PdvT ..... Die Partei der vier Tugenden 

Vom pflichtgemäßen Handeln 

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01

Vom pflichtgemäßen Handeln

02

Die Migration des dritten Jahrtausends

03

De officiis – Ciceros zeitloses Vermächtnis

04

Der Kern der europäischen Gerechtigkeitsidee

05

Rissig werdende Menschenrechte

06

Quellen

01 Vom pflichtgemäßen Handeln

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In diesem Aufsatz geht es nicht um pflichtgemäßes Handeln, das dazu dienen soll, die Verbreitung des Coronavirus zu verzögern, sondern darum, pflichtgemäßes Handeln zu thematisieren, das schon lange auf der Agenda notwendigen pflichtgemäßen staatlichen Handelns aller europäischen Staaten steht, bisher aber beschämenderweise immer noch ungeregelt geblieben ist.

Der Schutz der europäischen Außengrenze.

Das, was an der griechisch-türkischen Grenze zurzeit geschieht, dürfte hinreichend bekannt sein. Einigen leidenden Flüchtlingskindern sollen deshalb, so der Minimalkonsens der großen Koalition, der in der Nacht vom 8. zum 9. März 2020 in Berlin erzielt werden konnte, in Europa Schutz gewährt werden. Wie viele Kinder das sein werden und wann diese Schutzmaßnahme umgesetzt werden soll, das ist vorerst noch unklar.

Die Rede ist von 1.000 bis 1.500 Kindern, die in Europa, also nicht nur in Deutschland, Aufnahme finden sollen.

Das ist er, der große humanitäre Minimalkonsens der großen Koalition. Sozusagen der große Wurf, der belegt, dass im Europa von heute die Werte weiterhin gelten, die Europa so einzigartig gemacht haben: die Menschenrechte.

Die Frage, die sich deshalb stellt, lautet:

Was ist los in den Demokratien Europas?
Ist dort in Vergessenheit geraten, das gerade dieser Kontinent es war und hoffentlich auch weiterhin bleiben wird, der sich als Erfinder, Künder und Bewahrer unverzichtbarer und unveräußerlicher Menschenrechte versteht?

Unglaublich, wie leicht Kulturgüter verfallen können.
75 Jahre Nachkriegsgeschichte reichen dafür aus.

Aber bereits in den 1950er Jahren wurde von den großen Denkern des 20. Jahrhunderts Klage darüber geführt, dass sich Europa in einer substanziellen Krise befindet. Bereits in den 1950er Jahren schrieb Jean Gebser, kaum jemand kennt ihn heute noch, in einem Aufsatz über „Die Verwandlung unserer Wirklichkeit“ Folgendes:

„Zu sagen, wir leben in einer kritischen Zeitepoche, ist fast schon eine Banalität. Trotzdem muss es gesagt werden. Denn wir leben nicht nur in einer kritischen Zeitepoche, sondern in einer äußerst kritischen, wie sie in dieser Vehemenz nur sehr selten in der Geschichte der Menschheit nachweisbar ist. Eine solche Feststellung ist unbehaglich. Jeder von uns ist nur allzu sehr geneigt, die Dinge und Tatsachen zu verniedlichen und sie für harmloser zu halten, als das den objektiven Gegebenheiten gemäß wäre.“ [En01]

An anderer Stelle schreibt Jean Gebser:

„Sehen wir uns unsere heutige Welt an. Sehen wir sie uns unter jedem Aspekt an, den wir zu bevorzugen wünschen, sei es unter dem politischjen, sozialen, kulturellen, religiösen. Was können, ja müssen wir feststellen? Die Welt zerbricht. In den letzten hundertfünfzig Jahren ist sie langsam, aber unaufhaltsam zuerbrochen: ihre religiösen Bande, ihre alte gesicherte soziale Struktur, die handwerkliche Geborgenheit des Menschen, die politische Struktur der Nationen, ja der Kontinente. Aber die Welt kann nicht zerbrechen. [...]. Und warum zerbrach sie dennoch? Weil wir zu lange an ihr festhielten, weil wir nicht fähig waren, sie aufzugeben, sie umzugestalten, in dem Moment, da sie [gemeint ist die alte Welt] ihre Rolle erfüllt hatte und wir für neue Aufgaben frei wurden.“[En02]

Übertragen auf das Leben einzelner Menschen stellte Jean Gebser bereits damals fest, dass sich die demokratischen Gesellschaften von heute, er meinte die der 1950er Jahre, in einer „Lebenskrise“ befinden.

