der Gegenwart
S. Fischer Verlag 2017
Seite 85
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Endnote_06
Alfred North Whitehead
Prozeß und Realität
Entwurf einer Kosmologie
Suhrkamp-Verlag - 2. Auflage 1984 - Seite 93
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Endnote_07
Platon
Sämtliche Werke in drei Bänden
Herausgegeben von Erich Loewenthal
Lambert Schneider Verlag 2010
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Endnote_08
Zitiert nach: Max Weber: Wissenschaft als Beruf, München 1919
https://de.wikipedia.org/wiki/Entzauberung_der_Welt
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_09
Studentenbewegung 1968
https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche
_geschichte/studentenbewegung/index.html
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_10
Ein Mann des Spektakels
Zeit.de vom 30.08.2017
http://www.zeit.de/2017/36/ludwig-erhard-wirtschaftswunder-kanzler
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_11
Klimawandel und die neue Geografie der Gewalt
LAIKA-Verlag - 1. Auflage 2013
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Endnote_12
IPCVC
https://de.wikipedia.org/wiki/Intergovernmental
_Panel_on_Climate_Change
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_13
Flucht aus dem Paradies
Süddeutsche.de vom 29.10.2017
http://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel
-flucht-aus-dem-paradies-1.3726235
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_14
Studie der Uppsala University, Sweden aus 2007
Dan Smith und Janani Vivekananda
A Climate Of Conflict
The Links between climate change, peace and war
https://www.preventionweb.net/files/7948_AClimateOfConflict1.pdf
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_15
Wendekreise
https://de.wikipedia.org/wiki/Wendekreis_(Breitenkreis)
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_16
Klimawandel und die neue Geografie der Gewalt
LAIKA-Verlag - 1. Auflage 2013 - Seite 17, 19, 20
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Endnote_17
Die große Verblendung
Der Klimawandel als das Undenkbare
Blessing-Verlag 2017
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Endnote_18
Der Zauberlehrling
von Johan Wolfgang von Goethe
https://www.unix-ag.uni-kl.de/~conrad/lyrics/zauber.html
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_19
Hamburger Bildungsserver
Die atmosphärische Konzentration von Kohlendioxid
http://bildungsserver.hamburg.de/treibhausgase/
2052404/kohlendioxid-konzentration-artikel/
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_20
Zitiert nach:
Bruno Latour
Kampf um Gaia
Acht Vorträge über das neue Klimaregime
Suhrkamp 2017
Seite 77
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Endnote_21
Zitiert nach:
Bruno Latour
Kampf um Gaia
Acht Vorträge über das neue Klimaregime
Suhrkamp 2017
Seite 77
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Endnote_22
Die 10 wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimaforschung
Präsentiert auf der COP23 im November 2017 in Bonn (UN-Klimakonferenz)
https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/nachrichten/
die-10-wissenchaftlichen-must-knows-zum-klimawandel
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_23
Finale Fassung Sondierungsgespräche CDU/CSU und SPD
vom12.01.2018
http://www.spiegel.de/media/media-42354.pdf
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_24
Zitiert nach R+V Die Versicherung mit dem Plus
https://www.ruv.de/presse/aengste-der-deutschen/
grafiken-die-aengste-der-deutschen
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_25
Vergleiche:
Michael Streck
Klimaprioritäten
Was wir jetzt zur Rettung der Umwelt tun müssen
Champus Verlag Frankfurt/New York 2008 - Seite 177
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Endnote_26
Welt.de vom 08.01.2018
GroKo-Sondierer geben deutsches Klimaziel für 2020 auf
https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/afxline/topthemen/article172254660/
GroKo-Sondierer-geben-deutsches-Klimaziel-fuer-2020-auf.html
Aufgerufen am 17.01.2018
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Endnote_27
Menschliche Bienen in China
Galileo: Green Seven Report 2015
https://www.galileo.tv/weltweit/die-menschlichen-bienen-aus-china/
Aufgerufen am 17.01.2018
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