Daran hat sich, so auch die Überzeugung der PdvT bis heute, bis auf das Ausmaß der Krise, kaum etwas geändert, denn seit 1950 hat diese Krise ununterbrochen an noch mehr Fahrt gewonnen und tut das auch weiterhin, so dass die Krise von Tag zu Tag sozusagen unkontrollierbarer und bedrohlicher wird, wenn nichts Einschneidendes geschieht, was, und davon ist die PdvT heute noch möglich ist.

Und wenn dann doch etwas geschieht, was den Fortschritt hemmt, zum Beispiel ein bis vor Kurzem noch völlig unbekannter Corona-Virus, der aber dennoch seit ein paar Wochen die gesamte Welt in Atem hält und sogar Börsenkurse im besorgniserregenden Ausmaß fallen lässt und dafür sorgt, dass sogar Fußballspiele vor leeren Rängen stattfinden, Universitäten und Schulen geschlossen und Veranstaltungen verboten werden, an denen mehr als 100, 500 oder 1000 Menschen teilnehmen, dann erscheint die Reaktion des „Abschottens“, wie sie bereits vor dem Ausbruch dieses Virus an den europäischen Außengrenzen begonnen hat, völlig normal zu sein.

Insoweit scheint es sogar konsiquent zu sein, dass auch US-Präsident Trump mit dem Virus nichts zu tun haben will. Wer will das schon? Deshalb hat er ein 30 Tage dauerndes Einreiseverbot für Europäer verfügt, das am Freitag, den 13.3.2020, in Kraft treten wird. Auch Ronald Trump scheint nur ein Rezept zu kennen: Grenzen dicht und Mauern errichten.

Aber zurück zum gewaltsamen Zurückdrängen von „ungebetenen“ Flüchtlingen an der griechisch-türkischen Grenze, was zwar bei unwillkommenen Menschen, nicht aber bei unwillkommenen Viren gelingen kann. Dennoch: Schütze sich, wer kann, egal ob  durch Stacheldrähte, durch Tränengas einsetzende Polizeibeamte oder durch Wasserwerfer.

Im Europa der Menschenrechte scheint heute nur noch ein Gedanke konsensfähig zu sein. Die Flüchtlingskrise von 2015 darf sich nicht wiederholen. Wir müssen alles tun, um unsere Außengrenzen zu schützen.

An die Bilder des Schreckens werden wir uns schon gewöhnen.

Was sein muss, muss sein.

02 Die Migration des dritten Jahrtausends

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Das, was wir heute an den europäischen Außengrenzen erleben, war zu erwarten, zumal namhafte Schriftsteller und Philosophen sich bereits vor Jahren dazu geäußert haben. Zu diesem Personenkreis gehörte auch der weltbekannte italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco (1932 bis 2016), der sich in der Zeit von 1995 bis 2012 mit Vorträgen und Artikeln zu wichtigen Zeitfragen Gehör verschafft hat. Dazu gehört auch seine Sicht der Dinge zur „Migration des dritten Jahrtausends“.

In seinem Aufsatz mit dem oben bereits genannten Titel heißt es u.a.:

„Die „Dritte Welt“ klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist nicht mehr, zu entscheiden (wie die Politiker zu glauben vorgeben) ob in Paris Schülerinnen mit dem Tschador herumlaufen dürfen oder wie viele Moscheen man in Rom errichten soll. Das Problem ist, dass Europa im nächsten Jahrtausend – da ich kein Prophet bin, kann ich das Datum nicht präziser angeben – ein multiethnischer oder, wenn man so lieber will, ein „bunter Kontinent“ sein wird. Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen.“

Und:

„Dieses Aufeinandertreffen (oder Zusammenstoßen) verschiedener Kulturen kann blutige Folgen haben, und ich bin überzeugt, dass es sie in gewissem Maße haben wird – sie werden unvermeidlich sein und lange anhalten.“ [En03]

Nun ist im März 2020 das eingetreten, was Umberto Eco bereits vor Jahren befürchtete. Die Spannungen zwischen der Türkei und der EU nehmen zu, weil der türkische Präsident Erdogan die Grenze für Flüchtlinge geöffnet hat, so dass es nunmehr an der griechisch-türkischen Grenze zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, die Europa zwar nicht will, aber auch nicht verhindert hat.

Schuld sind dennoch, wie sollte es auch anders sein, immer die anderen, denn der türkische Präsident Erdogan droht der EU, den Flüchtlingspakt nicht mehr einzuhalten, worauf die solchermaßen „sprachlos gewordenen Europäer“, dem türkischen Präsidenten sozusagen reflexartig „Erpressung und Vertragsbruch“ vorwerfen, während zeitgleich die griechische Küstenwache versucht, mit allen Mitteln Zehntausende Flüchtlinge aufzuhalten.

Das, was über diese Ereignisse im Fernsehen zu sehen ist, das hat in Deutschland dazu geführt, dass zumindest die Kirchen scharfe Kritik am Umgang mit den Flüchtlingen an der griechisch-türkischen Grenze vortrugen.

„Anstatt humanitäre Lösungen zu finden, bei denen alle Länder Europas Verantwortung übernehmen, hält man sich Männer, Frauen und Kinder, die Schutz suchen, mit Tränengas vom Leib“, sagte [zum Beispiel] Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Weiter bezeichnete er es als erbärmlich, was sich derzeit an der Grenze abspiele. [En04]

Was zu solchen Tragödien zu sagen ist, dazu haben sich nicht nur die kritischen Zeitgeister von heute geäußert. Das, was zurzeit an den europäischen Außengrenzen geschieht, ist in der Geschichte der Menschheit nämlich gar nicht so neu. Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, wurde das, was heute an den europäischen Außengrenzen geschieht, bereits 44 Jahre vor unserer Zeitrechnung von den damals großen Geistern der römischen Antike als verwerflich angesehen.

03 De officiis – Ciceros zeitloses Vermächtnis

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Über viele Jahrhunderte hinweg gehörte es zum Selbstverständnis der Herrschenden, sich mit dem vielleicht wohl einflussreichsten Werk der römischen Antike, zu beschäftigen, das 44 vor unserer Zeitrechnung von Marcus Tullius Cicero geschrieben wurde, seinem Werk „De officiis“ (Pflichten der Gerechtigkeit).

Festzustellen ist, dass seine Ideen von den nach ihm kommenden großen europäischen Denkern, weiterentwickelt wurden und auch heute immer noch den Kern des internationalen Völkerrechts bilden.

Da für Cicero nationale Grenzen zumindest aus moralischer Sicht unbedeutend waren, wies er andersdenkende, die sie für bedeutsam hielten stets zurecht, denn im Mittelpunkt von Ciceros Denken stand die Idee, dass der Menschenwürde keine Gewalt angetan und es auch nicht zugelassen werden dürfe, dass Menschen Gewalt erleiden, wenn man ihnen helfen kann.

Gewalt in der Vorstellungswelt von Cicero umfasste neben körperlichen Angriffen insbesondere sexuelle Übergriffe, grausame Strafen, Folter sowie auch das Wegnehmen von Eigentum. Diese Einstellung zum Menschen hielt er für zu beachtende Naturgesetze.

In Ciceros „De officiis“ heißt es zum Beispiel:

„Denn wer ungerechterweise einen Angriff auf jemanden unternimmt – aus Zorn oder aus irgendeiner Erregung heraus – der scheint gleichsam die Hand zu erheben gegen seinen Nächsten; wer aber dem Unrecht nicht wehrt und ihm nicht entgegentritt, wenngleich er könnte, steht ebenso in Schuld, wie wenn er Eltern, Fremde oder gar der Vaterstadt die Treue versagt.“ [En05]

Diesbezüglich scheint die EU wohl so einiges versäumt zu haben.

An anderer Stelle heißt es:

„Um so mehr muss man sich in acht nehmen, in diesem Zusammenhang irgendeinen Fehler zu begehen. Aber bei großer Ungerechtigkeit ist im Allgemeinen der Unterschied sehr groß, als in irgendeiner Erregung, die meist kurz und auf den Augenblick beschränkt ist. [Auch macht es einen Unterschied], ob vorausgeplant oder vorsätzlich ein Unrecht begangen wird. Leichter nämlich wiegen die Verfehlungen, die in irgendeiner plötzlichen Aufregung unterlaufen, als diejenigen, die mit Bedacht und Absicht begangen werden.“ [En06]

Nach Auffassung der PdvT gehört auch ein „nicht handeln wollen" zu den den eher schweren Fehlern, denn wer nicht handeln will, kann Ungerechtigkeit auch nicht beseitigen oder mildern.

Als im Januar 2016 Beatrix von Storch (AfD) anlässlich der Flüchtlingskrise den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an der Grenze einforderte, und die deutsche Polizei auch an der deutschen Grenze auf Frauen und Kinder schießen lassen wollte, weil wir uns, so ihre Begründung, gegen Angriffe verteidigen müssen, löste das einen öffentlichen Sturm der Entrüstung aus. [En07]

Vier Jahre später hält sich die Empörung bereits in Grenzen.

Immerhin beschuldigten türkische Behörden griechische Grenzschützer im März 2020, mit scharfer Munition auf Flüchtlinge geschossen zu haben. Athen hingegen wies die Vorwürfe vehement zurück. [En08]

Zurück zu Cicero:

„Darum machen diejenigen den richtigen Vorschlag, die verbieten, etwas zu tun, über dessen Rechtlichkeit oder Unrechtlichkeit man unentschieden ist. Gerechter Sinn hat ja von sich aus seinen eigenen Glanz, Unentschiedenheit [hingegen] verrät das Sinnen auf Unrecht.“ [En09]

Soweit die Sichtweise von Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.), dessen Lehren auch heute noch sozusagen zu den Grundlagen des Völkerrechts gehören.

Insbesondere der letzte Satz des vorgenannten Zitates, in dem es um die „Unentschiedenheit“ des Handelns geht, macht deutlich, wie schwierig es für die Europäische Union zwischenzeitlich geworden ist, ihre „Unentschiedenheit“ als eine Vorgehensweise zu rechtfertigen, die humanen Zwecken dient, denn zu offensichtlich wird erkennbar, dass diese Strategie eindeutig dem Ziel und dem Zweck dient, Unrecht weiterhin zuzulassen. Nur diejenigen werden das anders sehen, die nicht wahrhaben wollen, was tatsächlich geschieht.

Der „Glanz des gerechten Sinns“, um eine Formulierung von Cicero aufzugreifen, lässt sich nämlich auch heute noch nicht durch die „Macht der Worte und durch rhetorische Rafinessen und durch das Gerede über alternativloses Handeln“ ersticken. Im Gegenteil: Je größer der Druck auf den „Glanz des gerechten Sinnes“ wird, umso größer die dadurch erzeugte zusammengepresste Energie und umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass diese Energie sich diesem Druck nicht beugen, sondern ihn zurückdrängen wird.

Jeder Naturwissenschaftler weiß, dass durch Druck komprimierte Energie explodiert, wenn der Druck zu groß wird.

Das muss verhindert werden.

Das aber setzt nach Sicht der PdvT voraus, dass die Politik von heute sich weniger pragmatisch, hier zu verstehen im Sinne von machbarkeitsorientiert, zielorientiert, ergebnisorientiert, zwecktauglich, nüchtern, vernünftig, realitätsbewusst und dem festen Glauben daran, dabei auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen, möglichst schnell überdenkt, denn diese Sicht der angenommenen Wirklichkeit ist es, durch die die Krise von heute nur immer mehr an Dynamik gewinnt.

Das, was diese Dynamik zumindest „entschleunigen“ könnte, ist das Wiederbeleben einer Idee, die ebenfalls zur europäischen Kulturleistung gehört, die Idee der Gerechtigkeit.


04 Der Kern der europäischen Gerechtigkeitsidee

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Auch wenn die Schriften von Emil Brunner (1889 bis 1966), ein evangelisch-reformierter Schweizer Theologe, der 1943 eine neue natürliche Theologie, nämlich die Lehre von den Grundgesetzen der Gesellschaftsordnung mit dem Haupttitel „Gerechtigkeit“ entwarf, nur noch selten in Antiquariaten zu finden ist, lassen sich in seinem Buch "Gerechtigkeit" dennoch Stellen finden, auf die sich heute zumindest die christlichen Volksparteien in Deutschland wieder verstärkt berufen, indem sie zumindest an das christliche Erbe der europäischen Kultur erinnern.

Auch wenn die Sprache von Emil Brunner aus einer „anderen Zeit zu stammen scheint“, dass, was er schreibt, umreißt aber dennoch den Kern christlich abendländischen Denkens zur Frage der Gerechtigkeit, die zumindest aus Sicht der PdvT auch heute noch zu überzeugen vermag.

Aber entscheiden Sie selbst:

„Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch vergossen werden; denn Gott hat den Menschen nach seinem Bild gemacht (1. Moses 9, 6). Das Geschaffensein aller nach dem Gottesbild ist die tiefste Grundlage des biblischen Rechtsbewusstseins. Diese alttestamentliche Lehre von der Menschenwürde ist im Neuen Testament zwar nicht umgebildet, wohl aber vertieft und radikalisiert, ja, man kann wohl sagen, dass sie erst durch den Glauben an Jesus Christus als den Erlöser aller Menschen und Völker, ganz zum Durchbruch kam. Wie Jesus Christus das Ziel aller Menschengeschichte ist, so ist nach neutestamentlicher Lehre der in ihm menschgewordene Gottessohn auch der Ursprung aller Geschichte, ja alles Geschaffenen überhaupt und das Urbild des Menschen. In ihm hat die Menschheit ihren gemeinsamen Ursprung ebenso, wie ihre gemeinsame Bestimmung. Wer an ihn glaubt, für den gibt es „nicht Juden noch Griechen, nicht Sklaven noch Freie, nicht Mann noch Weib“ (Galaterbrief 3, 28), sondern im Glauben sind alle eins mit dem einen, Christus, in dem zugleich mit dem wahren Gottsein das wahre Menschsein offenbar geworden ist. In dieser Glaubensanschauung gründet die europäische Gerechtigkeitsidee vom gleichen ursprünglichen Recht aller Menschen.“ [En10]

Diese Gerechtigkeitsidee befindet sich bedauerlicherweise zurzeit in Auflösung. Politiker, die sich dennoch darauf berufen/erinnern, meinen möglicherweise etwas ganz anderes als das, was Emil Brunner 1943 geschrieben hat, als in Europa der Zweite Weltkrieg tobte.

05 Rissig werdende Menschenrechte

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Das, was über Jahrhunderte hinweg Menschen, insbesondere die in Europa, dazu bewogen hat, für den Eintritt unverzichtbarer und unverletzbarer Menschenrechte erforderlichenfalls sogar das eigene Leben einzusetzen, daran scheint sich heute kaum noch jemand zu erinnern.

Das ist im Übrigen nach Auffassung der PdvT auch ein Grund dafür, warum Menschenrechte genauso wie Gletscher in einer sich im Umbruch befindliche Welt anfangen, sich aufzulösen. Erst langsam, dann immer schneller. Sie schmelzen einfach so vor sich hin.

Was zurückbleiben wird ist das für sich allein gelassene ICH.

Und wenn eine Gesellschaft, die Summe der bereits allein gelassenen ICH, erkennt, dass in Anbetracht drohender Gefahren sich die Gesellschaft schützen muss, insbesondere ihre Grenzen, spätestens dann sind in einer solchen Gesellschaft wieder Kräfte aktiv, die Umberto Eco so trefflich als das Ende der Vernunft bezeichnet hat, weil dann dem „Ur-Faschismus als Irrationalismus“ wieder der Stoff zur Verfügung steht, den autoritäre Kräfte zum Wachsen und Werden benötigen.

Die erste Angst, die der Ur-Faschismus zu schüren versteht, so Umberto Eco, ist „die Angst vor dem Andersartigen“, so dass  „der erste Appell einer faschistischen oder vorfaschistischen Bewegung sich immer gegen die Eindringlinge richtet. Daher ist der Ur-Faschismus per Definition rassistisch.“ [En11]

Daraus schließt die PdvT, dass das, was zurzeit an der europäischen Außengrenze zur Türkei aber auch an anderen Orten im Mittelmeer mit dem Ziel geschieht, aus Europa eine Trutzburg zu machen, in Anlehnung an Umberto Eco bereits mehr als eine vor-faschistische Bewegung bezeichnet werden muss.

Das, was dort geschieht, lässt für die Menschenrechte zumindest nichts Gutes erwarten.

Die PdvT stimmt insoweit mit Umberto Eco dahingehend überein, dass es ein riesiger Fehler wäre, den Faschismus ausschließlich als ein historisches Phänomen zu begreifen, das der Vergangenheit angehört.

Dieser Virus ist bereits heute wieder aktiv.
In vielen europäischen Demokratien.
Auch in Deutschland.

Er dürfte weitaus gefährlicher sein, als der Coronavirus.

Alfred Rodorf
Münster im März 2020

06 Quellen

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Endnote_01
Jean Gebser. Die Verwandlung unserer Wirklichkeit. Vorlesungen zu Reden zu „Ursprung und Gegenwart“. Novalis Verlag 2. Auflage 1999. S. 162
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Endnote_02
Jean Gebser. Die Verwandlung unserer Wirklichkeit. Vorlesungen zu Reden zu „Ursprung und Gegenwart“. Novalis Verlag 2. Auflage 1999. S. 169
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Endnote_03
Umberto Eco. Der ewige Faschismus. Hanser Verlag 3. Auflage 2020. Seite 50
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Endnote_04
Merkur.de vom 11.03.2020
https://www.merkur.de/politik/fluechtlinge-tuerkei-grenze-erdogan-griechenland
-syrien-eu-merkel-schuesse-news-lesbos-video-zr-13574651.html
Aufgerufen am 11.03.2020
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Endnote_05
Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.). Cicero. De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln. Reclam 1976. Übersetzung von Heinz Gundermann. Seite 25
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Endnote_06
Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.). Cicero. De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln. Reclam 1976. Übersetzung von Heinz Gundermann. Seite 27
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Endnote_07
Faz.net vom 31.01.2016
Beatrix von Storch : AfD-Vizechefin will Polizei sogar auf Kinder schießen lassen
https://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/beatrix-von-storchafd-vizechefin-will-polizei-sogar-auf-kinder-schiessen-lassen-14044186.html
Aufgerufen am 11.03.2020
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Endnote_08
Sueddeutsche.de vom 04.03.2020
Streit über Schüsse an der Grenze
https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-und-griechenlandstreit-ueber-schuesse-an-der-grenze-1.4831087
Aufgerufen am 11.03.2020
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Endnote_09
Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.). Cicero. De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln. Reclam 1976. Übersetzung von Heinz Gundermann. Seite 29
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Endnote_10
Emil Brunner. Gerechtigkeit. Eine Lehre von den Grundgesetzen der Gesellschaftsordnung. Zwingli-Verlag Zürich. 1943
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Endnote_11
Umberto Eco. Der ewige Faschismus. Hanser Verlag 3. Auflage 2020. Seite 33
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